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Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten

Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten - Kapitel 25
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authorWilhelm Raabe
titleMeister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Ein Gewitter mußte kommen, und gegen sechs Uhr zeigten sich die Vorboten desselben an allen Ecken und Enden, das heißt über alle Dächer her, die mir rings um meine Fenster den unermeßlichen Äther verengerten. Während die giftig-weißen Wolkenballen emporstiegen und, sich umwälzend, ihre Farbe ins Dunkelgraue, ins Schwarze verwandelten, machte ich die möglich-sorgsamste Toilette, meine äußere Erscheinung gleichfalls aus dem Grauen ins Schwarz verändernd. Zu gleicher Zeit machte ich unter dem Einfluß der elektrischen Schwüle einen Seelenprozeß durch, dessen häufigere Wiederholung mir für den Körper nicht wünschenswert sein konnte.

Ich überdachte mein Leben und zählte die Jahre desselben. Die Summe der letzteren streifte nahe an die Zahl vierzig heran; das erstere erschien mir in der augenblicklichen Gewitterbeleuchtung wie ein gutstehendes, wohlgehäufeltes, unübersehbares, aber auf Regen wartendes Kartoffelfeld. Ob das, was der Meister Autor »versunkene Gärten« nannte, unter der nahrhaften Vegetation begraben lag, will ich unaufgerührt lassen; sicher aber war, daß mir das noch niemals so glaublich erschienen war, als in diesen Augenblicken. So weich, so menschenscheu und zugleich so sehr menschenbedürftig wie jetzt hatten mich Leben und Tod noch nie gestimmt.

»Diese Hexe!« stöhnte ich leise, die Hemdärmel zuknöpfend. »O, sie wußte es ganz genau, was sie zustande brachte, als sie neulich fragte: wer ist denn der Herr da? – Hätte sie statt dessen, beide Hände mir entgegenstreckend, die Bekanntschaft erneuert, so wäre alles verlaufen, wie es sich eigentlich gehört – erfreulich, höflich, in den besten gesellschaftlichen Formen; aber bei

                      der Macht Proserpinas
Und bei Dianas unverrückter Allgewalt,
Auch bei den Büchern, kräftiger Bannsprüche voll,
Die hoch vom Himmel feste Stern' herunterziehn –

dies Weib wußte, was für ein Zauberwort es gebrauchte!

Wer ist denn der Herr eigentlich? – –

Ich nähere mich dem Schlusse meines Berichtes und werde im Gegensatze zu meinen, derartige psychologische Raritäten novellistisch aus der Tiefe ihres Talentes herausfischenden Kollegen von Wort zu Wort, von Satz zu Satz ehrlicher und wahrer. Diese an das alberne Gänschen, das Trudchen Tofote gerichtete Frage: Wer ist der Herr? ich sollte ihn eigentlich kennen! – vibrierte zu allen Stunden scharf und schrillend mir durch die innigsten, wehmütigsten Gemütsbewegungen der letzten Tage und Nächte. Wir mögen noch so sehr in das Schicksal anderer Leute verflochten werden, unser eigenes Schicksal behalten wir darum doch für uns allein, und es ist uns stets – manchmal unsern tiefsten Empfindungen und Anmahnungen zum Trotz, das wichtigere.

Das Wort der Hexe ärgerte mich durch die Stunden am Bette des sterbenden Steuermanns, setzte mir seine scharfen Nägel mitten im Verkehr mit dem Meister Autor und der Base in das weiche Herzfleisch, war mir in der heißen Sonne unter den hohnlachenden Lebensbäumen am Grabe des Seefahrers Karl Schaake wie ein eisiger Hauch im Nacken und zwang mich mehrmals, mich umzusehen, wer »eigentlich« da hinter mir stehe und mich anblase.

Was waren mir alle versunkenen und versinkenden Gärten gegen dieses höhnische, lebendige, blühende Lächeln der Hexe, der Frau Christine von Wittum?! . . .

Wir kannten uns recht gut; wenn wir uns auch durch manches Jahr aus dem Gesichte verloren hatten. Als wir uns kennen lernten, waren wir noch –

»Oooooh!« stöhnte ich, und mit dem Griffe, mit welchem andere Leute dann und wann nach der Pistole, dem Strick oder dem Rasiermesser griffen, faßte ich meinen Hut und ging – ging zur Frau Christine, die mich durch den Zaubermohr und Diener weiland Mynheers van Kunemund hatte ersuchen lassen, noch einmal bei ihr vorzusprechen.

Es lag mir schwer in den Gliedern, und ich wunderte mich gar nicht über die müden, verdrossenen Gesichter der Leute in den Straßen. Langsam, ein Bein dem andern nachschleifend, erreichte ich die Haustür der gnädigen Frau, und auch hier wieder fand ich natürlich den Signor Ceretto Wichselmeyer am Pfosten lehnend, – wie in jener Mondnacht unter dem Torbogen des Cyriaci-Hofes. Außer der Hautfarbe hatte er von seinen afrikanischen Ahnen noch dieses an sich behalten, daß ihm nicht leicht bei irgendeiner europäischen Temperatur (physischen wie moralischen) zu schwül zumute wurde. Er nickte mir freundlich und aufmunternd zu, geleitete mich die Treppe hinauf, öffnete mir die Tür des Salons und meldete mich:

»Herr Baron von Schmidt!«

Da vernahm ich denn aus der Tiefe des bereits bei der Schilderung jenes Gesellschaftsabends erwähnten tropischen Zimmergartens ein sonores, wohlklingendes:

»Endlich!«

und entgegen meinem Herzklopfen rauschte die Frau Christine von Wittum, reichte mir die Hand und rief:

»Ich habe zu Ihnen geschickt, um doch Einen Menschen zu haben, an dem ich mein Mütchen kühlen konnte. Welche ärgerlichen, verdrießlichen, langweiligen Tage! Aber Sie haben mich zu lange warten lassen, mein Herr; und während des Wartens hab' ich mich eines andern besonnen: Lieber Baron, ich würde noch einmal zu Ihnen geschickt haben, um Sie bitten zu lassen, ruhig zu Hause zu bleiben, wenn mich diese fürchterliche Luft nicht vollständig unfähig gemacht hätte, nochmals die Hand nach dem Klingelzug auszustrecken. O ihr Götter, was alles muß man in dieser trostlosen Welt ausstehen!«

»Allerlei Art von Dasein, liebe Gnädige,« sagte ich.

»Und ist das nicht grade die Dummheit? Weshalb allerlei Dasein? Was geht uns das anderer Leute an? Ich bitte Sie, was zum Beispiel hatten Sie sich in die Verhältnisse dieser guten Menschen, die seltsamerweise augenblicklich uns beide zu gleicher Zeit quälen und beunruhigen, zu mischen?«

»Ich habe mich nicht hineingemischt, meine Gnädige. Mit Behagen, Spannung, Rührung, Trauer und –«

»Und? und?«

»Und Mißbehagen habe ich als Zuschauer dagestanden und wahrlich mehr guten Rat empfangen als gegeben.«

»Sie behaupten also, mein Herr, mir das törichte Ding, dieses hübsche aber gänzlich unbedeutende Waldblümchen, diese Gertrud Tofote, aus welcher ich in einer Laune mein Püppchen, mein Spielzeug gemacht hatte, nicht genommen zu haben?«

»Mein Wort darauf!«

Es trat eine Pause m der Unterhaltung ein. Draußen in der Gasse trieb sich jetzt ein heißer Wind um, und die Staubwirbel bis zu unserm Balkon in die Höhe.

»Schließen Sie doch die Balkontür, bitte,« sagte die Frau Christine. »Heute bin ich meinerseits in der Stimmung, alles um mich symbolisch zu nehmen und mich darüber zu ärgern.«

Ich lächelte, und –

»Lachen Sie nicht!« rief die gnädige Frau, in der Tat ziemlich aufgeregt; aber zurücksinkend kam sie auf meinen letzten Ausruf zurück.

»Ich muß Ihnen also wohl auf Ihr Wort hin glauben! O, wüßten Sie nur, wie sehr es mich innerlich angriff, als mir dieses alberne Trudchen den Stuhl vor die Tür setzte. Gütiger Himmel, etwas muß ich doch haben, um dieser tödlichen Langweile zu entgehen, und es machte mir doch wenigstens für einige Monate Spaß, diese kleine Intrige geschickt zu führen. Weshalb will sie denn meinen guten Vetter nicht? Der brave Seemann war ihr nie etwas; es wird ihr überhaupt niemals jemand viel sein können! Dem guten Vollrad kommt es darauf nicht an, und er ist wirklich außerdem gar nicht so übel. Wahrhaftig, lieber Freund, auch ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich nicht – einzig und allein – aus erbärmlichen Philisterinteressen hier kuppelte. Baron, ich mußte einmal wieder etwas um die Hand haben, und, vertraulich gesagt, ich gebe den Faden auch noch nicht aus der Hand. Ich bin fest überzeugt, daß ich doch noch meinen Willen bekommen werde und zwar zum Besten aller dabei Beteiligten.«

»Das ist auch meine feste Überzeugung!« rief ich und sprach nie ein wahreres Wort. –

Das Gewittergewölk war unterdessen immer höher emporgerückt und zwar von allen vier Weltgegenden her. Die schweren Dunstmassen legten sich immer dunkler eine über die andere, und jedermann sah nach seinen Fenstern und Fensterläden, oder warf bedenkliche Blicke am Blitzableiter empor, wenn ein solcher in der Nähe seiner Wohnung vorhanden war. Sorgliche Familienväter benutzten die günstige Gelegenheit, ihre Kinder auf die Vorsichtsmaßregeln, die von den denkenden Menschen bei einem Gewitter anzuwenden sind, und die so selten jemand in Anwendung bringt, von neuem aufmerksam zu machen. Alte und junge nervenschwache Weiber von beiden Geschlechtern atmeten nur noch in der Vorstellung, daß sich ja ein Keller unter dem Hause befinde, und – ich und die schöne junge Witwe dachten an gar nichts, sondern unterhielten uns von jener Zeit, wo die gnädige Frau noch einfach Christinchen Erdmann, das hübsche, kluge, lebhafte Töchterchen des Bergmeisters Erdmann zu Clausthal, und ich der eben von der Bergakademie Freiberg heimgekehrte Bergeleve Emil von Schmidt war.

Wir sprachen nicht über Neptunismus und Plutonismus, aber wir sprachen auch nicht über Platonismus; denn was den letztern anbetraf, so unterhielten wir uns eine geraume Zeit darüber; wer von unseren damaligen Bekannten und Bekanntinnen, Freunden und Freundinnen geheiratet habe, und wer nicht. Wir berührten auch ganz leise die delikate Erfahrung, daß die Zeit mit überraschender Schnelligkeit hingehe, und von diesem Absatze der Unterhaltung aufblickend, fanden wir es von neuem entsetzlich schwül.

Es verwirrte sich der Tag allgemach in meinem Gehirne mehr und mehr. Der heiße, schwermütige Gang und die helle unbarmherzige Sonne, das offene Grab und das halbzugeschüttete, der Meister Autor mit dem Thujazweige an dem Grabe, und dann der kühle, der kalte Cyriacushof, die dämmerige Stube der Base Schaake, in der die unheimlichen Kerzen nicht mehr brannten, wo aber Trudchen Tofote auf dem Spinnstuhle der Greisin neben dem trostlosen Hafenmeister saß! Und jetzt? Da rieselte, plätscherte inmitten des tropischen Gartens der kleine künstliche Springbrunnen, und die Goldfische im buntausgelegten Becken stiegen auf und ab in ihrem Elemente, schwänzelten hin und her, – fort und fort. Auf dem Rande des Beckens kroch oder klebte vielmehr eine handgroße Schildkröte, welche fortwährend leise den Kopf aus der Schale vorschob, um ihn ebenso leise und langsam wieder unter dieselbe zurückzuziehen, und ich sah auf das Tier, und mit einem Male überkam mich die stupid-stupende Vorstellung, wie angenehm es sein müsse, in solch ein Geschöpf einmal überzugehen und gleichfalls regungslos zu sitzen und von dem Rande der Flut in ähnlicher Weise dem Spiel, dem langweilig beweglichen Spiel der Gold- und Silberfische zuzusehen.

Unwillkürlich, mich gänzlich in dieser beneidenswerten Art der Metempsychose verlierend, schob auch ich den Kopf und Hals aus der Krawatte hervor und zog beides wie die geharnischte Kröte zurück; richtig, es ging bereits! . . . und mitten in der Schwüle, der schlimmen Schwüle des Abends perlten mir plötzlich die kältesten Angstschweißtropfen auf der Stirn: was ging es mich an, ob der Meister Autor Kunemund sein eigenes Leben habe? Hatte ich nicht auch das meinige?! Hatte nicht die gnädige Frau recht!

Was ging mich überhaupt der Meister Autor samt seiner Sippschaft an? Seit ich ihn kennen lernte, hatte er nicht ein einziges Mal etwas Außerordentliches gesagt – und getan noch weniger – – –

Ich war nahe daran, ziemlich geringschätzig über den Meister Autor zu denken, als ein langhallender, aber sehr ferner Donner durch den grauen, heißen Abend rollte. Dabei blieb es jedoch auch: das Gewitter kam durchaus in der Weise, wie es sich angekündigt hatte, nicht. Es krepierte.

Und die Frau Christine sprach währenddem immerfort freundlich weiter und unterhielt mich auf das liebenswürdigste. Der Meister Autor hatte mehrmals von dem Versinken der Gärten in dieser Welt gesprochen; das behielt freilich sein Recht, doch wer hinderte uns denn, in dem Grün zu lustwandeln und die Vögel singen zu hören, die Wasser springen zu sehen, solange es noch anging? Wer hinderte uns, die beste Obstbaum- und Gemüsezucht zu treiben, solange der fruchtbare Humus noch zutage lag? Spargel und grüne Erbsen, Melonen, Äpfel, Birnen, Pflaumen sind etwas recht Gutes und lohnen die Mühe und Arbeit, die man auf ihre Kultur verwendet. Wir sprachen gerade darüber ziemlich eingehend, das heißt, wir legten einander unsere Stellungen in der Gesellschaft klar und mit größtmöglichster Unbefangenheit dar und fanden von neuem aus, daß wir alle beide gar nicht verächtliche Gartenkünstler seien, sowohl was die Blumen- als was die Gemüsezucht anbetreffe. Signor Ceretto Wichselmeyer behielt einfach das letzte Wort; wie es geschah, weiß ich selber nicht genau anzugeben, aber das Faktum steht mir heute unumstößlich fest: ich sprach der Frau Christine von Wittum den Wunsch aus, frühere liebliche Tage in behaglicherer und gediegenerer Weise von neuem leben zu dürfen, worauf sie lachte und meinte, sie habe nichts dagegen einzuwenden.

Darauf wurden wir sehr ernst, unterhielten uns ungemein ruhig über das Glück der Ehe und setzten unseren Hochzeitstag fest. Wir hatten beide niemand um seinen Rat oder gar seine Zustimmung anzugehen; wir waren beide mündig – ich sogar sehr – und was noch wichtiger war, wir glaubten fest, es zu sein; und so – wurden wir zu Winters Anfang ein Paar, umzäunten ein neues Stück Erdenland und fingen von neuem an zu graben und zu pflanzen, wie Adam und Eva – sowohl dem Apfel des Glücks, wie dem Stein der Abnahme zum Trotz. –

 


 

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