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Gutenberg > Emanuel Geibel >

Meister Andrea

Emanuel Geibel: Meister Andrea - Kapitel 2
Quellenangabe
typecomedy
authorEmanuel Geibel
editorDr. R. Schacht
firstpub1855
year1915
publisherHesse u. Becker
addressLeipzig
titleMeister Andrea
pages613-662
created20070329
sendergerd.bouillon
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Erster Aufzug.

Eine Straße zu Florenz. Im Hintergrunde stattliche Gebäude, ein Brunnen, Bäume. Links vom Zuschauer breit vorspringend Andreas Haus, an demselben ein Altan, zu welchem von innen eine Glastüre führt; rechts zur Seite der Bogen eines Stadttores mit der Bildsäule Sankt Peters.

Erster Auftritt.

Es kommen Pandolfo und Matteo, letzterer reisefertig und mit Noten bepackt. Beim Aufgehen des Vorhangs hört man es sechs schlagen.

Matteo. Sechs Uhr! Da schlägt es. Wo bleibt nur das Maultier, das ich hieher ans Tor bestellte? Mir ist wie dem Kriegsmann vor der Schlacht; der Boden brennt mir unter den Füßen.

Pandolfo. Geduld! Geduld! Was hast du zu versäumen, da das Musenfest in Prato erst morgen in der Frühe beginnt? Du kommst noch immer zeitig genug, um zu siegen.

Matteo. Sprich nicht so zuversichtlich! Und doch hoff' ich mit dir. Sie ist in der Tat trefflich gearbeitet, meine Kantate hier. Dazu der prächtige Stoff: König Nebukadnezar! Zuerst der Sturz von Babylon, nichts als Posaunen, Pauken und Kriegsdrommeten; und dann wieder das Grasen des entsetzlichen Tyrannen, das ich mit obligaten Hoboen pastorale behandelt habe. Gewiß, das ist neu, das überrascht, das muß wirken.

Pandolfo. Ich zweifle nicht. Aber du nanntest vorhin Calandrino und sprachst von einem Auftrage.

Matteo. Richtig! Er hat eine Verschreibung von mir in Händen, die heute fällig wird. Nimm hier die fünfzig Zechinen und bring die Sache sobald als möglich in Ordnung. (Gibt Pandolfo eine Börse.)

Pandolfo. Sie soll noch heut' erledigt werden. Ich treffe den Kupferstecher ohnehin diesen Abend bei Andrea, der uns mit andern Freunden auf einen wilden Schweinskopf und ein Dutzend Flaschen Orvieto eingeladen hat.

Matteo. Wieder in Saus und Braus! Nun, wohl bekomm's. Wer ist denn der Andrea, der euch solche Gastereien gibt?

Pandolfo. Ei, der dicke Bildschnitzer da drüben, der seltsame Hypochonder. Kennst du ihn nicht? Dir wird er freilich geflissentlich aus dem Wege gegangen sein. Denn er verabscheut die Musik, als wäre sie eine Erfindung des Bösen. Aber den Wein liebt er und trinkt er, und zwar allezeit den besten, der zu finden ist. Darum wird ihm auch keiner seiner Gäste ausbleiben, am wenigsten Calandrino, für den die Rundung einer bauchigen Korbflasche mehr Bezauberndes hat als der schlanke Wuchs von hundert Aphroditen.

Matteo. Wohl, so mag denn der Wein bei dem Schuldgeschäft Gevatter stehn. – Aber nun noch eins, Pandolfo. Gib mir acht auf Malgheriten.

Pandolfo. Was soll's mit ihr? Wir haben sie ja eingeschlossen.

Matteo. Als ob's mit dem Einschließen allein getan wäre! Nein, bleib mir wenigstens morgen fein im Hause, damit kein Unheil geschieht. Ich kenne die Weiber. Mögen sie sich noch so taubenfromm gebärden, die Unruhe sitzt ihnen allen im Leibe, und zumal, wenn sie sechzehn Jahre alt sind wie Malgherita. Da ist kein Fenster zu hoch, keine Türspalte zu eng, sie machen eine Heerstraße daraus, um verliebten Handel anzuknüpfen. Und nicht etwa mit irgendeinem würdigen Manne, sondern mit dem ersten besten Hasenfuß, welcher Maulaffen und Empfindungen feil hat und Seufzer in den Kauf gibt.

Pandolfo. Das ist der Lauf der Welt.

Matteo. So? Dann ist's auch der Lauf der Welt, daß uns die Nägel lang wachsen wie den Chinesen. Aber ein vernünftiger Mann beschneidet sie. Und kurz und gut, ich will das nicht, daß Malgherita sich verheiratet.

Pandolfo. Aber –

Matteo. Keine Einwendungen! Singt mir das Mädel das dreifach gestrichene G bis in den Himmel hinauf. Alle Sopranstimmen in ganz Florenz sind neben der ihrigen nur Gänsegeschnatter, und ich bin fest überzeugt, daß unser Herrgott in dem Frühling, wo sie geboren ward, hundert Nachtigallen weniger schuf als gewöhnlich, um die ganze übriggebliebene Tonmasse ihr in die Kehle zu gießen. Ich hab' dir's hundertmal gesagt. Was soll ich anfangen, wenn sie mir meine Kompositionen nicht mehr singt! Ich bin ein geschlagener Mann ohne das gestrichene G.

Pandolfo. Aber der Tag wird doch kommen, wo –

Matteo (heftig). Der Tag wird nicht kommen, darf nicht kommen. Ich will ihr das Freien und die Freier vertreiben, und wenn ich sie in einen Messingkäfig einsperren müßte wie eine Drossel. Sie ist nicht dazu geschaffen, daß sie heiratet, sondern daß sie G singt. – Und wenn's denn gar nicht ohne Hochzeit abgehen kann, so nehm' ich sie selbst, und damit Punktum!

Pandolfo. Ich fürchte nur, wenn du ihr damit kommst, wird sie dir auch: Geh antworten.

Matteo. Das sollte sie versuchen. Dafür bin ich Vormund. Trägt sie auch ihr Trotznäschen eine ganze Oktav höher als andre Menschenkinder, ich will sie schon mürbe machen. Was aus dem Moll nicht geht, das geht aus dem Dur, und das kann ich an ihr probieren, alle Tonarten durch.

Pandolfo (beschwichtigend). Nun, nun, für heute versprech' ich dir, sie redlich zu bewachen. Den Abend sitzt sie zu Hause im verschlossenen Zimmer und übt deine neue Kavatine ein; morgen soll auch nichts vorfallen (sich gegen das Tor wendend). Aber sieh, da kommt dein Maultier mit einem stattlichen Busch auf dem Kopfe. Ich geleite dich noch ein Stück Weges.

Matteo. Du wirst tapfer ausschreiten müssen, wenn du mit dem Paß des Tieres Takt halten willst.

Pandolfo. Desto besser. Das schärft mir den Appetit auf Andreas Abendessen.

(Gehen ab durchs Tor.)

Zweiter Auftritt.

Andrea (kommt aus seinem Hause. Er verschließt umständlich die Haustüre und hängt den Schlüsselbund an seinen Gürtel). So! Endlich hätt' ich den heiligen Georg richtig aus dem Birnbaum heraus. Das war ein sauer Stück Arbeit (wischt sich den Schweiß ab). Ist aber auch ein prächtig Bildwerk geworden, wie er so über den Drachen hersprengt und ihm die Lanze in den Leib stößt. Nur die Vergoldungen fehlen noch. Das wird blitzen.

Aber nun will ich mir auch etwas zugute tun. (Tief aufatmend.) Ah! ein herrlicher Abend, eine köstliche Luft, nicht zu warm, nicht zu kühl. Der alte Jacopo am Garten Buondelmonte schenkt einen köstlichen Aleatico. In der Laube am Abhang sitzt sich's gut – Schatten da und kein Zugwind, und besonders keine Musikanten. Ist auch nicht zu weit, daß man sich erhitzen könnte. Abgemacht! Dorthin gehen wir. (Geht ein paar Schritte, bleibt stehen.) Vergessen hab' ich doch nichts? Da stehen drei Kreidestriche auf meinem Ärmel, meine Warnungszeichen, damit endlich unter den Leuten das dumme Geschwätz von meiner Zerstreutheit aufhöre. Wart, was bedeuten sie nur?

Richtig! der lange dünne da, das ist der lange Basilio, der Vergolder, zu dem ich morgen in der Frühe schicken will – der kurze Strich hier, das ist Brigitta, das dicke Orangenweib, die ich bei nächster Gelegenheit durchprügeln muß, weil sie mir immer die faulen Früchte vor die Werkstatt wirft – und hier der dritte geschnörkelte – das ist – ja, was will der nur? – Alle elftausend heiligen Jungfrauen! Da hab' ich doch wieder den dritten Strich vergessen! – Und heute früh macht' ich ihn erst – nein, gestern abend – nein, bei Tische war's – nein, doch nicht. – O mir läuft alles durcheinander. (Stampft aufgebracht mit dem Fuße.) Verdammtes Sieb von Gedächtnis!

Aber ärgern will ich mich nicht; das ist ungesund, zumal vorm Trinken. Also lustig, Andrea! Im Wein ist Weisheit, sagen sie ja; da sind' ich auch wohl meinen Strich am ersten im Aleatico wieder.

(Geht ab durchs Tor.)

Dritter Auftritt.

Buffalmaco (kommt trällernd; vorne rechts).

Gott Amor sprach zur Psyche:
Gefangen mußt du sein –

Ah, da ist ja Andreas Haus! (Bleibt stehen.) Hätt' ich mir's doch nicht träumen lassen, daß der Dicke auf seine alten Tage noch den Gastfreien spielen würde, wie ein Apfel, der erst im Spätherbst mürbe wird. Nun, er hat das einsame Trinken wohl satt bekommen, und jedenfalls ist lustige Kumpanei dabei, und sein Bauch eine breite Zielscheibe, nach welcher sich Witz genug abschießen läßt. (Geht an die Türe, will öffnen.) Was? Zugeschlossen? Hält er noch Mittagsruhe? Das heißt die Nacht um ihr Recht betrügen. (Klopft.) Heda! Andrea! Heda! Mach auf, Schlafratze! Meine Beine wollen meinen Durst nicht mehr tragen und möchten ihn gerne vor deinem Orvietofaß abwerfen! – Kein Mäuschen rührt sich. (Klopft stärker und ruft mit etwas gedämpfter Stimme:) Andrea! Ich bringe zwei Flaschen vom besten Montefiascone mit, die wollen wir ausstechen, ehe die andern kommen! – Auch darauf keine Antwort! Dann ist er sicher nicht zu Hause.

Ich wette, das ist wieder ein so kostbares Stück Konfusion, wie mir jemals eins von seiner Arbeit unter die Hände kam.

Vierter Auftritt.

Buffalmaco. Calandrino und Luigi kommen.

Calandrino. Ei, sieh da, Buffalmaco. Guten Abend! Du bist auch zum Andrea geladen?

Buffalmaco. Freilich, und meine Kehle ist so trocken wie irgendeine in ganz Florenz.

Luigi. Dem ist leicht abgeholfen. Laßt uns nur eintreten.

Buffalmaco (neckisch). Wollt ihr nicht vorangehen?

Luigi (geht zur Türe und will sie öffnen). Beim Fegefeuer! die Türe ist verschlossen. Was soll das heißen?

Buffalmaco. Daß wir nicht hinein sollen, deucht mir.

Calandrino (klopft). Andrea! Meister Andrea! Macht auf! Eure Gäste sind vor der Türe. He! Macht auf!

Buffalmaco. Spar deinen Odem und blas deine Suppe damit. Wenn er drin wäre, ich hätt' ihn längst herausbeschworen; ich kenne die Zauberformel, die ihn bannt. Glaubt mir, der Vogel ist ausgeflogen, er hat die ganze Einladung verschwitzt und läßt sich's in irgendeiner Winkelschenke vor dem Tore wohl sein, während wir hier stehen und gefoppt sind.

Luigi. So soll ihn der unterste Styx verschlingen! Erst uns einladen und dann uns die Türe vor der Nase zusperren – das ist schändlich, bei Pluto, das fordert schwere Ahndung.

Calandrino. Mir tut's nur leid um meinen vortrefflichen Appetit. Der Mund wässerte mir schon nach seinem vortrefflichen Schweinskopf, der glänzend und gebraten vor meiner Phantasie schwebte, wie ein Dichterhaupt mit Lorbeern gekrönt, eine saure Zitrone statt einer süßen Redensart im Munde.

Luigi. Du stichelst, Calandrino.

Buffalmaco. Das ist sein Geschäft; er ist Kupferstecher.

Luigi. Ich hab' es nicht vergessen. Trägt er doch immerdar die Metallplatte als Aushängeschild im Gesichte.

Fünfter Auftritt.

Die Vorigen. Pandolfo durch das Tor auftretend.

Pandolfo. Guten Abend, Freunde! Das trifft sich ja herrlich. Ich finde die ganze Gesellschaft schon beisammen.

Buffalmaco. Ja, wir stehen hier wie die Sieben vor Theben, da sie in die Stadt wollten, und die Pforten wurden ihnen nicht aufgetan.

Luigi. Oder wie die Königin Dido am Meere, als ihr der fromme Äneas davongelaufen war.

Calandrino. Oder kurz und gut, wie die Ochsen am Berge.

Pandolfo. Ihr redet Kauderwelsch, das ich nicht verstehe. Sagt, was bedeutet es?

Calandrino. Es bedeutet, daß Meister Andrea uns mit seiner Einladung zum besten gehabt hat; denn das Haus ist verschlossen und kein Andrea drinnen.

Luigi. Und ferner, daß wir uns rächen müssen. Ich wenigstens will die Furien nie wieder in meinen Versen heraufbeschwören, wenn ich diesen Schimpf ungestraft auf mir sitzen lasse.

Buffalmaco. Luigi hat recht. Wir sind dem Dicken eine Lehre schuldig und müssen ihm einen Streich spielen, den er nicht vergißt, und wenn sein Gedächtnis ebensolches Danaidenfaß wäre wie seine Kehle.

Pandolfo. Das ist es in der Tat. Er ist nichts als ein wohlbeleibtes Stück Zerstreutheit, das ziemlich schwerfällig auf zwei Füßen einherwandelt, sehr zierlich in Holz schneidet und nebenbei viel Wein konsumiert. Ich glaube, wenn ihn jemand fragt, wie er heißt, so braucht. er eine halbe Stunde, um sich zu besinnen, daß er Andrea der Bildschnitzer ist.

Buffalmaco. Da bringst du mich auf einen guten Gedanken! Wie wäre es, wenn wir ihm zur Strafe für seine Vergeßlichkeit einbildeten, er sei nicht Andrea, sondern ein anderer?

Calandrino. Aber er wird es nicht glauben. –

Buffalmaco. Das kommt nur auf uns an. Wenn wir das Ding richtig anfangen, so wette ich ein Oxhoft gegen einen Tautropfen, wir machen ihn so konfus, daß er zuletzt wirklich nicht mehr weiß, wer er ist.

Luigi. Der Spaß ist gut – bei Pinto – aber wie machen wir's?

Buffalmaco. Vor allen Dingen, in wen sollen wir ihn umschaffen? In Lucario, seinen Burschen? – Nein, das geht nicht; der könnte uns selbst in die Quere kommen, und alles wäre damit zu Ende. Es müßte jemand sein, der – halt, Pandolfo, ist nicht dein Bruder Matteo heute nach Prato, um sein neues Werk dort aufzuführen?

Pandolfo. Vor einer halben Stunde ist er fortgeritten.

Buffalmaco. Wohl, so muß der Dicke sich in Matteo verwandeln, und ich werde einstweilen Andrea. Hört meinen Plan! Ich steige auf euern Schultern über den Altan dort ins Haus und verriegle die Türe von innen. Wenn er dann zurückkehrt und herein will, behaupte ich ihm unter die Nase, Andrea sei schon drinnen und wolle nicht öffnen; er wird schelten, fluchen, wüten; dann kommt ihr darüber zu und sorgt für das übrige.

Luigi. Herrlich ersonnen, beim Styx! Andrea als Kapellmeister Matteo! Aber habt ihr auch an seinen Haß gegen alle Musik gedacht?

Buffalmaco. Schadet nichts, so wird die Verwirrung desto größer. Aber nun frisch ans Werk! Helft mir hinauf. Ich klettere wie ein Eichkätzchen. (Er ersteigt den Altan. Oben.) So, da wär' ich. Und entfernt euch nicht zu weit. Mit Dunkelwerden pflegt der Dicke nach Hause zu kommen. Dann geht unsre Komödie an.

(Verschwindet im Hause.)

Calandrino. Was treiben wir so lange?

Pandolfo. Ich denke, wir schlendern längs den Gärten hin und sehen, ob uns nicht ein paar schöne Augen begegnen.

Luigi. Oder wir brechen drüben im Zentauren einer Flasche den Hals.

Pandolfo. Ich bleibe lieber auf den Beinen.

Calandrino. Nun jeder, wie es ihm gefällt.

(Sie gehen zu verschiedenen Seiten ab.)

Sechster Auftritt.

Malgherita und Silvia treten auf links im Vordergrunde. Malgherita trägt eine schwarze Samtmaske in der Hand.

Sylvia. Aber fürchtet Ihr Euch nicht, Fräulein?

Malgherita. Wovor sollt' ich mich fürchten? Mein Vormund ist verreist und sein Bruder zu einem Schmause gegangen. Ohnedies, wer kennt mich in diesem Anzuge, den Leonetto mir schenkte? Er steht mir wirklich prächtig; es war doch gar zu hübsch, ihn einmal nicht bloß für den Spiegel anzulegen.

Sylvia. Mir klopft das Herz, als ob ich eine Sünde begangen hätte. Ich meine immer, aus jedem Fenster müsse Herrn Pandolfos Gesicht zornig herausblicken.

Malgherita. Sei ruhig, Sylvia. Wir haben ihnen nichts versprochen. Sie haben uns im Hause einsperren wollen, aber das Gartenpförtchen zu schließen vergessen. Wer will uns schelten, daß wir auch einmal ein bißchen frische Luft atmen wollen!

Sylvia. Und Ihr denkt, Herrn Leonetto zu treffen?

Malgherita. Ich hoffe, daß wir ihm begegnen. Er lustwandelt jeden Abend vor diesem Tore. Wenn er nur käme! Ach! –

Sylvia. Ihr seufzt!

Malgherita. Ich denke, wie mein ganzes Leben ein andres geworden ist seit jenem Abend, da ich zum ersten Male mit ihm aus dem Fenster redete und ihm den dunkelroten Nelkenstrauß hinabwarf. Sonst ging ein Tag ruhig nach dem andern hin, ohne andre Sorge, als daß ich die Aufgaben Meister Matteos richtig vom Blatt singen könnte, aber freilich auch ohne Freude. Wenn er mich einmal über einen falschen Ton, über einen unreinen Ansatz ausschmälte, das war all mein Leid, wenn er mich lobte und mit Zuckerwerk fütterte, das war meine Lust. Aber nun bin ich wie vertauscht. Kein Gedanke mehr gehört meinem Vormunde oder Herrn Pandolfo. Bin ich mit ihnen, so schläft mein bestes Teil; wie durch blasse Dämmerung geh' ich in dumpfer Gelassenheit dahin, und meine Gleichgültigkeit versteckt sich hinter dem bißchen Mutterwitz, das mir die Natur tröstlich zukommen ließ. Aber wenn Leonetto kommt, dann blüht mir die Welt in tausend Farben auf, dann leb' ich, dann möcht' ich lachen und weinen zugleich. Ich bin fröhlich, weil er da ist, ich bin traurig, weil er wieder fort muß, und Scherz und Trübsinn, Mutwill' und Schwermut, Glück und Verlangen wachsen in meinem Herzen so wirr und bunt durcheinander wie Laub und Blüten am Granatbaum in unserm Gärtchen.

Sylvia. Aber wie soll das enden, Fräulein?

Malgherita. Weiß ich's? Freilich, wenn ich Leonetto wäre, so wüßt' ich's vielleicht. Glaub mir, Liebe ist Mut, und dem rechten Mut ist nichts zu schwer. – Aber was ist das? Dort kommt jemand gegen das Tor heran, der –

Sylvia. Um Gotteswillen! Es ist Herr Pandolfo! Kommt, Fräulein! (Sie läuft fort.)

Malgherita (nimmt die Maske vor). Er hat mich schon gewahrt; ich kann doch nicht fortlaufen wie eine Dienstmagd. Gut – wenn's sein muß, bin ich in der rechten Laune, ihn zu empfangen.

Siebenter Auftritt.

Malgherita. Pandolfo erscheint vorne, rechts vom Zuschauer.

Pandolfo (für sich). Beim Himmel, ein schmuckes Dämchen, und ganz ohne Begleitung! Ist das Glück günstig, so gibt's ein Abenteuer.

(Zu Malgherita, die an ihm vorübergehen will.)

Wohinaus, schöne Maske? Erlaubt, daß ich Euch ein Stückchen geleite.

Malgherita (mit verstellter Stimme kurz abweisend). Ich kann meinen Weg allein finden.

Pandolfo. Aber er wird nicht ohne Gefahr sein. Ihr hättet Eure Augen auch verhüllen müssen. Sie leuchten wie Flammen, und Ihr wißt, die Schmetterlinge flattern nach dem Glanze.

Malgherita (wie oben). Sie werden sich die Flügel versengen.

Pandolfo. Ist es denn die notwendige Eigenschaft der Schönheit, daß sie alles verletzt, was in ihre Kreise tritt? Ich bitte Euch, nehmt meine Dienste an.

Malgherita (immer noch ausweichend). Ich kann keine Diener von Eurer Art gebrauchen. Meine Livrei ist das Geheimnis.

Pandolfo. Um Euretwillen würde ich auch die gerne tragen. Glaubt mir, ich kann reden und schweigen, wie Ihr befehlt.

Malgherita. Ich glaube Euch, daß Ihr reden könnt, weil meine Ohren es mir bestätigen. Aber an Eure Verschwiegenheit glaube ich so wenig wie an brennendes Wasser; denn Eure Gliedmaßen schwatzen alles aus, was Ihr tut oder treibt, selbst wenn Euer Mund stumm ist.

Pandolfo. Ich verstehe Euch nicht.

Malgherita. Wohl, so will ich es Euch begreiflich machen. Zeigt mir einmal Eure rechte Hand her. Seht, diese kleine Schwiele erzählt mir, daß Ihr den ganzen Tag über mit Meißel und Schlägel den unschuldigen Marmor mißhandelt; Eure Nase behauptet, daß ihr mit dem dicken Gott Bacchus täglich Brüderschaft macht; Euer rechtes Ohrläppchen sagt, daß es in Eurer Wohnung vor Geigen und Orgeln nicht auszuhalten ist; Euer linkes Augenlid verrät, daß Ihr gerne mit schönen Frauen, aber noch gerner mit Eurem Spiegel liebäugelt, und Eure Unterlippe bekennt, daß Ihr, wie Ihr dasteht, in Bausch und Bogen keinen roten Heller wert seid.

Pandolfo (betroffen). Ihr seid herbe – aber ich kann es nicht leugnen, Eure Worte stürzen mich in ein rätselhaftes Labyrinth.

Malgherita. Da bleibt Euch nichts übrig, als entweder die Partie des Drachen oder die des Theseus zu übernehmen.

Pandolfo. Aber dieser hatte den Faden der Ariadne, welcher ihn führte. Ich bitt' Euch, laßt mich nicht vergeblich um das Endchen Band flehen.

Malgherita. Nein, guter Theseus, nicht jetzt, nicht hier. Aber wenn Ihr artig sein wollt und Euch gedulden, so kommt morgen um die elfte Stunde – Ihr kennt den Palast Frescobaldi?

Pandolfo. Jenseit des Arno, wo die Gärten anfangen?

Malgherita. Den mein' ich. Dorthin kommt morgen; an der dritten Säule links sollt Ihr den Faden der Ariadne finden. Aber jetzt verlaßt mich unverzüglich; schleicht mir auch nicht nach, mein verschwiegener Diener, sonst ist alle Gemeinschaft zwischen uns aus für immer.

Pandolfo. Ich gehe, aber die Hoffnung des Wiedersehens geht mit mir.

Malgherita. Das versprech' ich Euch feierlich. Ihr sollt mich eher wiedersehen, als Ihr es selber denkt. Lebt wohl, guter Theseus.

(Pandolfo geht ab vorne rechts.)

Der Sturm wäre glücklich abgeschlagen (sie nimmt die Maske ab); es gab mir eine rechte Genugtuung, meinen gestrengen Herrn Kerkermeister einmal weidlich zu necken. – (Betrübt.) Aber die schöne Zeit verstreicht ungenutzt. Schon geht die Sonne unter, und Leonetto kommt nicht. Ach – die Dunkelheit wird mich in mein Gefängnis zurücktreiben, ohne daß ich ihn gesehen habe.

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Achter Auftritt.

Malgherita. Leonetto tritt auf durch das Tor.

Leonetto (rasch auf Malgherita zu). Was seh' ich! Bist du's, Malgherita? Bist du's wirklich?

Malgherita. Wirklich und wahrhaftig deine Malgherita, und dazu in deinem Schmucke. Ach, daß du so spät kommst, du Böser! Ich habe lange auf dich geharrt.

Leonetto. Mein Herz war immer bei dir, gewiß, du zweifelst nicht daran. Heut nacht wollt' ich unter deinem Fenster singen. – Aber wie konnt' ich dich hier vermuten, da ich weiß, daß dein Vormund eifersüchtig jeden deiner Schritte bewacht?

Malgherita. Er ist verreist und sein Bruder zu einem Freunde.

Leonetto. Glücklicher Zufall! So ist nichts verloren.

Malgherita. Ach freilich! Das schöne Heute ist verloren. Der Abend bricht herein. Pandolfo kann jeden Augenblick nach Hause kommen. Ich muß heim.

Leonetto. Wär' ich doch Josua, daß ich die Sonne stillstehen heißen könnte!

Malgherita. Das wäre schon hübsch, (schelmisch) aber wer weiß, ob ich dich dann so gern hätte! Du würdest einen großen Bart haben und eine krumme Nase wie ein Geier. Nein, Leonetto! Du bist mir lieber als eine ganze Heerschar jüdischer Feldherrn.

Leonetto. Wie gerne glaube ich dir! Denn auch dieser Glaube macht selig. Auf deine Treue kann ich Häuser bauen.

Malgherita. Dafür bist du auch mein Herzensbaumeister! Aber, da wir heute die Gelegenheit verpaßt haben, laß uns Sorge tragen, daß es uns morgen besser ergehe. Ich habe allerlei ausgedacht. Gib mir deinen Arm und führe mich die wenigen Schritte zu meiner Wohnung. Unterwegs sage ich dir, was nötig ist. Fort und die Maske vors Gesicht!

Leonetto. So wird es zwiefach Nacht für mich.

(Sie gehen ab, vorne links.)

Neunter Auftritt.

Andrea tritt auf durch das Tor in heftigem Zanke mit drei Musikanten, welche ihn verfolgen. Es beginnt zu dunkeln.

Andrea. Alle elftausend heiligen Jungfrauen! Ich sage euch, laßt mich in Frieden; ich will nichts mit euch zu schaffen haben!

Erster Musikant. (Tiefe Baßstimme.) Nein, Herr, wir lassen Euch nicht in Frieden, Herr. Wir haben Euch eine Sonate von dem großen Meister Molldurini aufgespielt, und Ihr habt uns ein schiefes Maul gezogen. Und als wir Euch höflichst erinnert haben, daß drei Musikanten von einem sauren Gesicht auf den Abend nicht satt werden können, da habt Ihr uns Bettlergesindel gescholten, Herr; und das leidet der Baß nicht.

Zweiter Musikant. (Hohes kreischendes Organ.) Und die Klarinett auch nicht.

Dritter Musikant. Unn die Violin am wenigste. Mer seind kei Lumpegesindel, Herr; mer seind Kinschtler aus Venezia, die scho vor ganz andere Herrschafte, vor Kaisers und Kenigs Majeschtäte ufgespielt habe.

Andrea. Hol der Teufel eure Künstlerschaft, die auf der Heerstraße lungert und die Schenken unsicher macht! Den Wein verwandelt ihr mir in Essig, die Gesundheit ruiniert ihr mir, und dann soll ich noch für gnädige Mißhandlung bezahlen. Da wär' es ja besser, sich auf gut Türkisch die Ohren ein für allemal mit wegrasieren zu lassen. Nein, ihr Landstreicher, keinen Pfennig geb' ich für euer Gedudel.

Erster Musikant (schwer beleidigt) Was, Herr? Gedudel nennt Ihr unsere Musik, Herr? Euer Geld könnt Ihr behalten, Herr; es würd' uns so keinen Segen nicht bringen. Aber wenn Ihr auf unsere Kunst räsoniert, so könnt' ich meinen Weißdorn einmal für den Bogen ansehen und Euern Rücken für mein Instrument, und eine freie Phantasie aus dem ff darauf streichen, daß Euch Hören und Sehen vergehen sollte.

Zweiter Musikant. (Hier wie in der ganzen Szene mit dem ersten Musikanten sich deckend und hinter ihm hervordrohend.) Ja, daß Euch Hören und Sehen vergehen sollte!

Andrea. Ihr wagt mir zu drohen! Alle elftausend heiligen Jungfrauen –

Dritter Musikant (tritt dicht auf ihn heran). Ja, Herr, mer wage des. Ihr kennt de Musikante net. E Kinschtler is fromm nun sanftmütig von Natur wie 'n Lamm, aber e beleidigter Kinschtler is schrecklich wie e reißends Tier, des Blut geroche hat.

Andrea. Bleib mir zehn Schritt vom Leibe, du Beingerippe. O so wollt' ich doch –

Erster Musikant. Was wolltet Ihr, Herr? Kontrapunkt und Fugensatz! Was wollt Ihr? Der Baß fragt Euch, was Ihr wolltet?

Zweiter Musikant. Und die Klarinett auch.

Andrea. Meint ihr, daß ich mich vor eurem Gezeter fürchte? Unter die Nase will ich's euch sagen, was ich wollte. Daß ihr säßet, wo der Pfeffer wächst, und alle Musikanten der Welt, und die heilige Cäcilie obendrein!

Dritter Musikant. O entsetzliche Läschterung eines vermaledeiten Mundes!

Erster Musikant (Andrea am Überwurf zerrend). Wir wollen Euch Respekt einpfeffern vor unserer heiligen Schutzpatronin; ich hab' nicht umsonst zwei Jahr lang die Pauken geschlagen. Frisch, Klarinett! Faß mit an! Wir wollen eine Symphonie im klassischen Stil aufführen.

Andrea. Laßt mich los, ihr Lumpenhunde, laßt mich los!

Dritter Musikant (dringt auf ihn ein). Nix vor ungut, Herr! Die Violin is auch mit derbei, keine Introduktion ohne Violin!

Zehnter Auftritt.

Die Vorigen. Leonetto kommt zurück, vorne links.

Leonetto. Was gibt's da für Lärm?

Andrea. Mörder! Banditen!

Leonetto (zieht das Schwert). Laßt den Mann los, ihr Strauchdiebe! Zurück von ihm, sag' ich. Dem ersten, der ihn wieder anrührt, hau' ich die Hand vom Arme.

Erster Musikant. Aber er hat uns geschimpft, Herr. Er hat uns Landstreicher genannt und Lumpenhunde –

Zweiter Musikant. Ja, das hat er getan.

Leonetto. Und nun wollt ihr's ihm auf seinem Rücken verbriefen, daß er recht hat? Schämt euch! Wenn ich recht sehe, seid ihr Musikanten.

Dritter Musikant. Musikalische Kinschtler von Venezia, Herr. Aber ebbe darom habe mer ang'fange, ihm sei unmusikalisch Seel mit Prigle zu versohle. Denn er hat unser Kunscht Gedudel geheiße, unn erschrecklich uf de heilig Cäcilia blasphemiere geta. Unn des leidt kein braver Musikante net!

Leonetto. Einerlei! Mußtet ihr darum über ihn herfallen wie Räuber! Es ist noch kein Gesetz da, das bei körperlicher Züchtigung anbefiehlt, musikalisch zu sein.

Andrea. Sehr vernünftig gesprochen! Ich dank' Euch, guter junger Mann. – Und wenn ich Euch in etwas wieder dienen könnte –

Leonetto. Laßt das gut sein. Ich tat nur, was vernünftig war. – Aber ihr, Gesellen, geht jetzt eures Weges! – Oder nein, da kommt mir ein Gedanke. Ich will eure Kunst auf die Probe stellen, könnt ihr eine hübsche Serenade spielen?

Erster Musikant. Ja, Herr, das können wir; eine sanfte Schlafmelodie zu angenehmem Erwachen. Aber Herr (mit hohler Hand herantretend), Wasser braucht die Mühle, wenn sie gehen soll.

Leonetto. Hier ist eine halbe Zechine.

Erster Musikant (zu den andern Musikanten). Der versteht's. (Zu Leonetto.) Exzellenza, der Baß ist Euer mit Leib und Seele und allen zehn Fingern zum Greifen und Streichen.

Zweiter Musikant. Und die Klarinett auch.

Dritter Musikant. Unn die Violin desgleiche mit dem allerunnertänigschte Kratzfuß.

Leonetto. Wohl, so macht euch bereit. Gute Nacht, Herr!

(Leonetto und die Musikanten gehen im Hintergrunde links vom Zuschauer ab.)

Elfter Auftritt.

Andrea allein. Es ist indessen fast ganz finster geworden.

Andrea (den Musikanten nachdrohend). Wartet, ihr Halunken! Das soll euch nicht vergessen sein! (Zieht ein Stück Kreide hervor und macht sich Striche auf den Ärmel.) Eins! – Zwei! – Drei! Da steht ihr, und eure Grobheit steht mir, glaub' ich, in blauen Flecken auf dem Rücken wie ein Veilchenbeet. – So, und dieser Strich ist für meinen Retter. Das Hasenschwänzchen dran, das ist die dankbare Erinnerung.

Ist das ein Unglücksabend! Just, als wenn alle Fatalitäten sich verabredet hätten, mir heut der Reihe nach über den Hals zu kommen. Sitz' ich kaum da draußen in meiner Lauben, und will eben meinen kostbaren Aleatico langsam ausschlürfen, da kommt ein Hammel gesprungen und ein Windhund kläffend hinterdrein – und husch über meinen Tisch, daß die Flasch' in Scherben liegt. Und gerade hab' ich nach der zweiten gerufen, und mir das erste Glas draus eingeschenkt, so muß der Teufel die mörderische Musik daherführen, daß ich vor Ohrenreißen nicht schmecken kann, ob ich Wein oder Baumöl auf der Zunge habe. (Im Ärger sich steigernd.) Und dann die Erhitzung, der Ärger, die Schlägerei! Ruiniert bin ich; die Gall' ist mir in den Magen gelaufen. Ich will meine braunen Tropfen nehmen und mich ins Bett legen, zu schwitzen. – Nun kann ich wieder den Schlüssel nicht finden. (Stampft mit dem Fuße.) Kühl wird es auch schon. Wenn ich hier im Zugwinde kampieren sollte! – Ah, da sitzt er. – Nun hinein, und rasch ins Bett, um all das Elend zu verschlafen. – (Er will öffnen und arbeitet am Schlosse.)

Was ist denn das? Die Türe geht nicht auf; das fehlte noch. So sollen doch alle elftausend Jungfrauen den nichtswürdigen Schlüssel! – Warte! Strich für den Schlosser. (Er macht ihn schnell.) Ich muß die Türe sprengen. (Versucht es.) Himmelsakrament, willst du?

Buffalmaco (von innen). Wer lärmt da an meiner Türe!

(Die Glastüre hinter dem Altan erleuchtet sich.)

Andrea. Was! Jemand im Hause? Wart, Spitzbube! Ich will dich lehren, in fremde Nester dich schleichen! Holla! Holla!

Buffalmaco (erscheint in einem Schlafrocke Andreas auf dem Altan). Alle elftausend heiligen Jungfrauen! Schämt Euch, bei dunkler Nachtzeit betrunken auf den Straßen zu rumoren und redliche Bürger aus der Ruhe zu stören. Schert Euch nach Hause und schlaft Euern Rausch aus.

Andrea. Wie! Was! Wie ist mir denn? Ist denn das nicht mein Haus? Bin ich denn nicht Andrea? Ja, wahrhaftig, so ist's. Und hinein muß ich, und wenn ich die Türe mit dem Kopfe einrennen sollte!

(Er versucht wiederum die Türe zu sprengen.)

Buffalmaco. Nun? Ist des Unfugs bald genug? Geht zum Henker! Oder ich komme mit der Peitsche.

Andrea. Mit der Peitsche? Mir? He, wer seid Ihr denn, daß Ihr mir mit der Peitsche kommen wollt?

Buffalmaco. Fragt nicht so dumm. Das weiß jedes Kind in Florenz, daß dies Haus Andrea, dem Bildschnitzer, gehört!

Andrea. Alle elftausend heiligen Jungfrauen, und der bin ich!

Buffalmaco. Ein schöner Andrea mögt Ihr sein! Ein unverschämter Weinschlauch seid Ihr, den die Häscher längst wegen Straßenlärmens hätten aufgreifen sollen. Ich selbst bin Andrea und werde mein Hausrecht zu brauchen wissen! (Tritt zurück.)

Andrea. Hat sich denn die Welt auf den Kopf gestellt? Ich will mich noch einmal besinnen. (Sieht seine Striche an.) Nein! Nein! Ich bin es ganz gewiß. (Wütend gegen das Haus.) Komm heraus, du verhexter Doppelgänger, du Namendieb, du Ehrabschneider, komm heraus, daß ich dir die lügnerische Zunge ausreiße! Ganz Florenz soll mir bezeugen, daß ich Andrea bin! Gott sei Dank, da kommt ein Mensch! Heda! Holla!

Zwölfter Auftritt.

Andrea. Buffalmaco drinnen. Luigi kommt vorne rechts.

Andrea (dem Auftretenden lebhaft entgegen). Gut, daß Ihr kommt, Messer Luigi, Ihr sollt mir bezeugen –

Luigi. Aber um des Himmels willen, bester Matteo, was ist Euch? Ihr seid außer Euch. Was lärmt Ihr hier vor des Dicken Türe, daß man es drei Straßen weit hört? Ihr habt zu lange irgendwo in der Schenke gesessen. Geht nach Hause, guter Matteo!

Andrea. Guter Matteo? – Alle elftausend Jungfrauen! Sperrt Eure Augen auf! Für wen haltet Ihr mich denn?

Luigi. Nun, beim Styx, für wen soll ich Euch sonst halten als für Matteo, den Kapellmeister!

Andrea (beleidigt). Für den Notenkleckser, den elenden Ohrenquäler? Reißt Euch die Augen aus, Freund, und laßt sie als Schellen an Eure Mütze nähen; denn zum Sehen taugen sie nicht mehr. Sonst würdet Ihr mich für Andrea erkennen.

Luigi. Ein artiger Spaß, bei Pluto! Der Wein erfindet gut. Aber Ihr dürft das Spiel nicht zu weit treiben, Matteo.

Andrea (immer mehr außer sich geratend). Spiel? Des Teufels Spiel ist hier. Ich will mein Leben lang Seewasser trinken, wenn ich nicht im bittersten Ernst rede.

Luigi. Heut abend habt Ihr gewiß kein Seewasser getrunken, als es Euch einfiel, aus einem Nachfolger Amphions ein armseliger Holzschneider zu werden.

Dreizehnter Auftritt.

Die Vorigen. Calandrino aus dem Hintergrunde kommend.

Calandrino (rasch auf Luigi zu). Guten Abend, Luigi! Ihr habt mehr Glück als ich. Ich suche den ganzen Tag vergebens nach Matteo, und Ihr findet ihn, ohne ihn zu suchen.

Andrea (seitwärts weichend). Matteo? Schon wieder Matteo? Ich will mich in die Nase kneipen, ob ich träume. – Nein, und betrunken bin ich doch auch nicht, ich stehe ja ganz fest auf meinen Füßen. Es ist zum Rasendwerden!

Calandrino. Was kommt Euch an, Herr Matteo? Ihr fechtet mit den Armen und redet mit der Luft.

Luigi. Ich glaube, die bleiche Hekate hat ihm Tollkraut in den Becher geworfen. Seit zehn Minuten leugnet er, Matteo zu sein.

Andrea. Ich bin aber nicht Matteo, ich bin Andrea, Meister Andrea, der Bildschnitzer!

Calandrino. Geht mir doch mit den Torheiten! Andrea ist längst zur Ruhe. Wir waren ja noch heute abend bei ihm.

Luigi. Jawohl. Er traktierte uns mit einem wilden Schweinskopf und Orvieto.

Andrea (stutzig). Orvieto – wilder Schweinskopf – richtig! Das war der dritte Strich. (Triumphierend.) Seht ihr? Seht ihr hier? Das ist mein Schweinskopf. (Hält ihnen den Ärmel unter die Nase.)

Calandrino. Wir sehen, daß Ihr den Strich habt, Herr Matteo. Nehmt Euch zusammen. Ich habe von Geschäftssachen mit Euch zu reden.

Andrea. Aber ich habe ja keine Geschäfte mit Euch, habe niemals welche gehabt.

Calandrino. Wie? Ihr leugnet? Das ist freilich die bequemste Weise, seiner Verbindlichkeiten quitt zu werden. Aber ich habe Eure Handschrift. Wollt Ihr gütigst diesen Wechsel betrachten, der heute fällig ist? (Zeigt das Blatt vor.)

Andrea. Geht zum Henker mit Eurem Wechsel! Das wäre schön, wenn ich fremder Leute Schulden bezahlen sollte.

Calandrino. Ihr werdet mich nicht zwingen wollen, scharf zu sein.

Andrea. Scharf? Seht mir den Herrn! Ja, eine Zwiebel seid Ihr. Aber ich will Euch hier in den Kot pflanzen und so lange mit meiner Klinge begießen, bis die schönsten roten Hyazinthen herauswachsen. (Er zieht sein Schwert.)

Luigi (fällt ihm in den Arm). Haltet ein, Matteo, bei den Furien, kein Blut vergießen!

Andrea. Laßt mir den Arm frei. Ich will ihm sein Kupfergesicht zu Brei schlagen.

Buffalmaco (erscheint wieder auf dem Altan). Alle elftausend heiligen Jungfrauen. Wollt ihr Frieden halten vor meiner Türe!

Calandrino. Ah, Signor Andrea! Helft mir hier den tollen Matteo festnehmen, der mich um mein Geld prellen will.

Andrea. Nun wird's zu arg, Matteo – Andrea – Es dreht sich alles mit mir. Bin ich verrückt, oder seid ihr's samt und sonders? Ja, ihr seid es, die ganze Welt ist toll geworden. (Er schlägt wütend um sich.) Platz da! Platz da! Ich haue euch alle in Kreuzgranatenstücke.

Calandrino (von Andrea im Kreise herumgetrieben, schon zwischen Andreas Rede). Hilfe! Hilfe!

Vierzehnter Auftritt.

Die Vorigen. Eine Gerichtsperson, von Häschern mit Fackeln begleitet, tritt auf im Hintergrunde rechts.

Gerichtsperson (zu Andrea). Im Namen heiliger Justitia! Wir verhaften Euch als nächtlichen Ruhestörer und Turbanten. Was war Ursach und Anlaß des von uns allhier betroffenen Skandali?

Calandrino. Der Mann ist mir fünfzig Zechinen schuldig und will nicht zahlen. Ja, um der Forderung zu entgehen, gibt er sich fälschlich für einen andern aus.

Andrea. Aber ich bin ein anderer. Ich bin Meister Andrea, der hier wohnt.

Buffalmaco (von oben). Abgeschmackte Ausflucht! Der bin ich.

Gerichtsperson (zu Luigi). Und Euch ist in Frage stehende persona gleichermaßen bekannt?

Luigi. Ja, beim Merkurius Mentitius; sie ist mir bekannt, es ist Matteo, der Kapellmeister.

Andrea. Ich tue Einspruch, feierlichen Einspruch! Sie lügen alle.

Gerichtsperson. Ein seltsamer Kasus.

Calandrino. Da kommt sein eigener Bruder, der gewiß der beste Zeuge ist. Fragt den!

Fünfzehnter Auftritt.

Die Vorigen. Pandolfo erscheint vorne rechts.

Pandolfo (rasch auf Andrea zueilend). Finde ich dich endlich, lieber Bruder Matteo? Sag nur um des Himmels willen, was treibst du hier? Das ist keine Zeit, auf den Gassen herumzustreichen. Komm mit nach Hause und schlaf aus!

Luigi (zur Gerichtsperson). Da seht Ihr's.

Calandrino. Verzeiht, Signor Pandolfo, wenn ich Euch noch aufhalte. Euer Bruder soll mir heute fünfzig Zechinen auszahlen und weigert sich dessen. Hier ist mein Wechsel, seht her!

Pandolfo. Ist's weiter nichts? Er hat so seine Launen; doch ich stehe für ihn ein. Oder noch besser. Nehmt diesen Beutel, Calandrino, er enthält gerade die Summe in blankem Gold, und nun laßt uns gehen.

(Gibt ihm den Beutel, den er in der ersten Szene von Matteo empfangen hat.)

Calandrino. Mit Vergnügen. Ich reiße die Schrift durch.

Andrea (der sich wiederum seitwärts gezogen hat). Fünfzig Zechinen zahlt er für mich? Fünfzig Zechinen? Die wirft man doch für keinen Fremden weg? (Mit einem Anflug von Schauder.) Wenn sie am Ende doch recht hätten – o mir wird schwindlig.

Pandolfo. Komm, Matteo!

Gerichtsperson. Nicht von der Stelle! Denn –

Pandolfo. Laßt das gut sein, Herr. Der Wein hat wohl einige zu starke Blüten in seinem Kopfe getrieben. Nehmt dies für Eure Bemühung.

Gerichtsperson. Ihr scheint mir ein braver Mann zu sein, und so will sich um Euretwillen Justitia diesmal mit nachdrücklicher Verwarnung in futurum begnügt haben. Kommt, ihr Bursche. (Geht ab mit den Häschern.)

Pandolfo. Unser Weg geht dorthin, lieber Matteo. Laß uns eilen. Ich habe noch ein warmes Süppchen für dich anrichten lassen, das dir wohltun wird.

Andrea (verwirrt und erschöpft). Warmes Süppchen – fünfzig Zechinen – Trinkgeld an die Scharwache – das sieht wahrhaftig aus wie brüderliche Liebe. Der Kopf dröhnt mir wie ein Brummkreisel; ich muß ausschlafen. Und dort eine verschlossene Türe, hier ein zärtlicher Bruder; was ist da lange zu wählen? – Ich gehe mit.

Pandolfo. Endlich sprichst du vernünftig. Gib mir deinen Arm – So! – Gute Nacht, Freunde, gute Nacht, Meister Andrea!

Buffalmaco (sich vom Altan aus verbeugend). Wünsche allerseits wohl zu ruhen, ihr Herrn!

Andrea (resigniert). Gleichfalls! Gleichfalls! (Im Abgehen.) Wenn mir nur einer für ganz gewiß sagen wollte, ob das wirklich meine eigenen zwei Beine sind, und ob die Hühneraugen, die mir so wehe tun, nicht am Ende auch einem andern gehören.

Calandrino und Luigi gehen rechts im Hintergrunde, Andrea, von Pandolfo geführt, vorne links vom Zuschauer ab.)

(Der Vorhang fällt.)

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