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Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten

Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten - Kapitel 6
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authorWilhelm Raabe
titleMeister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel.

Erlauben Sie, lieber Kunemund,« sagte ich, dem Meister Autor die Hand auf das Knie legend und ihn bescheiden zum zweitenmale unterbrechend. »Ein Wort, bester Freund! Ich bin doch manch liebes Mal, nach unserm ersten Massenbesuch, als einzelner Heuschreck bei euch gewesen; aber wer von euch hat mir je von dieser Geschichte und allen ihren wahrscheinlichen Folgen geredet?«

»Wir nicht; – das ist richtig!« sprach der Meister. »Wer von uns konnte denn aber auch daran denken? Sie ging das doch gar nichts an!«

Ich schlug mich vor die Stirn und kam mir unendlich albern und abgeschmackt vor. Ich sah tief, lächerlich tief in die Widersinnigkeit des Lebens, das man, sozusagen, lebt, hinein und konnte nichts weiter sagen, als:

»Wahrlich!«

»Sehen Sie, seine werten Freunde muß man so wenig als möglich mit seinen eigenen Molesten molestieren,« sagte der Meister und fuhr, von nun an nicht wieder von mir unterbrochen, in seiner Erzählung fort, die wir wieder nur mit einem Gänsefuß am Anfange und einem am Ende geben:

»Die Feierlichkeit war groß. Wir standen im Ernst ein jeglicher in seiner Seele auf den Zehen; das heißt inwendig, denn was das Äußerliche anbetraf, so konnten wir blutwenig tun, und hatten auch sonst grade keine Lust, mehr zu leisten. Nur in der Küche war ein mächtiges Hallo; ganz wie im Evangelium, als der verlorene Sohn heimkam. Vom ersten Tagesgrauen an stand die Alte, ihr Horchen an des Mohren Kammertür abgezogen, in Dampf und Flammen, im Sieden und Protzeln. Aber der Mohr Signor Ceretto saß mit meinem Trudchen an der Tür auf der Bank und rauchte eine ganz gewöhnliche Meerschaumpfeife. Er war lange nicht so ungeduldig auf den Onkel als das Kind.

Wie gesagt, es hatte auf der alten Uhr hinter der Tür so ungefähr eins geschlagen, als er kam, und zwar tüchtig zusammengeschüttelt in einer alten Schöppenstedter Karrete, auf dem Holzwege, den Sie ja auch kennen, Herr Bergsekretär; und wenn sein Bremer Neger uns nur im ersten Moment in Verwunderung gesetzt hatte, so nahmen wir den Kleinen nach dem Anrumpeln der Kalesche nun merkwürdig kühl. Er setzte uns gar nicht in Verwunderung, nämlich was mich und den Tofote anbetrifft. Er war in einen dicken Mantel eingewickelt und hüstelte, und als ich ihm die Hand in das Gefährt reichte, sagte er: Guten Tag, Alter, ich habe es für meine Pflicht gehalten, – oder dergleichen, und ich sagte: Sieh, Kleiner, bist du wieder da? – und damit hatten wir ihn auf dem festen Boden, und es wäre fast nötig gewesen, daß ich ihn wieder einmal auf den Arm genommen und ins Haus getragen hätte, wie ich das wohl tausendmal getan hatte, als ich noch seine Kindsfrau spielen mußte in unserer Jungenzeit. Herr, wenn von jeher an mir die Augen wenig taugten, so stehe ich dafür auf ziemlich festen Füßen, und meine Schulterbreite ist auch nicht ohne! Bei unsrem Kleinen war das alles umgekehrt. Augen hatte er vom Mutterleibe an wie ein Wildkater; aber von dem übrigen wollen wir heute, da das alles doch schon vom Grabscheit in der gewöhnlichen Weise versorgt worden ist, lieber nicht sprechen. Die Fremde hatte ihm in der Hinsicht wenig gut getan, und er brachte fast noch weniger mit, als er von Hause mitgenommen hatte. Aber das ist einerlei! Wie über seine Jugendzeit und -sünden Gras gewachsen ist, so samt sich das jetzo über dem übrigen an, und ich erzähle nur von wegen uns, die wir noch da sind. Wir hatten ihn vor der Tür – im Hause – im weichsten Lehnstuhl am Tische, und der Austausch und Handel mit den gegenseitigen Erlebnissen und Gedanken mochte vor sich gehen. Natürlich kam es denn auch, wie ich es mir am vergangenen Tag vorgestellt hatte: wie fanden uns heute so wenig wie vor den langen Jahren zusammen und ineinander. Und als es Dämmerung wurde, hatte er uns herzlich satt, und wenn ich offen sein soll, wir ihn auch. Herr von Schmidt, er ist mein leiblicher Bruder, und ich tat mein menschenmöglichstes, ihn den Nachmittag über mit Rührung und Weichherzigkeit als solchen anzusehen; aber noch vor dem vollen Einbruch der Dämmerung hielt ich ihn kurzweg von neuem für einen Lumpen, und daß er uns wie gewöhnlich für erbärmliche Tröpfe und die nichtsnutzigsten Narren von der Welt hielt, das konnte ich ebensogut sagen als er. Also wir vertrugen uns, der guten Bewirtung, die die Alte hergerichtet hatte, zum Trotz, gar nicht; und sie, die Alte, legte mit ihren Unkosten gar so wenig Ehre bei ihm ein, als wir mit unserer Einfältigkeit. So fuhr er ab, um noch bei Licht auf die Landstraße zu kommen, und wir sahen ihn abfahren. Seinen Mohren nahm er auf dem Kutschbock mit sich; und ein solch Gesicht, wie der Kerl uns zum Abschied zuschnitt, hatte ich in meinem Leben noch nicht gesehen und habe es auch bis jetzt noch nicht wieder zu Augen gekriegt, und kurioserweise tat sein Abschied mehr als einem von uns leid. Das Kind, unsre Gertrud, hatte dem Untier einen Geschmack abgewonnen, wie es kaum geglaubt werden kann, und die Alte war richtig fast eifersüchtig auf das Kind! – – – Daß der Kleine nicht wieder aus unserm Leben verschwand, nachdem wir ihn einmal wieder drin hatten, versteht sich wohl von selber; aber zu Gesichte kriegten wir ihn nicht wieder. Aus den Blättern, in welchen er ein Haus suchte, und auch sonst auf andere Weise erfuhren wir, daß er sich in hiesiger Stadt niedergesetzt habe, aber uns hier im Wald ließ er selbst von diesem Abschluß und Ende seines Vagabundenlebens nichts weiter zu Gehör kommen. Seinen Mohren Signor Ceretto Wichselmeyer schickte er auch nicht wieder heraus, was den andern im Hause am leidesten tat, worüber ich als sein Bruder – nämlich des Kleinen Bruder, mir aber jedoch mein Gefühl und Gemüte vorbehalte. So sind denn die Jahre hingegangen, eines nach dem andern, und wir haben an nichts gedacht, das kann ich Sie versichern. Und nun war ich neulich schon vor Ihrer Tür, lieber Herr Bergschreiber, als uns das Stadtgericht herzitiert hatte; aber Sie waren damals verreist, und so mußte ich mit meiner großen Neuigkeit und in meiner Bedrängnis wieder abziehen. Der Kleine war tot, und er hatte uns seinen letzten Streich gespielt; – was meinen Sie, was er getan hatte, um einen letzten Tritt in unsern ruhigen Ameisenhaufen zu vollführen? – er hatte unser Trudchen, die Gertrude Tofote zu seiner Generalerbin eingesetzt! – Er hatte es getan! er hatte das Trudchen zu seiner Erbin gemacht, und da er nie etwas getan hat, ohne dabei etwas im Schilde zu führen, so sind wir nun schon monatelang in aller Unruhe und Todesangst und zerbrechen uns Herz und Kopf und Sinn um die Frage, weshalb er es getan habe? Am Tage nach seinem Begräbnis war der Mohr bei uns. Denken Sie sich, – er, der Kleine, hatte gewollt, daß niemand von uns anders als durch der Zeiten Lauf von seinem Abscheiden benachrichtigt werden sollte; und bei seinem Grabe und Leichenkondukt hat er auch niemand von uns sehen wollen, und – jetzt – lieber Herr, Sie, der Sie mit allen Schreibereien Bescheid wissen, kommen Sie mit mir. Das Trudchen sitzt, seit ich bei Ihnen bin, mutterseelenallein im Gasthof bei den Fuhrleuten, und wartet wahrscheinlich mit Schmerzen auf mich, und jetzt – wenn Sie nichts Besseres vorhaben, so kommen Sie, uns zum Troste in der Ratlosigkeit, mit und helfen uns, ihre Erbschaft anzutreten! Ich bitte Sie herzlich, so gütig zu sein.«

 


 

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