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Meine Reise um die Welt - Zweite Abteilung

Mark Twain: Meine Reise um die Welt - Zweite Abteilung - Kapitel 12
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authorMark Twain
titleMeine Reise um die Welt ? Zweite Abteilung
printrunDreizehnte Auflage
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
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Zwölftes Kapitel.

Wer einem Volk seinen Aberglauben vorschreibt, hat mehr Einfluß als wer ihm seine Gesetze macht, oder seine Gesänge.

Querkopf Wilsons Kalender.

Die Stadt Benares ist eine einzige große Kirche, eine Art religiöser Bienenstock, in dem jede Zelle als Tempel, Altar oder Moschee dient. In diesem großen theologischen Vorratshaus kann man sich alle nur erdenklichen irdischen oder himmlischen Güter verschaffen.

Ich will hier einen Wegweiser für den Pilger zusammenstellen, aus dem sich erkennen läßt, wie brauchbar, wie nützlich und vollständig dieses Religions-System ist. Wer mit dem ernstlichen Wunsch, seine geistliche Wohlfahrt zu fördern, nach Benares geht, wird es mir Dank wissen. Daß die Tatsachen, die ich angebe, richtig sind, unterliegt keinem Zweifel; ich habe sie teils in Mr. Parkers ›Führer durch Benares‹ gefunden, teils hat er sie mir bei unserer mündlichen Unterhaltung mitgeteilt.

1. Reinigung. – Bei Sonnenaufgang gehe zum Ganges hinab, bade dort, bete und trinke etwas Wasser. Dies dient zur allgemeinen Läuterung.

2. Schutz gegen den Hunger. Um dich im Kampf gegen dies traurige Erdenübel zu stärken, verrichte eine kurze Andacht im Tempel der Kuh. Am Eingang steht ein Bildnis von Ganesch, einem Sohne des Gottes Schiwa, das einen Elefantenkopf auf einem menschlichen Körper trägt, Gesicht und Hände sind aus Silber. Bete es an und gehe dann weiter auf eine bedeckte Veranda, in der roh geschnitzte, häßliche Götzenbilder stehen. Dort findest du Andächtige, die mit Hilfe ihrer Lehrer in den heiligen Büchern lesen. Gib eine Beisteuer zu ihrem Unterhalt und betritt dann den Tempel, einen düstern, übelriechenden Raum voll heiliger Kühe und Bettler. Letzteren spende ein Almosen und küsse allen Kühen, die frei herumlaufen, ehrfurchtsvoll den Schwanz, denn dieser ist ganz besonders heilig; tust du das, so wirst du an selbigem Tage keinen Hunger leiden.

3. Der Freund des armen Mannes. – Diesen Gott mußt du zunächst anbeten. Er wohnt im Grunde eines steinernen Brunnens im Tempel zu Dalbhyesvar, der im Schatten eines hohen Peepul-Baumes auf einem Felsvorsprung am Ganges steht. Gehe daher zum Fluß zurück. Der ›Freund des armen Mannes‹ ist der Gott weltlichen Glückes im allgemeinen und außerdem auch ein Regengott. Er wird dir irdische Güter gewähren, wenn du ihn anbetest, oder einen Regenguß – vielleicht auch beides. Er ist Schiwa unter fremdem Namen und weilt in Form eines steinernen ›Lingam‹ auf dem Grunde des Brunnens. Begieße ihn mit Gangeswasser und er wird dir zum Dank für die Huldigung seine Gaben spenden. Kommt der Regen nicht gleich, so gieße immer mehr Wasser in den Brunnen, bis er ganz voll ist. Dann bleibt der Regen gewiß nicht aus.

4. Fieber. Der Kedar Ghaut ist eine breite steinerne Treppe, die zum Fluß hinabführt. Auf halber Höhe findest du einen Behälter, in dem das Schmutzwasser zusammenläuft. Trinke davon soviel du willst, es vertreibt das Fieber.

5. Blattern. – Gehe von da geradeswegs nach dem Haupt-Ghaut. Stromaufwärts kommst du an ein kleines weißgetünchtes Gebäude; es ist ein Tempel, welcher der Göttin der Blattern, Sitala, geheiligt ist. Doch findest du nur ihre Stellvertreterin, dort hinter einem Metallschirm, eine rohe menschliche Gestalt, der du Anbetung erweisen sollst.

6. Der Schicksalsbrunnen. – Den suche zunächst auf. Er gehört zum Dandpan-Tempel, der in der Stadt liegt. Durch ein viereckiges Loch im Mauerwerk fällt von oben das Licht herein. Tritt mit scheuer Ehrfurcht herzu, denn es handelt sich hier um die wichtigsten Dinge. Beuge dich nieder und schaue hinein. Sind die Schicksalsgötter deinem Leben günstig, so erblickst du dein Antlitz tief unten im Brunnen. Haben sie dein Verderben beschlossen, so verhüllt plötzlich eine Wolke die Sonne und du kannst nichts sehen. Dann hast du kaum noch ein halbes Jahr zu leben. Vielleicht stehst du schon an des Todes Tür. Verliere keine Zeit, laß ab von dieser Welt, bereite dich auf das Jenseits. Dazu bietet sich dir die beste Gelegenheit dicht nebenan. Wende dich um und bete zu dem Bilde des großen Schicksalsgottes Maha Kal, das sichert dein Glück im künftigen Leben. Ist dein Atem noch nicht entflohen, so mache einen letzten Versuch, ob dir nicht eine kleine Verlängerung deines Lebens auf Erden gewährt wird. Die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, denn in dem wundervoll eingerichteten Vorratshaus für weltliche und geistliche Güter kann man alles haben. Laß dich

7. – nach dem Lebensbrunnen tragen. Er ist im Vorhof des verfallenen ehrwürdigen Briddhkal-Tempels, der zu den ältesten Heiligtümern von Benares gehört. An einem Steinbilde des Affengottes Hanuman vorbei, gelangt man auf den mit Trümmern bedeckten Höfen zu einer seichten Zisterne mit stehendem Wasser. Sie riecht wie der beste Limburger Käse; der Schmutz von den Waschungen aller Kranken und Aussätzigen hat sich dort angesammelt. Aber was tut das? Bade dich darin mit Dank und Andacht, denn dies ist der Jungbrunnen, das ›Wasser des langen Lebens‹. Dein graues Haar wird verschwinden mit allen Runzeln; Gliederweh, Sorgenlast und Altersschwäche werden von dir abfallen; jung, frisch, elastisch, und begierig den Wettlauf des Lebens von neuem zu beginnen, entsteigst du dem Bade. Natürlich stürmen nun auch die mannigfachen Träume und Wünsche der holden Jugendzeit wieder auf dich ein. Deshalb gehe dahin, wo du

8. – die Erfüllung der Wünsche findest, nämlich in den Kemeschwar-Tempel, welcher Schiwa, dem Herrn der Wünsche geweiht ist und hole dir die Gewährung der deinigen. Liegt dir etwas an Götzenbildern, so kannst du dort in den zahllosen Tempeln genug zu sehen bekommen, um ein ganzes Museum auszustaffieren. Vermutlich wirst du nun mit neuem Eifer anfangen Sünden zu begehen; ich kann dir daher nur raten, häufig eine Stätte aufzusuchen, wo du 9. zeitweilige Reinigung von Sünden erhältst. Dies ist der Brunnen des Ohr-Rings, der weihevollste Ort in ganz Benares, das Allerheiligste in der Vorstellung des Volkes, dem man sich nur in tiefster Ehrfurcht nahen darf. Das Wasserbecken ist mit einem Gitter umgeben, zu dem steinerne Treppen hinabführen. Natürlich ist das Wasser nicht rein; wie wäre das möglich, da fortwährend Menschen darin baden. Wie lange man auch dort stehen mag, immer sieht man die Sünder in ununterbrochener Reihe hinab- und heraufsteigen. Mit Sünde beladen gehen sie hinunter und frei von Schuld kommen sie wieder herauf. »Der Lügner, der Dieb, der Mörder, der Ehebrecher, waschen sich hier und werden rein,« sagt Mr. Parker in seinem Buch. Gut, daß ich Mr. Parker kenne und glaube was er sagt; hatte jemand anderes das behauptet, so würde ich ihm raten, sofort ins Wasser hinunterzusteigen und sich tüchtig abzuwaschen. – Jugend, langes Leben, Sündenreinheit sind zwar köstliche Gaben, aber das ist noch nicht genug. Vor allem mußt du dich

10. deiner Seligkeit versichern. Das kannst du auf mancherlei Art. Erstens, wenn du im Ganges ertrinkst, aber das ist nicht angenehm. Oder du stirbst in Benares; dabei ist jedoch zu bedenken, daß du gerade außerhalb der Stadt sein könntest, wenn dein letztes Stündlein kommt. Am sichersten ist eine Wallfahrt rund um die Stadt. Du mußt sie barfuß machen und der Weg ist vierundvierzig Meilen lang, weil er eine Strecke weit über Land führt, so daß der Marsch wohl fünf bis sechs Tage dauern kann. An Gesellschaft wird es dir aber nicht mangeln. Scharen beglückter Pilger ziehen dieselbe Straße; der Farbenglanz ihrer Kleider gewährt dir ein schönes Schauspiel, auch erheitern ihre Loblieder und heiligen Triumphgesänge dir das Herz und lassen dich keine Ermüdung spüren. Von Zeit zu Zeit triffst du auf einen Tempel, wo du ausruhen und dich mit Speise erfrischen kannst. Ist deine Wallfahrt zu Ende, so hast du dir die Seligkeit sicher erworben. Aber du wirst ihrer doch vielleicht nicht teilhaftig, außer wenn du

11. deine Erlösung eintragen lässest. – Dies kannst du im Sakhi Binayak Tempel tun. Du darfst es ja nicht versäumen, weil du sonst nicht beweisen kannst, daß du die Pilgerfahrt wirklich gemacht hast, falls man es dir einst bestreiten sollte. Ueber der Tür dieses Heiligtums, das hinter dem Kuh-Tempel liegt, ist ein rotes Bildnis von Ganesch mit dem Elefantenkopf, dem Sohn und Erben des Gottes Schiwa, der sozusagen Kronprinz des theologischen Kaisertums ist. Der Gott im Tempel hat das Amt deine Wallfahrt einzutragen und sich für dich zu verbürgen. Ihn selber bekommst du zwar nicht zu sehen, aber ein Brahmane empfängt dich, besorgt dein Geschäft und läßt sich das Geld dafür auszahlen. Falls er letzteres vergißt, darfst du ihn daran erinnern. Er weiß jetzt, daß deine Seligkeit gesichert ist, aber natürlich möchtest du es auch gern selbst erfahren, dazu brauchst du nur

12. an den Brunnen zur Kenntnis der Seligkeit zu gehen. Er ist dicht beim Goldenen Tempel. Da steht ein Stier aus einem einzigen schwarzen Marmorblock gemeißelt und viel größer als irgend ein lebendiger Stier, der dir jemals vorgekommen ist; auch ein Bildnis von Schiwa wird dort gezeigt, eine große Seltenheit! Sein Lingam hast du vielleicht schon fünfzehntausendmal gesehen, aber dies hier ist Schiwa selbst und man sagt, das Porträt sei sehr ähnlich. Es hat drei Augen; so viele besitzt kein anderer Gott. Ueber dem Brunnen ist ein schöner steinerner Baldachin, der auf vierzig Säulen ruht; wie allenthalben in Benares, beten auch hier Scharen von andächtigen Pilgern. Das heilige Wasser wird ihnen eingelöffelt, und dabei durchströmt sie zugleich die klare und feste Zuversicht ihrer Erlösung. Man sieht es ihnen am Gesicht an, daß sie das höchste Glück gefunden haben, welches es auf Erden gibt, dem sich keine andere Freude vergleichen läßt. Wer das Wasser getrunken und seine Einzahlung gemacht hat, was sollte der noch begehren? Gold, Edelsteine, Macht oder Ruhm? – In einem Augenblick ist das alles nichtig und wertlos geworden und zu Staub und Asche zerfallen. Die Welt hat dem Menschen nichts mehr zu bieten, sie muß sich ihm gegenüber für bankerott erklären. –

Ich will nicht behaupten, daß alle Pilger ihre Andacht immer genau in der Reihenfolge verrichten, wie mein Wegweiser sie angibt, aber es wäre gar nicht so übel, wenn sie es täten. Sie hatten dann einige feste Anhaltspunkte, ein bestimmtes Ziel und brauchten ihre gottesdienstlichen Uebungen nicht aufs Geratewohl zu betreiben: Das Gangesbad am Morgen erregt des Pilgers Eßlust; sie vergeht ihm, wenn er die Kuhschwänze küßt. Nun sehnt er sich nach weltlichen Gütern; er eilt hin und gießt Wasser auf Schiwas Symbol. Das sichert ihm sein irdisches Glück, bringt ihm aber auch einen Regenschauer, von dem er das Fieber bekommt. Zur Heilung trinkt er das Schmutzwasser am Khedar Ghaut, das Fieber verläßt ihn, aber er bekommt die Blattern. Um zu wissen, welche Wendung es mit ihm nehmen wird, geht er zum Dandpan-Tempel und sieht in den Brunnen hinab. Die Sonne umwölkt sich, sie zeigt ihm, daß er dem Tode nahe ist. Was kann er da Besseres tun, als sich seine Seligkeit im Jenseits zu sichern? Das geschieht mit Hilfe des großen Schicksalsgottes. Nun ist ihm der Himmel gewiß, er wird daher vermutlich Sorge tragen, noch solange wie möglich auf Erden zu bleiben. In dieser Absicht geht er zum Briddhkal-Tempel und gewinnt Jugend und langes Leben durch ein Bad in der scheußlichen Pfütze, die selbst eine Mikrobe umbringen würde. Die Sündenlust erwacht mit der Jugend von neuem; er sucht den Tempel der ›Erfüllung der Wünsche‹ auf, um sein Verlangen zu stillen. Im Brunnen des Ohr-Rings reinigt er sich dann von Zeit zu Zeit von Sünden und stärkt sich zu ferneren verbotenen Genüssen. Da er aber ein Mensch ist, kann er sich der Zukunftsgedanken nicht entschlagen. Deshalb macht er die große Wallfahrt rund um die Stadt, sichert sich seine Erlösung, läßt sie eintragen und verschafft sich noch die persönliche Gewißheit seines künftigen Heils durch einen Gang nach dem Brunnen zur ›Kenntnis der Seligkeit ‹. – Nun ist er aller Sorgen ledig, er kann tun und lassen, was er will und genießt einen Vorzug, den er einzig und allem seiner Religion verdankt: Sollte er hinfort auch noch Millionen Sünden begehen, so schadet es nichts und niemand kann ihm etwas dafür anhaben.

So ist das ganze System klar und übersichtlich zusammengestellt und läßt an Vollständigkeit nichts zu wünschen übrig; ich möchte es allen empfehlen, denen die andern Religionen zu anspruchsvoll in ihren Forderungen erscheinen und zu beschwerlich für die kurze Spanne unseres mühevollen Erdenlebens.

Aber ich will niemand durch falsche Vorspiegelungen täuschen und so muß ich noch eines Umstands erwähnen, der in meinem Wegweiser fehlt. Trotz aller Mühe und Kosten, die sich der Pilger gemacht hat, kann sein ganzes Werk zu Schanden werden, wenn er zufällig auf das andere Ufer des Ganges gerät und dort stirbt. Er würde dann sofort wieder lebendig werden, jedoch in der Gestalt eines Esels. Gegen die Verwandlung in einen Esel hat der Hindu aber eine merkwürdige Abneigung – und doch wäre es für ihn gar kein schlechter Tausch. Er fände dadurch Erlösung aus der sklavischen Abhängigkeit von 2 000 000 Göttern und 20 000 000 Priestern, Fakirn, heiligen Bettlern und andern frommen Bazillen; auch der Hindu-Hölle könnte er entfliehen und desgleichen dem Hindu-Himmel. Würde sich der Hindu nur aller dieser Vorteile bewußt, er ginge sofort über den Ganges und stürbe am andern Ufer.

Benares ist ein religiöser Vulkan. In seinen Eingeweiden sind die theologischen Kräfte schon seit Jahrtausenden geschäftig; es donnert und grollt und kracht, es wühlt und erbebt, es brodelt und kocht, es flammt und raucht darin ohne Unterlaß. Am Fuß des Kraters aber haben kleine Gruppen von Missionaren voller Hoffnung Posten gefaßt. Sie gehören zu den Missionsgesellschaften der Baptisten, der Wesleyaner, der Londoner Mission, der Kirchenmission, der Zenana-Bibelmission und der Heilsmission. Die Haupterfolge erzielen sie in ihren Schulen unter den Kindern. Das ist auch sehr natürlich, denn erwachsene Menschen halten sich überall mit Vorliebe an das Religionsbekenntnis, in dem sie erzogen worden sind.

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