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Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten

Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten - Kapitel 20
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authorWilhelm Raabe
titleMeister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Zwanzigstes Kapitel.

Also die Hexe – die Hexe im Märchen, die junge schöne Witwe eines wahrlich nicht sehr jung gestorbenen Ogers oder kleinstaatlich juristischen Menschenfressers freute sich auf mein Kommen!? Sie, die den Vetter Vollrad herbeschieden hatte, um ihren letzten Fang, das dumme Gänschen Trudchen Tofote und die Erbschaft Mynheers van Kunemund zu heiraten.

Der Mohr hatte es gesagt, und mir träumten in der Nacht, die diesem Teeabende voraufging, fast ebenso sonderbare Dinge wie dem Steuermann Schaake in seinem Wundfieber; ich werde mich aber wohl hüten, das, was ich sah, hörte, und sagte, hier der Welt kundzumachen. Als die Hexe noch eine Jungfrau war, kaum aus dem Backfischalter herausgewachsen, war sie mir schon einmal quer über den Weg gelaufen; und gute Gesellen, treue Kameraden, die sie damals bereits besser kannten, als ich heute, hatten mich natürlich weniger vor ihr gewarnt, als ihren Spaß an der Verzückung gehabt, in welche sie mich versetzte.

Und neulich hatte sie ebenso selbstverständlich nicht das mindeste von mir gewußt, hatte sich meinen Namen nennen lassen, und nur durch eine dem ganzen übrigen Universo unverständliche Fächerbewegung merken lassen, daß – sie mich sehr wohl kenne, daß ich ein guter alter Bekannter von ihr sei.

Die schöne Sonne des neuen Sommertags war wiederum untergegangen, und ich verfügte mich nach der Höhle der Hexe, die natürlich nicht in der Mitte des Zauberwaldes der alten Stadt gelegen war, sondern in ihrem modernsten Quartiere.

Ich hatte aber die alte Stadt zu durchschreiten, und da mich mein Weg an dem Cyriacushofe vorüberführte, so trat ich auch jetzt ein, um wenigstens an der Tür Erkundigung über den Kranken einzuholen. Ich traf den Wundarzt an der Tür, und er strich auf meine Frage glatt vor sich hin durch die Luft, was soviel heißen sollte, als: O, er ist auf gutem Wege, unter den irdischen Behörden kennen wir vom Fach keine, die ihn aufhalten könnte; der Stadtphysikus ist ganz meiner Meinung.

Dabei fühlte der Mann nach seinem Handwerkszeug in der Brusttasche und ging: ich aber hörte von der Tür – wie gesagt – aus, wie der Steuermann mit klarer Stimme rief:

»Da haben wir die rote Tonne!«

und dann den Lotsengruß:

»Willkommen in See!«

Ich wich zurück, ohne die Base Schaake begrüßt zu haben; ich traute mir nicht recht, ihr in meinem Gesellschaftsanzuge die Hand zu geben. Ich kann nicht sagen, ob ich mich richtig und verständlich ausdrücke; aber die Sorgfalt, die ich auf meine Toilette verwendet hatte, hinderte mich: ich kam mir zu gleicher Zeit abgeschmackt und allzu begräbnismäßig frisiert vor. In ziemlich unbehaglicher Stimmung rief ich eine Droschke an und fuhr weiter, von nun an mich ein wenig mehr mit der Tochter des Försters Arend Tofote als mit der Frau Christine von Wittum beschäftigend – wenigstens bis zum Anhalten des Wagens und während des ersten Teiles des Abends.

Es sahen mir sehr hell erleuchtete Fenster in der Abenddämmerung entgegen, und das erhob auch meine Lebensgeister wieder etwas; da jede veränderte Dekoration und vor allem eine ins Freundliche und Helle veränderte Bühnenbekleidung in Verbindung mit Zeit- und Ortswechsel auf das vergrillteste Gemüt Wunder zu wirken vermag, – was ich übrigens hier durchaus als keine ganz neue Erfahrung vorführe.

Auf dem Balkon stand eine hellgekleidete Dame, die jedoch zurückwich, als ich aus dem Wagen stieg. Auf der Treppe wurde ich von meinem alten schwarzen Freunde begrüßt.

»Da sind Sie also! Na, dann gehen Sie nur hinein; Sie kommen früh, und das ist recht hübsch von Ihnen. Das Kind finden Sie in einer merkwürdig weichen Stimmung; aber die andere in ihrer richtigen Laune.«

Er war mir voran gewatschelt, hatte mir die Tür geöffnet, und nach einem Augenblick stand ich abermals vor der Tochter des Försters Tofote in einem ziemlich geräumigen, glänzenden, von einer Gaskrone tageshelle erleuchteten Gemache. Ganz reizend sah das junge Mädchen in ihrer bunten, blendenden, aber durch das verschiedenartige Grün vieler kunstvoll zusammengestellter künstlicher Gärtnergewächse gesänftigten Umgebung aus, und einen Moment lang verstand ich einmal wieder den Meister Autor, der sie doch auch wohl in einer solchen Umgebung gesehen hatte, nicht mehr.

»Dieser Herr Vollrad von Wittum wär ein Urnarr, wenn er nicht bleiben würde,« sagte ich in der Tiefe meiner Seele, als das Fräulein mir entgegentrat, mir die Hand bot und sagte:

»Es ist sehr freundlich, daß Sie meine – unsere Einladung nicht ablehnten.«

»Haben Sie das glauben können, gnädiges Fräulein?«

Es war eine etwas heiße Hand, die sich in die meinige legte, und das Kind sah ein wenig angegriffen aus; auch ein etwas unbehagliches Zucken spielte durch das Lächeln, in welchem Gertrude meinte:

»Man hat jetzt so wenig Zeit. Jedermann ist so sehr beschäftigt – so sehr in Anspruch genommen. Nur wir – haben immer Zeit.«

»Wer wir, mein Fräulein?«

»Ich!« sagte das Waldfräulein. »Ich habe Zeit – o, ich habe viele Zeit!«

»In diesem bunten Dasein?«

»Ja, in diesem bunten Dasein. Wollen wir uns nicht setzen? wir sind noch allein, – die übrigen Herrschaften, welche die Freundin lud –«

Die Elfe vollendete ihren Satz nicht, und wir setzten uns, und zwar in einen weich ausgepolsterten Winkel eines zierlichen Nebengemaches, das nur durch eine einzige aus einem Lilienkelche züngelnde Flamme erhellt wurde. Da fand ich denn bald im Laufe des Gespräches, daß sie beide lebten wie sie mußten – der Meister Autor Kunemund sowohl wie Gertrud Tofote, und daß der Garten versunken war, wie die Gärten eben versinken; der Garten Mynheers van Kunemund ganz beiseite gelassen. –

Wir unterhielten uns über dieses und jenes, und da das Trudchen schon seit längerer Zeit daran gewöhnt war, von den Herren unterhalten zu werden, so tat auch ich das Meinige, leider jedoch ohne sie zu dem gewöhnlichen Gesellschaftslächeln bringen zu können. Ich erzählte von meinem Briefe an den Oheim Autor, und wie es uns so sonderbar erscheinen müsse, daß wir bis jetzt noch keine Antwort darauf erhielten. Ich berichtete, daß ich nunmehr morgen selber zu dem Meister fahren werde, um mich persönlich nach den Gründen seines sonderbaren Betragens zu erkundigen, und die Elfe sagte:

»Er hat vielleicht wieder etwas übelgenommen!«

»Den angenehmen Zug kenne ich noch gar nicht an ihm«, erwiderte ich hierauf. »Nimmt der gute Mann wirklich so leicht irgend etwas übel, Fräulein?«

»O – nein,« stotterte die Waldelfe, »andern Leuten nicht; aber – aber mir. Er weiß sich so schwer in die selbstverständlichsten Dinge zu finden, und wenn das auch nicht ganz seine Schuld ist, so kann ich doch auch nicht einzig und allein dafür. O Gott, ich wollte gleichfalls, es wäre manches anders in der Welt!«

»Wer wünschte das nicht, mein Fräulein?« rief ich höflich, und dann wurden wir sehr philosophisch und trugen uns einander die tiefsten Wahrheiten, die urälteste Kinderweisheit der Welt in den urältesten Fassungen, Redewendungen und Sprichwörtern vor, bis uns auf einmal aller fester Boden unter den Füßen weg und abhanden gekommen war, und wir die See – den Himmel und das Wasser um uns hatten, wie der Steuermann Karl Schaake in seinen Fieberphantasien.

»Ja, es war ein guter Junge, und ich hatte ihn sehr gern!« flüsterte Trudchen Tofote. »Er war zu Hause mein bester Spielkamerad, und er tut mir so leid, so sehr leid! Wäre ich auch ein Junge gewesen, so hätte ich mit ihm aufs Schiff gehen können; aber wir machen uns ja nicht selber, und jetzt bin ich in einem eben solchen Wirbel, wie er, wenn er von einem seiner schlimmsten Wirbelwinde und Stürme erzählte, wenn er nachher vom Schiffe einmal wieder zu uns nach Hause in den Wald kam.«

Es kam mir vor, als spüre ich einen Hauch aus dem Walde im Gesicht und auf der Brust. Die Frau Christine würde die Ausdrucksweise ihrer jungen Schutzbefohlenen wahrscheinlich nicht ganz haben gelten lassen; aber ich entnahm daraus einige Erfrischung, indem ich mir jetzt mit einem schwülen Seufzer sagte:

»Ja, was kann denn das Kind eigentlich dafür? Wer will denn grade von diesem kleinen Mädchen verlangen, daß es das Universum über den Haufen werfe, indem es ein Glied in der Kette seiner Entwicklung überspringe?«

Wir sprachen nun davon, wie liebenswürdig und gutmütig die Frau Christine von Wittum sei, und was alles das Trudchen ihr zu verdanken habe; von dem Vetter Vollrad sprachen wir freilich nicht. So tief waren wir in unserm Schlupfwinkelchen nach und nach in unser Gespräch hineingeraten, daß wir gar nicht gemerkt hatten, wie sich die Gemächer jenseits des purpurnen Türvorhanges allmählich mit den übrigen Gästen gefüllt hatten, und daß unter denselben der Vetter wahrscheinlich auch bereits wieder gegenwärtig war.

Wir sollten aber jetzt darauf aufmerksam gemacht werden; denn eben hatte ich gesagt: »Aber mein Fräulein – mein liebes Kind, weinen Sie doch nicht! ich bitte Sie dringend, weinen Sie doch nicht so sehr!« als der rote Vorhang plötzlich zurückgeschoben wurde, die schöne, schlimme, lustige Hexe – die gnädige Frau in einer Flut von blendendem Licht, begleitet von dem lustigsten Stimmengewirr, auf der Schwelle erschien und fröhlich rief:

»Ich habe es wahrhaftig lange genug ertragen, aber jetzt ist meine Geduld zu Ende, und ich ertrage es nicht länger. Ich habe euch Zeit gelassen, euch gegeneinander auszusprechen, doch jetzt beanspruche auch ich mein Recht. Ja, mein Herr, wir wollen auch unser Recht haben, – wir!«

Ich war mit einer Verneigung aufgesprungen, und sie, die Hexe, lachte und sah wundervoll aus in ihrer üppigen, reifen Schönheit. Das bleiche, nachdenkliche Liebchen, das bis jetzt neben mir gesessen hatte, hatte aber das Taschentuch auf das Gesicht gedrückt und war hastig durch eine Seitenpforte entschlüpft. Was blieb mir übrig, als der Frau Christine den Arm zu bieten und mit ihr in den mit fast sämtlichen geladenen Gästen angefüllten Salon zu treten? Es war ein in seiner Raschheit etwas peinlicher Übergang aus der Dämmerung in die glänzendste Helle; aber es war doch ein Vergnügen – ein gar nicht zu verachtender Genuß.

»Es ist zu drollig,« lachte die Hexe, »da sitzen sie wie ein Liebespaar, diese zwei Menschen, zwischen denen ein Ozean von Langeweile fließt! Was haben Sie denn eigentlich miteinander gemein, Sie und mein Töchterchen? Etwa die nämliche Anlage zum kläglichen oder verlegenen Anstarren des Lebens? Ja, ja, wir andern harmlosen Wesen treiben uns um, wie wir können, und nehmen jedes Ding und jegliche Bedeutung der Dinge wie sich das augenblicklich geben will; aber diese beiden behandeln jeden Stuhl, Blumentopf, Glockenzug und Bedienten symbolisch und knüpfen eine Parabel daran, selbst auf die Gefahr hin, sich nachher selber aufzuhängen; – o, ich kenne das. Nicht wahr, mein melancholischer tiefsinniger Ritter, es war die höchste Zeit, daß wenigstens für diesen Abend eine verständige Frau dem Trübsal ein Ende mache?«

Wenn ich das rechte Wort zur Hand gehabt hätte, würde ich es nur zu gern hingegeben haben, – aber sie hatte recht, die Hexe – in diesem Moment gaffte ich in der Tat die Welt in einiger Verlegenheit an, und so verbeugte ich mich wiederum mit einem freundlich zustimmenden Lächeln, bot der Dame den Arm, und wir traten in das Gesellschaftszimmer.

Darin war es recht lebendig, und wenn man eben noch nichts zu sagen gewußt hatte, so konnte man wirklich sich um so mehr darüber verwundern, wieviel doch Tag für Tag auf Erden vorging, worüber sich reden ließ. Selbst diejenigen, welche sich gleichfalls stumm verhielten, hielten den Mund nur in der festen Überzeugung, daß sie sich nur deshalb still langweilten, weil sie eben noch Mehreres und Wichtigeres als die übrigen Herrschaften erlebt und tiefer darüber nachzudenken hätten.

Ach, die Frau Christine von Wittum war eine ausgezeichnete Wirtin, sie wußte es so ziemlich allen ihren Gästen behaglich zu machen, und mir machte sie es sogar gemütlich. Gertrud Tofote blieb verschwunden; aber Herr Vollrad von Wittum war vorhanden, und erwies sich als gar kein übler Mensch, – wenigstens was die Hauptsachen, das Gemüt und das Herz anbetraf. Seinen Geist nahm die Hexe klugerweise selber durchaus nicht in Schutz.

»Was wollen Sie?« sagte sie. »Kann er denn etwas dafür, daß er noch nicht Geheimer Rat ist und es wahrscheinlich auch nie wird?«

Dagegen ließ sich wiederum nicht das geringste einwenden, doch diesmal mußte ich bereits laut und herzlich lachen; und die Hexe, die schöne, ebenfalls lachende Hexe meinte:

»Sehen Sie, ich habe es gewußt, daß es Ihnen endlich bei mir gefallen würde! Duc ad me! Duc ad me! Duc ad me! Sie wissen doch, daß das eine griechische Beschwörung ist, um Narren in einen Kreis zu bannen? Seinerzeit gebrauchte sie der melancholische Jacques gegen die Herren des vertriebenen Herzogs im Ardennenwalde mit Erfolg, heute benutze ich sie. Wissen Sie, Herr von Schmidt, der Zauber ist eben unter uns Frauen leise von Mund zu Munde gegeben worden, und so bis auf den heutigen Tag und diese Minute gekommen: Duc ad me!«

Wenn ich das nicht gewußt hatte, so mußte es mir jetzt ganz und gar klar werden. Und sie spann ihre Gespinste schnell, schnellstens weiter – die goldburchwebten Purpurfäden, die sich um die Seele legen, leise, unmerklich, einer nach dem andern, bis die arme animula, die vagula, blandula, kein Glied mehr regen kann, die prächtige Blutsaugerin nach Muße und Appetit das Ding aussaugen mag, um nach Belieben die leere Hülse im Busch und Gewebe hängen zu lassen, daß eine neue Schmetterlingsgeneration in einem neuen Frühlinge sich über sie verwundere und lache.

Von Zeit zu Zeit ging der Schwarze, der vor so manchem Meßraritätenzelt in die Trompete gestoßen oder durch das Sprachrohr gebrüllt hatte, durch den Saal, oder schielte um eine Ecke oder hinter einem Vorhang hervor. Er grinste jedesmal, wenn mein Auge das seine traf, und ich vermied das zuletzt soviel als möglich. Da wendete er denn ein ander Mittel an, und als die gnädige Frau sich wieder einmal in einer andern Ecke des Gemaches sehr liebenswürdig zeigte, brachte er einen Präsentierteller mit irgendeinem angenehmen Getränke und flüsterte mir dabei zu:

»Nun? haben Sie es ihr gesagt?«

»Ich glaube wohl,« murmelte ich, eines der Gläser nehmend, um es ihm »symbolisch« an den schwarzweißen Wollkopf zu werfen.

»Haben Sie es beiden gesagt?«

»Nun, eine von ihnen hat es mehr mir gesagt!« murmelte ich weiter, »und –«

»Sehen Sie wohl! Was habe ich Ihnen gesagt?« flüsterte Signor Ceretto entzückt über seine geistige Begabung und scharfsinnige Lebensauffassung, während ich lächelnd mich immer heftiger über die Impertinenz des schwarzen Gesellen ärgerte, der doch nur ein einfacher, zum Bedienten avancierter Meßfratz war und sich doch herausnahm, mich, seine Herrin, seine beiden schönen weißen Herrinnen – uns alle zu übersehen.

Da sich Gertrud noch immer nicht wieder blicken ließ, so mischte ich mich nunmehr auch mehr in das Kreisen der Gesellschaft, begrüßte und unterhielt mich aufs freundlichste mit Herrn Vollrad von Wittum, und erlebte noch etwas höchst Sonderbares.

Man unterhielt sich natürlich über mancherlei; außer den Tagesneuigkeiten wurden Politik, Wissenschaft und Kunst herangezogen und manchesmal sogar an den Haaren. Vorzüglich hielt ein ältlicher, behäbiger Herr stets einen Kreis von Zuhörern und Interlokutoren in gespannter Aufmerksamkeit um sich fest, und auch ich trat zu diesem Kreise, nachdem mir eben die Frau Christine zugerufen hatte:

»Ich muß mich doch wohl einmal nach meinem Kinde umschauen. Sie scheinen ihr böse Dinge gesagt und ihr die Stimmung recht gründlich verdorben zu haben, mein Herr.«

Ich hatte die Achseln gezuckt, und sie war entrauscht; aus der Mitte des Ringes aber, der sich um jenen Herrn gebildet hatte, rief Herr Vollrad von Wittum:

»Das ist in der Tat außerordentlich interessant!« –

Was war interessant? Mir alles, was dem Herrn Vollrad außerordentlich und außergewöhnlich erschien, und so sah ich denn ebenfalls, einer wohlbeleibten Dame über die Schulter blickend, meinerseits das an, was eben unter den Damen von Hand zu Hand ging, und unterdrückte mit Mühe einen hellen Ausruf des heftigsten Erstaunens:

»Der Stein der Abnahme!«

Bei allen Göttern und Göttinnen, Geistern und Geistinnen der Unterwelt und des Zwischenreiches, da war es wieder, dieses geheimnisvolle Amulet, das einst der Leichtmatrose Karl Schaake im Hause Mynheers van Kunemund in der Hand gehalten, mir gedeutet und auf meinen Rat und meine Verantwortung aus dem Fenster ins Wasser geworfen hatte! Da war es wieder, und mir war's, als gehe ein unheimlich fahler Schein von ihm aus; und sein jetziger Besitzer nannte es, wie Herr Vollrad von Wittum: ungemein interessant und seinen Fundort fast noch interessanter, und das war er auch, das letztere freilich mehr für den augenblicklichen Inhaber.

»Dieser Gegenstand, meine Herrschaften, ist kürzlich, das heißt vor einigen Jahren beim Bau einer neuen Straße unserer Stadt in einem trockengelegten Wassertümpel gefunden worden,« erzählte der glückliche Besitzer und Sachverständige, »und mir in mehr als einer Beziehung ungemein wichtig. Erstens wie kommt dieses seltene Artefakt gerade dorthin – an diesen seinen jetzigen Fundort?«

Die Damen wußten es nicht, die Herren auch nicht, gaben sich jedoch die Mühe, nachdenklich auszusehen; was mich anbetraf, so hielt ich mich selbstverständlich ruhig und ließ die Gesellschaft raten.

»Es bezeugt unbedingt, wie so manches andere, den weitesten Weltverkehr unseres Gemeinwesens im Mittelalter,« sprach triumphierend bescheiden der archäologische Sachverständige. »Aus den Händen hanseatischer Schiffer ist es jedenfalls einmal in den Besitz und die Sammlung irgendeines kunstsinnigen Patriziers der Stadt übergegangen, und –«

»Dem einmal gestohlen, oder aus dem Fenster in den Teich gefallen,« meinte Herr Vollrad von Wittum.

»Wahrscheinlich,« erwiderte der Besitzer etwas trocken, »lassen wir das jedoch dahingestellt sein; denn zweitens ist der Gegenstand auch schon an und für sich sehr merkwürdig. Die Hand, welche diesen Stein modellierte, stellte das Produkt unbedingt nicht als ein Objekt des Handels oder Tausches her, sondern –«

»Sondern?« rief ich im höchsten Grade auf die Erklärung gespannt.

»Sondern wir haben es hier mit einem sozusagen streng hieratisch-domestikalen Amulet – arabisch hamala – zu tun.«

»Was Sie sagen?!« rief ich unwillkürlich über die Schulter der noch immer vor mir stehenden und sich gleichfalls wundernden Dame.

»Gewiß, mein Bester! Es ist ein streng domestikal-hieratischer Zauber – ein glückbringender Zauber, den die Braut dem Bräutigam am Polterabend – auch dort und damals kannte und kennt man den Polterabend, meine Damen – in die Tasche schiebt, und den der Ehemann nachher bei Tage und bei Nacht unter seinem Kopfkissen verwahrt, oder in gefahrdrohenden Zeiten im verstecktesten Winkel seines Hauses – seiner Bambushütte. Sie nennen das den Apfel des Glückes, und ich jedenfalls bin glücklich, ihn in meinen Besitz gebracht zu haben, meine Herrschaften.«

»Und bitte, Herr Professor,« fragte die vor mir stehende Dame lächelnd, »da Sie ja auch verheiratet sind, so werden Sie diesen eigentümlichen Zauber jetzt wahrscheinlich auch in Ihrem eigenen Hauswesen benutzen, – nicht wahr? Wie geht es denn unserer guten Charlotte? ich habe mich den ganzen Abend vergeblich nach ihr umgesehen.«

»Abhaltung, meine Gnädige – eine sehr große Wäsche, und sonstiger mannigfaltiger häuslicher Verdruß,« stotterte der Gelehrte, und jetzt lächelte der ganze Kreis, und trotz allem konnte ich nicht umhin, mit zu lächeln.

»Mein verehrter Herr,« wendete sich Herr Vollrad an den Besitzer des Apfels des Glückes, »Sie legen einen großen Wert auf dieses geheimnisvolle Amulet und das mit vollem Rechte, aber wenn Sie ahnen könnten, welchen Wert ich unter Umständen darauf legen könnte, so würden Sie gewiß nicht anstehen, mir es abzulassen ober auszutauschen. Sie wissen, daß ich als Erbe eines verrückten, gleichfalls archäologischen Onkels in den Besitz einer Kollektion von Intaglien gekom–«

»Ich weiß das freilich, aber ich muß in diesem Falle doch herzlich und freundlich danken,« erwiderte der würdige Inhaber des Apfels des Glücks ein wenig sehr verdrießlich und sich dabei hastig nach der Hand umsehend, in welcher sich sein Schatz augenblicklich befand. Die gutmütige, behagliche Dame, die sich soeben so teilnehmend nach dem Befinden und Verbleiben der Frau Professorin erkundigte, hatte das Ding, ohne es viel zu betrachten, mir gereicht, und ich hielt es und besah es von neuem sehr genau. In demselben Augenblick schritt die Hexe wiederum durch den Saal, trat in einiger Aufregung an mich heran und flüsterte mit hastig-energischer Betonung:

»Es ist eigentümlich, und ich verstehe das nicht recht, so viele Mühe ich mir geben mag. Sie ist nirgends zu finden, und der Bediente sagt, man habe ihr ein Billett gebracht, worüber sie heftig erschrocken sei, und dann habe sie in großer Bewegung mit dem Neger, dem Ceretto, hin und her verhandelt, und in seiner Begleitung das Haus verlassen! Wie weit fühlen Sie sich für diese Vorgänge mir verantwortlich, mein Herr?«

 


 

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