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Meine Reise um die Welt - Zweite Abteilung

Mark Twain: Meine Reise um die Welt - Zweite Abteilung - Kapitel 22
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authorMark Twain
titleMeine Reise um die Welt ? Zweite Abteilung
printrunDreizehnte Auflage
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Selbst die Tinte, mit der die Weltgeschichte geschrieben wird, ist nichts als flüssig gemachtes Vorurteil.

Querkopf Wilsons Kalender.

Der Herzog von Fife hat als Zeuge ausgesagt, daß Mr. Rhodes ihn betrogen habe. Mit den Johannesburgern hat es Mr. Rhodes ganz ebenso gemacht. Er hat sie ins Unglück gestürzt, ist aber selbst weit vom Schuß geblieben. Ein gescheiter Kopf war er von jeher, darüber sind alle einig. Nur einmal hätte man fast an dieser Tatsache irre werden können. Es war zur Zeit seines letzten Raubzugs im Matabele-Land; das Kabel verkündete laut, er sei unbewaffnet dahin gegangen, um einige feindliche Häuptlinge zu besuchen. Als man aber dies tollkühne Beginnen bei Lichte besah, stellte sich heraus, daß eine Dame teil daran genommen hatte, welche ebenfalls unbewaffnet war.

Manche Leute glauben, Mr. Rhodes sei gleichbedeutend mit Südafrika; andere halten ihn nur für einen wichtigen Teil des Landes. Nach ihrer Meinung besteht Südafrika aus dem Tafelberg, den Diamantgruben, den Johannesburger Goldfeldern und Cecil Rhodes. Die Goldfelder sind wirklich höchst wunderbar. In sieben oder acht Jahren wuchs dort in der Wüste eine Stadt von 100 000 Einwohnern empor, Schwarze und Weiße zusammengenommen; aber nicht etwa eine gewöhnliche Bergwerksstadt von hölzernen Baracken, sondern durch und durch aus dauerhafterem Baumaterial. Nirgends in der Welt findet man einen solchen Goldreichtum wie in der Umgegend von Johannesburg. Mr. Bonamici, mein dortiger Geschäftsführer, gab mir eine kleine Goldstufe, auf welcher statistische Angaben über den Goldertrag seit der frühesten Zeit bis Juli 1895 eingeritzt waren. Sie bekunden den Riesenfortschritt in der Ausbeute. Im Jahre 1888 belief sich der Ertrag auf 4 162 440 $; in den nächsten sechstehalb Jahren betrug die Totalsumme 17 585 894 $ und in dem einen Jahr bis Juni 1895 gewann man einen Goldwert von 45 553 700 $.

Das Kapital für den Bergwerksbetrieb stammt aus England, die Grubeningenieure kommen aber aus Amerika; auch bei den Diamantgruben spielen sie die erste Rolle. Südafrika ist das Paradies für den wissenschaftlich gebildeten Hüttenmann. Die Amerikaner nehmen dort die besten Stellen ein und werden sie auch zu behaupten wissen; ihr Gehalt ist so hoch, wie es nicht ein einzelner, sondern eine ganze Familie von Ingenieuren in Amerika beziehen würde.

Die Aktionäre der einträglichen Goldgruben erhalten bedeutende Dividenden, und doch ist das Gestein nicht sehr reich nach kalifornischen Begriffen; wenn eine Tonne den Wert von zehn oder zwölf Dollars liefert, ist man schon zufrieden. Das Gold ist so sehr mit unedlen Metallen versetzt, daß der Ertrag vor zwanzig Jahren nur etwa halb so groß gewesen wäre, als jetzt. Damals machte es sich nicht bezahlt, wenn man aus solchem Gestein noch etwas anderes als das grobkörnige reine Gold gewinnen wollte. Bei dem heutigen Cyanid-Verfahren aber beträgt die Gesamtausbeute an Gold in der ganzen Welt jährlich fünfzig Millionen mehr, die früher zu den Abfällen geworfen wurden.

Das Cyanid-Verfahren war für mich ganz neu und sehr interessant; auch von den großartigen und kostspieligen Bergwerksmaschinen hatte ich manche noch nie gesehen; mit dem übrigen Betrieb der Goldbergwerke war ich jedoch völlig vertraut. Da ich früher einmal selbst Goldgräber gewesen bin, verstand ich gerade so viel davon wie die Leute in Johannesburg, nur nicht, wie man Geld damit erwirbt. Dagegen erfuhr ich viel Neues über die Buren, von denen ich noch nichts wußte. Was man mir dort sagte, wurde mir später auch in andern Teilen Südafrikas bestätigt. Fasse ich nun alle jene Berichte zusammen, so erhalte ich von dem Buren folgendes Bild:

Er ist sehr fromm, entsetzlich unwissend, schwerfällig, eigensinnig, gastfrei, bigott und träge; schmutzig in seinen Gewohnheiten, ehrlich bei Unterhandlungen mit den Weißen, hartherzig gegen seine schwarzen Diener, ein guter Schütze und Reiter, der Jagd sehr ergeben; eifersüchtig auf seine politische Unabhängigkeit, ein guter Gatte und Vater. Die Buren leben ungern in Städten zusammengedrängt, sie lieben die Einsamkeit und Absonderung auf dem großen, entlegenen, menschenleeren ›Veld‹. Ihre Eßlust ist ungeheuer und sie sind nicht wählerisch bei Befriedigung derselben – haben sie Schweinefleisch, Mais und Biltong in genügender Menge, so verlangen sie weiter nichts. Um ein Tanzvergnügen mitzumachen, bei dem auch die Nacht hindurch wacker geschmaust und gejubelt wird, scheuen sie einen tüchtigen Ritt nicht; aber zu einer Gebetsversammlung reiten sie gern noch zweimal so weit. Sie sind stolz auf ihre Abstammung von den Holländern und Hugenotten, stolz auf ihre religiöse und militärische Vergangenheit, auf die Großtaten ihres Volks in Südafrika – ihre kühnen Entdeckungsreisen in feindliche und unbekannte Einöden, wo sie den Belästigungen der ihnen verhaßten Engländer entgehen konnten. Sie rühmen sich ihrer Siege über die Eingeborenen und die Briten, am meisten jedoch der persönlichen und überschwenglichen Gnade und Fürsorge, welche die Gottheit ihren Angelegenheiten allezeit hat zu teil werden lassen.

Die Buren können durchschnittlich weder lesen noch schreiben, Zeitungen sind zwar vorhanden, aber niemand fragt danach; bis vor kurzem gab es keine Schulen, die Kinder lernten nichts. Was in der Welt Neues geschieht, ist dem Buren gleichgültig, es geht ihn nichts an. Das Steuerzahlen ist ihm verhaßt, und er lehnt sich dagegen auf. Seit drittehalb Jahrhunderten hat er in Südafrika stockstill gestanden und würde am liebsten bis ans Ende aller Zeiten auf demselben Fleck bleiben, denn die fortschrittlichen Gedanken der Uitlanders sind ihm ein Greuel. Zwar dürstet er nach Reichtum, wie andere Menschen auch, aber ein reicher Viehstand ist ihm lieber als schöne Kleider und Häuser, Gold und Diamanten, »Hätte man das Gold und die Diamanten doch nie entdeckt,« denkt er, »dann wäre der gottlose Fremdling nicht ins Land gekommen, der Unruhstifter mit seiner Sittenverderbnis!«

Jeder, der Olive Schreiners Bücher kennt, wird was ich hier anführe in der Hauptsache bestätigt finden. Und daß sie ein ungünstiges Vorurteil für den Buren hat, ist ihr noch von niemand vorgeworfen worden.

Was läßt sich nun aber nach alledem von dem Buren erwarten? Was kann aus solchem Stoff entstehen? Eine Gesetzgebung, sollte man meinen, welche die Religionsfreiheit einschränkt, dem Fremden die Wahlberechtigung und Wählbarkeit verweigert, den Bildungs- und Erziehungsanstalten wenig förderlich ist, die Goldproduktion einschränkt, das Eisenbahnnetz nicht erweitert, den Ausländer hoch besteuert und den Buren freiläßt.

Die Uitlanders scheinen indessen ganz andere Dinge erwartet zu haben. Warum weiß ich nicht. Es ließ sich vernünftigerweise nichts anderes voraussehen. Ein runder Mensch paßt nicht gleich in ein viereckiges Loch; man muß ihm erst Zeit lassen, seine Form zu ändern. Gewisse Verbesserungen wurden schon vor Jamesons Ueberfall vorgenommen und seitdem ist noch manche Reform eingeführt worden. Es sitzen weise Männer im Rate der Transvaal-Regierung und ihnen ist der Fortschritt zu danken, welchem die große Masse der Buren bis jetzt noch kaum zugänglich ist. Wäre die Regierung weniger weise, so hätte sie Jameson aufgehängt und aus einem gewöhnlichen Piraten einen heiligen Märtyrer gemacht. Aber auch die Weisheit hat ihre Grenzen, und wenn man Mr. Rhodes jemals fängt, wird man ihn sicherlich aufknüpfen und zu einem Heiligen machen. Diese höchste aller menschlichen Würden sollte ihm noch verliehen werden, nachdem er schon alle übrigen Titel getragen hat, welche irdische Größen bezeichnen.

Den Johannesburgern sind bereits viele ihrer ursprünglichen Forderungen bewilligt worden; auch ihre übrigen Beschwerden dürften mit der Zeit schwinden. Sie sollten froh sein, daß die Steuern, mit denen sie so unzufrieden waren, von der Burenregierung erhoben wurden, statt von ihrem Freunde Rhodes und seiner raubsüchtigen Südafrikanischen Gesellschaft; denn letztere nimmt die Hälfte von allem in Beschlag, was die Opfer ihrer Habgier beim Grubenbau gewinnen, sie begnügt sich nicht mit einem Prozentsatz. Stünden die Johannesburger unter ihrer Gerichtsbarkeit, sie wären längst im Armenhaus. Der Name Rhodesia ist gut gewählt, um das Land zu bezeichnen, wo Raub und Plünderung an der Tagesordnung sind und unter dem Schutz des Gesetzes nach Gutdünken betrieben werden können.

Auf mehreren langen Fahrten lernten wir die Eisenbahnen der Kapkolonie kennen. Alle Einrichtungen sind bequem, man findet die größte Sauberkeit und in den Nachtzügen behagliche Betten. Es war Anfang Juni und Winterzeit: bei Tage eine angenehme Wärme, nachts frisch und kühl. Während man durch das Land fuhr, atmete man den ganzen Tag über mit Wonne die kräftige Luft und schaute auf die braune sammetweiche Ebene hinaus, an deren Horizont mattschimmernde Hügelketten wie in einem fernen Traumland zu verschwimmen schienen. Wie tief blickte man in den Himmel hinein mit seinen fremden, seltsamen Wolkengebilden, wie flutete ringsum der herrlichste Sonnenglanz in verschwenderischer Fülle! Für mich hatte der Veld im ersten Winterkleid einen ganz besonderen Reiz. Wir kamen durch weite Strecken, wo der Boden sich wellenförmig hebt und senkt und sich endlos ausdehnt, gleich dem Ozean. Von dem hellsten bis ins dunkelste Braun waren dort alle Schattierungen vertreten, die sich zum schönsten Orangegelb, Purpur und Scharlachrot wandelten, wo die Ebene mit den bewaldeten Hügeln und den nackten, roten Felsklippen zusammenfließt und der Himmel die Erde berührt.

Ueberall, von Kapstadt bis Kimberley und von Kimberley bis Port Elizabeth und East London haben die Städte eine zahlreiche Bevölkerung von zahmen Eingeborenen. Man hatte sie nicht nur gezähmt, sondern vermutlich auch christianisiert, denn sie trugen die abscheuliche Kleidung, wie sie bei unsern christlichen zivilisierten Völkern Sitte ist. Einige von ihnen hätten sich sonst durch hervorragende Schönheit ausgezeichnet. Die häßlichen Kleider, der ihnen eigene schleppende Gang, das sorglose Lachen und ihre gutmütigen Gesichter mit dem zufriedenen, glücklichen Ausdruck machten sie zu einem täuschenden Ebenbild unserer amerikanischen Schwarzen. Wo nun alles andere vollkommen harmonisch und durch und durch afrikanisch war, kam plötzlich ein Schwarm solcher Eingeborenen gegangen, die gar nicht dorthin paßten. Sie brachten einen Mißklang in die Stimmung, es entstand ein halb afrikanisches, halb amerikanisches Gemisch und der ganze Eindruck war verdorben.

An einem Sonntag sah ich in King Williams Town wohl ein Dutzend farbige Weiber, die nach neuster Mode kostbar und auffallend in die widersprechendsten und grellsten Farben gekleidet waren. Sie kamen über den großen, leeren Platz geschritten und zeigten in Gang und Miene jene schmachtende Vornehmtuerei, jenes innige Wohlgefallen an ihrem Putz, das ich so genau kannte und das für mich stets eine wahre Augenweide ist. Mir war, als sei ich nach fünfzigjähriger Trennung wieder unter guten alten Freunden und ich blieb stehen, um sie herzlich zu begrüßen. Sie brachen in ein kameradschaftliches Lachen aus, ihre weißen Zähne blitzten mir entgegen; alle antworteten auf einmal, doch verstand ich kein Wort von dem was sie sagten. Das verwunderte mich höchlich; es war mir auch nicht im Traum eingefallen, daß sie eine andere Sprache reden könnten als Amerikanisch.

Auch die weichen, wohlklingenden Stimmen der afrikanischen Frauen erinnerten mich an die Sklavinnen aus meiner Kinderzeit. Ich folgte einigen bis in den Oranje-Freistaat, das heißt, durch die ganze Hauptstadt Bloemfontein, nur um den Laut ihrer Stimme und ihr lustiges Lachen zu hören.

Auf unsern Eisenbahnfahrten durch das Land hatte ich Gelegenheit viele Buren zu sehen, die auf dem einsamen Veld leben. Eines Tages stiegen in einem Dorf hundert zusammen aus der dritten Klasse, um sich auf der Station gütlich zu tun. Ihr Anzug interessierte mich. Etwas so Häßliches an Form und unharmonischer Zusammenstellung der Farben war mir noch nicht vorgekommen. Der Anblick regte mich in seiner Art fast ebenso auf, wie das Schauspiel, welches mir die geschmackvollen Trachten und schönen glänzenden Gewänder auf den indischen Stationen bereitet hatten. Ein Mann trug Beinkleider aus geripptem Baumwollzeug von dem abscheulichsten verschossenen Gelbbraun, das ich je gesehen habe, und sie waren obendrein neu, die Farbe war absichtlich gewählt, nicht durch irgend ein Mißgeschick entstanden. Ein langer, vierschrötiger Lümmel hatte einen zerknitterten grauen Schlapphut mit breiter Krempe auf dem Kopf, rosinfarbene Hosen und einen scheußlichen, nagelneuen Tuchrock, der mit seinen wellenförmigen, breiten gelben und braunen Streifen ein Tigerfell nachahmen sollte. Nach meiner Meinung verdiente der Mensch gehängt zu werden; als ich aber den Stationsvorsteher fragte, ob sich das nicht bewerkstelligen ließe, verneinte er es auf grobe Weise und mit ganz unnötiger Heftigkeit. Im Fortgehen murmelte er noch etwas in den Bart, das wie ›Esel‹ klang; auch lenkte er die öffentliche Aufmerksamkeit auf mich und man zeigte mit Fingern nach mir. Das hat man davon, wenn man versucht etwas Gutes zu tun, es ist der Lohn der Welt!

An jenem Tage erzählte mir ein Mitreisender im Zuge noch allerlei von den Buren. Er sagte, daß sie früh aufstehen und ihre Schwarzen an die Arbeit treiben (sie müssen die Herden draußen auf der Weide hüten), dann setzen sie sich hin um zu essen, zu rauchen und zu schlafen; gegen Abend überwachen sie das Melken u. dgl., essen, rauchen und schlafen wieder, und gehen bei Dunkelwerden wieder zu Bett in den wohlriechenden Kleidern, die sie den ganzen Tag über und an jedem Werktag seit Jahren getragen haben. Auch von ihrer bekannten Gastfreiheit wußte er ein Beispiel zu berichten: Einmal machte ein hochwürdiger Bischof von Amts wegen eine Reise durch den Veld, wo es keine Gasthäuser gibt. Zur Nacht kehrte er bei einem Buren ein, und als das Abendessen vorüber war, wies man ihm sein Bett an. Er war müde und angegriffen von seinem Tagewerk, kleidete sich aus und lag bald in tiefem Schlaf. In der Nacht ward ihm so eng und beklommen zu Mute, daß er erwachte; da sah er den alten Buren und seine dicke Frau rechts und links von ihm im Bett liegen; sie hatten alle ihre Kleider anbehalten und schnarchten laut. Ihm blieb nichts übrig als sich still zu verhalten und sein Geschick zu ertragen; er quälte sich wachend bis zur Morgendämmerung, dann schlummerte er noch ein Stündchen ein. Als er die Augen wieder aufschlug, war der alte Bur fort, aber die Frau lag noch an seiner Seite.

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