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Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten

Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten - Kapitel 17
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authorWilhelm Raabe
titleMeister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Siebenzehntes Kapitel.

Es fehlen an der Leiter, die in den Brunnen hinunterreichen soll, immer einige Sprossen,« hatte mir einmal bei einer andern Gelegenheit der Meister Autor gesagt; ich hatte es, das Wort, richtig befunden, es, wie man weiß, dann und wann weiter gegeben, und es bewährte sich auch diesesmal. Ich hatte den Alten kurz und bündig, wie es sich ihm gegenüber gehörte, von dem Unglücksfall, der seinen Freund Karl Schaake betroffen hatte, in Kenntnis gesetzt; wir erwarteten im Cyriacihofe seine eilige Ankunft mit jeglichem Eisenbahnzug, er aber blieb aus. Wie sich's später auswies, war mein Schreiben richtig angelangt, hatte den Alten jedoch nicht zu Hause getroffen. Ein anderer Brief war vor dem meinigen gekommen, ein absonderliches Dokument, das die Alte in ihrem Dorfe einem Schulkinde in die Feder diktiert hatte. Darin stand denn zu lesen, daß es ihr, der Alten, gottsjämmerlich jammervoll ergehe, daß sie, die es zu allen Zeiten so gut mit dieser schlechten Welt im Sinne gehabt habe, jetzo von der ganzen Bauerschaft als ein Scheuel und Greuel vor die Feldmark gesetzt werden solle, und zwar mit Zurücklassung all ihrer Habseligkeit von wegen aufgewendeter Gemeindekosten.

»Alle seind mir aufsässig,« schrieb das Schulkind. »Sie verschimpfieren mir, wie man es keinem Hund und keiner Katze bietet. Sie hohnnecken mir bei Tag und Nächten, daß ich mich von Tage tun möchte, jedwedes Mal, daß mir die Sonne aufgeht. Sie zerren mich herum, jung und alt, wie eine tote Katze in der Gosse; sie betitulieren mich, wo ich mir sehen lasse, daß es eine Schande ist, und die, die es am wenigsten leiden sollten, sind die Ärgsten. Der Vorsteher sagt, das sei, weil ich es mit allen verdorben habe, aber, Kunemund, er lügt in seinen Balg hinein, und das will ich ihm dermaleinst vor Gottes Thron in das Gesicht sagen, und Er, Meister Kunemund, soll es mir bezeugen, denn Er kennt mich! Lieber Gott, wenn du mich nur hinnehmen wolltest, das ist mein einzigstes Gebet, wenn sie mir wieder vor die Tür hofiert und in den Kaffeekessel – haben. Es ist nicht zum Aushalten, Meister Autor, und dazu einen so alt – so alt werden zu lassen, das ist Unrecht, und das will ich auch dermaleinst vertreten, der liebe Herrgott mag's mir verzeihen. Du lieber Himmel, wenn ich an den Arend jetzt denke und an Sie, Herr Kunemund, und an die Gertrud und die Hunde und das übrige Vieh und das ganze gute alte Leben, so könnte ich mir mein Hemde in meinen Tränen waschen; denn so ist es, und so gut wird es mir niemals wieder. Aus tiefer Not schrei ich zu dir, steht im Gesangbuch, und welche Nummer der Pastor alle Sonntage auch singen lassen mag, was mich anbetrifft, so höre und singe ich nur das eine, wie sich auch der Kantor vor der Orgel die Seele herausdrücken und Hände und Füße abdrücken mag mit Wie viele Freuden dank ich dir, oder Dir, Gott, dir will ich fröhlich singen, oder Mein Herz, ermuntre dich zum Preise, oder Wie groß ist des Allmächtigen Güte, ist der ein Mensch, den sie nicht rührt? Nein, liebster Herr Kunemund, ich bin kein Mensch mehr, o, und wenn ich es ihnen nur geben könnte, wie sie es mir gegeben haben und tagtäglich geben, so sollte sich die Landesbrandkasse wirklich darüber verwundern, und damit, Kunemund, wende ich mich in meinen höchsten Nöten an Ihn« – usw. . . .

Auf diesen Brief hin hatte sich der Meister Autor natürlich sofort auf die Socken gemacht und die Wanderschaft zu der »Alten« angetreten; mein Schreiben aber lag beim Vorsteher, und da es zufällig unter seine sonstigen Papiere und Schreibereien geriet, so wurde es auch, als der Meister Autor mit der Alten zurückgekommen war, keineswegs sofort an ihn ausgeliefert; – den Brief der Alten an den Meister bewahre ich als ein kostbares Kleinod unter meinen Papieren. »Mit meinen fröhlichen Redensarten, die sich an den Spaß knüpfen, will ich Ihnen lieber nicht aufwarten,« sagte Herr Kunemund, als ich ihm das Dokument glücklich abgeschmeichelt hatte; und nun will ich weiter erzählen. –

»Ich habe schon einmal die Ehre gehabt, Ihnen zu begegnen, mein gnädiges Fräulein,« sprach ich mit einer tiefen Verbeugung zu der glanzvollen Erscheinung, der mich mein Freund, der Hofrat (wie in einer alten, alten Komödie) zuführte und vorstellte.

Die großen Augen erhoben sich verwundert fragend, und das Kind aus dem Musterforst, die so sehr stattlich gewordene Elfe lächelte:

»Wirklich? O aber es wäre mir sehr interessant, zu erfahren Wo und Wie. Ich bitte –«

Und sie machte mir Platz neben sich auf dem Diwan und lud mich mit der zierlichsten Fächerbewegung ein, mich zu setzen, was ich mit Vergnügen tat, während der Herr Hofrat sich im Kreise der Gesellschaft verlor, und uns, wie es schien auch nicht ungern, uns selber überließ.

»Wir taten einst einen wunderlich verhängnisvollen Gang zusammen, mein Fräulein,« sagte ich. »Ein guter Bekannter von uns beiden hatte mich dazu eingeladen und abgeholt, und so ging ich mit als Chorus tief in das Märchen hinein und sah das zuckerige Haus mitten im Zaubergarten. Ich hatte eigentlich nicht recht daran glauben wollen, aber ich überzeugte mich, daß alles so vorhanden war, wie die Geschichte und die Geschichten es uns berichten. Nichts fehlte! weder die Wände aus Honigkuchen, noch das Dach aus Eierkuchen, noch die Fensterscheiben aus Bonbontafeln. Und nun bin ich wieder über den Platz geschritten und habe leider gefunden, daß der Wind – der Wind, das himmlische Kind, sein Spiel während der letzten Jahre ein wenig arg getrieben hat; die Heerstraße führt mitten durch den Märchenwald, mein Fräulein, die Dekorationen haben sich merkwürdig verschoben, und wir alle haben mit daran rücken müssen.«

Das schöne Mädchen sah mich betroffen an und drückte den zusammengelegten Fächer an den Mund; dann aber faßte sie sich schnell genug und rief:

»Mein Gott ja, das ist ja aber auch wahr! Sie waren in der Tat dabei zugegen, als mir des Onkels Erbschaft übergeben wurde! Das waren freilich sonderbare Zustände, an die Sie mich da erinnern! Der Onkel Kunemund hatte mich in jenem schrecklichen Gasthause abgesetzt, um Sie zu seinem eigenen Troste herbeizuschaffen; und dann gingen Sie mit uns zu dem verwilderten Garten und dem unheimlichen alten Hause. Ei ja, ja, nicht wahr, das alles hat sich seltsam verändert? Dekorationen und Akteure sind andere geworden, und unter den letztern hab' auch ich mein Kostüm gewechselt; – finden Sie nicht?«

»Gewiß!« sagte ich, verbindlich mich neigend und überzeugte mich verstohlen von neuem, daß der Meister Autor vollkommen genau gesehen hatte, wenn oder als er das Nämliche gefunden hatte. Dann fuhr ich fort: »Ich war längere Jahre abwesend von dieser Stadt und habe meinerseits gleichfalls die Bilder im Guckkasten in bunter Folge wechseln gesehen. Überall verschiebt die Welt sich, mein teures Fräulein, und sonderbarerweise meistens ohne daß wir es bemerken; das Buch Hiob hat heute in dieser Beziehung in demselben Grade recht wie zur Zeit seiner Abfassung. Wie in den Tagen des Mannes von Uz geht der Herr vorbei, ohne daß wir es gewahr werden; aber manchem alten guten Bekannten bin ich seit meiner Rückkehr doch wieder nahe gekommen. Haben Sie in der letzten Zeit Nachrichten von unserm Freunde, dem Herrn Kunemund erhalten?«

»Nei–n, mein Herr,« sagte das Fräulein, und ich beobachtete dabei leider auch ein etwas mißmutiges Emporziehen der feinen runden Schultern, ließ mich jedoch selbstverständlich nicht dadurch irr machen, sondern fuhr heiter fort:

»Dann habe ich einigen Anspruch auf Ihre Dankbarkeit, indem ich Ihnen die neuesten mitteilen kann. Es geht dem braven Alten recht wohl; er führt sein Schnitzmesser so rüstig und kunstfertig wie vor Jahren und hat auch seine übrigen Künste in Wald, Garten und Feld durchaus noch nicht verlernt. Ich hatte die Ehre, ihn neulich auf dem Wege zu treffen, und er lud mich freundlich ein, ihn in seiner jetzigen Häuslichkeit zu besuchen. Zwei sehr angenehme Stunden habe ich in seiner Gesellschaft hingebracht; leider war es nur ein sehr unglücklicher Zufall, der mich mit ihm von neuem zusammenführte, nämlich jenes Eisenbahnunglück, das mich nur einen kurzen Augenblick auf der Reise aufhielt, das aber einem andern, jüngern guten Bekannten, ich meine den armen Steuermann, Herrn Karl Schaake, so teuer zu stehen kam –«

Jetzt fuhr die junge Dame im Ernst zusammen, wurde erst sehr bleich, dann sehr rot und rief:

»Mein Herr?«

»Ja, mein liebes Fräulein, auch ihn habe ich bereits einige Male besucht. Er leidet große Schmerzen, trägt sie mit leidlichem Humor und macht seine Umgebung um so trostloser, je vergnügter er sich stellt. Die Ärzte und Chirurgen sind noch immer nicht sicher, ob sie ihm seine unglückseligen Füße lassen dürfen oder nicht.«

Gertrude Tofote lehnte sich sehr bleich zurück; dann faßte sie heftig, auf einen kürzesten Augenblick, meine Hand:

»Was sagen Sie? . . . was ist? . . . o ich weiß gar nichts! . . . ich habe nichts von dem erfahren! . . . ich bitte Sie –«

»Ich habe auch die Bekanntschaft seiner Muhme oder Base gemacht. Ein kurioses Weibchen! ein wenig sehr taub; aber ein alt Jüngferchen wie aus dem Märchenbuch, – und noch dazu aus unserm Märchenbuch, mein teures Fräulein.«

»Jawohl, jawohl, ich bin – früher auch dann und wann mit ihr zusammengetroffen; – er hat den Fuß gebrochen? Karl hat den Fuß gebrochen?«

»Beide Füße! Sie wurden ihm arg verletzt infolge jener bedauernswerten Entgleisung, von welcher Ihnen die Zeitung gesagt haben wird; aber er trägt wirklich sein Elend wie ein braver Mann. Mit seinem Seefahren und sonstigen abenteuerlichen Liebhabereien wird es freilich unter allen Umständen zu Ende sein.«

»Und den Onkel Kunemund haben Sie auch gesehen?« rief die Elfe. »Ich habe ihn lange nicht gesehen. O sagen Sie mir –«

Es war mir augenblicklich unmöglich, weiter etwas zu sagen, denn wir wurden in unserer Unterhaltung unterbrochen und zwar auf die liebenswürdigste Weise von der Welt.

Eine schöne, durchaus nicht alte, eine stattliche, fröhlich lächelnde, dunkeläugige Dame in Dunkelblau und weißen Spitzen glitt durch die Wellen der Gesellschaft zu uns heran, in ihrem Fahrwasser einen jungen Herrn der Tochter des Försters Tofote zuführend. Der Herr war ein Jüngling von zwei-, fünf-, sechs-, oder siebenundzwanzig Jahren mit einem etwas knabenhaft rundlichen, sommersprossenübersäeten, gänzlich bartlosen und ganz gutmütigen Gesicht, runden mädchenhaften Schultern und einem Lächeln um den Mund, das, wenn es klar für die Güte des Herzens sprach, von den geistigen Fähigkeiten des jungen Mannes ein wenig undeutlicher redete. Nach einer letzthin bekannter gewordenen Theorie war er also unbedingt mehr der Sohn seines Vaters als seiner Mutter.

»Da bringe ich dir endlich meinen Vetter, Gertrude!« rief die schöne Dame. »Das ist Vollrad, und – sieh, Vollrad, das ist meine süße Hausgenossin. Ihr werdet Euch sicherlich zusammen vertragen? Nicht wahr, ihr versprecht mir das auf der Stelle? Denke dir, liebes Herz, er ist über mich gekommen, wie der Dieb in der Nacht, oder wie die Ameise – nein wie der gepanzerte Mann im Evangel– auch nicht, sondern in den fünf Büchern Moses. Vor einer Stunde ist er von Berlin angelangt; – ich lag, wie du weißt, mit meiner Migräne und meiner Journalmappe auf meinem Zimmer und hatte dich armes Lamm heut abend allein und schutzlos in die böse, schlimme Welt hineinfahren lassen, als er plötzlich vor mir stand. Du kennst mich, Gertrude, du weißt also auch, wie rasch mein Unwohlsein verflogen war, und hier sind wir, und das ist nun die Gertrud, Vollrad! und das ist mein Vetter Vollrad, liebe Gertrud; und wie gesagt, vertragen werdet ihr euch ja wohl – wenigstens solange, als es dem jungen Herrn hier in der Stadt zu gefallen belieben wird – nicht wahr?«

Ich hatte den Wortstrom dicht neben mir vorüberrauschen lassen; jetzt wurde mir auch noch das Vergnügen zu teil, der näheren Vorstellung zwischen den beiden jungen Leuten anwohnen zu dürfen. Darauf aber empfahl ich mich, und Gertrude Tofote sagte:

»Ach, wir haben uns eigentlich noch so vieles zu sagen! . . . und ich hätte so vieles zu fragen! Nun, wir sehen uns sicher noch häufiger in der Gesellschaft!«

»Ich hoffe das,« sprach ich und zog mich zurück mit einer höflichen Verbeugung. Auch die gnädige Frau grüßte und der Vetter gleichfalls. Im Zurückweichen sah ich noch, wie die schöne Dame sich gegen das junge Mädchen neigte, und nahm die Frage von ihren Lippen mit:

»Wer ist es denn, Gertrud? Der Herr kommt mir bekannt vor; aber ich kenne sehr viele Leute.«

Was mich anbetraf, so kannte ich auch sehr viele Leute: die schöne stattliche Dame war die Frau Christine von Wittum, die junge rasche Witwe eines in sehr reifen Jahren entschlafenen hohen Staatsbeamten, und Gertrud Tofote wohnte mit ihr unter ein und demselbigen Dache. Daß die gnädige Frau sich auch meiner aus früherer schönerer Zeit erinnern mußte, stand mir in unumstößlicher Gewißheit fest. Doch davon später. –

 


 

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