Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Anton von Perfall >

Meine letzten Weidmannsfreuden

Anton von Perfall: Meine letzten Weidmannsfreuden - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/verz/werk/book.xml
type
authorAnton Freiherr Perfall
titleMeine letzten Weidmannsfreuden
publisherGrethlein und Co. G. m. b. H.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110613
projectida663941a
Schließen

Navigation:

Die Unruh

Was es doch alles gibt zwischen Tal und Schneid'! – Welten so grundverschieden, als gehörten sie durch Meere getrennten Zonen an, Blumengärten voll der Pracht des Südens, die weißen Wunder der Pole in kristallner Klarheit, Latschenwildnisse, die ihre Kinder sorgsam bergen und den Eindringling ihre zähen Schlingen um die Füße winden, weite Almflächen, auf denen der Enzian, die Kamille und das Edelweiß blühen, kraftstrotzendes Vieh sich weidet, Schlünde, in denen der Sturzbach brüllt, blumige Wiesen, über die traulich das Büchlein schleicht, Waldeinsamkeiten voll feuchten Schauern, in denen der Hirsch sich suhlt an schwülen Tagen, trotzige Felsburgen, auf denen der Gamsbock den Schnee von seinem Zottelpelz schüttelt. – Und die Menschen erst! Von dem Grattler auf der Straß' in seinem Plachenwagen und dem kläffenden Spitz unten auf dem Wagenbrett bis hinauf zum Senn' und den Jägerburschen, über Dorf und Einödhof und Holzerhütten bis zu den ewig mit Schnee bedeckten Schneiden, auf denen der Gamsbock sein bergfrohes Spiel treibt.

Und wie das alles sich nennt, so kurz, so klar und sinnig. »Die Platt'n«, »der Saugrab'n« (wie viele Flüche haben ihn wohl dazu gemacht), »das Hirschg'röhr«, »die Torlöcher«, »der Gamsanger«, »der Hennakopf« und »der Wolfskopf«, »der Kroaterhof« und »zum Laviner«, »zum Burger« und »zum Römersberger«, »zur übergoßnen Alm«, »die steinerne Maid«, »das Gottesaug'« und zuletzt gar »die Unruh«, von der ich erzählen will, und das Volk alles, das sich darin herumtreibt in der vielbenamsten Welt, gerade so seltsam und charakteristisch in Name und Erscheinung: »der Zigarrentoni« und »der Haxenschlager«, »das Brotmand'l« und »die Cigoriwab'n«, der »Einöder« und der »Kirchenbauer«. Heiland, schütz' mich vor dem Volk all'n, sonst komm' ich nimm'r zum Schreib'« –

Es war im Herbst 1898. Ich jagte in der letzten Woche des September in den Karpathen mit spärlichem Erfolg den Brunsthirsch und sehnte mich aus ganzem Herzen nach meinen bayrischen Bergen. Und wenn sie mit den Geweihen da unten noch so prunken und der Zauber des Urwaldes noch so verführerisch ist, Heimat ist halt Heimat. Jedes lausige Sechserl ist da mein Landsmann, den ich als Kalb schon gekannt, jeder Fels, jeder alte Storren, jede alte Hütte spricht zu mir. Wer's begreifen kann, begreife es! –

So hatt' ich nicht wenig Eile. Es war schon der 5. Oktober, nur mehr zehn Tage Schußzeit. Doch mein alter Freund und Förster S. beruhigte mich. »Nur net hitzi' werd'n. ›Die Unruh‹ laßt net aus! Werden 's sehn, a Prachtplatz, am 10. oder 11. schiaß'n 's, da fehlt si' gar nix.«

Der Name hatte nichts Verführerisches für mich. »Unruh« ist ein schlimmes Wort für den Jäger, anderseits reizte mich die Zuversicht betreffs des 10. oder 11., abergläubisch sind wir ja alle.

Es war ein herrlicher Oktobertag, als Jakl und ich den Berg hinaufstiegen in der würzigen Luft. Wie nach vollendeter harter Arbeit rastete die Natur, kraftvollen Gottesfrieden im reifen Antlitz.

»Jetzt sag' mal, Jakl, warum heißt man 's die ›Unruh‹ da oben? Wir paßt er nicht, der Nam'.«

Der Jakl rückte das Hüt'l und kratzte sich hinter dem Ohre. »Mir a net, scho' lang' net. Was kannst mach'n, der Först'r hat amal sein Glaub'n drauf.«

»Warum, warum ›die Unruh‹?« fragte ich wieder.

»Ja, schaun's, des is a so. Den Kaspar Unruh hab'n die paar Scherb'nbäum' g'hört, die dort stehn und a bißl a Woad dazua. Er war Bauer am Rain und is als solch'r g'storb'n in der Hütt'n ob'n, die er selb'r baut hat, aber wia 's oft geht, a Nam' macht an Mensch'n! – Sein Lebtag hat er koan Ruah geb'n, kauft und verkauft, bal' ob'n auf 'm Berg 's ganze Jahr und g'arbeit wia a Roß, bal' unt'n im Tal und net aussa aus 'm Wirtshaus, bal' ledi', bal' verheirat', g'storb'n san eahm d' Weib'r wia d' Muk'n und bis auf d'letzt koan Ruah net, vor sein' Tod hat er no auffa müass'n auf d' Unruh, Schafl suach'n, hat er g'sagt, und komma is er nimm'r, stoantot is er vor d' Hütt'n g'leg'n. Gar viel is g'redt word'n drüb'r, allerhand soll g'fehlt hab'n, d' Schafl san a nimm'r zum Vorschein komma, und a Ruah is seitdem nimm'r word'n da ob'n, grad als ob all's verhext war, 's Wild selb'r. Der Först'r schimpft ja, wenn i 's sag', aber – Sach' is wol da, grad g'nua – aber – no ja, werd'n 's ja selber sehn –«

Das genügte meiner Neugier, unwillkürlich wurden meine Schritte länger.

Im Bergwald herrschte die feierliche Stille eines herbstlichen Sonnentages. Die letzten Düfte stiegen noch von dem ewigen feuchten Boden, schon etwas Fäulnis ist pikant beigemischt, das Klirren der fallenden Blätter ist Abschiedssinfonie. Alles ist auf Ruhe gestimmt, auch im eigenen Innern, wie ganz anders als beim Hahnfalz, kein Schläfenpochen, kein drängendes Lauschen nach etwas Unbekanntem, Nahendem – da ganz plötzlich, wir sind ganz unvermerkt auf den Damm des Bergwalds gekommen, dringt ein Rauschen und Tosen auf uns ein. Ein Windstoß fährt in die Wipfel der Tannen, es pfeift und stöhnt um die bemoosten Felstrümmer über uns, weißer Gischt taucht auf zwischen den grauen Stämmen, ein Sturzbach drängt sich zwischen zerklüftetem Gestein. Wir folgen ihm bis zum donnernden Fall, denn rechts hinauf zwischen Fall und Wand im Sprühregen und fahlen feuchten Dämmer, dann plötzlich blendendes Licht, zu unsern Füßen ein Talkessel, grüne Matten von Steinströmen zerrissen, die gierig sich immer weiter fressen, Felsblöcke wie von Riesenhänden zerstreut, verwetterte Fichten mit dürren Wipfeln, morsche Baumleichen, zu einem Chaos gehäuft, eine verfallene Hütte, zerzaust, aber aufrecht in all dem Unglück, – das Ganze ein Bild des Lebenskampfes, eines heroischen Ringens.

»Da hab'n 's die ›Unruh‹,« sagt der Jakl, und wie zur Bekräftigung stürzt ein Windstoß herein, schüttelt die alten Tannen und verdoppelt das Tosen des Falls, während unten im Kessel im Gewirr der Blöcke und gestürzten Stämme ein Gamsrudl locker wird. Lauter G'raffl, wie Jakl meint, jeder Grind ist auf uns gerichtet, und doch geht der Wind gegen uns herauf.

Dann geht es aufwärts, die Steinreise hinauf, daß eine ganze Lawine abging.

Der Jakl lacht nur immer in sich hinein, als stände er vor Selbstverständlichem. »Und das is erst 's G'raffl, jetzt pass'ns erst auf d' Gamsböck auf, glei' wird ein'r auffasaussen.«

Wir pirschten mit doppelter Vorsicht in dem Kessel, bot doch jeder Schritt neue Deckung, und wir Menschlein verschwanden ganz in dem gewaltigen Chaos.

Da pfiff schon einer an den Wänden drüben, wie ein schwarzer Teufel glitt er durch die Wände aufwärts und noch einer – und noch einer – der ganze Kessel war lebendig. Dabei schlichen wir wie die Katzen, und der Wind ausgezeichnet, nicht einmal das bekannte »Standerl« machte einer. Es waren Fluchten kopfüber, als wenn eine Schar von Treibern hinterher wäre.

Doch das war für diesmal nicht unser Wild, das G'raffl und die Gamsböck verschwanden – wir machten, daß wir in die Hütte kamen, um nicht noch mehr aufzustören. Sie war der Rest einer Alm, deren Hinterteil, wohl von einer Lawine zusammengedrückt, nur noch einen Trümmerhaufen zeigte. Die Luft in dem kleinen Stübchen vorne zeugte von wenig Gebrauch.

Das Brünnerl vor der Türe lief nicht mehr, der Trog war ganz vermoost, auf dem vermorschten Dache wuchs der Schwamm. Das war die Verwesung mitten im Kampf des Lebens ringsum. – Ich sah den toten Bauern auf den Steinfliesen vor der Türe liegen, der hier erst seine Ruhe fand.

Recht heimlich war es nicht auf eine Woche hier. Der Rauch drückte herab und erfüllte rasch das enge Stüberl, so machten wir rasch Mittag und begannen die Rekognoszierung.

An Fährten fehlte es nicht. Rings um der Hütte ging wohl nächtlich das feurige Liebesspiel, dessen Verlauf man bei dem weichen Boden beobachten konnte. Ein starker, ich sprach ihn sicher als Zwölfer an, alles andere nur geringes Zeug, das sich in respektvoller Ferne hielt, während das Wildbret ihm treue Gefolgschaft leistete.

Jetzt war ich wieder ganz bei der Sache. Der Hirsch war am ehesten abends beim Austritt zu erreichen, in der Frühe fürchtete ich das Herauskommen aus der Hütte, die keine Deckung bot.

Der Wechsel war nicht zu verfehlen, ein ganzer Weg war ausgetreten von dem großen Latschenfeld her.

Man denkt sich das am ersten Tage so furchtbar einfach. Woher soll er denn sonst kommen – und jedes Jahr macht man dieselbe Erfahrung, daß er gerade da nicht kommt, sondern irgendwo anders, ganz zufällig von seinem Schicksal ereilt wird. Die alte Geschichte von den ausgetretenen Wegen, die nicht immer die sichersten zum Ziele sind.

Um vier Uhr saßen wir schon am Stand, die »Unruh« strafte jetzt ihren Namen Lügen. Kein Lüftchen ging, kein Steinchen regte sich, gut bayrisch blau zog es herauf im Westen und vertrieb die hastig fliehenden Nebel.

Jetzt kommt eine köstliche Stunde, wunschbefreit, das Mordgelüste lauert im tiefsten Winkel der Seele – nur nicht wecken! Alles erscheint so erreichbar, so leicht » dissolventur omnes dubitatines« – wie es in den Veden heißt. – Ein süßes Träumen tritt ein, das Licht der untergehenden Sonne überströmt das wilde Chaos des Kessels vor mir und verleiht ihm groteske Harmonie.

Ich hätte wahrhaftig nichts dagegen, wenn es so bliebe, im Gegensatz zu Jakl, der schon seine grausamen Verwünschungen zwischen den Zähnen malmt.

Allerdings melden könnte sich schon einer. Schon erlischt die Glut der Schneiden, und blaue Schatten ziehen herauf aus dem Kessel.

Da tritt ein Gamsbock heraus aus den Latschen, trägen, wiegenden Ganges, keine achtzig Schritt – Ahnungslos kommt er daher, der Wind weht steif herauf vor ihm her – Passiert! – Plötzlich rückt er zusammen, ein Pfiff – zurück in die Latschen.

»Die alte G'schicht,« murmelt Jakl. »D' Unruh laßt 'hn net aussa.«

Ich ärgerte mich über den Dickkopf.

»Wird halt wer unterwegs sein, a Schaflsuacher oder a Tourist, 's is ja koa Ruh, bis all's austeufelt is. Sakra, da schau'ns nauf.« Er wies auf die Schneid, über die wir gekommen. Brettelbreit stand ein Hirsch oben, das Zehnergeweih hob sich kohlenschwarz gegen den Horizont. Er warf noch einen Blick zurück auf den Kessel, dann verschwand er flüchtig, ohne einen Schrei zu tun.

Jetzt kannte ich mich aus. Irgendwer war unterwegs. Na, dem Gnad' Gott, wenn er mir in die Finger lauft.

Die Nacht fällt plötzlich ein in der Zeit. Wir trachteten nach der Hütte zurück. Muß ja nicht sein, gleich das erstemal.

Wir näherten uns von rückwärts über die Schutthalde, die sich da gebildet. Zu der Zeit geht der Jäger immer leise, wir hörten unseren eigenen Schritt nicht.

Ich ging voraus um die Ecke und fuhr jäh zurück, zu meiner Schande muß ich's gestehen. Von der morschen Bank unter dem Hüttenfenster erhob sich eine Gestalt, nicht minder erschrocken als ich. Sie war wie ein Nachtvogel anzusehen in dem tiefen Dämmer. Ein weiter Mantel umflatterte sie, der einen mächtigen, das Haupt überragenden Höcker deckte, ein weißer Bart wehte in Strähnen. Nichts schien fest an dem Wesen, alles lose – eine schwarze, drohende, vor mir aufsteigende Wolke – ein Almspuk – ein Dämon – die »Unruh« selbst in Person!

Jakl faßte die Erscheinung realer auf.

»Ja, Herrgott Sakra, find't denn all's G'sindl den Weg da auffa? Wer bist? Was willst? Red' – oder i –« Er hob den Bergstock zum Schlag.

Das Geflatter beruhigte sich, der Spuk verschwand, ein Mann, im dunklen Wettermantel, ein Kraxe auf dem Rücken, stand vor mir und zog demütig den Hut. Die weißen Strähnen lagen jetzt ganz friedlich auf dem Mantel. – Da hat man's wieder! Was die Einbildung macht. –

»Kennst mi' denn nimma, Jakl – der Glaser von Westenhofen. – Wenn der Forstner schimpft und fluacht, daß i d'Hütt'n no' net eing'last hab' –«

»Muaß des grab in der Hirschbrunst sei', narreter Teufl!« schimpfte der Fall.

Ich mußte ihm recht geben.

»Mei' Herr, was weiß a Glas'r von der Hirschbrunft! Mit der Zeit is mir halt grad nausganga, und grab raus, Herr, 's is mir a liaber a so – I war net gern alloan auf der ›Unruh‹.«

»Freili', daß dir der Kasper net d' Gurgel zuadruckt. Laßt 's eahm endli' sei Ruah, und er wird 's euch a lass'n.«

Der Jakl ging in die Hütte, und rasch loderte das Feuer auf der Herdstelle. Wärme ist Leben und verscheucht rasch alle Gespenster.

»Hast 'hn du kennt, den Kaspar?« fragte der Glaser, den ich einlud, bei uns Platz zu nehmen und sich an unserem bescheidenen Rucksackmenü zu beteiligen.

»I wol net,« war die mürrische Antwort.

»Nacher red' a net von Ruah lass'n, di laßt 's a im Grab koan Mensch'n –«

»Hast du das an dir selbst schon erfahren, Glaser?«

Das alte Gesicht zog sich in noch mehr Falten. Er sah mich von unten mit einem Ausdruck an, der mir peinlich war, so etwas Überlegenes lag darin.

»Da laßt si' schwer red'n mit an ›Herrn‹. I bin ja grad a Glas'r.«

»Darum glaubst du solchen Dingen näherzustehen, weil du Glaser bist, dem Geisterreich, net wahr?«

»Kunnt leicht' sei' – 's d' Erlerna nutzt da nix. I hab' 'hn halt guat kennt, den Kaspar, und weiß a, wia er zur ›Unruh‹ kemma is. Ganz das Richtige hat's net g'habt, drunt am Totbett' hat er 's dem frühern Besitzer, sein' Nachbarn, um a lumpig's Geldl abdruckt, grad a Marterl hat er si' verlangt auf der Alm herob'n, no und d' Karalm ist die ›Unruh‹ word'n. Aber koan Marterl siechst heut' no net, so wird er halt koan Ruah net find'n, der Kasp'r, ehnder als steht, sag'n die Leut'. Sei' Sohn, der Leitnerbauer, mag nix hör'n daro' – sag'n d' Leut' – i weiß wol nix davo' –«

»Was meinst, Jakl,« bemerkte ich, »wenn wir dem Fürsten die Sach' erzählten, auf ein Marterl kam 's ihm gewiß nicht an.«

»Sakra, das war' a Ausweg!« Er rückte bedenklich das Hüt'l, »wenn nacher a Ruah wäret, weiß Gott, i sag 's eahm, is ja so viel guat, der Herr. – Oha, jetza!« Er lauschte mit offenem Munde.

Ein mächtiger Schrei hallte durch die Nacht – noch einer – Antwort von der anderen Seite – im Nu hatte er das glimmende Feuer gelöscht, die Fenster mit dem Wettermantel verhängt, »'s Maul halt'n, Glas'r, und net rühr'n tuast di' mehr.«

Wir krochen in die Streu. Der Glaser rollte sich zusammen und warf den Mantel über sich.

»Wenn d' morg'n vor neun an Laut ausgibst in der Hütt'n, nacher paß auf.«

Es war eine unruhige Nacht. Weckte mich das Grölen draußen, so erblickte ich im Mondlicht, das zum kleinen Guckfensterl hereinfiel, das ehrwürdige Haupt des Glasers; das strähnige weiße Haar leuchtete in dem grellen Licht wie Alabaster.

Endlich weckte mich ein Stoß Jakls. Das Mondlicht war verschwunden, schwarze Nacht. Jetzt hieß es, möglichst lautlos aus der Hütte kommen.

Der Glaser war schon wach.

»Nur a Klopfer!, wenn i hör', Mensch, vor neun, nacher gnad' dir Gott,« warnte Jakl ihn noch einmal, »nacher kannst anfanga, weg'n mein'r.«

Er beteuerte absolute Ruhe.

Jetzt galt's, auf weitem Umweg, wohl gedeckt, die Freie meidend, auf den Wechsel oben auf der Schneid' zu kommen. Hie und da ein verlorener Brummer gab uns die Versicherung, daß der Hirsch den Kessel noch nicht verlassen.

Nach einer Stunde kamen wir endlich in Schweiß gebadet an.

Der Platz war großartig, wurde es Tag, dann lag der ganze Kessel vor uns. Er mußte kommen, eventuell konnte man sich noch wenden und drehen wie man wollte.

Der Morgenansitz ist noch viel reizvoller wie der des Abends. – Das Erwachen des Lebens, es tönt leise herauf aus dem nächtlichen Tale, wachsend bis zum brausenden Akkord. Ein Hund bellt irgendwo, ein Wagen knarzt, Wasser rauschen plötzlich, die man oben noch nicht gehört zu haben glaubt. Es pocht gegen die morsche Rinde einer geborstenen Fichte und flattert gespenstig um unser Haupt, es kribbelt und krabbelt zu unseren Füßen im Nadelwerk und Moos, es rauscht mit schweren Fittichen an uns vorüber –

Da, der erste Schrei! Er klingt eher schmerzhaft, als kampflustig wie am Abend, die Elegie des Scheidens liegt darin – doch für uns gibt's nur eines, der Hirsch ist noch im Kessel und muß kommen.

Das Licht wächst, die Formen trennen sich – Schrei auf Schrei – Jetzt erkenne ich ihn in der Bewegung, zwei Stück hat er bei sich, die er zwischen dem Chaos der Steine und Baumtrümmer herumtreibt, daß die Schalen klingen!

Das ist herrlich, so den Erfolg tropfenweise genießen wie den edelsten Wein.

Die Firnen glühen schon ringsum, die Wunder des Lichtes steigen herauf zu mir – o unnennbare Wonne, heißer Lebensdrang, der hinausflutet in die blaue Ferne.

Heimat! Vaterland! Wie erfüllst du mich ganz!

»Jetzt aber wär's Zeit,« meinte nach einer weiteren Stunde der Fall.

Das Wildbret hatte sich verzogen, aber nach unserer Seite zu.

»Wenn i ihn anschreiat!« Jakl hatte schon den Schnecken in der Hand. »Koane hundert Schritt unter uns is er.«

Ich ziehe immer die freie Entwicklung des Dramas vor – und kommen mußte er ja.

Jakl sah kopfschüttelnd auf die Uhr. »Halb nenne,« sagte er dann bedeutungsvoll.

»No und–?« fragte ich.

»Um neune fangt der Glaser an.«

Ich blickte mit dem Stecher nach der Hütte, die von hier aus sichtbar war. Sie lag in tiefer Morgenruhe, der Glaser hielt Wort; und schon schreit der Hirsch dicht unter uns im Latschenwerk – jeden Augenblick mußte er kommen!

Ich richte mich, habe jede Lücke im Augen – Lange währt's – Endlich rührt sich was, ein Stück tritt heraus, hinter ihm bewegen sich die Latschen, ein Geweih taucht auf, verschwindet wieder.

»Jetzt kommt er!« flüstert Fall.

Die große Erwartung, das heiße Pochen – kurzes Grölen, die Latschen teilen sich.

»Zwölfe hat er.« Der Flüsterer neben mir.

Der Finger schleicht an den Drücker – da – ein klirrender Klang von der Alm her – aus – nur die Latschen schwanken noch, und unten kollern die Steine.

Jakl steht aufrecht, die geballten Fäuste gegen die Hütte schwingend.

Ich sehe nach der Uhr, Schlag neun. Ergebensvoll senke ich das Haupt.

»Glaub'ns jetzt an die ›Unruh‹?« fragt der Jakl. »Na wart, Glaser, dir brock' i 's ein.«

Mit dem schönen Morgen war es vorbei. Ich hatte Not, den Glaser vor Jakls Gewalttätigkeit zu schützen. Ich blieb Schneider für dieses Jahr und schwor mir, nie mehr die »Unruh« zu betreten.

Fünf Fahre darauf erfreute mich der hohe Jagdherr wieder mit einer Einladung zur Hirschbrunft. Der Förster schrieb dazu folgendes:

»Ich kann Ihnen wieder keinen besseren Platz anbieten als die ›Unruh‹. Nicht bös sein darüber, ich weiß alles. Das Marterl für den Kaspar Unruh steht schon seit zwei Jahren, gleich bei der Hütte, auf der viereckigen Platte, Sie wissen schon, und so hat 's kein Heikl mehr. Drei gute Hirsche schreien oben, dafür stehe ich ein.«

Ich wurde ordentlich schamrot, als ich das las, der Jakl hatte sicherlich geplaudert. Am keinen Preis hätte ich mir einen anderen Platz erbeten.

Ich schoß in dem Herbst auf der »Unruh« zwei kapitale Hirsche, aber der Glaser war auch nicht da.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.