Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Anton von Perfall >

Meine letzten Weidmannsfreuden

Anton von Perfall: Meine letzten Weidmannsfreuden - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/verz/werk/book.xml
type
authorAnton Freiherr Perfall
titleMeine letzten Weidmannsfreuden
publisherGrethlein und Co. G. m. b. H.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110613
projectida663941a
Schließen

Navigation:

Die Furcht

Entlang dem Bach, der sich zwischen den steilen Wänden, immer in schneidigem Gefall, talabwärts bewegt, hat man von der Sägmühle aus noch zwei gute Wegstunden. Oft rücken die Wände so dicht zusammen, daß aus dem Saumpfad ein ganz schmales Wegerl wird, das gar nicht jeder zu betreten wagt, und oben gegen das Firmament zu kaum noch Raum bleibt für einen schmalen Streifen blauen oder grauen Himmels.

Kalte Schatten wechseln mit sonnigen Flecken, die sich auf den Matten der Südseite eingebettet, es weht ein kalter, rauher Wind, der kein rechtes Behagen aufkommen läßt.

Ist aber die Sonne einmal verschwunden, so gegen 7 Uhr im Hochsommer, dann senkt sich die Schwermut herab auf den engen Spalt, und aus den schwarzen Löchern in den engen Wänden ringsum kriecht das Grauen für die, die es lieben, nämlich mit seinen Sphinxaugen, seinen lautlosen, katzenartigen Bewegungen, seinem zarten Tasten und wollüstigem Anhauch, der durch alle Nerven rieselt.

Bei einer uralten, ganz bemoosten Steinbrücke mit schön gewölbtem Bogen, deren Anwesenheit in dieser Öde überrascht und ihre wilde Romantik nur erhöht, indem sie unwillkürlich an irgendeinen Monsaloatsch denken läßt, der sich irgendwo verbirgt, um plötzlich strahlend aufzutauchen, zweigt ein schmaler, aus Gestein gehauener Saumpfad nach rechts ab, während der Weg, den Bach verlassend, sich einer Schlucht zur Linken anvertraut.

Es besteht kein Zweifel, nach welcher Seite man sich zu wenden hat, so verwahrlost erscheint der Weg nach rechts, der von Bach und Wänden plötzlich derart verschluckt wird, daß nichts übrigbleibt als ein schwarzes Loch, dem man sich nicht gerne anvertraut ohne triftige Gründe.

Eine an einem Nagel schief herabhängende Wegtafel ändert daran besonders für den nichts, der sich wirklich die Mühe gibt, die verwitterte Schrift zu lesen. »Zur Furcht!« steht darauf.

Auf die meisten mag das wenig Eindruck machen, ebensowenig wie die schwarzen Löcher, aus denen das Grauen kriecht, denn die meisten sind ja überaus kluge Leute, die sich von solchen Dingen nicht ins Bockshorn jagen lassen.

Mich packte es, als ich die Tafel zum ersten Male las. – Ein wohliges Rieseln lief mir über den Rücken, und als der mich begleitende Jäger stracks daran vorbei wollte, fast kam es mir vor, absichtlich rasch, fragte ich ihn, was es für ein Bewenden habe mit »der Furcht«?

»A was! A schiach'r Platz halt,« antwortete er, sichtlich ausweichend.

»Aber was für ein Platz? – Ein Wirtshaus?«

»A no',« lachte er, »der machat a schlecht's G'schäft. – A alte, eing'fall'ne Mühl' halt.«

»Ohne Müller also – unbewohnt?«

»O je, der Müll'r is scho' lang' tot, wenn's überhaupt oaner war – a Müll'r.«

»Was soll er denn sonst gewesen sein? Du sprichst doch von einer Mühle – –«

»Scho' scho' – aber was woaß ma' – sag'n tuat ma' allerhand – –«

Das war Wasser auf meine Mühle. Ich kenne dieses »allerhand«, es liegen oft Perlen in dem bunten Sand. –

Ich bog ohne weiteres ab nach rechts.

»Werd'n ma' halt d' Abendbirsch versama,« meinte er unwirsch.

Ich erwiderte nichts.

»'s Reißen kann ma' si' a hol'n in dem feucht'n Loch –«

Ich schwieg.

»Die Tafl muaß a weg, grad daß nur d' Leut' für an Narr'n halt.«

Alles umsonst, ich schwieg. –

Ein natürlicher Tunnel nahm uns auf, nur ein Lichtstreif fiel von oben herein. Neben dem Felssteig plauderte das Wasser, dann und wann leuchtete ein weißer Strudel auf. Jäh bei einer Wendung des Weges nahm der Lärm zu, schwankte auf und nieder, jetzt war es schon mehr ein Brausen – dann ein Brüller – feuchte Kühle wehte mir entgegen.

»Was braust denn so?«

»Der Wasserfall halt,« meinte der Jäger.

Jetzt hatte ich schon einen Wasserfall zu der verlassenen Mühle. –

Da stand ich schon davor. Das Terrain hatte sich geweitet. Ein breiter, weißer Schleier senkte sich hoch herab über moosiges Gestein, zerriß in der Mitte des Falles an einem mächtigen Block, um dann links und rechts in zwei dicken Strahlen sich in ein schaumerfülltes Becken zu ergießen, dessen Abfluß der Bach war.

Die dämmerige Helle schien mehr vom weißen Gischt zu kommen als von dem kleinen Stückchen Firmament, das über mir hing – die Luft erfüllt von seinem Wasserstaub, moderig.

Und die Mühle – – triefendes Gebälk, ein schiefes Schindeldach, kohlschwarz, ein vermodertes Rad an einer geborstenen Welle, alles moos- und Schwammüberwachsen, drohend hing ein Felsblock darüber – das war die Mühle! –

Sie mußte gesucht werden, so hatte sie sich in ihre Umgebung verschlossen, dafür stand dicht davor ein seltsames Ding, das den Blick völlig von ihr abzog, in seiner krassen, leuchtenden Farbe.

Ein riesiger Baumstrunk, splitternackt, in der Leuchtkraft des Asbestes, eine Fichte wohl, gewipfelt, gesprengt, von der ständigen Feuchtigkeit ausgelaugt, gespenstig reckte er seinen silbergrauen Leib, in dem der Wasserstaub des Falles ein seltsames Lichtspiel trieb.

Ich betrat die Mühle. Die Treppe zum Mühlgang war längst eingestürzt, nur der Wohnraum war noch erhalten, ein finsteres Loch, in dem ein massiver Tisch stand, sonst nichts. Es roch nach Moder und Schwamm. Das Rauschen des Falles verdichtete sich hier zu einer monotonen Melodie, gleichmäßig steigend und fallend, und als jetzt schweres Gewölk über den Himmelsspalt über uns zog, alles in tiefe Schatten senkend, aus denen nur die Baumleiche leuchtete und der weiße Fall, – da war die »Furcht« fertig. Es war ein Dichter, der den Ort so benannt.

Der Anderl war anderer Ansicht.

»Mein Gott, da erzähl'ns die grausigst'n Sach'n, was sich hier all's begeb'n – –«

»Bitte, was für grausige Sachen? Jetzt red' einmal!« Ich setzte mich auf eine der Radschaufeln.

»Die oan sag'n, der Müller is a Schütz und a Pasch'r g'wes'n, der Schlimmst'n oaner. Eines Tag's hätt' er seine Kameraden ums Geld verrat'n, nachher hätt'ns 'hn ans Radl bund'n und d' Mühl geh'n lass'n. Acht Tag sei er dran g'hängt, bis 'hn g'fund'n hätt'n. Die andern sag'n wied'r ganz anders: sein eign's Weib und sein Sohn hätt'n ihn umbracht und im Bach eingrab'n. Kein Mensch hätt' was g'wußt drum, drei Jahr' lang, bis 'hn 's Hochwasser amal aussag'schwemmt hätt', bis ins Dorf aussa, gradenwegs in Kirchhof eina, wo sein Grabstätt' g'wes'n is. Nachher hoaßt's wieder, die Tirol'r anno neune sein über'n Paß übrikäma und hätt'n all's kurz und tloan g'schlag'n. Schau'ns, draus sehn's scho', daß nix net wahr is dran.«

»Was ist denn dann wahr, du gar G'scheiter du?« fragte ich, ärgerlich über den Ungläubigen.

»Furcht' hat er g'hoaß'n, der Müller. Gibt ja Nam' die dümmst'n. Ja wohl. – Im Pfarrbuach steht's, und was da drinn steht, das is wahr.«

»Laß mich aus mit deinem Pfarrbuch.« Die ganze Laune war mir verdorben.

»Wenn er begrab'n is im Kirchhof drunt.«

»Hast du den Namen selber gelesen, den Müller Furcht?«

»Des wohl net – so an Nam' schreibt ma' net auf d' Tafel –«

»Und warum denn nicht?«

»Weil er a Selbstmörd'r g'wes'n is, da an der Ficht'n is er g'hängt –«

Ich fühlte mich ordentlich befriedigt – wenigstens etwas Stimmung war gerettet.

»No, und seit der Zeit spukt's halt a bißt da, sag'n d' Leut'. D' Ficht'n is abg'storb'n 's Jahr drauf, sagn's – und so was dumm's. – Da schaun's eina –« Er wies auf den Bach. »Sehn's den weiß'n Stoan, mit dem Moosbart dran?«

Ich sah den weißen Stein im Wasser.

»Des is der Müller, sagn's. Seit fünfzig Fahr'n schaut er da raus.«

Das Wasser, das sich, von der Wucht des Falles getrieben, in jähem Lauf darüber ergoß, strömte in weißen Strahlen von den Rändern, daß es sich ausnahm wie weißes, nach allen Seiten starrendes Haar, während das hin- und hergepeitschte Moosgeflecht einem wallenden Bart glich; zwei dunkle Stellen in dem ovalen Weiß konnten wohl als Augen gelten. Je länger ich darauf hinblickte, desto täuschender wurde der Anblick; jetzt blickte er wirklich herauf, der Müller.

Gewitterwolken zogen herauf, Donner grollte, es ward Nacht in der »Furcht«, nur der weiße Stein leuchtete mit dem Falle um die Wette.

Die ersten Tropfen fielen, und hoch oben stieß der Sturm in den Wald.

Da standen wir am besten in der Wühle unter, bis das Wetter vorüber.

Jäh brach es los! Ein Knattern und Leuchten begann von unerhörter Majestät. Bei jedem Blitz leuchtete das Antlitz des Müllers auf im Bach, um rasch wieder in schwere Finsternis zu versinken, der alte Storren knarrte und stöhnte.

Der Anderl schlug ein Kreuz um das andere. Es war ihm nicht geheuer an dem Ort, mir rieselte ein wollüstiger Schauer des Erhabenen über den Rücken. Im Grunde war es wohl eine Empfindung, die uns beide erfüllte. – – –

Nach vier Jahren führte mich der Weidmannspfad wieder in die Gegend. Es war zur Hirschbrunstzeit, der Wald im bunten Narrenkleid, alles flammte und lohte, gefiel sich im farbigen Kontrast.

»Wenn's in der ›Furcht‹ sich einquartier'n woll'n, die schönste Winterstub'n steht jetzt dort, und in einer Viertelstund' führt Sie der neue Steig nach der obern Alm,« meinte der Förster.

Ich war überrascht. – In der »Furcht« eine Winterstube! »No, und das Gered', das damals ging vom spuk'n?«

Da wurde er ganz ärgerlich. »A was – der Ander! halt –, grad mit Fleiß hab i 's hingebaut, um dem dummen Gered' ein End' zu machen.«

»Und ist es Ihnen gelungen?«

»A was, das g'wöhnt sich alles, grad der Anderl mischt's alleweil wieder auf, die alten Sachen – kein Holzknecht denkt an so was.«

»Ja, wie macht er denn das, der Anderl?«

»Das lassen Sie sich von ihm selber erzähl'n, lachen werden's, mir kommt grad der Verdruß, wenn i davon reden soll.«

Der Anderl zog nur die eckige Stirn in Falten, als er den Befehl bekam, für mich in der »Furcht« Quartier zu machen.

»Wenn's moa'n, Herr Först'r, i hab' nix dageg'n –«

»Das wär' noch schöner,« brummte der Förster, »wenn du nimmer auf fünfe zählen kannst, ist das doch deine Sach'.«

Der Anderl machte ein dummes Gesicht und schwieg.

Er schwieg auch beharrlich, als wir allein auf dem Wege waren, und ich war doch wirklich neugierig, was es für eine Bewandtnis habe mit dem auf fünfe zählen – –

Erst als wir von der Steinbrücke abbogen in die »Furcht«, begann ich ganz ärgerlich: »Jetzt red' einmal! Was ist los? Was spukt in der Furcht'? Warum kannst du nicht auf fünfe zählen?«

»I? Auf mehra kann i zähl'n, wia der Herr Först'r – ja wohl –« Er spuckte verdrossen den braunen Saft des Kautabaks aus. »Aber was i woaß – das woaß i –«

»Und was weißt du denn?«

»No, so lachen's halt – daß alleweil oaner mehr da is in der ›Furcht‹, als da san, bal' du 's zählst –«

»Und der zu viele ist der Müller – nicht wahr?«

»Das hab' i net g'sagt – und sag's a net – grad was wahr is sag' i –«

»Nun, da können wir gleich heute noch eine Probe machen –«

»Ja, alleweil is net gleich – und wenn oaner gar nix glaubt – nachher glaub' i selb'r – –«

»Ich glaube aber an etwas, Anderl – wie viele Holzknechte sind denn in der Hütte?«

Der Anderl zählte sie an den Fingern ab. »Der Sepp – der Hias – der Ziller Franzi – der Hansjakob – viere. Das macht mit uns zwei sechse. Wenn's einakomma, stimmt's akkurat, aber wenn's nach oaner Weil wieder zähl'n, san's halt sieben –«

»Und bleiben es dann sieben?«

»Koan Schein net. Auf amal, wennst wieder zählst, san's wieder sechse –«

»Na, da wär' ich doch neugierig.«

Die Holzknechte kannten wohl ihren Mann, und so hart ihr Tagwerk, zu einer kleinen Frozzelei sind sie immer aufgelegt, besonders wenn es einem Jäger gilt.

Der rauschende Fall, der fahle Fichtenstorr leuchteten mir durch das Dunkel des Oktoberabends entgegen, ernst starrten die Felsen ringsum wie damals – aber es war doch nicht mehr die »Furcht«. Ein fröhlicher Feuerschein fiel aus der offenen Türe der Hütte, huschte über die sprudelnden Wellen des Baches, über die schwarze Felsenwand – Licht, Wärme, Leben hatten die »Furcht« umgebracht.

Ich sah gerade noch, wie eine dunkle Gestalt zur Tür hineinhuschte und diese hinter sich schloß.

Ein dunkler Verdacht stieg in mir auf.

Wir traten ein, Anderl zuerst.

Da saßen sie um das lodernde Feuer und kochten ihre Schmalzkost, der Sepp, der Hias, der Ziller Franzi, der Hansjakob. Ich zählte genau vier, und der Anderl zählte getreulich mit, auf jeden mit dem Finger deutend.

Es entging mir nicht das tückische Lachen und Augenzwinkern des Jüngsten, eines schwarzen Burschen, den er den Ziller Franzl nannte, die richtige Tiroler Verschlagenheit im jugendlichen Antlitz.

Der Anderl packte aus, man machte ihm ganz ehrfürchtig Platz, dem Herrn Jäger. Dann nahm er seine Pfanne herunter und begann seinen Schmarrn anzurichten.

Ich sah mich in dem Raum sorgfältig um, die Grelle des Feuers ließ alle Winkel noch dunkler erscheinen, der Steinherd ließ nur einen schmalen Raum zur Bewegung frei.

Die Unterhaltung, die bei unserem Eintritt eine sehr lebhafte war, stockte, jeder war emsig mit Essen oder Kochen beschäftigt. In der Pfanne prasselte es, Schmalz- und Kaffeegeruch füllten den Raum.

»Sonst is neamd herob'n?« fragte der Anderl.

»Neamd's,« klang die trockene Erwiderung, und wieder blitzte der Schalk auf um des jungen Burschen Augen, dessen Antlitz vom Feuer grell beleuchtet war.

Ich zählte im stillen noch einmal. Vier, nicht mehr, der Sepp, der Hias, der Ziller Franzl und der Hansjakob.

Die Türe zum Schlafzimmer war zu, nur eine zweite, hinter der ein paar Äxte und eine Säge aufblitzten, dann und wann von einem Lichtschein getroffen, stand offen und ergoß die Finsternis eines engen Raumes über die Gestalt des Hansjakob, eines alten Mannes mit grauem Bart, der dicht davor saß und wie geistesabwesend in seine glimmende Pfeife glotzte.

Man hörte nur mehr das Prasseln des Schmarrns und die Kaubewegung schwerer Kinnladen.

Da blickte plötzlich der Anderl auf, sah forschend in den Kreis umher, bis sein Blick, wie es mir schien, auf dem Hansjakob hängen blieb.

Unwillkürlich folgte ich ihm und war selbst ganz starr im Augenblick.

Dicht neben dem Alten saß ein Fremder, den ich noch nicht bemerkt. Er trug eine Mütze tief hineingedrückt und hielt den Kopf auf einen Stock gebeugt; nur seine knochige Hand traf ein Lichtfunke; es war eine derbe Arbeitshand.

»Jetzt zähl's!« flüsterte mir der Anderl zu, ohne einen Blick von der Gestalt zu wenden.

Ich tat's. Der Sepp, der Hias, der Ziller Franzl, der Hansjakob und noch einer – der Fremde!

Keiner von den Burschen verzog auch nur eine Miene, nur der Hansjakob brummte etwas Verdrossenes, wie mir schien. Das war doch eine Keckheit, ich fühlte mich mit dem Anderl zum Narren gehalten.

»He du – neben dem Hansjakob,« rief ich, »laß dich einmal anschau'n, was bist denn du für einer?« fragte ich.

Da klang eine spitze, kindische Stimme – »I«, und ein breites, jugendliches Gesicht erschien unter der Schirmmütze, das nichts weniger als gespensterhaft aussah.

»Ja du! – Was schleichst du denn so herein?« fragte ich.

Wieder das spitze: »I – i bin ja scho' lang da, grab g'schlaf'n hab' i a wengl –« Die Stimme klang wirklich so.

»Wie heißt denn nachher?«

»I? Muk, Josef Muk schreib' i mi'. Der Herr Jaga woaß ja eh' – gel, Anderl?«

Ich sah fragend auf den Jäger, das Lachen kaum verbergend.

»Sag' i, daß d' net so hoaßt?« fuhr dieser zornig auf, »aber her g'hörst net, z' tuan hast nix da.«

»Wenn i dem Franzl was ausz'richt'n hab' – gel, Sepp?«

»Nix hast ausz'richt'n! Zum Teufl scherst di'! Da hab' i zu b'fehl'n. Mach', daß d' aussikommst – Streun'r verdammt'r!«

Der Anderl machte einen drohenden Schritt gegen ihn.

Der Muk erhob sich ganz gelassen. »No – no – nur net so hitzi', Herr Jaga – i geh' scho'. B'hüat di' Gott, Franzl! Guate Nacht, es Herrn!« Mit einer tiefen, mir fast spöttisch erscheinenden Verbeugung verließ er den Raum.

Keiner wagte den Anderl anzusehen, so verdächtig strich er sich den Bart und ließ seine Blicke im Kreis herumgehen; auch ich beherrschte meine Mienen.

»A Banda seid's, a elendige. – Wie kam denn nachher der Muk her, zwei Stunden Weges von sein'm Arbeitsplatz – und jetzt is sechse –«

»Sel wol,« meinte der Ziller Franzl, »i hab' mi' a g'wundert.«

»Hörn's! Er hat si' g'wundert!« meinte der Anderl zu mir.

Jetzt war es mir doch zu toll.

»Aber der Mut war's doch! Oder war es nicht der Muk – Franzl, Hansjakob, Sepp, Hias – war es der Muk oder nicht?«

»Wol, Herr, der Muk war's, das is sicher –«

»Also – ich dank' schön – bin schon zufrieden.«

Der Anderl sprach kein Wort mehr von der Sache, auch den andern Morgen nicht, und am Abend waren und blieben es vier, obwohl ich dreimal zählte – der Sepp, der Hias, der Ziller Franzl und der Hansjakob – und in den zehn frohen Weidmannstagen sind es nicht mehr geworden.

Auch der Müller schaute nicht mehr herauf aus dem Bach, obwohl der Mond jede Nacht in die »Furcht« blickte und ein paar Stunden Tageshelle verlieh – es war und blieb eine weiße Steinplatte, über die das Wasser schoß.

In der Hütte begleitete der Ziller Franzl oft bis spät den Wasserfall mit der Zither und der Klampfen. Einmal lag ein guter Hirsch, den grünen Bruch im Äser, vor der Hütte, und der Franzl zapfte den Bantzen an, den ich zu dem Feste kommen ließ.

Frisches, frohes Leben hatte die »Furcht« umgebracht, so stark sie auch auf mich vor Jahren gewirkt. Ich schrie ihr nicht nach – das Leben hat doch allein immer recht.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.