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Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts

Johann Heinrich Pestalozzi: Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
authorJohann Heinrich Pestalozzi
titleMeine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts
publisherLorenz Spindler, Nürnberg
editorW. J. Ruttmann
year1922
firstpub1797
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130730
projectid8eb4f447
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Die Immergleichheit der menschlichen Verirrungen.

Er. Hat der Mensch den festen und reinen Willen, durch den er zur Wahrheit und zum Recht zu gelangen vermag, wenn er empfindet, denkt und handelt, wie er ohne allen Zwang und Gewalt immer tut.

Ich. Das ist nicht möglich.

Er. Warum?

Ich: Weil er in diesem Fall in seinem Empfinden, Denken und Handeln ganz von dem Punkt ausgeht, auf welchen mein Geschlecht in wirklicher Unempfänglichkeit für Wahrheit und Recht bloß tierisch dahingeht.

Er. Wohin muß aber diese Beschaffenheit meiner selbst mich in allen Verhältnissen des gesellschaftlichen Lebens hinführen?

Ich. Zur Untreue am gesellschaftlichen Recht.

Er. Worin besteht diese Untreue?

Ich. In der Unredlichkeit die Entsagung des Rechts, der bluttriefenden Freiheit der Naturverwilderung nur zu heucheln, im Grund aber mitten in der bürgerlichen Gesellschaft das gewalttätige, blutdürstige Raubtier zu bleiben, das der Mensch im tierischen Verderben seiner Naturverwilderung im Walde ist.

Er. Wie äußert der Mensch diese Untreue auf dem Thron?

Ich. Durch Neigung zur Tyrannei.

Er. Gesteht aber der Mensch auf dem Thron diese Neigung zur Tyrannei?

Ich. Nichts weniger.

Er. Wie heißt er dieselbe?

Ich. Festigkeit in der Erhaltung seiner hoheitlichen, seiner Souveränitäts-, seiner Kronrechte und wie die hohen Namen alle heißen.

Er. Wie äußert der Mensch diese Untreue unter dem Strohdach?

Ich. Durch Neigung zur Anarchie, zur Standesauflösung, zum Sanskulottismus.

Er. Aber gesteht er unter dem Strohdach seine Neigung zur Anarchie und zur Standesauflösung?

Ich. Nichts weniger.

Er. Wie heißt er dieselbe?

Ich. Sorgfalt für Menschenrechte, für Freiheit, für Gleichheit und wie die schönen Namen alle heißen.

Er. Wie äußert der Patrizier diese Untreue am gesellschaftlichen Recht?

Ich. Durch Neigung zur Oligarchie.

Er. Gesteht aber der Patrizier diese Neigung zur Oligarchie?

Ich. Nichts weniger.

Er. Wie heißt er dieselbe?

Ich. Neigung zur Aristokratie.

Er. Und wenn das böse Leben der Oligarchie den zum Blendwerk dargeworfenen Namen Aristokratie auch bei der blinden Menge gebrandmarkt hat, wie heißt er dann seine Untreue am gesellschaftlichen Recht?

Ich. Wie es kommt, bald landesherrliche Sorgfalt, landesherrliche Treue.

Er. Wie äußert der Edelmann diese Untreue am gesellschaftlichen Recht?

Ich. Durch Verfeinerung aller Heillosigkeiten unter dem Strohdach, durch Wild- und Jagdverschwendung und durch Tracasserien seiner Amtleute mit seinen Wirtshäusern, Mühlen, mit seinem Maß und Gewicht, kurz mit allen Eigenheiten der amtlichen Manier in Behandlung der herrschaftlichen Einkünfte.

Er. Gesteht aber der Edelmann in diesem Fall, daß er ein so heilloser Mensch ist wie ein verdorbener Bauer?

Ich. Nichtsweniger!

Er. Wie heißt er seine Heillosigkeit?

Ich. Standesmäßige Aufführung.

Er. Gesteht aber sein Amtmann diese Untreue an gesellschaftlichem Recht?

Ich. Gott behüte!

Er. Wie redet von derselben?

Ich. Als von seiner großen Treue und Sorgfalt in der Verwaltung der herrschaftlichen Gefälle, die sich alle auf heitere, klare Rechte, auf vormundschaftliche Rechte, auf Schirmrechte, auf Lehensrechte, Kanzleirechte, Zollrechte, Wegerechte, Zehentrechte. Fronrechte, Lieferungsrechte, Jagdrechte, Fischrechte, Weidrechte usw. gründen und alle vollkommen in der Ordnung seien, daß auch kein Mensch im geringsten dran zu zweifeln habe.

Er. Und der Kaufmann und der Handwerker, wie äußern diese ihre Neigung zum gesellschaftlichen Unrecht?

Ich. Durch Vorliebe zu Monopolien.

Er. Was ist ein Monopol?

Ich. Ich denke soviel, als eine Bemächtigung irgend eine Sache mit gesellschaftlich unrechtmäßiger Beschränkung seiner Nebenmenschen benützen zu dürfen.

Er. Also wäre ein Monopolist so ziemlich ein in der bürgerlichen Gesellschaft privilegiertes Naturtier?

Ich. Ich denke nicht viel anders.

Er. Und die Cyklopen, die mit ihrer Keule zu Tod schlugen, was in der Nähe ihrer Höhlen zu weiden wagte, wären also die ersten Monopolisten?

Ich. Ja! Aber doch privilegierten diese dennoch sich selber und waren also in ihrer eigenen Sache selber Richter, die neuern gehen doch nicht so völlig via facti zu werke, sie lassen wohl auch ganz nahe an ihrem Wege leben, was lebet und mögen zu Zeiten, wann sie bei guter Laune sind, es noch gar wohl leiden, wann sich etwa ein braver Mann bei ihnen um ein Stück Brot meldet, das macht doch einen großen Unterschied zwischen ihnen und den einäugigen Menschenfressern.

Er. Es macht einen Unterschied, aber wir wollen ihn nicht so genau entwickeln. Wie äußert sich die Untreue an dem gesellschaftlichen Recht bei dem Gelehrten?

Ich. Durch Streit und Zank, vorzüglich aber durch das Hungergewäsch ihrer unbehelflichen Seelen.

Er. Wie heißen sie ihren Streit und Zank?

Ich. Eifer für Wahrheit und Recht.

Er. Und das Hungergewäsch ihrer unbehelflichen Seelen?

Ich. Geistesprodukt.

Er. Und die Geistlichen, wie äußern diese ihre Untreue am gesellschaftlichen Recht?

Ich. Durch Schlaf- und Herrschsucht, durch Einmischung und durch ihre alleruntertänigste Untertänigkeit.

Er. Wie heißen sie ihre Schlafsucht?

Ich. Ruhe in Gott.

Er. Und ihre Herrschsucht?

Ich. Königliches Priestertum.

Er. Und ihre Einmischung?

Ich. Heilige Pflichttreue.

Er. Und ihre alleruntertänigste Untertänigkeit?

Ich. Nachfolge eines Mannes, der zwar freilich der Ordnung der Welt bis in den Tod gehorsam war, aber seinen Rücken dennoch nie vor Unrecht, Anmaßungen und Heuchelei bog.

Er. Sind aber diese Anmaßungen der Untreue unseres Geschlechts an Wahrheit und Recht allgemein etwas anders als Folgen des Übergewichts unserer tierischen Neigung mitten in der bürgerlichen Gesellschaft also zu leben, wie der Mensch ohne allen Zwang und Gewalt im Wald lebt?

Ich. Sie sind allgemein nichts anderes als Folgen der Heillosigkeit im Gebrauch jeder gesellschaftlichen Kraft zu diesem Zweck; daher ist die Neigung des Königs zur Tyrannei und die Neigung des Bauern zur Anarchie in ihrem Wesen die nämliche Sache, daher spricht der Oligarch und der Sanskulott aus einem Munde, daher sind die Heillosigkeiten des adeligen Landlebens bloße Verfeinerungen der Heillosigkeiten unter dem Strohdach und ebenso die Tracasserien des Amtmanns mit den Tracasserien des Geistlichen und hinwieder die monopolischen Großsprechereien der Kaufleute mit den monopolischen Gewalttätigkeiten und den Innungsarmseligkeiten der gelehrten Republik eine und eben dieselbe Sache.

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