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Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts

Johann Heinrich Pestalozzi: Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
authorJohann Heinrich Pestalozzi
titleMeine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts
publisherLorenz Spindler, Nürnberg
editorW. J. Ruttmann
year1922
firstpub1797
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130730
projectid8eb4f447
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Übergang zu dem Wesentlichen meines Buchs.

Ich hätte also das Bild der Menschen und mit ihm das Bild der nahenden Auflösung der Staaten vollendet.

Es ist mir ganz Wahrheit, d. h., es steht meiner Individualität so und nicht anders vor Augen. Es trägt darum auch das Gepräge, das die Natur meiner individuellen Entwicklung selbst gegeben und steht folglich mit der ganzen Einseitigkeit da, mit welcher einige Gegenstände der Welt im Gang meines Lebens mit vielem Reiz verwoben, andere mit vielem Ekel umhüllt, einige mit großen Erfahrungen belegt, andere von dem Schatten der Erfahrungslosigkeit verdunkelt, vor meinen Augen erscheinen. Es soll also sein. Mein Bild vom Menschen soll wie mein Buch nichts sein als die Wahrheit, die in mir selbst liegt, sonst wäre sie ein Gewebe von Lügen wider mich selbst und wider meinen Zweck.

Ich ging jetzt weiter und fragte mich: Aber warum ist es also? Warum geht mein Geschlecht im Jammer der Rechtlosigkeit und im Elend innerer Entwürdigung dahin, indessen einzelne Menschen sich zu einer merklichen Höhe bürgerlichen Wohlstands und sittlichen Veredlung erheben? Hier muß ich Licht finden oder der Eindruck, den der Gang meines Lebens auf mich gemacht hat, bleibt bis an mein Grab ein Chaos vor meinen Augen.

Soviel sah ich bald: die Umstände machen den Menschen, aber ich sah eben so bald: der Mensch macht die Umstände, er hat eine Kraft in sich selbst selbige vielfältig nach seinem Willen zu lenken.

Sowie er dieses tut, nimmt er selbst Anteil an der Bildung seiner selbst und an dem Einfluß der Umstände, die auf ihn wirken. Ich suchte jetzt dieses Gemisch von Zufall und Freiheit, welches das Geschick meines Daseins auf Erde zu sein scheint, mir selbst näher zu entwickeln und fragte mich zuerst: Wie bin ich das, was ich wirklich bin, geworden? Wie kommt der Mensch dahin, daß er wirklich ist, was er ist?

Ich fragte mich: Geht auch ein Kind, wenn es nicht dazu gezogen und angehalten wird, am Morgen früh an seine Arbeit und macht ruhig und zufrieden sein Tagewerk, bis die Sonne sich neiget und die müden Glieder sich nach Ruhe sehnen und der Bauer, wenn er sonst hätte, was er wollte, würde er den Tag hinüber und das Jahr hindurch in Holz und Feld schwitzen und frieren wie er's jetzt tut? Also auch der Kaufmann und der Handwerker, würden auch diese den Tag über und das Jahr durch also an ihrem Pult und an ihrer Werkbank angeschlossen sitzen, wenn sie nicht sämtlich von Jugend auf mit Zwang dahingebracht worden wären in tausend Dingen anders zu empfinden, zu denken und zu handeln als der Mensch ohne Zwang und Gewalt auf der ganzen Erde sonst allgemein empfindet, denkt und handelt?

Ich müßte mir antworten: Alle diese Leute würden, wenn sie sonst hätten, was sie wollten, dies alles nicht tun, im Gegenteil, sie würden in diesem Fall nur dahin trachten, ihrer Ruhe zu pflegen, ihren Freuden nachzujagen, sich um niemand als um sich selber zu bekümmern und ihre Tage ohne Mühseligkeit und ohne Leiden und ohne Anstrengung zu durchleben suchen. Also ist der Mensch, was er ist, durch den Zwang und die Mühe, durch die er dahin gebracht wird in seinen wesentlichsten Angelegenheiten anders zu empfinden, zu denken und zu handeln, als er ohne Zwang und Mühe empfinden, denken und handeln würde. Es ist aber offenbar, wenn der gesellschaftliche Mensch sich ohne diesen Zwang selbst überlassen würde, so würden alle Bande der Welt aufgelöst und namenloses Elend würde wie ein Engel des Todes über der zerrütteten Erde schweben.

Indessen muß ich mich dennoch, vermöge der ersten Grundgefühle meiner Natur, in dieser Lage notwendig fragen: Muß ich also nicht mein Recht und mein Glück dahin geben, damit die Welt in einer Ordnung bleibe, von der ich im Grunde nicht weiß, ob sie gut oder böse ist?

Aber ich kann es bei mir selbst nicht verhüten, daß ich wirklich nicht zu wissen verlange, ob die Ordnung der Welt, durch die ich bin, was ich bin, gut oder böse sei. Ich kann mich unmöglich überreden, daß die Zwanglosigkeit, die meine Natur begehrt, für mein Geschlecht gut sein könnte, indem sie mich unwidersprechlich dahinführen würde alles das zu versäumen, wodurch ich allein dahin gelangen kann, also zu leben, daß mich mein Weib lieben, daß mich mein Sohn ehren, daß mir mein Freund trauen, daß der Arme mich segnen und mein Land mir Dank haben können.

Wenn ich denn aber alles dieses weiß, höre ich dann um so deswillen auf die zwanglose Freiheit meiner tierischen Natur mit der ganzen Gewaltsamkeit meiner ersten tierischen Triebe zu fordern? Ich muß wieder antworten: Nichts weniger! Ich kann auf der einen Seite freilich die Folgen selber nicht tragen, die es aus mich hat, wenn ich den tierischen Trieben meiner Natur gegen meine Überzeugung unterliege.

Auf der andern Seite ist der Grad der Sinnengewalt, dem ich unterliege, meiner Natur wesentlich.

Ich kann die Grundgefühle meiner tierischen Natur nicht unentkräftet in meinem Busen tragen ohne mich selig zu fühlen, wenn ich am milden Strahl der Sonne, der Vergangenheit und der Zukunft vergessend, meine Augenblicke träumend durchlebe.

Ich kann nicht mit den Tieren des Feldes Ähnlichkeit haben, die ich habe, ohne meine Hand mit unbeschränkter Freiheit auszustrecken nach der Frucht des Felds und des Weinstocks. Ich kann nicht sein, wer ich bin und den Vorrat meiner Höhle gern und willig mit einem Mann teilen, der mir nicht half sie zu sammeln. Und doch muß ich das und tausend Dinge, die dem gleich sind, als Bauer und Bürger, Handwerker usw. nicht bloß können sondern auch wollen. Und wenn ich mich denn frage: Warum bin ich so Bürger, Bauer, Handwerker usw., warum will ich nicht lieber bloß Mensch sein? so finde ich, ich genieße in allen diesen Verhältnissen Vorteile, die ich mir außer denselben nicht verschaffen kann und die meine tierische Natur auch für den ganzen Wert ihrer tierischen Zwanglosigkeit nicht geneigt ist fahren zu lassen.

Es ist also mitten in den Einschränkungen meiner gesellschaftlichen Bildung dennoch mein tierischer Vorteil, folglich auch mein tierischer Wille, daß die Verhältnisse fortdauern, ohne deren Dasein ich die Vorteile derselben nicht genießen könnte. Wenn also schon die Grundlage meiner gesellschaftlichen Bildung wesentlich eine auf tierischen Zwang gegründete Einschränkung meiner Naturfreiheit und ihrer ganzen Wonne ist, so ist es gleich wahr, die Erfahrungen meines Lebens führen mich immer mit sicherm Schritt dahin den Folgen meines tierischen Zwangs durch meinen Willen selber Dauer zu verleihen. Unwissend und ohne Kunde dessen, was ich, durch Zufall und Erfahrung geleitet, aus mir selber machen werde und ebenso ohne vorzügliche Sorgfalt für das, was die Kunst meines Geschlechts aus mir machen möchte, setzte mich die Natur mit einer vorzüglichen Kraft auf die Erde mein tierisches Dasein allenthalben durch mich selbst, ohne Zutun der Kunst meines Geschlechts, sicher stellen zu können.

In der Einfachheit dieser ursprünglichen Grundkraft meiner Natur, in meinem Instinkt liegt das Wesen meines gesunden tierischen Empfindens, Denkens und Handelns.

Sobald ich aber mehr sein will oder mehr sein muß, als die Natur allgemein aus meinem Geschlecht gemacht hat, so muß ich mich zum Herrn über den einfachen Führer meines ungekünstelten und ungebildeten Daseins auf Erden emporheben.

Die Natur kann das nicht für mich tun.

Sie kann mich nicht mit dem Gesetz ihrer Allmacht zwingen, daß ich den Kopf nicht in den Lüften trage, daß ich nicht gern so am milden Strahl der Sonne der Vergangenheit und der Zukunft vergesse, ebensowenig, daß ich ohne mein Zutun und wider meinen Willen ein guter Schneider, ein guter Schuhmacher werde. Wenn sie das könnte und täte, so wäre ich nicht Mensch, die ganze Grundlage, durch die ich mich selber dazu machen muß, mangelte mir dann.

Sie konnte ebenso wenig den Grad der tierischen Kraft, den der Mensch in der Unbehilflichkeit der ungebauten Erde unter allen Himmelsstrichen nötig hat, zu der Schwäche erniedrigen, daß es einem jeden Scherenschleifer und einem jeden Fürsten immer gar leicht sein müßte sich bei allem Eigensinne vor aller Sorge, aller Not und aller Schande zu bewahren. Auch das Dasein unseres Geschlechts würde in Gefahr gesetzt, wenn die Verirrungen unserer Selbstsucht im gesellschaftlichen Leben nicht in den starken Gefühlen unserer Selbsterhaltung ein Gegengewicht fänden.

Das ist so wahr, daß selbst die Dorfschulzen die Welt schon zur Wüste gemacht hätten, wenn die Gewaltsamkeit, mit der sie in den Rauchwinkeln ihrer Schenkstuben sich einer Allgewalt anmassen, nicht in der Stärke der ersten Grundgefühle unserer Natur ein allgemeines und sicheres Gegengewicht finden würde.

Was die Schulzen mit den Schenkstuben, das probieren Könige mit dem Szepter, Eroberer mit dem Schwert, Pinsel mit Schwatzen, Pfaffen mit Klöstern, Edelleute mit Schlössern, Obrigkeiten mit Kammern, kurz ein jeder mit der Eigenheit der physischen Kraft, die in seiner Hand ist.

Das Unrecht der Welt endet daher allenthalben nur durch Gewalt.

Tierischer Unsinn weichet keinem Recht und gesellschaftlicher Unsinn ist nichts anderes als gesellschaftlich versteckter und gesellschaftlich organisierter tierischer Unsinn.

Sollte um deswillen Wahrheit und Recht meinem Geschlechte gar nichts sein?

Sollte es unbedingt wahr sein, daß alle Vorfälle des Lebens für dasselbe allgemein nur Zauberauftritte seien, die ihm den inneren Unterschied aller Dinge mit einem undurchdringlichen Nebel umhüllen?

Nein, auch dieses ist nicht so; wenn schon Wahrheit und Recht dem Menschen nicht von selbst in die Hand fallen, so ist es um deswillen doch nicht wahr, daß er Wahrheit und Recht gar nicht in seine Hand bringen kann.

Nein, das Modewort unserer Zeit: Was nutzt alles Forschen nach Wahrheit und Recht, es kommt doch nichts dabei heraus – ist nicht Wahrheit, es ist nur ein Stoßseufzer unserer Verlegenheit und unserer Abneigung gegen Wahrheit und Recht, insofern sie uns nicht dienet.

Auch wenn wir uns nur ein wenig umsehen, wer von jeher die Leute gewesen, die dieses Modewort unserer Zeit am meisten im Munde geführt haben und noch heute im Munde führen, so zeigt es sich allgemein, daß die meisten von ihnen sicher ihren Tisch ändern müßten, wenn man von dem, was sie notieren, einregistrieren, kontrollieren, ausfertigen, besiegeln, beloben, befehlen, und predigen, etwas in der Nähe untersuchen dürfte, ob es weiß oder schwarz ist.

Aber solche Menschen sind insoweit alle zu den Lügen ihres Tiersinns eigen gestempelt. Ihre Stimme entscheidet deswegen in Rücksicht auf die Kraft des Menschengeschlechts für Wahrheit und Recht gar nichts.

Wir kennen ihr Lirumlarum, wir wissen, was ihr Dudeldumdei will.

Ehrliche Leute rufen so wenig in den Haufen: Ihr seid alle Narren, als: Ihr seid alle Kanaillen.

Aber das Menschengeschlecht ist in Sachen, die seinen Tisch ändern könnten, nicht ehrlich, selten ist es der Mensch. In Rücksicht auf die Kraft des Menschengeschlechts für Wahrheit und Recht ist soviel wahr:

Wir sehen alle Tage Leute, die jeden Vorfall des Lebens, der sie nahe berührt, mit offenen, ruhigen Sinnen, wie er wirklich ist, ins Auge fassen. Wir sehen aber freilich auch solche, die täglich in den wesentlichsten Angelegenheiten ihres Lebens wie im Rausch handeln und mit zerstreuten Sinnen und mit einem unruhigen, zerrütteten Innern beinahe alles, was weiß ist, wirklich für schwarz und was schwarz ist, wirklich für weiß ansehen. Aber die einen sind sowenig allgemein mit ihrem offnen Kopf als die andern mit ihrem Brett vor der Stirne auf die Welt gekommen.

Wahrheit und Recht ist für unser Geschlecht, insofern es bloß tierisch handelt, bloß physische Kraft ist, freilich gar nichts.

Wahrheit und Recht ist ihm nur etwas, insofern es sich etwas daraus macht, insofern es nicht bloß tierisch handelt, nicht bloß physische Kraft ist. Die Frage, warum mein Geschlecht also im Jammer der Rechtlosigkeit und im Elend innerer Zerrüttung dahingehe, indessen einzelne Menschen sich zu einer merklichen Höhe bürgerlicher Glückseligkeit und innerer Veredlung erheben, schien mir jetzt sich also aufzulösen: Der Mensch ist rechtlos und zerrüttet, weil er sich aus Wahrheit und Recht nichts macht.

Aber er findet Wahrheit, wenn er Wahrheit sucht.

Er hat ein Recht, wenn er eines will.

Der Mensch ist also durch seinen Willen sehend, aber auch durch seinen Willen blind. Er ist durch seinen Willen frei und durch seinen Willen Sklave. Er ist durch seinen Willen redlich und durch seinen Willen ein Schurke. Dieser Gesichtspunkt veranlaßte folgendes Gespräch:

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