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Meister Martin

Maximilian Schmidt: Meister Martin - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrativbe
booktitleGesammelte Werke Band 13
authorMaximilian Schmidt
yearca. 1900
publisherH. Haessel Verlag
addressLeipzig
titleMeister Martin
pages31
created20111016
sendergerd.bouillon@t-online.de
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III.

Wastl war recht berichtet worden, daß gegen ihn eine Fehde loszubrechen drohte. Bauernschuhe trappen allezeit laut auf und Wastls Weib konnte die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen leicht in ihre Ohren hören.

Es war für die »pinkat« Urschi keine Kleinigkeit, das Vertrauen der Dorfgemeinde in den alten, bewährten Dorfhüter wankend zu machen; aber was wußte der Haß eines bösen Weibes nicht zu überwinden.

Der alte Wastl versah seit mehr als zwanzig Jahren seinen Posten stets zur allgemeinen Zufriedenheit der Gemeinde. Er war auch ein Hirte, wie weit und breit keiner zu finden war. Seine Herde hütete er wie seinen Augapfel; wo gutes Gras sproßte, da fand er es für sein Vieh. Er war stolz darauf, daß seine Viehherde stets die schönste und bestgefütterte in der ganzen Gegend sei.

Man muß ihn sehen, so einen wetterfesten Hirten, wie er meisterlich auf seinem Bockhorn tutet, mit seiner klafterlangen Peitsche knallt, seinen bleiverschnörkelten Ringelstecken schwingt und mit seinen Untergebenen in schwer verständlicher Hütersprache verkehrt. Leicht hat er dreihundert Stück in seiner Herde; das Stück nur mäßig eingeschätzt auf hundert Mark, ist ihm somit ein Vermögen von dreißigtausend Mark anvertraut.

Er fühlt sich auch als ein Fürst unter seiner Herde und sein Einkommen ist durchaus kein zu bespottendes. Er hat 225 seine eigenen Dienstgrundstücke, und wenn er ein achtsamer Mann ist, so mag das übliche Sprichwort zutreffen, das heißt: »So schön kugelrund, wie a Hüaterkuah.« Er hat jahraus, jahrein seine Sporteln, teils in klingender Münze, teils in eßbarer Form und so erspart sich mancher für sein Alter einen nicht unbedeutenden Zehrpfennig.

Der wichtigste Tag im Jahr ist für ihn Martini, denn zu dieser Zeit ist für ihn der reiche Fischfang. Am Vorabend steigt er, in seinen Feststaat gekleidet, so viele Wachholdersträuße im Arm, als er Hüterbauern hat, von Haus zu Haus, um seinen Martinivers herzusagen. Dabei schwingt er eine Gerte in der Hand, welche mit Blumen umwunden ist, wie er sie um Ostern beim ersten Austrieb vor die Thüre streute. Sein Vers lautet:

»Jetzt kimmt der Hirt mit seiner Girt;
Für dieses Jahr is 's Hüten gar.
Is 's naß oder kalt, muß der Hüter in'n Wald.
Furt treibt er ein Stuck und zwei bringt er z'ruck;
Hinein treibt er's dürr und foast gengen's herfür.
Viel Bleaml und Halm, viel Küah und Kalm!
Viel Kronwittbirl, viel Ochsenstierl!
Viel Haarwutzl, viel Kälberstutzl!
Und um all sei' Müah hat er schia
Zum täglichen Brot nix als d'Not.
Schon hör i d'Schlüssel klinga, und d'Bäurin in d'Kammer springa,
Sie wird mir an' Laab Brod bringa,
Und wern gar zwö draus, hab i aa nix aus!«

Nun erhält die Bäurin den blaubeerigen Wachholderbuschen oder die Martinsgert, welche sofort in den Kuhstall wandert, wo sie über der Eingangsthüre aufgesteckt wird, bis der Kuckuck wieder schreit und das Vieh von der Dirn mit der Martinsgerte wieder in die lachenden Frühlingsfluren getrieben wird. Der Bauer zählt dem Hüter so viele 226 »Batzen« auf die Hand, als ihm Stück Großvieh anvertraut waren. Das Weib des Hüters aber sammelt noch eigens Brot und Mehl ein, wie auch das sogenannte Hütkorn, womit er nicht nur den Bedarf seines Familientisches decken, sondern auch noch einen erklecklichen Teil verkaufen kann.

Aber der Hirte ist auch erkenntlich. Er veranstaltet auf Grund seiner Einkünfte beim Wirte eine Freimusik mit Freibier und ladet hierzu seine Bauern ein. Ein paar Fiedler geigen und nun wird diesen Abend auf des Hüters Kosten getanzt und getrunken, was sich besonders die Kleinleute des Dorfes zunutze machen und wobei es in der Regel gar lustig hergeht.

So war es auch beim Hüterwastl von jeher der Brauch, aber sein heuriger Hüterball war nur von wenig »Angesehenen« beehrt. Einer dieser wenigen war Meister Ehrmann und darüber verschmerzte der alte Hüter die Abwesenheit der übrigen. Wußte er ja bereits, wie viel es geschlagen hatte. Bei der am nächsten Tage im Wirtshaus abgehaltenen »Hüterstift«, wobei sämtliche Bauern zu einer Sitzung versammelt waren, sollte ihm Gewißheit werden.Nach J. Schlicht's bayrisch Land und Volk.

Da saßen sie, die stolzen, selbstbewußten Bauern, mit strengen Gesichtern und blickten hochmütig nach dem mit entblößtem Haupte vor ihnen stehenden Hüter Wastl.

»Manna, wenn's enk recht is, so hüat enk 's nächst' Jahr wieder,« sprach Wastl zu den Bauern nach alter Gewohnheit, worauf sich der Dorfführer erhob und sagte:

»Also, Manna, ös habt's es g'hört, der Wastl möcht wieder hüaten. Hat oana a Klag gegen ihn?«

Zwanzig Jahre lang hatte niemand eine solche gehabt, heute aber brach das Wetter über ihn los. Der eine klagte, 227 daß er ihm bloß zur Hälfte in seinen Hof hineingetutet habe, der andere, daß er dessen zu viel gethan. Einer wußte zu erzählen, daß er ihm teilweise seinen Klee abgehütet, ein anderer beschwerte sich, daß Wastl regelmäßig schon kam, ehe das Vieh abgelassen war, und ein dritter behauptete sogar, die auffallende Anhänglichkeit des Dorfhüters an den lutherischen Schleifer sei für das Vieh der streng katholischen Gemeinde von größtem Nachteil, und als der Hüter den Ankläger spöttisch fragte, ob er fürchte, sein Vieh möchte lutherisch werden, da meinte der Bauer:

»So viel is g'wiß, daß d' Milli satta der letzten Zeit zickt« (säuerlich ist).

Dem lange und treu dienenden Wastl wurde die Hüterstift nicht mehr zugesprochen, sondern dem neuen Bewerber, dem abgehausten Tieschke, zuerteilt.

»So muaß i mir halt um an' andere Gmoa' umschaun,« sagte Wastl. »Leicht, daß 's mi selm wieder z'ruck holt's, wenn enk der abg'haust' Tieschke mit sein' katholischen Rausch z'wider worn is.«

Der Hüter Wastl wurde von der Nachbargemeinde sofort mit Freuden für das nächste Jahr gewonnen.

Die »pinkat« Urschi aber triumphierte laut über den gewonnenen Sieg.

»Oan Aussätzigen hätten ma draußen aus der Gmoa',« pflegte sie zu sagen. »Jetzt geht's auf 'n andern los, denn es kann koa' bessers Werk geben, als so an' Ketzer z' Grund z' richten.«

Und sie glaubte im Geiste schon die Fanfaren zu hören, welche die Engel des Himmels ihrem Triumphe zu Ehren mit vollen Backen durch die Welt bliesen. 228


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