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Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten

Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten - Kapitel 15
Quellenangabe
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authorWilhelm Raabe
titleMeister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Fünfzehntes Kapitel.

Der Herr hatte natürlich auch die Zeitung mit dem Bericht des Eisenbahnunglücksfalls gelesen, irgend jemand hatte ihm auch mitgeteilt, daß einer der Beschädigten hier auf den Hof geschafft worden sei; allein zu wem und wohin, das wußte er nicht. So grüßten wir einander, und ich folgte dem einzigen Rate, den er mir zu geben hatte: ich trat in die nächste Tür (ein halbes Dutzend dergleichen führen von dem Hofe in die Gebäude) und ließ es auf das gute Glück ankommen, ob ich die richtige getroffen habe.

Eine enge, steinerne, im Laufe der Jahrhunderte von Hunderttausenden von Füßen ausgetretene Treppe führte mich, sich im Halbkreise drehend, in den Unterstock, im rechten Flügel der Hofgebäude, und zuerst in einen ziemlich breiten gewölbten Gang, der durch ein großes Bogenfenster im Westen erhellt wurde. Erhellt? eine Flut von Licht, von abendlichem Sonnenschein, strömte in dieses große Fenster und vergoldete das dunkelgraue Gemäuer in eigentümlich schöner Weise.

Eine dunkle Tür zur Linken lud zum Anpochen ein, und eine Männerstimme forderte einen Augenblick später zum Eintritt auf. Ich stand zweifelnd still auf der Schwelle in der Überraschung vor dem Bilde, das sich jetzt dem Auge bot.

Ich erzähle heute, nachdem alles, was mich damals innerlich mächtig erregte, durch die Jahre gesänftigt hinter mir liegt, und ich darf jetzt demnach wohl auch dem Äußerlichen sein Recht geben und Gefühl und Empfindung auf die Beschreibung folgen lassen.

Wieder vor allem andern ein tief in die Wand eingelassenes hohes Bogenfenster, und dieselbe Flut von Licht, jedoch hier noch wundervoller und magischer sich über das mittelalterliche Eichengetäfel des Gemaches ausbreitend! Grüne Zweige draußen vor dem Fenster – das Hausgerät eines alten Jüngferleins ringsum, doch ein Bett und darauf ein bärtiger Mann im Winkel! In der Fensterwölbung am Spinnrad eine alte Frau! . . . in dem Sonnenstrahl die merkwürdigste alte Frau mit dem merkwürdigsten weißen Haar, das ich je an einer alten Frau gesehen hatte!

Das war gleicherweise eine Fülle von Licht, – eine Fülle, die sich nicht bändigen ließ und an Schönheit wahrlich den blondesten, braunsten, schwärzesten Locken der Jugend nichts nachgab. Blaue klare Augen, wie sie nur zu diesem Silber paßten, leuchteten unter den noch immer dunkeln Brauen; – und dazu war das alte Zauberweible taub; es saß und spann und hielt die hellen, blauen Augen nur fest auf das Schmerzenslager gerichtet, auf welchem der starke, breitschultrige Mann, der Seefahrer und Abenteurer hülflos wie ein Kind lag. Von meinem Eintreten vernahm die Base des Steuermanns Karl Schaake nichts, sie folgte aber den Augen ihres Neffen und stand rasch auf von ihrem Spinnstuhle.

Auch der Verwundete richtete sich, soweit er durfte, empor, und er war es auch, der fragte: mit wem man die Ehre habe.

Glücklicherweise war das bald gesagt und erklärt, und aus dem verwundert-fragenden Blicke des armen Burschen wurde augenblicklich ein sehr erfreuter, und die fiebernde Hand, die er mir entgegenstreckte, griff fest die meinige und ließ sie fürs erste nicht los.

»O das ist schön! das ist brav!« rief der Steuermann Schaake. »Das ist das Beste, was mir in diesen nächsten Tagen zufallen konnte. Nehmen Sie es nicht, als ob ich Ihnen mit einem dummen Schiffsagenten-Komplimente aufzuwarten gedächte; aber Sie, Herr von Schmidt, hatte ich vor allen andern Menschen nötig.«

Ich sagte dem Armen einige triviale Trostesworte, auf die er natürlich wenig Achtung gab. Dagegen aber winkte er das alte Weiblein, das bis jetzt auf das, was wir gegenseitig vorgebracht hatten, mit der Hand hinter dem Ohre gehorcht hatte, eifrig-hastig heran und ließ es näher zu seinem Bett hintreten. Und als sie sich über ihn hingebeugt hatte, um ganz genau zu vernehmen, brüllte er ihr zu:

»Du, das ist der Herr, von dem ich dir gesagt habe. Das ist der Mann, den wir jetzt so sehr gut gebrauchen können. Siehst du, alte Mutter, ich hab's dir doch gleich durchs Sprachrohr deutlich gemacht, daß du dir deine ungemütliche Jammerei zu drei Vierteln hättest sparen können. He, hab' ich nicht immer Glück gehabt zu Wasser und zu Lande?«

»Das weiß der liebe Gott!« seufzte das weiße Weibchen, beide Hände flach erhebend und wieder senkend.

»Dem ist es auch niemals eingefallen, von einem Salzfisch, einem Seehahn oder einer Seeschwalbe zu verlangen, daß sie ein Nest unter einen Dachrand hängen und ihren Laich an eine Hauswand absetzen. War es etwa seine Schuld, als der Esel aufs Eis und der Steuermann Karl Schaake auf die Eisenbahn ging? Glück muß man haben, Tante Schaake, und daß ich Glück habe, das kannst du hier wieder sehen. Tausend andere hätten hier liegen können, bis sie reif gewesen wären für des Kapitäns Gesangbuch, das Brett und die Kugel am Fuß; ich aber habe mich kaum gemütlich in der Blockade eingerichtet, so signalisiert auch das Fort San Salvador schon: Schiff in Sicht – man of war – sechsundneunzig Kanonen; die Tür geht auf, und Sennora Fortuna steckt den Kopf herein und fragt vergnügt: Befehlen Sie sonst noch was, Maat?!«

Obgleich ich in diesem Moment durchaus nicht wußte, wie gerade ich dem Seemann so außerordentlich erwünscht kommen und nützlich werden könne, so freute mich doch die Freude des armen Teufels über meinen Besuch sehr, und ich sagte ihm das auch so eindringlich als möglich.

Dann gab ich der Alten die Hand, und wir verstanden uns bald recht gut; sie war sehr freundlich und gut, und je länger man sie offen oder verstohlen ansah, desto weißer wurden ihre Haare und desto blauer und klarer ihre alten Augen.

»Er ist recht schlimm mitgenommen,« sagte sie betrübt. »Die Doktoren und Wundärzte haben die Köpfe geschüttelt, und, Herr, glauben Sie ihm nur nicht, wenn er Sie anlacht: er beißt sich doch die Lippen blutig vor Schmerzen. O daß der liebe Gott uns das auch noch hat schicken müssen!«

Daß die Greisin recht hatte, sah ich wohl. Der Verstümmelte litt die furchtbarsten Qualen; er lag auch im heftigsten Fieber, und es war ein Fieberlachen, mit welchem er rief:

»Schicken müssen? Damn! Wenn der betrunkene Kapitän die Rahen nicht in die Piek setzt, sondern absolut mit vollen Segeln in den Hafen laufen muß, – wer, zum Teufel, will ihn abhalten, seinen Willen zu haben? O, die Base ist ein guter Hafenmeister und weiß in dem entstehenden Lärm ihr Wort zu sprechen.«

»Lieber Herr,« sagte die Base Schaake, mich leicht mit dem Ellbogen berührend. »Sie müssen ihm seine Reden zugute halten; er hat mich von jeher seinen alten Hafenmeister genannt und ist eben sein ganzes Leben durch zu weit weg gewesen. Und dann sind wir auch von Natur ein Paar unbeholfene Leute; und es freut mich so sehr, wenn das Kind meint, an dem Herrn den Richtigen gefunden zu haben.«

Das bärtige breitschultrige Kind auf dem Marterbette verzog wieder mitten in seinen Schmerzen den Mund zu einem behaglichen Lachen:

»Den Richtigen? Höre, Alte, so gut solltest du mich doch kennen, um mir unbesehen zu glauben, daß ich mein Notfeuer nicht anzünden werde, wenn da eine verdammte malayische Seeräuber-Proa um die Insel kreuzt! Natürlich ist das der Richtige! . . . und Ihr, Herr, stoßt Euch nur ja nicht an ihre dumme Art; denn daß je eine Henne es mit ihrem Küken besser im Sinne gehabt habe, als sie mit mir, das glaube ich erstens nicht, und zweitens weiß ich das Gegenteil ganz genau.«

Was mich anbetraf, so hatte ich mich selten so schnell in einem Haushalt orientiert, wie in diesem hier. –

 


 

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