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Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten

Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten - Kapitel 2
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authorWilhelm Raabe
titleMeister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Zweites Kapitel

Ich heiße Schmidt. Mein Name ist drolligerweise sogar von Schmidt. Es ist beängstigend aber wahr, ich gehöre dem Adel der deutschen Nation an, und ich habe sogar meinen Vater noch in Verdacht, sich etwas darauf zugute getan zu haben. Bei welchem Märchenkönig der Ahnherr meines Geschlechtes Kanzler oder lustiger Rat war, habe ich nie herausbekommen können; aber daß wir ein altes Geschlecht sind, das weiß ich; und daß wir selten unseres Glückes Schmiede waren, das weiß ich leider auch. Seit ich den Meister Autor Kunemund kennen gelernt habe, bilde ich mir ein, daß unsere Bezüge mehr als tausend Jahre alt sind, und es würde mich gerade nicht wundern, wenn der Ahnherr derer von Schmidt im geheimen Rate jenes braven Jungen gesessen hätte, der König wurde, weil's ihm nicht gruselte, und dem das Gruseln erst längere Zeit nach seinem Regierungsantritt durch seine Frau gelehrt wurde.

Dieses beiläufig, jedoch nicht ohne Grund. – Wir zogen also durch den Wald, den Förster Arend Tofote zu besuchen, und wir stießen zuerst auf den Meister Autor.

Wir kamen über ihn an einem Bache, dem die Begünstigung, durch den Musterforst rieseln zu dürfen, noch nicht von der Oberforstbehörde genommen worden war, und wir faßten ihn eigentlich in einer für das Gefühl der Damen etwas fraglichen Situation ab. Seine Schuhe standen neben ihm, seine Füße standen im Wasser, braun und knochig; Füße, auf denen er länger als ein halbes Jahrhundert herumgelaufen war. Der Tag war heiß, und der Meister Kunemund nahm ein Fußbad.

»Hol' mich der Teufel!« sagte er, als wir plötzlich durch das Gebüsch rauschten und auf sein Behagen hereinbrachen. Er ist immer ein höflicher Mann gewesen, denn wer hätte es ihm verdenken können, wenn er gerufen hätte: »Hole euch alle insgesamt, – hole euch ohne jegliche Ausnahme der Teufel! –?«

Er war nicht allein, als wir ihn überraschten. Er hatte auch seine Gesellschaft bei sich: einen schiefbeinigen, sagenhaft aussehenden Dachshund und ein kleines zehnjähriges Mädchen. Der Dachshund saß neben ihm, dicht an seiner Seite. Das kleine Mädchen saß ihm gegenüber am andern Rande des Bachs, von Sonne und Blätterschatten umspielt. Es saß, den Rücken an einen Baum gelehnt, die Arme kindlich über der Brust ineinander gelegt, das Mäulchen gespitzt, wie zu einem Pfiff oder Kuß. Wenn man ihr den letztern gegeben haben würde, und sie hätte das Näschen gerümpft, so würde man vollkommen in seinem Recht gewesen sein, wenn man gerufen hätte:

»Jetzt nimmt sie es gar noch übel!« –

Als wir da waren, das heißt als der Alte uns herankommen hörte, sah er sich um; und das Kind stand auf. Der Dachs stand auch auf, wenn man bei solchen Beinen das so nennen wollte, und bellte wie ein Hund aus den Gebrüdern Grimm. Unsererseits sprach der junge Forsteleve von Müller:

»Guten Tag, Herr Kunemund. Da sind wir, wie ich es dem Herrn Förster versprochen habe. Guten Tag, Fräulein Gertrud, ist der Vater zu Hause und sonst alles wohl?«

»Guten Tag!« sagte das kleine Waldfräulein ohne sich auf weiteres einzulassen. Aber der Meister Autor erhob sich jetzt ächzend von seinem Sitz und nahm eine Handvoll feuchtsaftigen Mooses und einiges Blätterwerk, das er dem Boden im Sich-Aufrichten entrissen hatte, mit sich in die Höhe und behielt es während der folgenden Unterhaltung, wie eine Art Trost- und Stärkungsmittel im Verdruß, in der geballten Rechten. Widerwillig reichte er die Linke unserem freundlichen Fröhlichkeitsordner und brummte:

»Richtig, da sind die Herrschaften. Na, der Alte wird sich denn ja wohl auch freuen, und wenn ihr die Alte dazu in guter Laune trefft, so soll es mir angenehm sein. Lustig, Trudchen, sieh doch die Damen nicht so dumm an! Lauf vorauf und bereite sie auf die Ehre und das Vergnügen vor, auf daß ihnen der freudige Schrecken an der Gesundheit keinen Schaden tut.«

Daß dieser Empfang sehr höflich gewesen sei, konnte die Gesellschaft nicht finden. Aber unser Führer hatte uns bereits darauf vorbereitet, und so nahmen wir mit ziemlich gutem Humor den Gruß des Alten hin.

»Seien Sie nicht zu grob, Kunemund,« sagte der Herr von Müller lachend. »Daß Sie sich über unseren Besuch freuen, weiß ich ja doch zu genau. Fräulein Julie, Fräulein Minna, laufen Sie dreist mit dem Kinde voran. Wir kommen im feierlichen Zuge augenblicklich nach und haben doch noch unsern Spaß heute.«

Gertrud Tofote sah sich noch einmal einen langen Augenblick hindurch die Gesellschaft an; dann drehte sie sich auf den Hacken, tat einen Sprung über den Bach und schoß wie die Lieblichste der Elfen durch den Wald davon; und selbst die jüngsten Damen unserer Gesellschaft, die hinter ihr drein liefen, gaben es bald auf, gleichen Schritt mit ihr zu halten, oder sie nur im Gesicht zu behalten. Wir älteres Volk setzten uns schwerfällig von neuem in Bewegung, den Meister Autor Kunemund in unserer Mitte.

Wir können es nicht genug wiederholen, daß der Elm ein Musterforst ist. Auf den Wanderversammlungen der grünröckigen Herren pflegt viel von ihm die Rede zu sein. Seine Kultur ist durch die fachwissenschaftlichen Blätter weit über die Grenzen Deutschlands berühmt geworden, und seine Bäume bekommen ihre Blätter trotz alledem in jedem neuen Frühjahre wieder. Sie bleiben auch gewöhnlich bis in den Herbst hinein grün, »was eigentlich ein Wunder ist,« wie der Meister Autor sagte, nachdem er und ich bessere Bekannte geworden waren und gegeneinander nur selten noch ein Blatt vor den Mund nahmen; – großer Gott, wie geistreich man doch auf solch einer Vergnügungsfahrt ins Grüne und Blaue hinein wird! Selbst wenn man Jahre lang nachher darüber schreibt, ist das Salz davon noch nicht dumm geworden, welches ohne allen Zweifel ein Wunder ist. – Wir zogen also durch diesen im Quincunx gepflanzten Musterforst der Amtswohnung des Försters Arend Tofote zu, und der Dachshund watschelte uns voran, von Zeit zu Zeit stehend bleibend und seine Verwunderung über uns durch ein bedenkliches Hauptschütteln und einen fragenden Blick auf seinen Herrn kundgebend. Der Herr selber aber ging mit uns, wie gesagt, und hatte sich, wahrscheinlich um seinen Jubel zu verbeißen, sein Moosbüschel in den Mund gestopft. Seine Schuhe trug er jetzo an den Füßen, aber den linken Strumpf anzuziehen, hatte er in der Hast und Aufregung vergessen und trug ihn zusammengeballt in der Faust. Wir gingen fröhlich ihm nach und um ihn her; sämtliche gelehrte Stände gegenwärtig und vorhanden. So kamen wir beim Försterhause an, und der Leiter unserer Vergnügungspartie stellte uns dem Förster vor, und der Förster Arend Tofote erschien hierbei als der Verlegenste seines ganzen Haushaltes. Nichtsdestoweniger war er aber gern bereit, zu unserer Lust beizutragen, was ihm nur irgend möglich war. Mit Speisen und Getränken wartete er nach besten Kräften auf und jagte die Alte, d. h. seine alte Haushälterin, und sein junges Kind nicht wenig. Unsere Damen waren natürlich entzückt über das Kind und die Verpflegung, und bei den Herren wachten Hunger und Durst merkwürdig lebendig von neuem auf. Es wurde sehr behaglich, sehr gemütlich; und unsere Gemütlichkeit erlitt auch dann kaum einen Abbruch, als das liebe, einfache Waldkind, die Gertrude, ihrerseits gleichfalls ihr möglichstes zu derselben beitragen wollte, und plötzlich und unvermutet ihre Spielgenossen auf uns los ließ. Wie wir über das stille Haus im Walde gekommen waren, so kamen die guten Kameraden über uns. Zwei reizende, schneeweiße Ferkelchen, zwei muntere, doch etwas mutwillige Ziegen, deren eine den jungen Herrn von Müller und Fräulein Amalie durch zwei unvermutete Kopfstöße von hinten beinahe zum Fall auf die Nasen gebracht hätte – erheiterten die Gesellschaft sehr. Weniger vermochte das ein etwas stachlichter Igel, den Amalias Mama auf ihrem Stuhle fand, als sie sich aus Schreck über die Gefahr der Tochter ein wenig hastig auf ihm niederließ. Sie kreischte laut auf, und mehrere Damen versetzten sich ganz in ihre Situation und schrieen hell auf. Der Zwischenfall wäre sicherlich noch länger und lebhafter besprochen worden, wenn er nicht sofort durch einen zweiten abgelöst worden wäre. Diesmal war die Reihe an der Geistlichkeit. Mit einem Schreckensruf fuhr der Herr Pastor zusammen und empor. Unter seinem Stuhle hatte es sich plötzlich geregt, und weich und verstohlen hatte es sich zwischen seinen Schenkeln emporgeschoben: es war aber nur Meister Reinecke der Fuchs, und zwar der zivilisierte, der gezähmte Fuchs, der einen günstigen Augenblick benutzte, um die Kirche zu kränken und dem geistlichen Herrn zierlich, aber ungeladen, ein delikates Stück Schinken vom Teller zu nehmen. Das Verbrechen war begangen, das Sakrilegium vollendet wie geplant, und frivolerweise lachte die Gesellschaft ebenso herzlich über das Gesicht des Herrn Pastors wie über den schlauen Dieb und seinen eiligen Rückzug mit der guten Beute.

Noch einiges andere Getier erlaubte sich seinen Spaß mit uns; aber im ganzen fanden wir uns doch harmlos genug darein und waren recht vergnügt. Wir fingen sogar an, von neuem zu singen, und zwar wiederum allerhand Volkslieder, wie sie jetzt gedruckt in den Büchern stehen und meistens reizend von den geschicktesten und naivsten Künstlern mit den hübschesten Holzschnittillustrationen verziert werden. Wir konnten wirklich noch ohne Noten singen, und es klang wiederum recht gut – sogar sehr gut – im Walde. Herrn Kunemund bekam ich an diesem Tage nicht mehr zu Gesichte; doch die Gesellschaft vermißte ihn durchaus nicht, und so sehe ich keinen Grund dafür, weshalb gerade ich mich an dieser Stelle über sein Verschwinden wundern sollte.

 


 

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