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Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten

Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten - Kapitel 23
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authorWilhelm Raabe
titleMeister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Statt jetzt zu Bett zu gehen, ging ich von dem Hause der Witwe aus weiter. Anfangs an zierlichen Gartengittern vorüber, dann durch taufrische, von lebendigen Hecken eingefaßte Pfade und zuletzt im stillen, freien Felde. Es verlockt nichts in gleicher Weise so weiter und weiter als solch ein Feldweg durch das reife Korn und die Garben, dem Sonnenaufgang entgegen. Nur ein erbärmlich kahlgezaustes Bauerngehölz warf einmal einigen Schatten auf mich, doch das war bald durchschritten und das dicht dran gedrückte noch im Schlafe liegende Dorf gleichfalls. Das nächste Dorf fand ich bereits wach, und vor dem Kruge eine Bank und einen Tisch, an welchem letztern ich mit dem zufrieden war, was die Wirtschaft zu bieten hatte. Da sah ich die Sicheln und Erntewagen an mir vorüberziehen und hielt die Hand in den ersten Sonnenstrahl des neuen Tages. Wer im Grunde nur für sich selber zu sorgen hat, kann im Auskosten des Leidens und der Freude der Welt um ihn her sich Genüsse verschaffen, in welchen der sublimierteste Egoismus, dessen der Mensch fähig ist, sich gipfelt. Das höchste, innigste, innerste, schärfste Leben lebt man in diesen Momenten; – wer es leugnet, möge es mit einem Gesichte tun, wie ein Frauenzimmer, das nach einem in der Familie eingetretenen Todesfall den Traueranzug vor dem Spiegel anprobiert. –

Durch einen sehr heißen, wolkenlosen Morgen schlich ich müde und abgespannt zur Stadt zurück, schlief totenähnlich bis zum Mittag auf dem Sofa und fragte am Nachmittage bei den Leuten im Cyriacihofe an, ob ich mich ihnen in irgendeiner Art nützlich erzeigen könne. Herr Autor sowohl wie die Frau Schaake erkannten die Höflichkeit über Verdienst an, aber sie verwunderten sich selber darüber, wie glatt in solchen Fällen das alles abgehe. Geistliche wie weltliche Behörden machten den Trauernden die Tage so leicht als möglich. Es waren Namen, Daten und Zahlen in gedruckte Schemata einzutragen gewesen, und der Sarg im Hause ohne jegliche Weitläufigkeit.

Der gute Steuermann, der sich so lange ungestraft auf allen Meeren herumgetrieben hatte, lag bereits tief, tief im Binnenlande in diesem Sarge, und –

»Morgen um zehn Uhr wollen wir ihn hinausbringen,« sagte der Meister Autor.

Den Hafenmeister sah ich nicht. Er hatte alle Hände voll zu tun, berichtete mir der Meister; denn so ziemlich der ganze Hof gehe mit, und jedermann verlange sein Stück Kuchen.

Gertrud Tofote hatte bis jetzt nur viele schöne Blumen und Kränze mit weißen Atlasschleifen geschickt und hatte dabei sagen lassen: sie sei sehr betrübt und sehr unwohl und bitte den Onkel Kunemund nur auf ein einziges Viertelstündchen zu ihr zu kommen.

»Vielleicht so gegen Abend werde ich es möglich machen,« sagte mir der Meister; »jetzo sitze ich hier Wache und – Herr, ich sage Ihnen, ich habe trotz alledem in meinem Leben Stunden gehabt, wo ich das ganze deutsche Volk zum Tanze hätte aufziehen mögen!«

Er saß mit seiner Pfeife in der kühlen steinernen Halle vor der Tür der Base Schaake; die Tür stand halb offen, und ich sah darin grade auf den sonderbaren Schimmer der Stearinkerzen im hellsten Tageslichte. Der Meister Autor hatte eben wieder seine Pfeife anzuzünden und sagte:

»Ja, ja, sehen Sie diese Zündholzdose. Ich habe sie vom Arend geerbt. Er hat sie auf manchem Anstande gebraucht. So um das Jahr Vierzig, wenn's mir recht ist, fiel die Menschheit auf derartiges Feuerzeug. Vorher hatte man sich arg mit Stahl und Stein zu quälen, doch das beizu; – Herr, die Lichter da, auf welche Sie eben sahen, hab' ich angezündet und, Herr, ich habe dabei an den letzten Weihnachtsbaum denken müssen – den letzten im Walde, den die Alte, der Arend und ich unserm armen Trudchen aufputzten. O lieber Herr, wie viele Gärten versinken dem armen Menschen in der Welt.« . . .

Das war das Wort! – Es fallen Schlösser – Luftschlösser ein; aber das hat nichts zu bedeuten: die Gärten allein, die den Menschen, den armen Menschen versinken, die waren ein jeglicher eine Wirklichkeit von dem verlorenen Paradiese an! Wenn ihr das leugnen wollt, so leugnet es aus der Mitte eines, in dessen Besitze ihr euch noch befindet, aber nimmer vor der Pforte eines solchen, der euch verloren ging; – im erstern Falle ist wenigstens die Aussicht vorhanden, daß es euch gelingen werde, euch selber zu belügen. –

Der folgende Tag war einer der heißesten im ganzen Jahre. Die Sonne schien die Erde wie mit einer glühenden Zange zu halten, die Hitze und der Staub waren unerträglich; ein Schein, sozusagen animalischer Verdrossenheit legte sich über alle Vegetation; und unsere Aufgabe ließ sich unter keinen Umständen auf eine kühlere Stunde verschieben.

Wir führten den Steuermann Schaake hinaus vor die Stadt und begruben ihn. So ziemlich der ganze Hof fand sich ein zu dem oben bemeldeten Kuchen und einem Glase nicht teuern Moselweins.

Ein gut Teil der guten Freunde und Bekannten ging auch mit hinaus auf den Kirchhof und, nachdem das feierliche: Von Erde bist du genommen usw. – gesprochen worden war, soviel als möglich im Schatten sich haltend, wieder nach Hause. Der Meister Autor und ich blieben noch ein Weilchen, der – Erde und der Sonne zum Trotz.

»Es ist doch kurios,« sagte Herr Kunemund, nachdem wir einige Minuten stumm neben der halbzugeschütteten Grube gestanden hatten, »sonderbar ist's eigentlich, daß man grade bei solchen Gelegenheiten am deutlichsten spürt, daß man vorhanden – daß man da ist.«

»Freilich,« sagte ich, »aber Meister, dazu gehört eben doch auch, daß man wenigstens ein einziges Mal schon vorher wirklich und im Vollen gefühlt hat, daß man da ist, und das ist keineswegs so häufig der Fall.«

»Darüber hab' ich noch nicht nachgedacht,« sprach der Meister Autor; und dann tauschten wir einige andere Gedanken und Bemerkungen aus, die zwar weder groß noch tiefsinnig waren, dessenungeachtet aber doch gedacht und gemacht werden mußten.

»Am meisten kümmert mich der Hafenmeister,« seufzte der Alte. »Was dieser hier mich angeht, so bin ich zufrieden, weiß mich zu schicken und zu fassen; ich setze mich da nur ein wenig fester auf meiner Schnitzbank. Aber was denken Sie über die Base Schaake? . . Der Junge war ihr Liebling und ihr ganzes Leben; und wenn er auch oft Jahre lang von ihr weg war, und sie es also schon gewohnt sein sollte, so wird sie sich in diese Ruhe doch niemals finden. Sie kann's nicht, sie wird's nie können. Ob sie ihr eigenes Leben einmal, wie Sie sagen, ein einziges Mal im Vollen gefühlt hat, weiß ich nicht, aber daß sie in dem Jungen ihr Dasein spürte, das will ich wohl beschwören. Ich kenne sie danach! Wenn er abwesend war, so war es ihr einziger Trost, daß sie saß und las. Ich sage Ihnen, sie las – und was las sie? Den Robinson, und die Geschichte von dem fliegenden Holländer und vor allem andern die Geschichten von dem türkischen Kaufmann, der zu den Leuten kam, die das Gesicht mitten auf dem Bauche trugen, und der einen Walfisch für eine Insel hielt und mit seinen Kameraden ein Feuer drauf machte, um seine Suppe zu kochen. Was sie sonst von Reisen und Abenteuern auftreiben konnte, las sie und glaubte alles. Ihren Augen sahen Sie es nicht an, wie bunt es oft in ihrem Kopf herging. Sie reiste mit, die alte Frau, und erlebte auf ihrem Spinnstuhle die menschenmöglichsten Dinge. Ich habe oftmals mein Erstaunen und meine Verwunderung darüber gehabt, was für ein beschlagener Reisender sie war. O sie wußte dem Jungen, jedesmal wenn er heimkam, von ihrem Stuhle her mehr Merkwürdigkeiten zu berichten, als er ihr von seinem Schiffe aus. Er hat es mir selber oft genug halber weinend und halber lachend erzählt. Und das ist nun vorbei, Herr; das ist vorbei, und das ist das Schlimme und Angstvolle, lieber Herr! Was soll die alte Frau anfangen; jetzo, da sie ihrem Jungen nicht mehr nachreisen kann? Versunkener Garten, Herr! Sie, Herr Bergmeister, haben eben auch mit uns andern drei Schaufeln voll Erde drauf geworfen!«

»Zum Teufel, ja!« schrie ich im Innern meiner Seele und zwar mit dem nämlichen objektiven Grimm, mit welchem der Meister Autor vorgestern abend den Signor Ceretto, den bremischen Mohren, anschnauzte. Laut sage ich, indem ich dem Greise zu gleicher Zeit leise und gerührt die Hand auf die Schulter legte:

»Ob wohl die Base ihrem braven wilden Seefahrer nicht doch schon wieder nachreist?! Es wird ihr auch da an Reiseführern nicht ermangeln.«

Der abendländische Lebensbaum, Thuja occidentalis, die Stinkzypresse wucherte in großer Menge auf dem Friedhofe und war das einzige Gewächs, das sich in dieser Hitze wohlzufühlen schien. Der Meister hielt einen abgebrochenen Zweig davon in der Hand, lächelte und sagte:

»An das Einfachste denkt man immer zuletzt.«

Nun wäre eigentlich nichts weiter zu sagen gewesen, aber ein guter Rat, oder das was man gewöhnlich für einen solchen nimmt, geriet mir auf die Zunge, und ich enthielt ihn dem alten Freunde nicht.

»Herr Kunemund, alle Umstände ineinander rechnend, könnten Sie jetzt wohl noch einmal den Versuch machen, es hier bei uns in der Stadt auszuhalten. Die erwünschte Stille würdet Ihr auf dem Cyriacushofe im vollen Maße finden – Ihr und der Hafenmeister gehört im Grunde ganz und gar zueinander, und es würde gewiß kein Tag vorübergehen, an welchem Ihr das nicht von neuem ausspürtet. Überlegt es Euch.«

»Das habe ich wohl schon dann und wann überlegt,« erwiderte der Meister. »Auf den ersten Blick sieht es sich freilich ganz hübsch an, aber bei genauerer Besichtigung tut es sich denn doch nicht. Wie lange steht denn der Hof noch aufrecht, Herr? Sie wissen es ebenso gut als ich, daß die Maurer mit den Brecheisen und die Zimmerleute mit den Äxten im Anmarsch auf ihn sind. Das alte Gemäuer mag freilich lange genug gestanden haben, aber der Base Schaake wegen hätte es doch noch gut ein paar Jährchen länger stehen bleiben können. Herr, je älter man wird, desto brüchiger scheint auch die Welt um einen her zu werden. Wie sich dieses demnächst machen wird, kann ich heute noch nicht sagen: die eine Alte hab' ich ja schon daheim im Hause; wer weiß, ob ich mir nicht auch die andere dazu holen werde. Lieber Herr, Sie sind jedenfalls jetzt schon eingeladen, sich unsern Haushalt dann mal anzusehen.«

An den demnächstigen Abbruch des Cyriacihofes hatte ich nicht gedacht und wußte auf die Erinnerung daran nichts zu entgegnen. Der Meister Autor seufzte noch einmal recht tief; dann warf er den Thujazweig, den er bis jetzt mechanisch zwischen den Fingern gedreht hatte, in das Grab des Seefahrers, nahm meinen Arm, und wir verließen den Kirchhof. –

An der Pforte fanden wir keinen uns erwartenden Wagen mit einem ob unseres Zögerns verdrossenen Kutscher. An heißen, mit Teer getünchten Planken, Holzhöfen, Gartenmauern und vereinzelten unschönen Häusern vorüber führte uns unser Weg durch den heißen, vom Abfall der Fabrik- und Kohlenwerke geschwärzten fußhohen Staub nach der Stadt zurück. Auf diesem Wege sprachen wir nichts mehr miteinander, bis uns an einer Wendung, die er machte, ein anderer Leichenzug entgegenkam, und wir beiseite traten, um ihn vorbei zu lassen.

Da sagte der Meister, den Kopf schüttelnd:

»Das ist doch wunderlich!«

»Was ist wunderlich, alter Freund?«

»Daß andere Leute immer bei dem nämlichen Geschäfte, in derselben Lage, in ganz demselbigen Pläsier und Jammer sind. Auf dem Dorfe wird es einem nur nicht so deutlich! I, sehen Sie doch nur – eben sind wir fertig –«

»Und fangen die andern an. Richtig. Ausgefahrene Geleise, Meister Autor! Das einzige Neue liegt nur grade bei den Leuten, die aus ihrem Dorfe kommen, um sich darüber zu verwundern, und nicht bloß hierüber!«

»Hm, hm, da kein Ende dran ist, wird es freilich auch wohl keinen Anfang haben,« brummte Herr Autor Kunemund. »Hat das auch schon einer herausgefunden und schriftlich attestiert?«

Nun mußte ich trotz der unpassenden Zeit und Gelegenheit doch lachen.

»Ach Meister, Meister,« sagte ich meinerseits den Kopf schüttelnd, »dieses hat wohl schon manch einer ausfindig gemacht; aber über das, was es bedeutet, darüber ist man noch nicht einig und im klaren.«

»Dann hilft mir auch das übrige nichts, und meinesteils lasse ich es einfach geschehen,« sprach Autor Kunemund, und so schritten wir weiter zum Hofe des heiligen Cyriacus, der vielleicht gleichfalls aus keinem andern Grunde ein Heiliger geworden war, als weil er hatte geschehen lassen, was er nicht ändern konnte.

Wie unser uns vorangelaufenes Sarggefolge hielten wir uns auf der Schattenseite; man kann eben von der größten Tragödie nach Hause gehen und doch den behaglicheren Modus der Heimkehr dem unbequemeren vorziehen.

Der uralte Schatten des Torweges fiel jetzt fast kalt auf uns, und auf der engen Steintreppe und im steingewölbten Vorsaale durchschauerte es mich fröstelnd. Ich ging aber doch noch einmal hinein mit dem Meister, die Greisin zu begrüßen, und habe mich späterhin selber darob beglückwünscht, wenn ich daran dachte, daß ich eigentlich den alten Freund nur bis an das Tor hatte geleiten wollen.

Trudchen Tofote saß bei der Base Schaake!

Das sah ich angenehm überrascht von der Stubentür aus, drückte auf ihrer Schwelle dem Meister die Hand und begab mich nunmehr, wie durch einen kühlen Trunk erfrischt, durch die entsetzliche zwölfte Stunde des Tages nach meiner eigenen Wohnung zurück und um zwei Uhr nach dem Hotel de l'Allemagne zur Wirtstafel.

 


 

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