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Meine letzten Weidmannsfreuden

Anton von Perfall: Meine letzten Weidmannsfreuden - Kapitel 9
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authorAnton Freiherr Perfall
titleMeine letzten Weidmannsfreuden
publisherGrethlein und Co. G. m. b. H.
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Zlatorog

Es hilft alles nichts, alles Jammern, Ärgern und Entrüsten: mit der Jägerei geht es langsam, aber sicher zurück, wenigstens im Flachlande, in dem die intensiven Kulturen sich von allen Seiten dagegen stemmen; aber sie sind nicht allein die Ursache, wie viele glauben, das liegt tiefer, viel tiefer, eine völlig neue Weltanschauung hat sich emporgerungen.

Der durchaus aristokratische Charakter der Jagd, der dieselbe seit Jahrhunderten zum ständigen Angriffsprojekt für die demokratische Idee gemacht hat dadurch, daß er in neuer Zeit sich in einen plutokratischen verändert, hat die Sympathie für dieselbe gewiß nicht gehoben, im Gegenteil.

Der Aristokrat galt wenigstens seinerzeit als im gewissen Sinne zur Jagd berechtigt, den zu bekämpfen zwar jedes Volksmannes heilige Pflicht war, wobei man sich jedoch von der Begriffsverbindung Aristokrat und Jagd, nach dem alten Trägheitsgesetz, nicht ganz loslösen konnte.

Bei dem Plutokraten fällt diese alte Erbschaft völlig weg. Er ist ja aus dem Volk und lediglich durch zufällige wirtschaftlich günstige Bedingung in sein Lager versetzt worden; die Blutfrage der Tradition spielt ja nicht mit. Und daß die Jagd immer mehr eine Sache des Geldbeutels wird, ist ja keine Frage mehr. Und daher der erneute Ansturm. Standesprivilegien sind lange nicht so verhaßt als Besitzprivilegien, das ist eine alte Sache; man läßt sich viel eher einen vornehmen Herrn gefallen, der auf eine ehrwürdige Familiengeschichte zurückblicken kann, als einen zum Millionär gewordenen Parvenü. Das letztere, sagt man sich, kann ja jeder werden, dazu gehört nur Glück, die nötige Arbeitskraft oder gar eine gewisse Unbedenklichkeit. Das erstere wird man nicht, das muß man sein und kann es sogar im Gewande der Armut sein. Ein gewisser unausrottbarer Idealismus bricht da durch, der seine Berechtigung hat.

Die Jagdpachten wachsen in das Ungeheuere, ebenso die übrigen Unkosten, so daß die Jagd immer mehr aufhört, Vergnügen und Erholung auch für Unbemittelte zu sein und infolgedessen immer kleinere Interessenkreise zieht.

Da ist es immer wieder die Gebirgsjagd, die sich von vornherein dem Streit der Parteien entzieht. Alle Umstände tragen dazu bei, sie im besten Sinne des Wortes aristokratisch zu erhalten.

Die gewaltigen Bezirke, die größtenteils in fürstlichen oder in staatlichen Händen, die großen Kosten der Jagdpflege, die Schwierigkeit des Beganges, die vor allem tadellose Gesundheit und überflüssige Kraft erfordert, der verhältnismäßig karge, mühselige Erfolg, der mehr qualitativ als quantitativ zu messen ist, das sind alles Umstände, die nicht angetan sind, die Gebirgsjagd zu jedermanns Liebhaberei zu machen. Im großen ganzen sind es doch nur die echten Jünger St. Hubertus, die ihren ganzen Reiz auszukosten bekommen.

So steht sie fest trotz aller Angriffe, die zur rechten Zeit auf sie gemacht werden, – fest – wie herausgewachsen aus den Felsmassen, seit Jahrhunderten von der Volkspoesie mit den frischesten Blüten umrankt, ein trotziges Mannestum, das sich seine Eigenart bewahrt, das seltsam herausragt aus dem öden Nivellement der Zeit.

Das Wappentier aber ist das »Gams«, das der Gebirgsjagd allein ihre charakteristische Linie verleiht. Dreißig Jahre lebe ich mit ihm, teile seine Heimat; das färbt ab, man lernt sich kennen und – lieben.

Ich höre lachen! Nun, was wäre denn das Gams ohne den Jäger, der es zu Ruhm und Preis verholfen! Als ob diese Ware geschätzt wäre beim Gamsvolk. Wer weiß, stolz genug trägt er sein Haupt, der Gamsbock, wenn er im schwarzen Hochzeitskleid auf der Schneid' erscheint und das Jägerherz pochen macht.

Ich hab's erlebt unzähligemal, ich glaube an die Ehrsucht der Tiere. Seh' dir den Renner an, der als Erster das Ziel passiert: wie sein Auge leuchtet, seine Nüstern sich spannen; den Vorstehhund bei der Wettsuche; den klugen Seehund, wenn das Publikum seine Kunststücke beklatscht.

Ein Gamsbock aber übertrifft alles, was ich je erlebt in dieser Beziehung; er war der geborene Aristokrat, der »Einzige« nach Stirner; nach ihm sollte es überhaupt nur einen Gamsbock geben: ihn! Alles andere war G'raffl, Plebs, und er behandelte es danach.

Seit drei Jahren Ziert sein Gehörn mein Zimmer, und ich kann sagen, ich bin ihm gerecht geworden, ich habe ihn als »Einzigen« behandelt, als König der Gamsböckel Ein kunstvoll beschnitzter Schild unterscheidet ihn von dem zahlreichen G'raffl ringsum, das er immer so schlecht behandelte. »Zlatorog« steht in weißer Schrift auf dem Schild, der Zauberbock des Triglaf, von dem Baumbach singt.

Es war zum Verrücktwerden, Schnee, nichts als Schnee in endlosem schwerem Geflock, und ich mit meinem Jakl wie eingemauert in der Föhnersöldenhütte seit vier Tagen. Jeder Versuch, die weiße Masse bergauf zu überwinden, rein unmöglich; bis zur Brust herauf ging der weiße Teufel, jeder Schritt mußte erkämpft werden; das Resultat war immer dasselbe: Rückzug in die Winterstube, die wie der reinste Fram im Schnee verankert lag.

Alle Leiden des Nordpolfahrers kamen über uns: um 12 Uhr ein fahler Tag, um 3 Uhr stockfinstere Nacht. Tabaksqualm, die Augen bissen, die dampfenden Mäntel der zwei Holzknechte, die am erglühenden Ofen trocknen sollten, ein schmutziges Kartenspiel, ein von unzähligen Fingern vergriffener Marienkalender, Kaffee und Schmarrn oder Schmarrn und Kaffee, das ganze Lexikon von Jägerflüchen war längst durchgearbeitet, vom ewigen Schlafen ganz verblödet – – das nennt man dann Weidmannslust!

Und der Jakl immer wieder von seinem Kapitalbock, der sich da oben auf der Brecherspitz herumtreiben solle, schon a ganz b'sund'rer, Kruk'n, so hoch, dabei maß er einen halben Meter mit den Händen, aber a Luad'r, z' schiaß'n kommst hart auf ihn, und g'fehlt hab'ns a schon, der Forstmeister, der Pankratz, der Graf und noch mehr glaub' i, als ob 's was hätt' damit, er zuckte die Achseln.

»Was denn nacher?« fragte ich skeptisch.

»Was kannst da sag'n. 's is all's Glaubenssach' –«

»Verhext also?«

Der Jakl schob die Achseln noch höher. »Was kannst da sag'n, 's gibt allerhand seltsame Sach'n.«

»Das gibt's, das gibt's,« sekundierten ihm die zwei Holzknechte.

Erst ärgerte ich mich über die Verbohrtheit, dann schwieg ich; wäre ja eigentlich herrlich, wenn es so etwas gäbe in der nüchternen Zeit. Jetzt war ich erst recht heiß auf den Bock.

»Sieh', da regt sich's unten im Strauchwerk, und aus dichten Alpenrosenhecken schreiten langsam vor die weißen Gemsen, Zlatorog voran, der Goldgekrönte!«

Und war er auch nicht weiß und nicht goldgekrönt? wie Baumbach singt, ein richtiger »Waschl« war's jedenfalls.

Ich kann nicht sagen, daß ich von den Triglafrosen träumte, Jakl nebenan hinderte mich daran; aber als ich erwachte, war der dürftige Raum erfüllt vom grellen Schneelicht, und ein Blick durch das Fenster: alle Schneiden glühten schon. – Das ist ein wonniges Gefühl, alle Muskeln spannen sich, Türe auf und den herrlichen Morgen hereingelassen. Der Berg blitzblank wie ein Kommunionskleid, der Himmel gut bayerisch blau, und daß das Weiß dazu nicht fehlt, zerstieben die letzten Nebelfetzen an den Wänden der Brecherspitz.

Jetzt eine fette Brennsuppe, und dann kann's losgehen, und der Zauberbock muß her, Jakl, einen andern will ich gar nicht.

»Taugt nix, Herr, sich so auf an versteifen,« meint dieser bedenklich, »nacher geht's erst recht net. Hätt' man nur schon an fünfjährig'n, war a g'nau.«

Mich ärgerte der Kleinmütige; jetzt soll er mich erst kennen lernen.

Arbeit war wahrhaftig noch genug, den Steig hinauf, obwohl Fakt vor mir als Schneepflug diente. Da heißt es alle Willenskraft zusammennehmen. Du mußt! Durch! Das ist ja das Erzieherische im Sport. Bevor wir nicht die Dürnbacher Schneid' erreicht, war nichts zu verderben; so ließ Jakl seinem Saufhusten seinen Lauf.

Nach einer schweren Stunde war sie fast erreicht. Jetzt hieß es Vorsicht, ein unvorsichtiges Hinaustreten, und der ganze Angelkessel, auf den unsere Hoffnung stand, war leer.

Jakl machte ein möglichst verschmitztes Gesicht, und immer von neuem ertönte seine Warnung: »Stad! Stad!«, obwohl er selbst eine ganze Schneelawine abließ.

Endlich, wir hoben die Köpfe über der Schneid', dicht am Boden vor uns lag der Angelkessel, wie ein ausgewitterter hohler Zahn, auf seinem Grund die verschneite Almhütte.

Der Wind zog stetig aus dem Kessel herauf. Da drückte es uns schon in den Schnee, zwei Gams standen unter uns, eine Kitzgeiß ahnungslos. Keinen Schritt mehr, da war schon noch mehr da. –

Richtig, da schlüpfte es schon überall heraus, alt und jung, ein ganzes Scharl, nur der Richtige nicht dabei. Die Hauptsache bei der Gamsjagd ist, nichts flüchtig gehen, ein lausiges Geißl bringt das ganze Revier in Aufruhr.

Also abwarten! Für die Unterhaltung sorgt die ausgelassene Jugend unten mit ihren Kreuz- und Quersprüngen, unter denen der Schnee stiebt, nur die alte Geiß hat immer ihre Bedenken, wirft den Grind auf, stößt mit den Läufen, äugt scharf nach dem Latschenfeld unter ihr. Da steckt er wohl drinnen, der gierige Quälgeist, der sie seit Wochen durch alle Gräben verfolgt, am Ende gar der Zauberbock des Jakls, zu dieser Zeit gibt es für die Lüstlinge keinen bestimmten Standort.

Eine Stunde, zwei Stunden, der Nebel steigt wieder auf. Verdammt kalt, im Dorf unten läutet's schon Mittag, man will doch die kostbare Zeit nicht verpassen, und der Gesuchte steckt doch drüben im Steckenberg, noch drei Minuten, länger bleibe ich nicht.

Plötzlich springt die Kitzgeiß nach aufwärts, das ganze Scharl folgt ihr und gerade auf uns zu. Ich richte mich, gleich wird er da sein. Der Kitzgeiß hängt der Äser heraus vor Anstrengung, ich höre ihr Keuchen, und doch immer wieder das Rückschauen – kommt er denn nicht? Ganz Weib, immer die alte Geschichte, hoch oben, tief unten.

»Seh'ns 'hn bei d' groß'n Stein'?«

Ich hatte ihn schon entdeckt. Er schüttelte seinen kohlschwarzen Pelz und äugte nach oben, dann gerade auf uns zu, in die Gamsfährte tretend.

»A fünfjähr'ger g'wiß, und der Bart war a net schlecht.«

Die Kitzgeiß und das Scharl ist unter uns verschwunden.

»Schiaß'ns!« hetzt Jakl, »auf was wart'ns denn, Sakra?«

»Auf den dein',« flüsterte ich.

Der Bock verschwindet hinter der Wand, die Kitzgeiß auch. Der Jakl ist aber außer sich, erregt springt er auf. »Ja, jetzt is ganz gar, an fünfjährig'n lauf'n lass'n, ja, glaub'ns denn, wir hab'ns haufenweis', und der Nebel druckt schon rein. No mir is recht, jetzt könn'n wir geh'n.«

»Tun wir auch,« erwiderte ich, »den Steckenberg suchen wir auf.«

Es war eine harte Arbeit, dem Grat entlang, oft bereute ich meinen Eigensinn. Das fortwährende Gebrozel des Jakls: »Komm'n ja doch net z' Schuß drauf – das hätt'n die andern a schon woll'n –«

Das reizte mich immer wieder. Was gehen mich die andern an, je heißer umworben, desto begehrenswerter.

Der Steckenberg bildet den Südabhang der Brecherspitz, ein wildzerklüftetes Terrain, in dem sich gern die guten Böcke halten. Ein Schinkenbrot, mit Enzian tüchtig begossen, gibt neue Kraft. Braucht's schon, der ganze Körper dampft, und die Knie schmerzen von dem Schneegestapf.

Da und dort tauchen Gams auf, ich beachte sie nicht, der Steckenberg muß her. Jakl fügt sich in das Unvermeidliche.

Endlich haben wir uns durchgepflügt. Zu unseren Füßen liegen die Burgen, Nadeln, Wandeln des Steckenberges, von steilen Gräben durchzogen.

Erst Rast und Überlegung, mit der Hast ist nichts gewonnen auf der Gamsjagd. Wie bestellt zieht gerade der Nebel herauf und füllt jeden Graben.

Jakl lacht nur skeptisch: »Da hab'n wir's ja.«

»Das sind die Bergfrauen, die den Zauberbock mit ihren Schleiern schützen,« bemerkte ich in bester Laune.

Jakl verzweifelt sichtlich an meinem Verstand, dem ängstlichen Blick nach, den er mir zusendet.

Das Einsteigen in die verschneiten Gräben ist keine leichte Arbeit, löst der Schnee sich unter den Tritten, kann's davongehen in die Tiefe; da muß der Bergstock seine Schuldigkeit tun, festen Halt gewähren.

Jeder Graben ist eine neue Hoffnung, eine neue Gefahr. Frische Fährten ziehen hin und her, aber keine Gams zu sehen, da gibt's nur eines: sitzen bleiben und warten.

Wir wählen uns einen der Felstürme aus, der wie eine Warte hinausragt, nach allen Seiten Ausblick gewährend. Die kleine Plattform war mit alter Gamslosung dicht belegt, vielleicht der liebste Lugaus des Verhexten.

Der Nebel zerriß, die Sonne drang durch, da ist wieder alles gut, und die Hoffnung wächst. Jakl nakelte glücklich ein, so genoß ich eine Feierstunde in dem erhabenen Schweigen ringsum. Was sich da alles naht mit leichten Schwingen, ganz anders als in dem fahlen Dämmerlicht der Stube, und all das häßliche Gewürm verkriecht sich in die tiefsten Schlünde der Seele, seliges Träumen und Erinnern, und mitten hinein wieder die spannungsvolle Realität; ein Gemsrücken erscheint über dem Grabenrücken gegenüber – ich bin wieder ganz ich.

Nichts von Bedeutung, ein Dreijähriger meiner Schätzung nach; er sucht und sucht, zieht den Wind von den frischen Fährten ein, äugt aufwärts, abwärts, wie nach einer verborgenen Gefahr, um dann nach abwärts zu verschwinden.

Es geht schon auf drei Uhr, die schrägen Strahlen der Sonne kämpfen einen heroischen Kampf mit dem Nebel, sichtlich muß er weichen, trotz alles Aufbäumens und Emporbrandens, er wird immer dünner, schon durchglüht ihn das Licht, da zerstiebt er schon in Nichts, nur einige Fetzen krallen sich noch an den Felsen fest, plötzlich ein frischer Hauch, und sie zerstieben, der blaue Himmel lacht.

»Was jetza?« fragte der Jakl ärgerlich.

»Jetza bleiben wir erst recht; der Dreijährige ist nicht allein im Steckenberg.«

»Wia's meina,« der Jakl, »i gang.«

Ich ließ mich auf keine Kontroverse ein und blieb.

Der Kampf des Nebels war zu Ende, tückisch lagerte er draußen auf der Ebene, und die Sonne streute schon rings ihre Strahlen auf den blendenden Schnee. Noch eine Stunde, dann drängt die Nacht herauf aus dem Tal. So geht's mit den Zauberböcken, hätte ich nur jetzt meinen Fünfjährigen!

Der Jakl neben mir ist sanft eingenickt unter den erwärmenden Strahlen. Möchte doch wissen, wie es in dem nächsten Graben aussteht. Mein Auge suchte sich schon einen Weg aus über die Wände und Schroffen über mir. Leicht ist es nicht, jeder Schritt muß wohl bedacht sein, unter mir gähnte die Tiefe. Nur keine langen Gedanken darüber, keine Bilder, kein »wenn«, sonst versagen die Muskeln; ein Gamsbock muß heiß errungen werden, dafür ist er auch kein Hase und kein Rehböckl auf saftiger Weide.

Ich lasse den Punkt nicht aus dem Auge, wo der Dreijährige eingestiegen in den Graben: ein kleiner Sattel zwischen zwei Felsköpfen, der gebräuchliche Wechsel wohl, er ragt frei in den blauen Himmel – da plötzlich, die jedem Jäger bekannte Starre. Die Lücke füllt sich. – Wie aus Marmelstein ein Bildnis, steht der Gamsbock auf erhabenem Felsstück, vorwurfsvoll zum Feind äugend.

»Zlatorog!« Der Name stieg unwillkürlich in mir auf; die untergehende Sonne umgab ihn mit einer förmlichen Aureole. »Und der Jäger hebt das Todesrohr – –« Ja, hat sich was – verschwunden der hohe Zauber, nur eine Schneewolke stäubt auf, der Sattel ist leer.

Da packt einen der helle Zorn. Mit dem verdammten Träumen – –

Jakl fährt erschrocken auf. – »Der Bock, der Zlatorog! Da drüb'n – umg'schlag'n hat er –« Ich springe schon auf. »Was woll'ns mehr? Der halt sich schon im nächst'n Grab'n, nüb'r müss'n wir.«

»Sakra, da braucht's aber einspreiz'n bei dem Schnee, wenn's dahin geht, land' ma auf der Alm net –«

Ich stieg schon ein, Jakl mir nach. Der Schnee war zäh und hielt uns wacker beim Abstieg. Durch den Graben und dann auf! Das war schon eine andere Nummer. Die Latschen dicht verschneit, kein sicherer Schritt und Tritt. Jakl mußte nachhelfen. Ging es nicht auf einen Gamsbock, ich würde mich besinnen; aber wenn alle Nerven nach einem Punkt drängen, dann geht alles.

Ich stehe glücklich im Sattel, in dem eben der Bock stand, aber wo eine Gams stehen kann, kann's noch lange kein Mensch. Die Stelle ist nicht breiter wie ein Messerrücken, und der Schnee weicht unter meinen Füßen, und unten im Graben steht der Gemsbock und blickt starr herauf.

Keine Sekunde Zeit, Büchs herunter.

»Jakl, druck nach!« Ich fühle seinen stämmigen Rücken, der gibt mir Halt – und das Ziel fassen muß man doch auch; was nützt so ein Schlampschuß. Es geht schwarz auf vor dem Visier. Da kracht's schon; der Bock erst vorne hoch auf, dann in einer Schneewolke nach abwärts.

Da steht man und horcht auf den Plumpser, wenn er stürzt – aber nichts zu hören. Aber wie kann man auch in der Haltung – und so ein Bock – und getroffen ist er.

»Anzwickt hab'ns 'hn halt,« meint Jakl noch zu allem Überfluß.

»Jetzt brauch' ich dich gar nicht mehr.« So falle ich förmlich den Grat hinab in den Graben. Da, wo der Schnee aufgepflügt, leuchten die roten Tropfen – die Triglafsrosen, die aus Zlatorogs Schweiß wachsen – – aber jetzt pfeif ich auf Rosen, die poetische Ader ist gründlich verstopft – – Schweiß! Schweiß! Immer stärker, immer dunkler. Mein g'hörst, alter Tropf! Da kommt man schnell abwärts.

Aber so rasch gibt sich so einer nicht. Ich nähere mich schon der Waldgrenze, und immer noch zieht sich die Spur.

Jakl kommt nachgepustet. »Lass' man erst a bißl krank werd'n, meinert i.«

Was das für eine Feindliche ist, die Jägersprache; recht gemütvoll, aber recht hat er, wenn nur Zweifel nicht so schrecklich wär'. Nach fünf Minuten ist meine Geduld zu Ende. Ich folge der verheißungsvollen roten Spur wie ein ausgehungerter Wolf; nie noch fühlte ich so stark den dämonischen Trieb, vor dem alle Philosophie weicht; das Menschentier ringt sich da los aus allen Überkommenschaften, jede künstliche Tünche weicht, der Kern liegt bloß; ob er schön oder häßlich, lasse ich offen, echt ist er, das fühle ich, ohne jeden Falsch, eine brutale Wahrheit in dieser Welt der Lüge und Konvention.

Und da liegt er schon, im Sturz von einem Fichtenstorren aufgehalten, zottig schwarz, die Kruke hoch und weit, wenn auch nicht so, wie Jakl sie gemessen. Sagt, was ihr wollt, ihr Krittler alle, nennt es grausam, kindisch, das ist Glück, was da einzieht in das Herz, und daß es echt ist, lehrt die zähe Erinnerung, die es von neuem leben macht, so lange ich die prächtige Kruke auf dem grünen Schild sehe.

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