Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Raabe >

Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten

Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/raabe/meistaut/meistaut.xml
typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleMeister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090317
modified20181018
projectid403d6cf0
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel.

Wir saßen beieinander am Rain, im Schatten und doch in der Sonne. Der Thymian roch noch immer sehr gut, die Grille sang, die Lerche sang und das Ährenfeld sang auch, und zu allem andern ließ sich jetzt auch noch eine Wachtel aus dem Weizen vernehmen; aber der alte Zauberer sagte trüblich:

»Also erstens, ich wohne nicht mehr im Walde!«

»Was, Sie wohnen nicht mehr im Walde?«

Er schüttelte den Kopf:

»Nein. Und der Arend auch nicht mehr, und die Alte desgleichen. Ein neuer Förster sitzt an unserer Stelle, und die Forstbehörde hat ihm das Haus restauriert; das heißt, als man auf sein Geschrei anhub, es ihm zu erneuern, ging es natürlich ganz aus den Fugen, und so hat man ihm ein ganz neues hinsetzen müssen. O das ist wunderschön, sie nennen es gotisch und haben lange drauf studiert, bis sie die Form herausgebracht haben, sagt man, aber jetzo haben sie sie heraus, und nun geht sie ihnen leicht genug ab an jeglicher Stelle, wo man ihnen den Platz dazu anweist. Ja Herr, was Sie damals von und an uns kannten, das ist alles nicht mehr vorhanden. Alles zerstreut – verkauft – ins Blaue gejagt! Ich auch; aber ich bin gottlob auch der einzige, der es noch nicht verwunden hat. Danke Herr, den andern geht es recht wohl.«

»Meister, Meister?! . . . Meister, was ist das? Seine Freunde soll man nicht durch unnütze Reden quälen. Laßt mich alles hören und so schnell als möglich! Wie geht es dem Förster? Was ist aus Fräulein Gertrud geworden?«

»O, der geht es sehr, sehr gut. Danke schön!« sagte der Alte den Kopf womöglich noch tiefer auf die Brust herabsinken lassend.

»Gottlob! Und ihr Vater wird bei ihr wohnen, und die Alte gleichfalls – was jagt Ihr einem für einen unnötigen Schrecken ein! – Sie alter Sünder werden nur hier Ihren eigenen schnurrigen Willen für sich allein weiter haben wollen, und in melancholischen Augenblicken wie zum Exempel jetzt haben Sie dann freilich alle Zelt, sich über sich selber zu ärgern.«

Der Greis schüttelte wiederum den Kopf, aber diesmal lachte er dazu; wahrlich er lachte und zwar ganz behaglich, als er mir entgegnete:

»Ganz so wie Sie es sich vorstellen, ist die Geschichte doch nicht, lieber Herr. Der Arend Tofote hat freilich bei unserem Kinde sein Quartier genommen, aber ausgehalten hat er das nicht lange. Zuletzt wollte er seinen schnurrigen Willen auch allein haben, und so hat er sich denn begraben lassen, und zwar als er auf Besuch bei mir da im Dorfe war. Dort drüben jenseits des Weges auf dem Kirchhof im Felde liegt er; und die Alte ist zu ihrer Vetterschaft hinter dem Walde gezogen; ich hingegen, lieber Herr, wissen Sie, spiele hier den Maulwurf auf der Schaufel; aber Vergnügen macht es mir gerade nicht. Nur wer jemals selber den Maulwurf auf der Schaufel hat spielen müssen, kann darüber nachsagen oder nur ein Wort mitreden.«

»Wahrlich!« rief ich mit heftigstem Nachdruck aus der Mitte meines Schreckens heraus; aber ich sagte weiter nichts, denn ich hatte nun allmählich wohl merken müssen, daß hier mit einiger Vorsicht aufzutreten sei. Ich unterbrach also das Schweigen, in welches der Meister Autor versunken war, nicht; sondern ich ließ ihn seinen eigenen Weg durch seine Erlebnisse gehen, in der festen Gewißheit, daß er mich baldigst auffordern werde, ihm auf demselben zu folgen. Und so geschah es auch. –

Der Himmel war blau über uns, freudig-lockend das ferne Gebirge, grün der nähere Elmwald. Die Schmetterlinge umflatterten uns, die roten und blauen Blumen am Rande des Kornfeldes nickten uns lieblich zu, im Dornbusch und im Fliederbusch war's lebendig und kroch und summte es, und die Lerchen und die Wachtel wollten auch nicht still werden. Die Welt war sehr schön, selbst an dieser eigentlich ziemlich unschönen und ganz und gar nicht romantischen Stelle; aber ein schauerlich Grauen ob der Gewißheit, daß mir von neuem einmal gezeigt werde, daß sie ebenso häßlich als schön sei, durchfröstelte und überkroch mich. Notwendig erschien mir das neue argumentum ad hominem grade nicht, und ich würde mit Vergnügen Verzicht darauf geleistet haben.

Nachdem der Alte lange genug geschwiegen hatte, sah er auf und sagte mit einem letzten Blick auf den bewegungslosen Bahnzug:

»Ich hatte mir vorgestellt, daß man da vielleicht eine Handreichung brauchen könne, wenn dem aber nicht so ist, so meine ich, wir gehen weiter, lieber Herr; und, Herr Bergrat, da ich Sie doch einmal wieder zu meinem großen Vergnügen so unvermutet getroffen habe, so habe ich jetzo auch eine Bitte an Sie. Kommen Sie auf ein Viertelstündchen in meine Stube! Sehen Sie es sich einmal an, wo ich untergeschlüpft bin! Sie tun ein gutes Werk an einem nichtsnutzigen, überflüssigen Gesellen, der noch nie in der Welt sich zurechtfinden konnte, und der jetzt ganz an den Nagel gehängt ist, wie ein Junggesellen-Bratenrock, in den, statt des jungen Nachwuchses, die Motten kamen. Ja ihr, die ihr euch da umtreibt (er wies auf die glitzernden Eisenschienen, die sich durch die Landschaft zogen), ihr, die ihr alles, was euch passiert, von einem Tage zum andern zu nehmen wißt, ihr könnt euch freilich nicht in unser Gemüte hineinversetzen.«

»Herr Kunemund,« sagte ich, »wann fehlen der Leiter, die in einen Brunnen hinunterreichen soll, nicht einige Sprossen?«

Ich hätte mich eines philosophischern Ausdrucks bedienen können, ich hätte mich höchst schulgerecht ausdrücken können; aber da mich der Meister verstand, so war's nicht vonnöten; und zu allem Übrigen war die Redensart auch ganz und gar sein Eigentum und nicht das meinige. Er klopfte mich freundlich auf die Schulter, und wir standen auf aus dem Gras, Moos und Thymian.

Das schwere, mühselige Sichemporheben des Alters bekümmerte mich bei dem greisen Freunde jetzt ebenfalls noch; ich half ihm höflich, und wir gingen dem Dorfe zu, ohne auf dem Wege noch ein Weiteres miteinander zu reden. –

Im Dorfe herrschte noch immer eine gewisse, ganz kuriose großstädtische Bewegung. Wie ein Schwarm Stare in ein Röhricht fällt, so hatte sich das sozusagen allgemein europäische Publikum von dem aufgehaltenen Schnellzuge auf das erstaunte winzige Gemeinwesen niedergeschlagen, und allerlei Volk, das durchaus nicht dahin gehörte, erfüllte die Gasse. Die Dorfleute sahen mit den allergrößesten Augen in das so plötzlich über sie hereingebrochene Wesen und Treiben hinein, und die höflicheren Bauern und Bäuerinnen hatten auch wohl schon einige Stühle und Bänke für die unvermuteten Gäste in den Schatten ihrer Gras- und Baumgärten hinausgeschafft und den Besuch zum Hinsetzen eingeladen. Über die Schenke, den Dorfkrug, hatte sich ein bunter Haufen ohne Unterschied des Standes und der Wagenklasse hingestürzt, um das vorhandene Getränk zu vertilgen und über es und die armselige Kneipe herzhaft und unglimpflich loszuziehen. Es war eine närrische Bewegung, und als wir hineintraten, machte auch der Meister Kunemund große Augen; aber nicht lange.

Der Meister führte mich, nachdem er sich vergewissert hatte, wie die Sachen standen, ohne weiter nach rechts und links zu sehen, die Dorfgasse entlang. Und so kamen wir denn, ohne aufgehalten zu werden, zu seiner Wohnung am entgegengesetzten Ende der Gemeinde, einer ärmlichen Hütte, zu der man über einen Steg, der über ein mit saftigem Grün bewachsenes, fußbreit hinrieselndes Wässerchen führte, gelangte. Eine armselige Hütte, doch von Bäumen und Hecken umgeben, also zu dieser Jahreszeit gar nicht übel in die Welt hineingebaut, ja ganz behaglich und idyllisch in dieselbe hingelegt. –

»Da lebe ich denn wieder und bin zurückgekommen dahin, woher ich kam,« sagte Herr Kunemund. »Da hinter dem Fenster stand meines Vaters Webstuhl; die Bank hier vor dem Fenster hat er noch meiner Mutter aus Feldsteinen aufgeschichtet. Da sind wir beide geboren, ich und mein kleiner Bruder; daß der Tofote, der Arend, drin sterben mußte, ist viel merkwürdiger, als daß ich darin meine letzte Stunde in Geduld abzuwarten habe. Was sagen Sie, Herr? Vorhin hatten Sie große Lust, mich einen armen Tropf und Teufel zu nennen. Haben Sie noch Lust dazu? Nicht wahr, ich habe mein Maß doch noch um vieles besser als viele Leute auf der Erde zugemessen erhalten? Es stirbt nicht jeder in seinem Vaterhause.«

»Was das anbetrifft, so haben Sie es freilich gar nicht so übel getroffen!« erwiderte ich, mit vollstem, innigstem Ernste auf den Ton des Greises eingehend. Er aber nickte wieder, und diesmal nickte er ganz behaglich dazu. Nachher lud er mich durch eine, fast zierlich zu nennende Handbewegung ein, den ausgetretenen Steg mit dem vermorschten Astloch in der Mitten, und die Schwelle seines Hauses zu überschreiten. Er ging mir voran, ihm folgte der alte Dachs, und dem Dachs folgte ich, und jetzt, in diesem Moment, senkten sich mir die Gegensätze des am heutigen Tage Erlebten von neuem scharf in die Seele.

Auf die lange heiße schnelle Fahrt durch das neunzehnte Jahrhundert der unvermutete Stillestand und der jähe Schrecken! Mitten im wirbelndsten Leben die aufdringliche Kunde von den Trümmern und dem Tode da vorn auf der anscheinend so glatten Bahn! Dann die stillen, erstaunten Minuten in der Einsamkeit des Feldes, am duftig-begrünten Hang des Hohlweges – die weite Aussicht in die lachende, beweglich-unbewegte Ferne! Und nun?

Nun das – das, was immer bei allem Getümmel und Getöse der armen Welt doch zur Seite – da hinter dem Hügelzug – hinter dem Walde, hinter der Mauer des kleinen Gartens – hinter den Fenstern des Hauses, an welchem wir vorüber fliegen – hinter dem Gewühl in der eigenen Brust sich weiter, weiter spinnt, immerfort sich weiter spinnt: das große, offenkundige Geheimnis! Ja das, was Hunderttausende von Meilen ferne von uns liegt, und in welches uns doch ein Schritt hineinführt! das Aller-Welt-Weisheit-Volle – das, was hinter allen Dingen liegt, die uns im Augenblick größer als es dünken, meine Herrschaften: die Stille des Vegetierens, die Stille des Urgrundes – der ungekräuselte, dunkele, schrecklich-schöne Spiegel, durch den aller Aufruhr in uns, meine Herren und Damen, und außer uns, meine Herren und Damen, doch nur wie Bild an Bild nichtsbedeutender Zufälligkeit fließt! – – –

Ich nahm den Hut ab auf dieser Schwelle; denn der Meister Autor hatte mich gewarnt: »Stoßen Sie sich nicht an den Kopf!«, und nur selten war die rege, durcheinanderwimmelnde Welt, soweit sie mich anging, so ganz und vollkommen zu Nichts geworden, hinter mir versunken, wie jetzt bei diesem Eintritt in das Haus des Meisters Autor Kunemund.

 


 

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.