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Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten

Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten - Kapitel 24
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authorWilhelm Raabe
titleMeister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Der wäre freilich aller Praktiken Meister, den der Augenblick nicht überrumpeln, den der Schein nicht rühren oder ärgern könnte! Wie wenig Schlaf würde er bedürfen, wie wach und lebendig würde er jederzeit um sich her schauen: was mich anbetraf, so tat ich nimmer einen so tierisch-tiefen Nachmittagsschlaf als an diesem Nachmittage. Mir war es wahrlich nach den Erlebnissen des Tages, die Temperatur eingerechnet, nicht möglich wach zu bleiben, und ich schlief – schlief totenähnlich, totengleich; es kümmerte mich gar nicht, ob die andern das laute, lärmende Spiel weiter trieben, ob es sich fortdrängte an den Straßenecken und auf den Heerstraßen. Einen älteren Herrn als mich würde wahrscheinlich der Schlag gerührt haben; im Falle er mich gerührt hätte, würde ich nicht das geringste davon gemerkt haben. Signor Ceretto Wichselmeyer würde mich steif und still auf dem Diwan gefunden und das Weitere veranlaßt haben; es war nämlich natürlich der Mohr aus dem Schüsselkorbe zu Bremen, der mich durch wiederholtes Gepoch an meiner Tür nach fünf Uhr erweckte.

Meine Seele stieg auf aus der Tiefe des Vergessens, wie der Körper eines Ertrunkenen aus der Tiefe des Wassers – langsam und geschwollen.

»Ich bitte nach Menschenmöglichkeit um Entschuldigung,« sagte der Schwarze, »aber es ging um mein Leben, wenn ich nach Hause kam, ohne Sie gesehen und gesprochen zu haben.«

»Um Ihr Leben, Ceretto?«

»Oder um meine Augen, was mir doch auch verdrießlich gewesen sein würde.«

»Und wer –«

»Pst!« sagte der Neger, mit dem Finger auf den Lippen, und blickte grinsend über die Schulter nach der Tür zurück, als ob er erwarte, daß sofort jemand hervorstürzen würde, um die fernere Ausführung seiner Sendung zu übernehmen. Dann trat er auf den Zehen so nahe als möglich an mich heran und stöhnte kläglich:

»Oh!«

»Etwas deutlicher und etwas weniger geheimnisvoll, wenn ich bitten darf, Ceretto!« rief ich kläglich und geärgert. »Ihr wißt, daß ich zu allen Zeiten mit Vergnügen höre, was Ihr mir zu sagen habt – selbst wenn es der Auftrag eines andern ist – aber augenblicklich – bin ich – ein wenig sehr beschäftigt – in Anspruch genommen – kurz – ich bitte Sie, Ceretto, fassen Sie sich so kurz als möglich.«

»Mit dieser Absicht kam ich, Herr. Also ganz kurz – unsere Freundschaft ist zu Ende.«

»Unsere Freundschaft?«

»Ist aus und zu Ende! Sie haben sich bei den Ohren gehabt und einander die Gesichter zerkratzt wie zwei Konkurrentinnen, die einander grad gegenüber jede einen wilden Mann sehen lassen. Ich habe das als einer der wilden Indianer einmal selber erlebt, doch damals behielt mich meine Prinzipalin und ich meinen Dienst. Diesmal und unter andern Umständen ist mir auf Michaelis gekündigt worden, und wenn Sie, verehrter Herr, mich dann gebrauchen können, stelle ich mich schon heute zur Verfügung. Sonst ist alles in der schönsten Ordnung, und selbst der Herr Autor Kunemund wäre nicht imstande, eine größere Ordnung hineinzubringen.«

»Aber meine fünf gesunden Sinne nebst allem übrigen bringt Ihr in die größte Unordnung, Ihr schwarzes Untier!« rief ich. »Wer hat sich in den Haaren gelegen und gegenseitig die Gesichter zerkratzt?«

»Mein hübsche Herrin, das junge Kind, das seit heute morgen bei der Alten im Cyriacushofe sitzt, und meine schöne Herrin, die seit gestern nacht durch alle Zimmer rennt, ihrer Kammerjungfer mit dem Polizeikommissar gedroht hat und fortwährend Tische und Stühle über den Haufen stößt. Wer denn anders?«

Meine Phantasie war plötzlich in einem merkwürdig hohen Grade tätig. Ich sah und hörte die Frau Christine; – sie mußte entzückend in ihrer Aufregung sein. Vorgebeugt, mit verhaltenem Atem und wahrscheinlich ziemlich albern fixiertem Blicke stierte ich auf den Mohren, als müsse ich eine neue Welt aus seiner schwarzen Seele hervorstieren; und der Schlingel grinste – grinste und blieb stumm, bis ich ihn an der Schulter packte und wenigstens das Übrige, was er mir zu sagen hatte, aus ihm herausschüttelte.

»Es ging sofort los, nachdem wir vorgestern nacht nach Hause gekommen waren. Mein Liebchen hin, meine Liebe her! Meine Gute her, meine Beste hin! Liebe Christine – liebe Gertrude! Fräulein Tofote – gnädige Frau! . . . Damit waren wir dann in den richtigen Ton gefallen, und die Auseinandersetzung konnte einen ruhigen Verlauf nehmen und nahm ihn auch. O Herr, Sie – und gerade nach dem traurigen Ereignis da im Hofe – hätten hinter dem Vorhange stehen und sie auf dem Diwan nebeneinander sitzen sehen sollen! Ich habe vor manchem Vorhange die Pauke geschlagen; aber hier hielt ich mich so still als möglich hinter ihm und horchte wie ein Mäuschen, bis die gnädige Frau das gnädige Fräulein auch wieder ›mein Mäuschen‹ nannte, und man sich für diesmal gute Nacht sagte, gerade an derselbigen Stelle, wo sich Katze und Hund gleichfalls gute Nacht zu sagen pflegen. Können Sie es sich wohl vorstellen, daß sie sich wirklich beiderseits dabei auf die Stirnen küßten? Mir hinter der Tür traten die Tränen in die Augen.«

Ich setzte mich, unfähig etwas zu bemerken, auf meinen Diwan; doch der Freigelassene des alten Satans Mynheer van Kunemund hatte noch länger sein Vergnügen an meiner Furcht vor ihm.

»Ja, ja,« sagte er mit melancholisch-philosophischem Akzent, »es ist lieblich, wie sich das alles vor den Augen der Welt zurechtlegt; – es ist so schön, die Greisin im Cyriacushofe zu trösten, und es ist so sehr erquickend, seinen Willen zu bekommen und doch noch von jedermann darum gelobt zu werden; von dem jungen Herrn von Wittum vor allen andern.« –

Waren das wirklich die Gründe, denen der Meister Autor und ich es zu danken hatten, daß wir die Gertrud Tofote die alte verlassene Frau im Cyriacushofe tröstend und durch ihre Gegenwart im Schmerze aufrichtend fanden? Matt und unfähig darüber nachzudenken, fragte ich:

»Und was nun? was nun weiter, lieber Mann?«

»Natürlich wünscht man Sie zu sehen und das Weitere mit Ihnen zu überlegen.«

»Wer wünscht das, Herr Wichselmeyer?«

Der Mohr sah mich unbeschreiblich verachtungsvoll an und ließ eine verhältnismäßig lange, aber glücklicherweise wenig kostbare Zeit vorüberstreichen, ehe er mich einer Antwort würdigte.

»Das Kind doch nicht?!« rief er endlich. »Sie würden der Letzte sein, an den das gnädige Fräulein sich um Rat und Trost wenden würde; aber die gnädige Frau bittet um einen Besuch, wünscht sich Ihnen an das Herz zu legen und ihre Wut an Ihnen auszulassen.«

»An mir?! Gütiger Himmel, weshalb denn gerade an mir?«

»An den Tod kann man sich nicht halten; der Herr Autor Kunemund lassen auch nicht mit sich scherzen, und Einen muß man doch haben, dem man sagen darf, was man über die ganze Geschichte denkt! Sie sind der Mann, lieber Herr; Sie allein; denn Sie sind zugleich ein Mann von Welt, und wer in dieser lästerlichen, hinterlistigen, heimtückischen Welt keine Sehnsucht empfindet nach der einzigen Kreatur, von der man gewiß weiß, daß sie uns versteht und uns nachfühlt, der ist eben in eine andere Schule gegangen und hat darin das Seinige gelernt, ungefähr wie ein gewisser Nigger, der sich aus Bescheidenheit weiter nicht nennen will, dessen Dienstbuch aber jederzeit auf der Polizei eingesehen werden kann.«

Ich hielt mir die Stirn mit beiden Händen. Dieses an diesem glühenden Tage?! . . .

»Meine Empfehlung an Ihre Herrin, Ceretto, ich werde ihr meine Aufwartung machen.«

»Das werde ich bestellen, obgleich es, sozusagen, überflüssig ist; – man kannte die Antwort schon ohne das.«

Nun hätte ich den Schwarzen doch noch aus der Tür werfen müssen; er schien es aber auch einzusehen und entfernte sich schleunigst ohne das, nachdem er sein letztes Wort gesprochen hatte.

 


 

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