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Meine letzten Weidmannsfreuden

Anton von Perfall: Meine letzten Weidmannsfreuden - Kapitel 8
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authorAnton Freiherr Perfall
titleMeine letzten Weidmannsfreuden
publisherGrethlein und Co. G. m. b. H.
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Gamsjagerei

Die Gemsjagd ist noch immer, trotz allem was schon darüber geschrieben und erzählt wurde, für den Laien ein dunkles Gebiet. Nur den wenigsten selbst unter den erfahrenen Weidleuten wird die Gunst zuteil, sich darüber persönliche Erfahrungen zu holen. Dieselben aber aus Büchern sich zu holen, und mögen dieselben auch aus der Feder der ersten Zoologen stammen, ist einfach deshalb unmöglich, weil diesen Herren selbst gewöhnlich jede praktische Erfahrung fehlt, woraus dann die Ungeheuerlichkeiten kommen, die man von den hervorragendsten Namen dieser Wissenschaft gezeichnet sieht, wie z. B. selbst von Brehm und Tschudi.

Es genügt auch nicht, vielleicht ein paarmal ein Gemstreiben oder eine Birsch in Begleitung eines Jägers mitgemacht zu haben, um nur einigermaßen einen Einblick in dieses Gebiet zu bekommen.

Die Ausübung dieser Jagd ist so verschiedenartig, von so ungezählten Bedingungen abhängig, so reich an Varianten, langweilig und voll dramatischer Erlebnisse, wirklich einen ganzen Mann erfordernd, mit Sehnen von Stahl und kühnem Wagmut oder so zahm und wie ein Hasentreiben, daß die Schilderungen sich selten decken oder ein verständliches Bild geben.

Dazu gehört unbedingt langjährige Erfahrung, ständiger Revierabgang, auch wenn es sich nicht ums Schießen handelt, liebevolles Beobachten des Wildes und vor allem Vorsicht, ruhiges Blut, Gewandtheit im Birschen, sorgfältiges Vermeiden jeder Beunruhigung, die höchste Kränkung, die man dem Gemswild antun kann, kurzum selbst Bergjäger sein, nicht nur Amateur und Kavalier, der sklavisch dem Jäger folgt, der ihn möglichst rasch zum Schuß bringen soll.

Wer seinen guten Bartbock nie auf sich selbst gestellt, errungen, aufgebrochen und auf dem Buckel den Berg herabgetragen durch fußhohen Schnee, der kann da nicht mitreden, dem fehlt stets der richtige Einblick und seiner Schilderung die rechte Würze.

Es gibt nun einmal aber Wonnen, die man selbst genossen haben muß, um sie andere auch empfinden zu lassen, und das Weidwerk ist nun einmal keine Theorie, sondern blühende Praxis. Edlen Wein muß man wiederholt durch die Gurgel streichen lassen, um die Blume festzuhalten, diesen sublimsten Genuß.

Ein gütiges Schicksal hat mir in meiner dreißigjährigen Praxis, in bezug auf Gemsjägerei, dieses Glück im reichsten Maße beschieden; rechne ich noch dazu, daß sein Schauplatz stets meine geliebte Heimat, meine Schlierseer Berge waren, und so eine Durchdringung sich vollzogen hat, so kann ich mich wohl zu den besonders begünstigten Jüngern Hubertus rechnen.

Es handelt sich gar nicht um das »elende Grattier« allem, wie Schiller etwas zu geringschätzig unsern braven Gemsbock nennt, um seine Heimat handelt es sich, um die steilen Graten und kühnen Schneiden, um die steinigen Gräben und Reisen, vielgestaltigen Löcher und Schrunden, um die dunklen Latschenfelder und lohenden Almrosenwiesen, um die saftigen, grünen Weiden und heimlichen Hütten in den weltverlorenen Kars und Kesseln, um die himmelstrebenden Höhen und grausigen Tiefen, um die lebensfrischen Menschen, die darin leben, um frohe Kraft und ganze Mannheit, um das Einsetzen von trotzigen Energien und unbegrenzter Herrschaft über den Körper, kurz um ein starkes, freies Leben in würziger Bergluft, die man nicht mehr entbehren kann, wenn man sie länger voll und ganz genossen. –

Das alles ist das »Gams«, wie der Jäger es nennt. Das Wappentier der Berge, die fleischgewordene Höhenluft.

Der Hirsch ist edler, mit seiner stolzen Trophäe auf dem Grind, in Haltung und Gestalt; das Reh ist zierlicher, in seinen eleganten Fluchten unerreichbar, aber nichts kommt der trutzigen Mannheit eines guten Gamsbockes gleich, wenn er im schwarzen Winterpelz, bis an die zottige Brust im Schnee, über die Schneiden saust in toller Liebeslust, sich über Abgründe schwingt und unnahbare Höhen erklimmt.

Der Jäger verehrt ihn, ist stolz auf ihn, und wenn es nach seinem Willen geht, wartet er fünf Jahre gelassen, bis aus dem übermütigen Kitzböckl der gute Brunftbock geworden, dann ist es auch um ihn der Mühe wert, wenn er wohlgetroffen in den Graben kollert.

Wer mit dem G'raffl sich abgibt, wie der Bergjäger das junge Zeug, das Jungwild, nennt, und zufrieden ist, überhaupt einmal ein Stück Gamswild erlegt zu haben, der wird allerdings nie auf den Geschmack kommen, das ist keine Kunst und leichter zu erringen, als irgendeine andere Beute. Besonders die Treibjagd bietet für die so Genügsamen reichliche Gelegenheit.

Andererseits gibt es für den echten Gemsjäger nur eine Jagdart – die Birsch, – und wenn der Becher der Weidmannslust ganz gefüllt sein soll, die Birsch im Spätherbst, wenn der Gamsbock schon seinen schwarzen Hochzeitspelz herbeigeholt.

Das ist im November, wenn schon Schnee die Höhen deckt; da erst pocht sein heißes Blut in Liebesglut.

Was ist da nicht alles schon geschrieben und erzählt worden: von kühnen Kletterwagnissen, dem weißen Tod, der aus allen Abgründen droht, von Aufschneiden der Fußsohle, um sich mit eigenem Blut an die Felsplatte zu kleben in äußerster Not, von selten im Bette sterben eines Gemsjägers sogar, von unerschütterlichem Wut und eisernen Muskeln, die dazu nötig sind, gewissermaßen vom letzten Heldentum. Viel Übertriebenes, Unwahres, das einem den Geschmack daran verderben könnte.

Dabei ist es, ehrlich gesagt, unendlich selten, daß die Sache so kritisch wird, und genügt im ganzen genommen eine kräftige Gesundheit, ein bißl Schwindelfreiheit und gerade so viel Mut, als ein richtiges Mannsbild überhaupt haben muß, um den Namen zu verdienen, vollauf, um auf der Gemsjagd auszukommen.

Mir ist in meiner langen und ergiebigen Praxis ein einziger Fall gegenwärtig, etwas abenteuerlicher Natur, bei dem es galt, seinen ganzen Menschen zusammenzunehmen, um mit heiler Haut durchzukommen, und darum sei er auch hier angeführt. Die Ausnahme soll nur die Regel bestätigen, und weitab liegt es mir, damit die Sammlung der Heldenstücke zu bereichern, zumal ich nichts weniger als freiwillig in diese kritische Situation kam.

Es war im November 1893 nach einem starken Schneefall, als ich mit meinem Jakl das Gebiet der Brecherspitze aufsuchte, um mir einen guten Bock zu holen, was mir bis am 16. dieses Monats trotz aller Mühe nicht gelungen war.

Da geht's durch den Anglgraben hinauf bis zur Almfläche, eine Hunds-, Sau- und Viecharbeit – wie sich der Jakl fortgesetzt auszudrücken pflegt, der mir als Schneepflug dienen mußte.

Der ganze Körper dampfte; muß man doch warm angezogen sein, um die folgenden langen Sitzungen auszuhalten. Jede Muskel ist zum äußersten gespannt, und wenn nicht ein zäher Wille dahinter steht, dann geht's einfach nicht.

Bald steckst du in einem Schneeloch bis an die Brust, bald klemmt sich der Fuß zwischen unsichtbarem Gestein, bald bricht die Eisdecke irgendeines verborgenen Tümpels oder Baches, und du stehst bis zum Knie im eiskalten Wasser. Aber nur zu, der Himmel ist gut bayrisch blau, der Schnee ist weich und flaumig.

Ehe wir aus dem Wald auf die Almlichte treten, muß ich dem Fakt sein derbes Maul verbieten.

Traumhafter Friede ringsum, jede Härte der Konturen genommen, die Almhütte bis unter das Dach verschneit, kein Brünnerl quirlt, alte Wettertannen senken ihre Wedel unter der weißen Last. Die Stille spricht ganz leise, ganz leise, und über den Schnee hüpfen wie Kobolde die kleinen Lichtfünkchen, haschen sich, fliehen sich nach ewigen Gesetzen, die uns am Nachthimmel Ehrfurcht in die Seele hauchen, während sie uns hier wie Kinderspiel erscheinen.

Auf der Bank vor der ersten Hütte halten wir Rast. Das Brünnerl davor, dessen Plauschen ich so oft in Sommernächten gelauscht, hat einen grauen Eisbart und eine mächtige Mütze auf, vom Dach der Hütte hängen die Eiszapfen, ganze Wasserfälle irrisierender Lichter.

Nur eine Viertelstunde Ruhe und den weißen Frieden in sich gesogen. Aber das begreift der Jakl nicht. Da muß gleich das Spekuliereisen heraus, dieses gierige Auge, das nach den Opfern späht.

Fährten genug, wie leuchtende Perlenschnüre kreuzen sie den Kessel, aber kein Gams weit und breit für den ersten Augenblick. Mir ist das Binokel lieber, das ein großes Feld beherrscht, und Zeiß hat dafür gesorgt, daß es auch an Lichtkraft mit den altmodischen konkurrieren kann.

Da habe ich schon eines und noch eines, und jetzt ein ganzes Schar! hoch oben auf der Schneid'.

Jakl ist wütend, daß ich ihm zuvorgekommen. »Ja, Bluatsau, sakra, was hat's denn nacher mit mein' Glasl –« Er gibt ihm die Richtung. »A was, G'raffl halt, hab' mir's gleich denkt. A dreijähriger is dabei, sonst nix. Da war's Auffakreil'n wert.«

Diese Reden verdrossen mich immer an Jakl, so gerne ich ihn hatte, als ob ich – – Der wird nicht lange regieren, da unten links vom Wasserkopf – siehst – noch nicht – ja nacher –

Jetzt bekam er den Datterich in den Händen, dieses liebe Geschenk des Alkohols. – Und der Bock mitten hinein in das Scharl, daß der Schnee aufstob. Ein besonderer war's wohl nicht, und der Dreijährige kam über die Schneid' herabgeteufelt, dem der Bart am Rücken nur so flog, und dann wieder herüber und das G'raffl zusammengetrieben und hinein damit in die Latschen unter der Spitz. Nur ein Geißl sauste herüber in angstvoller Hast, als ob der Angriff ihm gegolten, und stand plötzlich ganz verdattert auf hundert Schritten vor uns.

»Was weiß ma,« meinte der Jakl, »kann ihm leicht kemma, daß des net z'schlecht war, i hab's a amal so g'halt'n.« Er lachte in seliger Erinnerung in sich hinein. »Sitz'n bleib'n ma a Weil', moan' i.«

Die Sonne schien jetzt so warm auf die Hütte, es war zu verführerisch, ihm zu folgen. Als sich aber das Geißl noch unter einer Schirmtanne niedertat und ganz verschlafen den Grind senkte, oben aber sich gar nichts mehr rührte, war mir das doch zu langweilig.

Der Steckenberg lag mir einmal im Kopf, dessen Schneide auf uns herabblickte. In seinen phantastischen Wänden und Burgen und Gräben habe ich schon manchen glücklichen Schuß getan. Der Weg hinauf über die steile Almlichte hatte allerdings nichts Verführerisches bei den Schneemassen, und der Jakl fuhr ganz erschreckt aus seinem sanften Sonnendusel auf, als ich den Namen nannte.

»Was alleweil mit Ihr'm Steckenberg hab'n! A paar einschichtige Böckln, ja, aber sonst gar koan Betrieb.«

Ich kannte aus Erfahrung diesen Sonnendusel nach starker Anstrengung; er erschlafft nur, man muß ihm gewaltsam widerstehen.

»Auf, Jakl, der Steckenberg muß her; einmal oben, gehört uns das ganze Revier.«

»Wia 's mein'a, i will nix g'sagt hab'n.«

Jetzt brannte die Sonne, jeder Schritt kostete Schweiß, und endlos wuchs die Höhe vor uns. Einmal fitzten zwei Gams hinter uns durch den Kessel, dicht bei der Almhütte vorbei.

Jakl wollte natürlich in dem hinteren einen Kapitalbock erkennen, der unser Geißl trieb, aber es war eitel Lüge, nur daß er recht behielt.

Endlich. – – Draußen im Flachland lag dichter Nebel, er brandete schon gegen die Berge, und eine kalte Luft wehte herein. »Der a no', nacher san ma's,« klagte der Jakl, der Pessimist.

Erst wird tüchtig gefuttert: Speck, Eier, ein paar Maul voll Schnaps, eine Zigarre geraucht, Wind- und Nebelstudien gemacht, dann ging's die zackige Steckenbergschneid' herab, die gegen das Josefstal zu langsam abfällt.

Ein verdammter Weg im tiefen Schnee, alles voll Latschennester, in die man brusttief versinkt, einen Tritt zu weit machend, und irgendein Schneewächter bietet Gefahr. Zum Glück, daß ein Graben den andern deckt, die Aussicht hemmend, sonst wäre mit einem Male das Revier geleert, aber das geht von Kulisse zu Kulisse, und jeden Augenblick kann man zu Schuß kommen. Dann ist wieder ein tiefer Einblick in einen felsigen Graben gewährt, oder phantastische Felsbögen steigen daraus auf, auf deren Plattform die Böcke so gerne Siesta halten.

Aber der Steckenberg war wie ausgekehrt, nicht einmal eine Fährte sah man, und das Schlimmste: der Nebel draußen machte sichtbar mobil. Schon wälzte er sich auf den gegenüberliegenden Jägerkamm zu, brandete an dem Raucheck empor.

Jakl zerdrückte einen Fluch nach dem andern zwischen den Zähnen und hatte nur ein höhnisches Achselzucken, wenn ich ihn ansah.

So waren wir erfolglos bis zur Mitte der Schneid' gebirscht, da baute sich ein dicht mit Latschen und Almrosensträuchern bewachsener Rücken weit hinaus in die Abstürze des Steckenberges, der tiefe Schnee, der alles bedeckte, ließ den Weg auf dem schmalen links und rechts steil abfallenden Rücken bedenklich erscheinen.

Schon wollte ich daran vorüber, dem Grate folgen, da packte mich doch die Neugierde, einen Blick in das Steingewirr des Steckenbergs zu tun, ganz leer kann es da nicht sein.

So bog ich vom Grat ab, jeden Schritt mit dem Bergstock vorsichtig ausprobierend, Schwindel allerdings war ausgeschlossen, jeder Fehltritt Tod und Verderben.

Jakl folgte, einmal überwarf es ihn, daß ich gerade zur rechten Zeit den Bergstock vor ihm einstemmte. Jetzt galt's! Das Hinaufschwingen auf dem äußersten Kopf war sowohl schwierig als bedenklich wegen des Steinablassens. Ich mußte voraus! Das Heben des Kopfes schon über der Schneid' konnte alles verderben, und ich fühlte es ordentlich, es stand einer drüben irgendwo.

Mich an den letzten Felskopf schmiegend, schob ich vorsichtig den Kopf vor und spähte nach unten. Es warf mich förmlich zurück, keine 80 Schritt unter dem Grat, auf einem schmalen Felssattel, ein Gams! Ein Kapitalbock, dem der Bart lang zu beiden Seiten hing. Er starrte unbeirrt nach unten, so hob sich noch die starke hohe Krücke im weißen Schnee – der Bock, den man sich ersehnt, um den man sich die Knochen kaput schindet, alle Liebesgeister beschwört, mein Bock!

Aber wo stürzt er hin? Die Tiefe verlor sich schon in dem heraufziehenden Nebel, und wie bringe ich den Anschlag zuwege, fast senkrecht abwärts, ohne jeden Halt, noch dazu etwas gegen rechts, da der Felskopf mich hindert.

Jakl konnte auch nicht helfen, er hätte nicht einen Fuß breit Platz neben mir gehabt, und Eile tut not, der Bock schlug verdächtig mit dem hinteren Lauf auf den Schnee und stieß den Brunftton aus, offenbar stand Gamswild unten.

Das ist ein Augenblick auf der Gemsjagd, wo rascher, kühner Entschluß einzig den Erfolg bringt.

Ich setzte vorsichtig den linken Fuß auf einen kleinen Vorsprung, während ich mich in das rechte Knie ließ und so wenigstens Raum zum Anschlag bekam, aber ich konnte das Ziel nicht fassen, so nahe es war, es war zu senkrecht unter mir.

Da fühlte ich die Hand Jakls, die mich am Rucksackriemen hielt. »Schiaß'ns, i laß net aus,« flüsterte er. –

Da beugte ich mich vor, daß ich faktisch über dem Abgrund hing, senkte den Lauf – – da lag schon ein Schneebatzen auf der Muke – ich mußte vorlangen, abwischen. »Der Riemen halt' scho,« und der Jakl schlug mir seine Krallen förmlich ins Fleisch.

Die Muke senkte sich in den Zottelpelz, ich lasse fliegen, der Bock klappt auf dem Fleck zusammen und bleibt, wie vom Schlag getroffen, auf dem schmalen Felssattel liegen; unglaublich, aber es war so, keinen Muckser tat er mehr.

Das war das Schlimmste, was mir passieren konnte. Wie zu ihm Hinunterkommen, wie ihn fortbringen? Zu allem Überfluß fauchte der Nebel herein und nahm mir im Augenblick den Ausblick auf den Bock.

Bis morgen warten – den heillosen Weg noch einmal leer hinuntergehen. – »Jakl, jetzt streng' dein Köpferl an, ich geh' nicht hinunter ohne Bock.«

Er rückte das Hütl und kratzte sich am Kopf. »Sakra, das schaut schiach aus.«

Der steil abfallende Felskopf, auf dem ich stand, war bis zu dem schmalen Sattel, auf dem der Gamsbock lag, stellenweise mit Latschen bewachsen; aber daran sich herunterhandeln, ohne Halt für die Füße, war doch zu bedenklich.

Da zog Jakl eine Hundsleine aus dem Rucksack, eine sogenannte Rebschnur, deren Unzerreißbarkeit keinen Zweifel ließ. Er ließ sie hinunter; sie reichte völlig nahezu bis zum Gamsbock. Ich verstand ihn. Einer haltet heroben, der andere läßt sich dann hinab, die Latschen geben immer Anhaltspunkte.

Jakl war sofort bereit, die Tour zu unternehmen »Was die Bergkraxler könna, kann i a,« meinte er.

Wir war aber Angst um die Leibesfülle meines Jakls und fürchtete, ihn im Notfall nicht halten zu können. Ich war leicht und hager, und was der Jakl wagt, wage ich auch. Daß er nicht losließ, und wenn es auch die Finger kostete, war ich überzeugt – »und wenn 's dahin geht mit Ihna, bin i schuld – na, das gibt's net.«

Es gibt's aber doch. Er mußte gehorchen; so band ich mir die Rebschnur fest um den Leib. »So, jetzt stemme dich ein und halt, dann kann's nicht fehlen. Das Weitere wird sich schon finden, wenn ich nur bei meinem Gamsbock war.«

Und es ging vortrefflich, nicht halb so schwer als ich mir gedacht, die zähen Latschen hielten mich fest umklammert, ich mußte mich noch durcharbeiten, um hinunter zu kommen, und der Jakl hielt eisern fest. Ein viertel Meter über den Bock ging die

Schnur aus, ich mußte loslassen und kam gerade auf den Gamsbock zu stehen.

Jetzt, wie soll der Jakl – da bogen sich schon die Latschen, der Wackere ließ sich schon daran herab. »War no' schön'r,« meinte er, »ma schaut die Sach' alleweil z'kritisch an.«

Wir hatten gerade noch Platz neben dem Gamsbock. Die Kugel hatte ihn förmlich geknickt, der Tod war ganz plötzlich eingetreten. Der Bart war tadellos, die Krucke hoch und weit.

Dann aber kam der zweite Teil. Was jetzt? Den Bock hinunter werfen, hieß ihn opfern, kein Knochen bleibt ganz, Bart und Krücken beim Teufel.

Jetzt wird die Tiefe sorgsam ausspekuliert.

»Sakra, zu was hab'n ma denn das Schnürl?« meinte plötzlich der Jakl, »jetzt muaß der Gamsbock den Führer mach'n.«

Ehe ich mich versah, hatte er die Schnur an der Krucke befestigt. Das Terrain nach unten war günstiger als wir vermutet hatten, der Fels war rauh, immer wieder traten kleine Absätze vor, die den Zug des Herabzulassenden vermindern mußten.

So legten wir uns beide ins Geschirr und ließen, den Grind nach oben, ihn vorsichtig hinab. Erst ging es fast senkrecht, und die Finger schmerzten unter dem jähen Ruck, dann lag er schon wieder fest.

Jetzt war guter Rat teuer, trotz allen Lockerns, er rührte sich nicht. Nur ein Ruckerl noch, und wir konnten ihn auf eine Schneelehne bringen, die seitwärts für uns wohl gefahrlos zu erreichen war.

Hu huup! Es gelang wahrhaftig, nun lag er fest im weichen Schnee. Die Hauptarbeit war getan, die Lehne führte hinunter bis zur Stokeralm, und der Schnee hält uns ja fest.

Erfolg macht kühn. Im Nu standen wir vor unserem Bock, und der Schnee hielt wie mit eisernen Klammern fest, so steil der Platz auch war.

Ausgeschnauft und los! Der Bock an der Schnur rutschte voraus und gab uns, die wir uns gegen den Zug stemmten, nur noch fester Halt. Alles schien gewonnen.

Da geschah etwas Unerwartetes! Unter unseren Füßen ward es plötzlich lebendig, die sonderbare Fuhr ging immer schneller, trotz alles Zurückhaltens und Bergstockstemmens, die Wandeln, die Bürgen, die Fichten und Latschen sausten nur so an uns vorüber, als ob es mit einem Schnellzug ging.

Wir sahen uns nur an, wir wußten beide, um was es sich handelte. Wir staken im Neuschnee, der wohl auf einer alten gefrorenen Schicht lag. Eine Platte hatte sich wohl unter unserem Gewicht gelöst, und herab ging's in immer zunehmender Schnelligkeit der Stokeralm zu, das hieß so viel als dem Tode zu, der in Form aller erdenklichen Hindernisse uns drohte: Baumstämme, Felstrümmer, abschüssige Gräben.

»Wenn ma net aus der Platt'n komma,« meinte Jakl. – –

Schnell entschlossen kappte ich den Strick, und der Gamsbock sauste in einer Schneewolke hinab. Der Zug verminderte sich sichtlich.

Jetzt galt's! Kamen wir nur zehn Schritte seitwärts hinaus, waren wir im Sichern. Da lernt man den Bergstock nützen. Wie es ging, weiß ich nicht mehr, aber es ging; gerade im letzten Augenblick, da hätten wir uns den Schädel an den mächtigen Stämmen angeschlagen, die uns aufnahmen.

Wir standen in einem Felsloch, die Platte sauste hinunter und zerstob an den Stämmen, eine dichte, weiße Wolke bildend.

Wir sahen uns einander an und drückten uns die Hand. Da gab es keinen Diener mehr und keinen Herrn, nur zwei Menschen, die den sicheren Tod im Auge gehabt hatten.

Den Gamsbock hatte einer der Stämme aufgehalten, der Bart war allerdings etwas derangiert, aber wir trösteten uns darüber. »Im Sacktüchl hätten's uns morg'n heimg'trag'n, wenn wir net grad no' aussa wär'n,« meinte Jakl, »aber weil's gleich is – 's steht do' nix auf über'n Steckenberg.«

»Gel – und heut früh – – dir nach würden wir ja noch vor der Almhütten sitzen.«

»No wissen's, viel hätt' net g'fehlt, daß es das G'scheit're g'wes'n wär'.«

Er mußte immer das letzte Wort haben, und ich ließ es ihm diesmal gern.

Ich suche solche Abenteuer gewiß nicht auf, sind auch gar nicht des Jägers Sache, und wer ein Leben wegen eines Gamsbockes einsetzt, hat eben meiner Ansicht nach nicht viel einzusetzen – aber missen möchte ich in meiner Erinnerung doch nicht den Tag vom Steckenberg.

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