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Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts

Johann Heinrich Pestalozzi: Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
authorJohann Heinrich Pestalozzi
titleMeine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts
publisherLorenz Spindler, Nürnberg
editorW. J. Ruttmann
year1922
firstpub1797
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130730
projectid8eb4f447
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Das Wesen meines Buchs.

Wenn ich nun zurückschlage und mich frage: Wo bin ich an dem Faden, an dem ich den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts verfolgte, endlich hingekommen? so finde ich in folgenden Sätzen das wesentliche Resultat meiner Nachforschungen: Meine Natur vermag es nicht auf dem Punkt des bloßen Sinnengenusses stehen zu bleiben, ich muß vermöge meines Wesens diesen Sinnengenuß zum Mittel meines Strebens und der Zwecke, worauf dieses Streben ruhet, machen.

Daraus entstehen Verhältnisse, die ohne dieses Streben nicht in der Natur wären, die ich aber durch dasselbe und also durch meinen Willen in die Natur hineinbringe.

So wie dieses geschehen, höre ich auf das einfache Wesen zu lein, das ich aus der Hand der Natur in die Welt kam.

Ich kann nicht mehr als dieses einfache Wesen empfinden, denken und handeln.

Ich muß jetzt übereinstimmend sowohl mit den Verhältnissen Handeln, die ich selbst in die Welt hineingebracht als auch mit mir, insofern ich mich durch diese Verhältnisse verändert habe. Ich werde selbst Welt und die Welt wird durch mich Welt; ich, ungesondert von ihr, bin ein Werk der Welt, sie, ungesondert von mir, ist mein Werk.

Aber ich habe eine Kraft in mir mich von der Welt und die Welt von mir zu sondern, durch diese Kraft werde ich ein Werk meiner selbst. Ich fühle mich also auf eine dreifache Art in der Welt:

 

I. Als Werk der Natur.

Als solches bin ich ein Werk der Notwendigkeit, das gleiche tierische Wesen, das nach Jahrtausenden kein Haar auf seinem Haupt und keine auch die leiseste Neigung seines Wesens in sich selbst auszulöschen vermöchte. Als solches lenkt mich die Natur ohne Kunde der Verhältnisse, die ich selber erschaffen, als lebte ich im schuldlosen tierischen Zustande mit dem Gesetz ihrer Allmacht zum Sinnengenuß hin, wie der Adler zum Aas, das Schwein in die Pfütze, den Ochsen auf die Tristen, die Ziege auf den Felsen und den Hasen unter die Staude.

 

II. Als Werk meines Geschlechts, als Werk der Welt.

Als solches bin ich ein Tropfen, der von der Spitze der Alpen in einen Bach fällt.

Unsichtbar, ein nichtiges Wesen, falle ich belastet mit dem Staub seines Mooses von meinem Felsen, glänze bald in silbernen Strahlen der Sonne, fliehe bald im Dunkel der Höhlen, stehe hier im reinen Wasser der Seen, dort im Kot der Sümpfe gleich still, falle aus Sümpfen und Seen dann wieder ins Treiben der Flüsse und schwimme in der Gewalt ihrer Wogen bald hell, bald trüb, bald sanftwallend, bald wirbelsprudelnd, bald zwischen reinen Gefilden, bald zwischen stinkenden Stätten, bald zwischen gräßlichen Ufern dahin, bis ich in den ewigen Meeren des Todes meine Auflösung finde.

 

III. Als Werk meiner selbst.

Als solches grabe ich mich selbst in mich selbst, ein unveränderliches Werk, keine Welle spült mich von meinem Felsen und keine Zeit löscht die Spur meines Werks aus, das ich als sittliches Wesen in mir selber vollende.

Wenn brennende Klüfte den Moder der Meere trocknen und aus ihren Tiefen Berge auftürmen, so graben sie also die vergängliche Schnecke und den faulenden Fisch in die werdenden Steine, keine Welle spült jetzt die ewigen Tiere weg und keine Zeit löscht ihre Spur in dem festen Stein aus.

Also bin ein Werk der Natur.

Ein Werk meines Geschlechts.

Und ein Werk meiner selbst.

Diese drei Verschiedenheiten meiner selbst aber sind nichts anderes als einfache und notwendige Folgen der drei verschiedenen Arten alle Dinge dieser Welt anzusehen, deren meine Natur fähig ist.

Als Werk der Natur fühle ich mich in der Welt frei zu tun, was mich gelüstet und berechtigt zu tun, was mir dient.

Als Werk meines Geschlechts fühle ich mich in der Welt als durch Verhältnisse und Verträge gebunden zu tun und zu leiden, was diese Verhältnisse mir zur Pflicht machen.

Als Werk meiner selbst fühle ich mich unabhängig von der Selbstsucht meiner tierischen Natur und meiner gesellschaftlichen Verhältnisse! gleich berechtigt und gleich verpflichtet zu tun, was mich heiligt und meine Umgebungen segnet.

Ich habe daher als Werk der Natur eine tierische, als Werk des Geschlechts eine gesellschaftliche und als Werk meiner selbst eine sittliche Vorstellung von der Welt, ihrer Wahrheit und ihrem Recht, sowie von ihrer Täuschung und ihrem Anrecht.

Mein Instinkt macht mich zum Werk der Natur; der gesellschaftliche Zustand zum Werk meines Geschlechts und mein Gewissen zum Werk meiner selbst.

Als Werk der Natur besitze ich physische Kraft, Tierkraft und Tiergewandtheit für tierische Ansprachen. Als Werk meines Geschlechts besitze ich gesellschaftliche Kraft, Gemeinkraft, Geschicklichkeit und Gewandtheit für mein gesellschaftliches Recht.

Als Werk der Natur sträube ich mich gegen das Werk meines Geschlechts und gegen das Werk meiner selbst, das ist: Ich habe als solches kein Gewissen und erkenne als solches kein Recht.

Als Werk meiner selbst erhebe ich mich selbst über den Irrtum und das Anrecht meiner selbst, insofern ich ein Werk der Natur und ein Werk des Geschlechts bin, das ist, ich erkenne durch die Kraft meines Gewissens das Anrecht meiner tierischen Natur und meiner gesellschaftlichen Verhärtung. Als Werk des Geschlechts stehe ich schwankend und von beiden Seiten gedrängt zwischen dem Werk meiner Natur und dem Werk meiner selbst, das ist, im gesellschaftlichen Zustand als solchen mangelt mir sowohl die Reinheit meines tierischen Wohlwollens als diejenige meines unverhärteten Gewissens.

Durch das Werk meiner selbst bin ich sittliche Kraft, Tugend. Als reines Werk der Natur, als tierisches Geschöpf, bin ich in meinem unverdorbenen Zustand ein friedliches, gutmütiges und wohlwollendes Wesen. Meine Kraft steht in diesem Zustande mit meiner Begierde im Gleichgewicht, ich lebe in demselben in völliger Harmonie mit mir selbst.

Mein Wohlwollen ist mit meiner Selbstsucht innigst vereinigt, ich kenne in diesem Zustand selbst die Schwäche meiner Natur nicht.

Aber ich finde mein Geschlecht nirgend in diesem Zustand; das erste Leiden eines Übels von meinesgleichen hebt ihn auf. Ich finde dasselbe auf der ganzen Erde allenthalben außer das Gleichgewicht seiner Kräfte geworfen, mehr und minder mißtrauisch, gewaltsam, verwegen und kleinlaut und nur insoweit wohlwollend als es sich durch dieses Wohlwollen in der Befriedigung seiner Begierden, die mit seiner Kraft nicht mehr in Harmonie stehen, nicht zurückgesetzt glaubt.

Als Werk des Geschlechts, als gesellschaftlicher Mensch, als Bürger lebe ich in vollkommener Anerkennung des Mißverhältnisses meiner tierischen Kraft mit meiner tierischen Begierde, folglich ohne Harmonie meiner Selbstsucht mit meiner Begierde, aber ich will durch eben diesen Zustand die Harmonie in mir selbst wieder herstellen.

Die ganze Kunst desselben ist ein beständiges Streben nach diesem Zweck, aber freilich ein mit tausendfältigen Fehlgriffen gebrandmarktes Streben.

Nur als Werk meiner selbst vermag ich die Harmonie meiner selbst mit mir selbst wieder herzustellen. Ich erkenne als solches, daß kein tierisches Gleichgewicht zwischen meiner Kraft und meiner Begierde in mir selbst, wie ich wirklich bin, haltbar ist, daß meine Sehnsucht und mein Wohlwollen im gesellschaftlichen Menschen wesentlich nicht harmonisch existieren kann, daß ich in diesem Zustande aushören müsse, selbstsüchtig unwohlwollend um wohlwollend unselbstsüchtig existieren zu können.

Also komme ich als Werk meiner selbst durch meinen Willen dahin auf den Ruinen der zertrümmerten tierischen Harmonie meiner selbst das Wohlwollen meiner Natur auf die Unterjochung meiner Selbstsucht unter meine sittliche Kraft zu gründen und also mitten im Verderben eines Zustandes, der meine Selbstsucht wesentlich verhärtet, mich selbst dennoch wieder zu dem friedlichen, gutmütigen und wohlwollenden Geschöpf zu machen, das ich als Werk der Natur nicht bleiben und als Werk des Geschlechts nicht werden kann.

Als Werk der Natur, als Tier, bin ich vollendet und spüre in diesem Zustand als solchen nicht einmal, daß ich als Mensch unvollendet bin.

Als Werk meines Geschlechts strebe ich auf einem Weg nach Vollendung meiner Natur, auf welchem diese nicht erreichbar ist.

Als Werk meiner selbst strebe ich durch Belebung des Göttlichen und Ewigen, das in meiner Natur liegt, auf einem Weg nach meiner Vollendung, den meine tierische Natur nicht kennt und mein gesellschaftliches Verhältnis als solches nicht sucht und nicht bedarf.

Die Natur hat ihr Werk ganz getan, also tue auch du das deine.

Erkenne dich selbst und baue das Werk deiner Veredlung auf inniges Bewußtsein deiner tierischen Natur, aber auch mit vollem Bewußtsein deiner inneren Kraft mitten in den Banden des Fleisches göttlich zu leben.

Wer du auch bist, du wirst auf diesem Wege Mittel finden deine Natur mit dir selbst in Übereinstimmung zu bringen.

Willst du aber dein Werk nur halb tun, da die Natur ihres ganz getan hat?

Willst du auf der Zwischenstufe deines tierischen und deines sittlichen Daseins, auf welcher die Vollendung deiner selbst nicht möglich ist, stehen bleiben, so verwundere dich dann nicht, daß du ein Schneider, ein Schuhmacher, ein Scherenschleifer und ein Fürst so bleibst und kein Mensch wirst.

Verwundere dich dann nicht, daß dein Leben ein Kampf ist ohne Sieg und daß du nicht einmal das wirst, was die Natur ohne Dein Zutun aus dir gemacht hat, sondern gar viel weniger, ein bürgerlicher Halbmensch.

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