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Meine Reise um die Welt - Zweite Abteilung

Mark Twain: Meine Reise um die Welt - Zweite Abteilung - Kapitel 3
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authorMark Twain
titleMeine Reise um die Welt ? Zweite Abteilung
printrunDreizehnte Auflage
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
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Drittes Kapitel.

Durch Übung lernt man leicht Unglück ertragen – das Unglück anderer Leute, meine ich.

Querkopf Wilsons Kalender.

In unsicherm Glanz, wie das Mondlicht am Rande des Horizonts erscheint, so tauchten die alten Träume von Indiens Herrlichkeit allmählich wieder in meinem Bewußtsein auf. Das Bild, das mir in den Knabenjahren lebendig vor der Seele gestanden hatte, als ich noch in den Märchen des Orients schwelgte, erwachte wieder mit tausend längst vergessenen Einzelheiten. Zum Beispiel, die barbarische Pracht und die großartigen, volltönenden Fürstentitel, bei denen einem das Wasser im Munde zusammenläuft: Nizam von Hyderabad, Maharadscha von Travancore, Nabob von Jubbelpore, Begum von Bhopal, Nawab von Mysore, Raja von Gulnare, Abkoond von Swat, Rao von Rohilkund, Gaikawar von Baroda. Namen wachsen überhaupt dort im Lande wie Pilze. Der große Gott Wischnu hat ihrer hundertundacht ganz besonders heilige – sozusagen nur zum Feiertagsgebrauch. Ich habe die hundertundacht Namen Wischnus einmal alle auswendig gelernt, aber ich konnte sie nicht behalten und weiß jetzt keinen einzigen mehr davon.

Romantische Begebenheiten knüpfen sich noch heutigen Tages an die Namen jener indischen Fürsten, gerade wie in alten Zeiten. Kurz vor unserer Ankunft war ein solcher Roman vor einem englischen Gerichtshof in Bombay zur Verhandlung gekommen: Ein junger sechzehnjähriger Prinz hatte seine Güter, Titel und Würden vierzehn Jahre lang unbehelligt genossen. Da ward plötzlich behauptet, daß er gar kein Fürstensohn, sondern ein armes Bauernkind sei, welches man in die fürstliche Wiege eingeschmuggelt hatte, als der wahre Erbe im Alter von drittehalb Jahren gestorben war. Genau derselbe Stoff, der so vielen alten orientalischen Geschichten zu Grunde liegt.

Umgekehrt ging es mit dem Thron des Gaikawar von Baroda, für den sich eine Zeitlang kein Erbe fand, bis man ihn in der Person eines Bauernknaben erkannte, der, seiner hohen Abkunft unbewußt, im Schmutz der Dorfstraße spielte. Sein Stammbaum war jedoch ganz in Ordnung, er erwies sich als der wirkliche Prinz und herrscht seitdem unangefochten in seinem Reich.

Auf ähnliche Weise ist kürzlich der Erbe eines andern indischen Fürstenhauses aufgefunden worden. Seit vierzehn Generationen hatten seine Vorfahren in niedrigem Stande gelebt. Aber man entdeckte seinen fürstlichen Ahnen in dem Verzeichnis eines der großen Wallfahrtsorte der Hindus, wo die Herrscher ihren Namen und das Datum ihres Besuchs einzuschreiben pflegen. Der eigentliche Zweck dieser Sitte ist, daß man über die religiösen Angelegenheiten der Fürsten Buch führen und ihr Seelenheil sichern kann; aber auch die Richtigkeit ihres Stammbaums läßt sich aus solcher Liste feststellen, wodurch sie noch besonderen Wert erhält.

Wenn ich jetzt an Bombay denke, glaube ich in ein Kaleidoskop zu sehen; ich höre das Klirren der Glasstückchen, wenn die schönen Bilder wechseln und auseinander fallen, um sich zu immer neuen Formen und Figuren zu vereinigen, bei deren Anblick jeder Nerv in mir vor Wonne erbebt und Schauer des Entzückens durch meine Glieder rieseln. Die ganz verschiedenartigen Erinnerungsbilder ziehen immer in gleicher Reihenfolge, rasch wie ein Traum, an mir vorüber; sie lassen mir das Gefühl zurück, als hatte das wirkliche Erlebnis kaum eine Stunde gedauert, während es oft gewiß mehrere Tage in Anspruch genommen hat.

Die Wandelbilder beginnen mit der Wahl eines eingeborenen Dieners, eines ›Trägers‹, bei der man sehr sorgfältig zu Werke gehen muß, denn solange er sein Amt versieht, kommt er uns fast so nahe auf den Leib, wie unsere eigenen Kleider.

In Indien wird der Tag damit eröffnet, daß der ›Träger‹ an die Schlafzimmertür klopft und dazu eine gewisse Formel hersagt, welche ausdrücken soll, daß das Bad bereit ist. Es kommt uns vor als ob sie gar keinen Sinn hätte, aber das ist nur, weil man noch nicht an das Träger-Englisch gewöhnt ist. Erst mit der Zeit lernt man es verstehen.

Wo diese Sprache herstammt, ist ein Geheimnis; jedenfalls wird man auf Erden nichts Aehnliches finden und im Paradiese erst recht nicht – möglicherweise aber unter den Verdammten. Man mietet einen ›Träger‹, sobald man den Boden Indiens betritt, denn niemand, ob Mann oder Weib, kann ohne ihn bestehen. Er ist Bote, Kammerdiener, Zimmermädchen, Aufwärter, Kurier, Jungfer – alles in einer Person. Bei seinem Eintritt bringt er, außer einem grobleinenen Wäschesack auch eine Decke mit; er schläft auf den Steinfliesen vor der Stubentür; wo und wann er seine Mahlzeiten hält, ist unbekannt; man weiß nur, daß er im Hause kein Essen bekommt, mag man in einem Hotel wohnen oder als Gast in einer Privatfamilie. Er bezieht einen hohen Lohn – nach indischen Begriffen – und sorgt selbst für seine Kost und Kleidung. Wir hatten in drittehalb Monaten drei ›Träger‹, der erste erhielt monatlich 30 Rupien – etwa 27 Cents täglich – die beiden andern 40 Rupien den Monat. Eine fürstliche Bezahlung! In Indien erhält der eingeborene Weichensteller auf der Eisenbahn höchstens 7 Rupien monatlich, desgleichen der eingeborene Bediente in einem Privathaus, und der Knecht auf dem Lande nur 4 Rupien. Die beiden ersteren beköstigen und kleiden sich und ihre Familien selbst; ob das der Knecht bei dem Monatslohn von 1 Dollar 8 Cents auch tut, möchte ich bezweifeln. Vermutlich nährt ihn das Land, und mit seinem Verdienst bestreitet er den Unterhalt der Familie, nebst einer kleinen Abgabe für den Priester. Kleidung und Wohnung der Seinigen kosten nichts; sie leben in einer selbsterbauten Erdhütte, für die sie schwerlich Miete zahlen und tragen die ersten besten Lumpen; bei Knaben ist selbst das nicht vonnöten. Uebrigens sind für den Tagelöhner auf dem Lande jetzt gute Zeiten, er hat nicht immer ein so üppiges Leben geführt. Als der Hauptbevollmachtigte der Provinzen des Innern unlängst die Klagen einer Abordnung von Eingeborenen in einem amtlichen Erlaß als unbegründet zurückwies, erinnerte er sie daran, daß vor kurzem der Tagelohn noch eine halbe Rupie monatlich betragen habe, täglich nicht ganz einen Cent, $ 2.90 im Jahr. Wenn ein solcher Lohnarbeiter eine große Familie hatte – und mit diesem Reichtum beschenkt der Himmel die armen Eingeborenen ohne Ausnahme – so konnte er bei strengster Sparsamkeit vielleicht 15 Cents vom Ertrag seiner Jahresarbeit erübrigen. Eine Schuld von $ 13.50 hätte er in 90 Jahren abtragen können, wenn er Leben und Gesundheit behielt. Man stelle sich nur einmal vor, was das sagen will: Indien hat verhältnismäßig wenige Städte; fast das ganze Land ist mit unabsehbaren Feldern bedeckt, die durch Lehmmauern von einander getrennt sind. Die ungeheure Masse der Bevölkerung besteht also einzig und allein aus landwirtschaftlichen Arbeitern. Kennt man diese Tatsachen, so erhält man erst einen Begriff von der grenzenlosen Armut, die sich hier ansammeln muß.

Der erste Diener, der sich bei uns meldete, wartete unten und schickte seine Zeugnisse herauf; es war am Morgen nach unserer Ankunft in Bombay. Wir prüften sie sorgfältig und fanden nichts daran auszusetzen, bis auf das eine: sie waren alle von Amerikanern ausgestellt. Wir sind ein zu gutmütiges Volk und bringen es nicht übers Herz, einem armen Menschen, der sein Brot verdienen muß, durch unser Urteil zu schaden. So erwähnen wir in dem Zeugnis nur seine guten Eigenschaften, ja, wir preisen sie nicht selten über Gebühr, und lassen die schlechten auf sich beruhen. Ueber diese stumme Lüge machen wir uns keine Gewissensbisse, und doch ist sie im Grunde verächtlicher als eine ausgesprochene Unwahrheit, mit der man die Leute nicht so leicht betrügt, weil sie sich durchschauen läßt. In Frankreich ist das anders; dort hat man wenigstens die Entschuldigung, daß ein Herr dem entlassenen Diener ein gutes Zeugnis geben und seine Fehler verschweigen muß, er mag wollen oder nicht. Erwähnt man zum Schutz für den nächsten Brotherrn die Untugenden des Dieners, so kann er auf Schadenersatz klagen, und der Gerichtshof erkennt seine Forderungen an, ja, er erteilt dem wahrheitsliebenden Herrn noch eine derbe Rüge, weil er versucht hat, einen armen Menschen um sein Brot zu bringen und ihm den guten Ruf abzuschneiden. – Ich würde dergleichen nicht behaupten, wüßte ich es nicht aus dem Munde eines berühmten französischen Arztes, eines geborenen Parisers, der mir sagte, das sei nicht nur allgemein bekannt, sondern er selber habe in dieser Hinsicht sehr schlimme persönliche Erfahrungen gemacht.

Die reisenden Amerikaner hatten, wie gesagt, den Manuel X. in seinem Zeugnis so warm empfohlen, daß Sankt Petrus selbst ihn darauf hin zum Himmelstor eingelassen hätte, wenn der Heilige, wie ich vermute, mit den Gepflogenheiten meiner Landsleute nicht gerade sehr vertraut ist. Der Diener war als ein Ausbund von Geschicklichkeit in allen Künsten seines vielgestaltigen Berufs geschildert. Mit ganz besonderem Entzücken wurde seine ausgezeichnete Kenntnis des Englischen erwähnt, was mich sehr freute, denn ich hoffte, es würde doch etwas Wahres daran sein.

Einen Diener mußten wir unverzüglich haben; die Meinigen nahmen Manuel daher für eine Woche zur Probe an und schickten ihn zu mir herauf. Ich hütete wegen meines Bronchialkatarrhs das Zimmer und sehnte mich nach einer kleinen Abwechslung und Unterhaltung. Da kam mir Manuel gerade recht. Er war ungefähr fünfzig Jahre alt, groß und schlank, hielt sich aus gewohnheitsmäßiger Ehrerbietung etwas vornüber gebeugt, hatte ein Gesicht von europäischem Schnitt, kohlschwarzes Haar, ein paar sanfte, fast furchtsame schwarze Augen, eine sehr dunkle Hautfarbe und ein glattgeschorenes Kinn. Anders als barhaupt und barfuß habe ich ihn während seiner Dienstwoche bei uns nie gesehen; die europäischen Kleider, welche er anhatte, waren schlecht, dünn und sehr abgetragen.

So stand er vor mir, verbeugte sich zum Gruß mit dem ganzen Oberkörper nach der feierlichen Art der Inder und berührte seine Stirn mit den Fingerspitzen der rechten Hand.

»Offenbar bist du ein Hindu, Manuel,« sagte ich, »aber du hast einen spanischen Namen – wie kommt das?«

Der Diener machte ein verblüfftes Gesicht; er hatte nichts verstanden und wollte es sich doch nicht merken lassen.

»Name Manuel. Ja Herr,« antwortete er gelassen.

»Das weiß ich, aber woher hast du ihn?«

»O ja, vermutlich. Wird wohl so sein. Vater heißt ebenso, Mutter nicht.«

Ich versuchte mich einfacher auszudrücken, um von diesem gelehrten Engländer verstanden zu werden, und sprach sehr langsam und deutlich:

»Von – wem – hat – dein – Vater – seinen – Namen?«

»O, der –« sein Gesicht erhellte sich – »er Christ sein, portugiesischer – wohnen in Goa. Ich geboren Goa. Mutter nicht Portugiesin – Mutter Eingeborene – Brahminenkaste – oberste Stufe – keine Kaste so hoch wie diese. Ich auch hochgeborener Brahmine. Auch Christ, wie Vater – hoher christlicher Brahmine, Herr – Heilsarmee.«

Diese Worte brachte er stotternd und schwerfällig heraus. Dann kam es plötzlich wie Begeisterung über ihn und er erging sich in einem langen Schwall unverständlicher Reden.

»Höre auf,« unterbrach ich ihn. »Hindustani verstehe ich nicht.«

»Nicht Hindustani, Herr – Englisch. Ich sprechen Englisch immer, den ganzen Tag, manchmal.«

»Gut, so lasse ich mir's gefallen; es ist zwar nicht was ich nach deinem Zeugnis erwartet und gehofft hatte, doch ist es verständlich. Schmücke es nicht weiter aus. Sprachverschnörkelungen, die den Sinn beeinträchtigen, sind mir verhaßt.«

»Herr?«

»Das war nur eine allgemeine Bemerkung. Aber sage mir, wie kommst du zu deinem Englisch? Hast du es gelernt, oder ist es nur eine Gabe Gottes?«

Manuel zögerte mit der Antwort.

»Ja,« sagte er dann in frommem Ton. »Er sehr gut. Christengott sehr gut, Hindugott auch sehr gut. Zwei Millionen Hindugott, ein Christengott. Gehören alle mein, zwei Millionen und ein Gott – ich haben sehr viele. Manchmal ich beten zu sie allezeit, gehen jeden Tag an Altar, geben Geld; gut für mich – macht mich besserer Mann, gut für meine Kinder auch, verdammt gut.«

Nun fing er wieder an, allerhand unzusammenhängendes Zeug zu schwatzen, bis ich unserm Gespräch ein Ende machte und ihm befahl, das Badezimmer in Ordnung zu bringen und den Boden aufzuwischen – ich wollte ihn los sein. Er tat als verstünde er mich, nahm meine Kleider aus dem Schrank und begann sie zu bürsten. Endlich, nachdem ich ihm meine Wünsche noch mehrmals in immer einfacheren Worten kundgetan, begriff er was ich wollte. Er ging hin und holte einen Kuli, um die Arbeit zu tun. Wenn er sie selbst verrichtete, erklärte er mir, würde er das Gesetz seiner Kaste übertreten und sich verunreinigen. Er könne sich dann nur mit großer Not und Schwierigkeit wieder zu Ehren bringen. Dergleichen Arbeit sei den höheren Kasten streng verboten, sie müßte von den Hindus der untersten Kaste, den verachteten Sudras getan werden.

Darin hatte Manuel vollkommen recht. Auch haben sich die armen Sudras anscheinend seit Jahrhunderten in ihr elendes Los ergeben, das sie sozusagen von Anbeginn der Welt dem Schimpf und der Bedrückung preisgibt. In den Verordnungen des Manu (900 v. Chr.) steht, daß wenn sich ein Sudra nicht auf einen niedrigeren Platz setzt als der Höhergestellte, er verbannt und gebrandmarkt werden soll ... beleidigt er ein Mitglied der höheren Kaste, so wird er mit dem Tode bestraft. Hört er zu, wenn die heiligen Bücher vorgelesen werden, so soll ihm siedendes Oel in die Ohren gegossen werden; lernt er Stellen davon auswendig, so bringt man ihn um; verheiratet er seine Tochter an einen Brahminen, so fährt der Gatte in die Hölle, weil er sich durch die Berührung mit einem so unendlich tief unter ihm stehenden Weibe verunreinigt hat. Auch ist es dem Sudra verboten, Reichtum zu erwerben. »Der Hauptbestandteil der indischen Bevölkerung« (heute auf 300 000 000 geschätzt) sagt Bukle »sind die Sudras – die Arbeiter, Landbauer und Erzeuger des Wohlstands, und doch hat schon der Name Sudra eine verächtliche Bedeutung.«

*

Den armen alten Manuel konnten wir nicht gebrauchen; er mochte wohl schon zu bejahrt für uns sein. Ueber seine Langsamkeit wollte man schier verzweifeln und seine Vergeßlichkeit überstieg alle Grenzen. Um eine Besorgung in der nächsten Straße zu machen, blieb er zwei Stunden aus und vergaß unterwegs, was er holen sollte. Zum Packen eines Koffers brauchte er eine Ewigkeit und wenn er schließlich damit zustande kam, war der Inhalt ein unbeschreibliches Chaos. Auch die Aufwartung bei Tische besorgte er schlecht, und das ist ein sehr wesentlicher Mangel, denn wer sich in einem indischen Hotel nicht auf seinen eigenen Diener verlassen darf, ist übel dran und muß meist hungrig von Tische aufstehen. Sein Englisch verstanden wir ebensowenig wie er das unsrige, und als sich herausstellte, daß er selbst nicht verstand was er sagte, war es hohe Zeit uns von ihm zu trennen. Fortschicken mußte ich ihn, das ließ sich nicht ändern, aber ich tat es so sanft und freundlich, wie ich irgend konnte. »Wir müssen scheiden,« sagte ich, »doch hoffe ich, daß wir uns in einer bessern Welt wiederfinden.« Die kleine Unwahrheit nahm ich mir nicht übel, sie kostete nichts und ersparte ihm eine Kränkung.

Sobald er fort war, fiel mir eine Last vom Herzen, ich fühlte frische Kraft und neuen Mut, meine Unternehmungslust wuchs und ich war bereit zu allen Taten. Da kam auch schon Manuels neu gemieteter Nachfolger hereingeflitzt; er berührte seine Stirn, flog hierhin und dorthin auf sammetweichen Sohlen, brachte in fünf Minuten das ganze Zimmer in die musterhafteste Ordnung und stand dann ehrerbietig da, weitere Befehle erwartend. Potztausend, was war das für ein rühriges Kerlchen! Eine wahre Erquickung nach der schläfrigen alten Schnecke, dem Manuel. Vom ersten Augenblick an hing mein ganzes Herz voll Liebe und Bewunderung an dem zweibeinigen, flinken, schwarzen Geschöpfchen, diesem Inbegriff von Tatkraft, Schnelligkeit und Zuversicht, diesem klugen, freundlichen, reizenden kleinen Teufel mit den blitzenden Augen. Das flammendrote Fez mit der feurigen Troddel, das ihm oben auf dem Kopfe saß und wie eine brennende Kohle glühte, kleidete ihn zum Entzücken.

»Wir werden gut zusammen auskommen,« sagte ich mit innerlichster Befriedigung. »Wie heißt du?«

Er wickelte seinen Namen der ganzen Länge nach mit geläufiger Zunge ab.

»Warte, laß mich meine Auswahl treffen, zum täglichen Gebrauch – den Rest versparen wir uns auf den Sonntag. Sage mir's noch einmal, aber abteilungsweise.«

Er tat es; doch war kein kurzer Name darunter, außer Mausa, was mir nicht passend schien; es erinnerte an Maus und war zu sanft und still und viel zu unscheinbar für sein prächtiges Wesen.

»Mausa ist kurz genug,« sagte ich nach einiger Ueberlegung, »aber es gefällt mir nicht; es hat weder Saft noch Kraft und ist nicht bezeichnend genug – in solchen Dingen bin ich sehr empfindlich. Was meinst du, wenn wir dich Satan nennten?«

»Ja Herr – Satan, sehr guter Name.«

Es klopfte an der Tür; mit einem Sprunge war Satan dort, ein paar Worte auf Hindustani wurden gewechselt, dann schlüpfte er hinaus. Drei Minuten später stand er in militärischer Haltung wieder vor mir und wartete auf meine Anrede.

»Was gibt es, Satan?«

»Gott ist da, wünschen Sie zu sprechen.«

»Wer?«

»Gott. Ich ihn sollen hereinführen?«

»Wie ist denn das möglich? – ich – ich weiß wirklich nicht – so ganz unvorbereitet – erkläre mir doch – ein so ungewöhnlicher Besuch –«

»Hier seine Karte, Herr.«

War es nicht merkwürdig, schrecklich und staunenerregend, daß eine so hohe Persönlichkeit mich armen Sterblichen besuchen wollte, und mir wie ein gewöhnlicher Mensch seine Karte hereinschickte – obendrein durch Satan? – Es schien mir ein völlig verwirrendes, undenkbares Zusammentreffen. Aber wir waren ja in Indien, dem Märchenlande; es gibt nichts, was dort nicht geschehen könnte!

Die Unterredung fand statt. Satan hatte ganz recht. Mein Besucher war in den Augen seiner Anhänger wirklich ein Gott und wurde von ihnen als solcher in aller Demut verehrt und angebetet. An der Göttlichkeit seines Amtes und Ursprungs zu zweifeln, liegt ihnen ferne. Sie glauben an ihn, bringen ihm Gaben und Opfer dar und erlangen von ihm Vergebung ihrer Sünden. Seine Person und alles was diese betrifft, ist ihnen heilig; sie kaufen sich von dem Barbier die abgeschnittenen Fingernägel des Gottes, fassen sie in Gold und tragen sie als kostbare Amulette.

Ich versuchte eine ruhige Unterhaltung mit ihm zu führen, aber ich brachte es nicht zustande. Hättet ihr es tun können? – Meine Aufregung, Verwunderung und Neugier waren zu groß; ich verschlang ihn förmlich mit den Augen. Es war ein Gott, ein wirklicher, anerkannter und beglaubigter Gott, den ich da vor mir sah; seine Person, sein Anzug bis in die kleinsten Einzelheiten, hatte ein überwältigendes Interesse für mich. »Was für ein Unterschied!« dachte ich: »selbst der höchstgestellte Mensch muß sich am Zoll der Ehrerbietung und Höflichkeit genügen lassen, den man ihm darbringt, aber er ist der Empfänger weit köstlicherer Geistesgaben – vor ihm kniet man, ihn betet man an! Männer und Frauen legen die Sorgen und Kümmernisse eines schwerbeladenen Herzens ihm zu Füßen nieder und er verleiht ihnen Trost und Frieden, so daß sie geheilt von dannen gehen.«

In diesem Augenblick sagte mein erhabener Gast im einfachsten Tone von der Welt:

»Was mir an der Lebensweisheit Ihres Huckleberry Finn am besten gefällt, ist –« und dann fuhr er fort, mir sein literarisches Urteil auf klare und verständige Weise auseinander zu setzen.

O, was für wunderbare Überraschungen erlebt man doch in Indien! Ich gestehe, daß ich nicht ohne Ehrgeiz bin und gehofft hatte, Könige, Präsidenten und Kaiser würden mich lesen – aber so hoch hatte ich mich in meinen Erwartungen nie verstiegen. Wollte ich leugnen, daß mich das unendlich beglückte, so wäre es falsche Bescheidenheit. Selbst die größte Anerkennung von seiten eines Menschen hätte mir nicht solche Freude gemacht, das bekenne ich ganz offen.

Mein Gast blieb über eine halbe Stunde da und war sehr höflich und liebenswürdig. Die göttliche Würde besteht schon lange in seiner Familie, seit wann weiß ich nicht. Er ist eine mohammedanische Gottheit und nimmt auf Erden den Rang eines persischen Prinzen ein, der in gerader Linie vom Propheten abstammt. Er ist hübsch und noch recht jung – für einen Gott – fünfunddreißig bis vierzig Jahre alt. Die göttliche Größe trägt er mit Ruhe und Gelassenheit, wie es sich für seinen erhabenen Beruf ziemt, und dabei sprach er das Englische geläufig und rein, wie ein geborener Engländer. Ich glaube nicht, daß ich übertreibe; ich hatte vorher noch nie einen Gott gesehen, und er machte mir einen sehr günstigen Eindruck. Als er sich erhob um Abschied zu nehmen, ging die Tür auf, ich sah draußen ein rotes Fez aufleuchten und hörte die ehrerbietige Frage:

»Soll Satan Gott hinausbegleiten?«

»Ja.« – Die beiden unzusammengehörigen Wesen verschwanden vor meinen Blicken, Satan ging voraus und der Andere folgte ihm.

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