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Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten

Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten - Kapitel 14
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authorWilhelm Raabe
titleMeister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Vierzehntes Kapitel.

Das Hindernis war aus dem Wege geräumt, die Bahn wieder frei. Ich lehnte mit dem letzten schwerwichtigen Worte meines alten Freundes wieder in meiner Wagenecke, und hatte Zeit, darüber nachzusinnen.

Das letzte Wort war es eigentlich nicht gewesen, denn wir hatten nach ihm noch manch ein anderes durch eine gute Stunde geplaudert. Das allerletzte Wort an diesem Tage, zwischen mir und dem Meister Autor Kunemund, war gewesen:

»Besuchen Sie doch ja das Trudchen in der Stadt; sie wird sich sehr freuen, und Sie werden ganz gewiß auch Ihr Gefallen an ihr finden. Nehmen Sie es mir nicht übel, lieber Herr; aber da ich Sie als einen ganz studierten, klugen, und geschickten Menschen kennen gelernt habe, so weiß ich auch ganz sicher, daß Sie das, was eben der Welt Lauf in diesen jetzigen jungen Tagen ist, besser verstehen als ich. Dummes, ungewaschenes Zeug möchte ich Ihnen nicht aufreden; also – leben Sie recht wohl: wir treffen einander gewißlich noch einmal wieder; – und, lieber Herr, vergessen Sie es ja nicht, grüßen Sie mein Trudchen recht schön und eindringlich von mir!«

Und die Bahn war frei. Wir schnoben an der Unglücksstelle vorüber und sahen auf der Station den Schuppen, in welchem die zwei blutigen Leichen auf dem blutigen Stroh lagen. Wir rasselten weiter durch den holden Abend, und jetzt schon war für alle, die sich auf dem Zuge befanden, das traurige Ereignis zu einer überwundenen Verdrießlichkeit geworden, zu einem Thema, über das sich schon jetzt angenehm reden und behaglich lügen ließ. Ich ließ das also schwatzen und renommieren und saß, in meinem Verdruß immer noch festgehalten, melancholisch in meiner Ecke, sah die grüne Landschaft hingleiten und bewegte mein eigenes Privaterlebnis, nachdenklich es hin und herwendend, im Geist. Daß ich etwas Klügeres hätte tun können, war gewiß; möglich war's mir aber eben doch nicht.

»Was auch mit dieser hübschen Gertrud Tofote vorgegangen sein mag,« sagte ich mir, »und wie auch der Alte vor uns unberufenen Alltagsmenschen sich anstellen mag, seinen Beruf hält er fest! Er tut nur so, der getreue Knecht Eckart, als ob die Welt nicht mehr auf ihn zu rechnen habe. Sieh, nach seiner Schnitzbank habe ich ihn gar nicht einmal gefragt; – zum Teufel auch, wer weiß, in welchen dunkeln Winkel er sie für den Augenblick geschoben hat? Und das alte Erbmesser gibt er nicht her, da kenne ich ihn; aber auf das Fräulein und ihren Zaubergarten bin ich doch neugierig. Eine Visitenkarte werde ich jedenfalls dort abgeben.«

So kam ich denn im Verlaufe des Sommerabends und nach dem Verlauf der Jahre der Abwesenheit wieder an in der Heimat, fand meinen Weg ins Hotel und ins Bett und las am andern Morgen beim Frühstück in der Zeitung ausführlich, und mit allen Einzelheiten beschrieben, was ich selber mit erlebt hatte, ohne doch dabei zugegen gewesen zu sein. Und es ward mir, als ob plötzlich jemand sich mir über die Schulter beuge und mit unsichtbarem Finger auf das interessanteste Wort in dem langen Berichte deute.

»Es ist nicht möglich!« rief ich.

»Doch wohl!« sagte das Ding hinter mir. »Wir machen das häufig so.«

Der entgleiste Zug hatte mehr Opfer gefordert, als wir, die wir ihm nachfuhren, zuerst erfahren hatten. Eine lange Reihe entsetzlicher Verwundungen war vorgefallen; Verstümmelungen waren geschehen, in Hinsicht auf welche die beiden ruhigen Toten leicht davon gekommen waren. Und in der traurigen Liste der Beschädigten wurde ein Mann aufgeführt, der im Verlauf meines Gesprächs mit dem Meister Autor Kunemund mehrfach genannt worden war:

Steuermann Karl Schaake – beide Füße doppelt gebrochen!

Ich legte das Blatt leise auf den Tisch, und ging eine Viertelstunde lang im Zimmer auf und ab. Grade so lange Zeit dauerte es, ehe ich mit mir im reinen darüber war, ob ich mich wirklich noch weiter (meine eigenen Angelegenheiten im Auge behaltend) auf diese unbehaglichen, ungemütlichen Angelegenheiten fremder Leute einzulassen habe, und was zu tun und zu lassen sei, im Falle die Antwort bejahend ausfalle.

Nach einer Viertelstunde war ich im reinen, das heißt, ich hatte Hut und Stock ergriffen und befand mich auf dem Wege zur Eisenbahndirektion.

»Der Alte liest sicherlich keine Zeitung,« sagte ich mir. »Der Seefahrer wird ihm ebenso sicher keine Nachricht über sein Befinden schriftlich geben, sondern sie ihm lieber persönlich, auf seine zwei Krücken gestützt, bringen. Es ist meine Pflicht, mich genauer nach den Umständen zu erkundigen; – dummes Zeug – Pflicht! es ist etwas anderes, und der Herr Forstsekretär von Müller, der uns damals den Vergnügungsstreifzug in den Elm so vergnüglich vorzuspiegeln wußte und uns richtig in seinen Musterforst hineinlockte, ist schuld daran, – meines Vaters Sohn, wie der Meister Autor sagen würde, wahrhaftig nicht!« –

Die »betreffende Behörde« war ungemein höflich und zu jeglicher Auskunft gern bereit. Die Bahnverwaltung traf nicht die mindeste Schuld an dem beklagenswerten Ereignis. Übrigens befand sich bereits alles wieder in der trefflichsten, wünschenswertesten Ordnung und für sämtliche Beteiligte und leider auch Benachteiligte war in komfortabelster Weise Sorge getragen. Die Toten waren natürlich an Ort und Stelle geblieben, ebenso die meisten der schwerer Verwundeten. Nur zwei oder drei der letztern hatten es vorgezogen, mit den leichter Beschädigten nach der Stadt transportiert zu werden, und sie waren natürlich nach ihrem Willen mit einem Extrazuge hin befördert worden. Zu beklagen hatte die maßgebende Stelle sich eigentlich nur über ein Individuum; aber über dieses auch sehr! Ein unglücklicherweise auch körperlich verletzter Seemann war sehr ungebärdig gewesen und hatte sich sogar, wie man nicht anders sagen konnte, unverschämt betragen, obgleich man ihm wie allen übrigen mit der höchsten Menschenliebe, Opferfreudigkeit usw. entgegengekommen war. Er war der einzige gewesen, sagte man mir, der sich trotz seinem beklagenswerten Zustande der gröblichsten Schimpferei nicht habe enthalten können. Auch er befand sich am hiesigen Orte. Man habe – teilte man mir mit – ihn so vorsichtig als möglich, unter chirurgischer Begleitung an die von ihm angegebene Adresse abgeliefert, und da liege er, erwarte seine Heilung und werde wahrscheinlicherweise von dort aus auch seine Entschädigungsklage gegen die Bahnverwaltung einleiten.

Ich nahm alle diese Erklärungen des höflichen Beamten ebenso freundlich hin, wie sie mir gegeben wurden, und bat nur auch noch um nähere Angabe jener Adresse des eben, das heißt zuletzt erwähnten unangenehmen Gesellen und unhöflichen Matrosen. Ich erhielt dieselbige in etwas kühlerer und formellerer Weise als die früheren Referenzen und ging mit ihr, nachdem ein Unterbeamter sie selber erst wieder mit einiger Mühe in Erfahrung gebracht hatte. Am Nachmittag machte ich mich von neuem auf den Weg und fand richtig meinen guten Bekannten aus der Erbschaft Mynheers van Kunemund wieder; nur leider in den betrübtesten Zuständen.

Die alte Stadt besitzt innerhalb der Umflutungsgräben ihrer jetzt zu recht anmutigen Spaziergängen eingerichteten Wälle und Bastionen mancherlei kuriose Winkel, dunkle Sackgassen, finstere Höfe und Torbogen; und das Mittelalter schielt einen hier grimmig, dort drollig, doch immer überquer aus mancher Ecke, von manchem Gesims, Balkenkopf, Giebel und Erker an. Holzstecher, und Steinmetzarbeit der Vorväter hat den neuern Jahrhunderten, d. h. den geschmackvollen Leuten drin, gar nicht gefallen, aber sich um so tapferer gegen Axt, Spitzhaue, Hammer, Maurerkelle und Tüncherpinsel gewehrt. Wer da als Liebhaber oder Kenner auf die Suche geht, kann noch allerlei finden. Was besonders jene, eben erwähnten, in die Häusermassen eingekeilten Höfe anbetrifft, so ist das in Wahrheit ein schier noch unaufgeschlossenes Reich der Wunder für den Kenner und Liebhaber.

In überraschender Weise sollte ich das an dem heutigen Tage von neuem erfahren. Ich glaubte, die Splanchnologie der Stadt bis in die feinsten Verästelungen studiert zu haben, und ich fand, wie so häufig, daß ich mich wieder einmal gründlich geirrt hatte. Innerhalb einer der hundert eingeweideartig ineinandergeschlungenen und gewundenen Gassen der Stadt fand ich mich vor einem schwarzen, verwitterten und weiter verwitternden Torbogen, der bis dahin für mich durchaus noch nicht dagewesen war, und den ich also um so verwunderter betrachtete. Das war noch Renaissance, aber die Wölbung durchschreitend, fand ich mich nicht im neunzehnten, nicht im sechzehnten, sondern im vollsten, unverfälschten fünfzehnten Säkulo und stand von neuem still in begreiflichem Erstaunen.

Alterschwarzer Holz- und Ziegelbau im unregelmäßigen Viereck um mich her! Und welch ein Holzbau!

Da liefen sie, die Wände entlang, übereinander, nebeneinander hin, die Wunderwerke mittelalterlicher Zimmermannsarbeit in Ernst und Humor und warteten geduldig auf den Photographierapparat, und der grüne Baum neben dem sehr modernen durch die allermodernste Dampfkraftwasserkunst gespeisten Brunnen wartete mit ihnen. Ob das mannigfache Volk, welches diesen Hof bewohnte, eine Ahnung davon hatte, wie überraschend malerisch und kulturhistorisch interessant es behauset war, kann ich nicht sagen: die Kinder, die um den Brunnen und den Baum herum krochen und hüpften und den Schutt der Jahrhunderte zu ihrem ewigen Spiel verwendeten, wußten es jedenfalls nicht. Aber es war ein kluges, gewitzigtes Geschlecht, welches auf alle nötigen Fragen, die man an es zu stellen hatte, die nötige Auskunft geben konnte, wenn es wollte. Leider wollte es aber diesmal nicht. Es zeigte grinsend die Zähne, lachte und ließ mich ohne Antwort stehen; ich hatte mich nach einem erwachsenen Menschen der Generation umzusehen und fand ihn glücklicherweise auch.

In einem Winkel des Hofes stand ein Herr mit einem Notizbuch in der Hand, an einer Visierstange hinäugelnd. An ihn wendete ich mich nunmehr mit einer Frage nach dem Steuermann Schaake, und er nickte mir zu:

»Im Augenblick, mein Herr!«

Es würde sehr unrecht gewesen sein, ihn in seinen sicherlich für das allgemeine Wohl und Beste unternommenen Berechnungen aufzuhalten und zu hindern. Ich wartete geduldig, und er setzte sein Geschäft fort, seine Aufmerksamkeit zwischen seinen Instrumenten, seiner Brieftasche und seinen fernab mit der Meßkette beschäftigten Untergebenen teilend; und hoch war es anzuerkennen, daß er trotz alledem doch noch einige Worte der Erläuterung für mich übrig hatte.

»Es hat uns noch keine Nivellierung so viele Mühe verursacht als diese hier,« sagte er, »aber dafür wird auch keine der neuprojektierten Straßenanlagen die Stadtbevölkerung in ihrer Vollendung so sehr überraschen und erfreuen wie diese. Den Kanal hinter den wackligen Mauern füllen wir natürlich aus, da haben wir dann noch die Rudera einer alten Stiftung, die müssen selbstverständlich weg. Die alten Damen verlegen wir vor das Tor in eine gesunde, wahrhaft idyllische Gegend, und so kommen wir hier aus dem Mittelpunkte der Stadt in gradester Linie zum Bahnhofe, – ohne daß zu dieser Stunde ein Mensch in diesem hier umliegenden Gerümpel irgendeine Ahnung davon hat. Es ist wundervoll!«

»Das ist es!« rief ich mit höchstem Enthusiasmus. »O ihr gütigen Götter!«

»Und es ist nicht allein ein Wunder der kaufmännischen Spekulation, sondern es wird auch ein Wunder der modernen Architekturwissenschaften,« rief mein freundlicher Auskunftgeber, den meine Begeisterung nun noch über die eigene emporriß. »Sie glauben es gar nicht, was alles wir uns hier vorgenommen haben!«

»O doch!« stöhnte ich aus tiefster Brust. »Ich kann es mir in größter Deutlichkeit vorstellen. Also wirklich, von dem, was wir jetzt hier um uns sehen, bleibt nichts aufrecht?«

»Nichts!« sprach mit entflammtem Nachdruck mein entzückter, begeisterter Baukünstler. »Haben sie doch jetzt angefangen, Nürnberg abzutragen, also sehe ich nicht im mindesten ein, weshalb wir grade diesen wohlkonservierten Ruinen gegenüber mit größerer Schonung vorgehen sollten.«

Hierauf ließ sich freilich nichts erwidern, und so wartete ich denn schweigend, bis die letzten auf die Zukunftsstraße bezüglichen Zahlen und sonstigen Erinnerungszeichen in das Notizbuch eingetragen worden waren. Auch das kam zu einem Ende, wie alles auf Erden, und ich durfte meine ersten Bitten um Auskunft über den Steuermann Schaake von neuem aussprechen.

 


 

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