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Meine letzten Weidmannsfreuden

Anton von Perfall: Meine letzten Weidmannsfreuden - Kapitel 3
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authorAnton Freiherr Perfall
titleMeine letzten Weidmannsfreuden
publisherGrethlein und Co. G. m. b. H.
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Der kleine Hahn

Warum er so heißt? Ich weiß, es ärgert ihn schon lange. Natürlich im Gegensatz zum »großen Hahn«, dem verträumten, lichtscheuen, ruppigen Gesellen im finstern Bergwald. Als ob es auf die Masse ankäme, da müßte ja der Elefant das bedeutendste Geschöpf der Erde sein, mit seinem riesigen Dickschädel und seinen plumpen Füßen.

Unsinn, reiner Unsinn, der Geist ist das Maßgebende, und darin – ohne Überhebung, bin ich dem griesgrämigen Waldgesellen doch überlegen, auf meiner frischen, sonnigen Höhe.

So unrecht hat er nicht einmal, der »Spielhahn«, wenn wir ihn lieber so nennen wollen. Er ist wahrhaftig ein sprühender Kerl, voll gesteigerten Lebens, das ihn ja auch im Schuhplattler zum Vorbild seiner Landsgenossen gemacht hat, voll Zorn, Leidenschaft und Schönheit. Wahrhaftig ein Kind des Lichts, das sich in seinem bunten Gefieder geradezu erschöpfte.

Leider hat sein Geschlecht, unbedingt den Höhen entsprossen, einmal, vor Tausenden von Jahren vielleicht, eine große Dummheit gemacht, die seine Reputation außerordentlich schädigte. Es stieg nämlich von seiner einsamen aristokratischen Höhe herab in das Moor, das sich vor dem Gebirge lagerte, und gründete hier gewissermaßen eine neue inferiore Linie, den Mooshahn.

Rasch verlor sie auch die äußeren Abzeichen seiner hohen Abkunft, die hochgebogenen Haken, die ihn vor der ganzen Vogelwelt auszeichneten. Eine Rückkehr in die Urheimat war damit ausgeschlossen, nur Spott und Hohn hätte ihn dort empfangen, so verstrich er sich allmählich weit hinaus in das Land und bevölkerte alle Moore bis ans Meer. Der alte Adel aber oben im Gebirg züchtete sich in stolzer Abgeschlossenheit ruhig weiter, bis auf den heutigen Tag, an seiner Tradition festhaltend. Eine kleine Schar, aber auserwählt.

Man muß nur die Plätze kennen, die er sich zu seinem Liebesspiel auszusuchen pflegt, mit welchem Raffinement sie gewählt sind.

Der eine auf freiem Sattel, nach allen Seiten Aussicht gewährend, woher Gefahr droht oder ein Rivale reitet, ganz nahe dabei ein dichter Latschenboschen, in dem man seinen Harem gedeckt beisammenhalten kann.

Der andere in einem Felsplateau, dicht eingebaut, das noch der Schnee füllt, ringsum der Fels, der trefflichen Lugaus gewährt, während das Plätzchen selbst wie geschaffen ist zur heimlichen Lust und sturmbewahrt, und wieder ein anderer unter Felsgetrümmer, Almrosenhecken und Edelweißwiesen, Versteck und Liebesparadies zugleich. Da liegt Lebenskunst darin, schwellende Daseinsfreude.

Was nur eigentlich der Mensch dabei zu tun hat, der ewige Störenfried?! Der bunte Held schadet niemandem, sein Marktwert ist lächerlich gering. – Aber die Haken, die so verhängnisvollen Haken!

Nur nichts provozieren im Leben, immer schön bescheiden und zugeknöpft, damit du den Neid nicht weckst oder die Begierde! Aber da spreizt er sich und spannt seinen Fächer aus und kokettiert selbstgefällig damit vor seinen Hennen, daß es zuletzt der junge Bursch von ihm richtig lernt und es vor seiner Henne genau so macht, die ihn zuletzt genau wie eine Kollegin auf dem Berg danach beurteilt.

So kam der Spielhahnfederunfug in die Mode, und er machte nicht Halt vor den Grenzen seiner Heimat, sondern ging weit darüber hinaus, bis an das Meer, so daß ein richtiger Schlierseerspielhahn seine schönsten Haken an die Friedrichstraße in Berlin verlieren kann.

Mir tat immer das Herz weh bei dem Anblick, aber seine Popularität wächst nun einmal im gleichen Maße wie die Bauerntheater. Frische Höhenluft um jeden Preis, wenn auch nur in der Einbildung, nur im Symbol, man verträgt ihn sonst nicht mehr, den Qualm großstädtischen Lebens!

Höhenluft, Firnenglanz, Einsamkeit, Natur, das ist der Spielhahn. Das zieht den Jäger zu ihm, wenn die Apfelblüte ausschlägt, das läßt ihn jede Mühsal ertragen, ihn als Beute zu erringen.

Ich wußte so einen intimen Platz, er hatte auch den Vorteil, daß er gerade über der Wurzhütte lag, meinem Lieblingsquartier, und so Aussicht auf einen fidelen Abend im braunen Erkerl bot. Nur verdammt schwierig war er, am äußersten Gipfel des Jägerkamms fast, so gut zwei Stund aufwärts.

Der Jakl, mein treuer Begleiter, war nicht recht einverstanden damit. »Was hab'n S' denn jetzt grad mit dem Luaderhahn ob'n für an Narr'n g'fress'n, hab'n wir do viel nachere.«

»Nachere schon, aber den nicht, den Grafen von Jägerkamm, Herrn von Aipelspitz und Edlen von Rotwand, den Höchstgeborenen von allen, den Stockaristokraten.«

Das verstand er nicht, Hahn war ihm Hahn.

Durchkneipen taugt nichts, nur einige Stunden Schlaf, und heraus aus dem Qualm der Knallhütte, und man ist bereit, all die Herrlichkeiten aufzunehmen, die einem blühen.

Nichts von Mysterien, Märchenstimmung, Hineingeheimnissen, wie beim großen Hahn im Tannwald, alles klare, harte Wirklichkeit. Die Schroffen vom ersten Licht erglühend, die dämmernden Almflächen, man fühlt sich so recht auf fester Erde, fern jedem Traumlande, und alle inneren Stimmen schweigen, nur eine nicht: lebe, lebe, das Leben ist des Lebens höchstes Gut! Oben auf dem Platz unerhörte Pracht, nie gemalt, nie geschildert – o wie arm sind doch alle unsere Künste!

Weit hin ein steinernes Meer, Weg auf, Weg ab, tief beschneit in sanft brandender Glut, die Umgebung finster dagegen, die Wälder unten schwarz, Urweltstimmung gegen Himmelsschöne.

Da könnte man beten lernen, und man tut's auch. Jeder auf seine Weise. Mein Gott, was beten wir denn an im ehrwürdigen Dome, und hier? Das, oder den großen Unbekannten, das, oder der unser Innerstes bewegt, oder gar nur das Erhabene, das unseren starren Nacken beugt und den Herrn zeigt, Anbetung der Macht, gleichviel, wo sie thront.

Ich weiß nur so viel, es liegt ein raffinierter Genuß in dieser bedingungslosen Unterwerfung, die ja zuletzt doch ein Schwächegefühl ist, der Wollust nahe verwandt.

Alles noch leer im heimlichen Liebesnest unter uns, das Spiel soll erst beginnen, um so besser betet sich's. Dieser Pomp bei der Geburt des Lichts, der muß doch für Augen und Herzen sein, und doch war er Äonen, bevor ein Auge blickte und ein Herz schlug.

Eigentlich alles furchtbar einfach, Strahlenbrechung, Lichtoptik, – eigentlich schon, aber das »Eigentlich« ist ein herzloses Wort, das ich hasse, ich habe immer das Uneigentliche geliebt.

Jetzt aber wäre es doch bald Zeit, innige Andacht darf und kann nicht zu lange währen, und Jakl zerdrückt schon einen Fluch über den Sauhahn Zwischen den Lippen.

Da mit einmal Schwingenpfeifen wie aus dem Leeren heraus, ein Hahn schwingt sich ein, und schon beginnt er sein Spiel, stellt den Stoß auf, trippelt und dreht sich, als stünde er jetzt schon vor dem Areopag der Hennen, haut mit den Sporen aus, als ob er ihre Stoßkraft erproben wollte. Tschui – hui – hui – tönt sein Lock- und Schwertgesang.

In dem Latschennest in der Mitte des Plateaus regt es sich, zwei kleine Köpfchen drehen sich nach allen Seiten. Jetzt haben sie ihn erblickt, die unscheinbaren Grauen trippeln heraus und bücken und beugen sich, eine tiefer wie die andere.

Welchem Reiz er wohl zuerst unterliegen wird? Ich erkenne überhaupt keinen, alle gleich langweilig in ihrer grauen Mimikry, er ein junger Gott dagegen, in seiner geblähten Kraft.

Da hatte er eine schon erwählt, nicht einmal die Jugend zeichnete sie aus, wie mir schien, aber ehe ich mir Gedanken darüber mache, ist er schon mit einer andern beschäftigt und wieder mit einer andern, völlig wahllos.

Also so, mein Junge! Da hat ja die Natur recht, daß sie die Weibchen nicht besonders schmückt. Wie das doch ganz anders bei uns ist, diese tolle Wut auf eines und alles andere nichts, da verlohnt sich der Luxus der Schönheit, den sie sich gestattet.

Der Hahn ist noch zu jung zum Abschuß, Jakl meint, der Rechte käm schon nach, und ich gönne es ihm, dem Jungen, der seine Zeit so gut ausnützt.

Da sauste es schon über unsern Köpfen. Ein Federball fiel förmlich herab vor uns, aus dem sich jäh der hitzigste Kämpfer entwickelte. Mit ausgelegten Sporen, weit vorgestrecktem schillernden Hals los auf den Jungen, den Boden aufgescharrt, daß die Erde nur so herumflog, einen Wutschrei – Tschui – weiter kam er gar nicht der Zornnickel, schon war der Junge überrannt, Federn flogen, die Hennen waren in den Latschen verschwunden.

Eben wollte ich den Jungen vorm Tyrannen durch einen Schuß retten, da strich er schon davon, im Hintergrund verschwindend.

Jetzt wollte ich abwarten, wie es weiter ging. Der Alte trippelte, jede Feder gespreizt voll Zorn und Leidenschaft, seinen Lockruf hören lassend, der schon eher einem Befehl glich, und gehorsam kamen sie alle heraus, die eine noch etwas stark zerzaust.

Der Alte ließ sie förmlich in Parade vorbeimarschieren, dann nahm er sich brutal sein Recht, nicht ohne scharfe Schnabelhiebe auf das Köpfchen für früheren Leichtsinn, und ich wartete wirklich, bis die letzte an die Reihe kam. Der Prachtkerl war es doch wert, sich in alle Zukunft hinaus zu propagieren.

Dann schoß ich ihn und rezitierte für mich machiavellistisch den Dichter: Süßes Los und hoch gepriesen, im Wonnetaumel plötzlich zu zerfließen – –

Jetzt war der Sonnenaufgang das reinste Theater, Effekthascherei sondergleichen. Der Schuß hatte das große Schweigen getötet, die Welt brandete wieder herauf, mit all ihren Gelüsten.

Ich halte den Hahn an den Ständern in das volle Licht! Welche Kunst ist hier verschwendet in Form und Farbe, die Haken, um die es sich handelt, lang und nur wenig gebogen.

»Da werd'n S' a Ehr' aufheb'n, bei die Weiberleut,« meinte der Jakl, nach alter Praxis.

»Warum denn bei die Weiberleut, kann's ja selber brauchen.«

»Und in oaner Stund hab'n S' Ihna abbettelt,« meinte er, »san ja gar so viel schön, am grün Hüatl am Kirta.«

»No, no, tu nur net gleich so, als ob's ein Heiratgut wär', a Spielhahnfeder,« meinte ich.

»Koa Heiratsgut, moan'n S'! Wia ma's nimmt! Mei Alte hat net viel mehra g'habt, als so a Federl auf 'm Huat, i woaß no wia heut, auf der Valepperkirta.«

»Wird schon noch was anders gehabt haben, was dir paßt hat,« erwiderte ich.

Er lachte. »Hat s' aa! Aber Sie san a Fein'r.« Das verschmitzte Gesicht, das er dabei machte!

Er schrenkte den Hahn und hing ihn über den Bergstock. Das ist Jägerbrauch.

Auf der Föllalmschneid, die wir auf dem Heimweg passieren mußten, äste ein Gemsrudel von vierzehn Stück. Ich wollte da nicht hineinplatzen, lieber abwarten.

Das war ein lustiges Bild im Frühsonnenschein, die bedächtigen Mütter, denen doch nicht recht sicher zumute war, immer wieder heräugend, die harmlose, kreuzfidele Jugend mit ihren Bockssprüngen, ein ständiges Fang- und Kampfspiel – comme chez nous. – Eine schwer trächtige Alte stapfte vorsichtig spähend und wägend gerade auf uns zu, um das bedenkliche Rätsel zu lösen, dann ein geller Pfiff, und die ganze Schar stürzte sich förmlich über die Schneid in den Abgrund. Lange konnte die Alte sich nicht beruhigen und ließ irgendwo ihre Warnungsrufe erschallen, den ganzen Bergstock alarmierend. – Hütet euch, ein Mensch ist unterwegs! –

Es muß ein furchtbarer Haß auf den Menschen sein, der durch die ganze Natur geht, und mir kommt jeder Unfall wie eine Rache vor, die sie an ihm nimmt. Wenn ich jetzt einen Tritt verfehle auf dem schmalen Felsenpfade, den ich eben gehe, und in die Tiefe schmettere, so lacht doch alles heimlich, der bescheidene Edelweißstern im Gewand, der Gamsbock, der mir schadenfroh nachsieht, die Hennen irgendwo, denen ich soeben ihren Liebling getötet, der Fels selber: was hast du hier zu tun, Friedloser?

Es ist der Schmerz unerwiderter Liebe, der mich oft in meiner Lust stört.

Der Heimgang war herrlich. Zuerst über die noch verlassenen Föllalmen, auf denen zwischen Schneeflecken das frische Grün schon sproß, die niederen Hütten noch nicht aus ihrem Winterschlaf erwacht, als ob da heroben der vielgesuchte ewige Friede wäre! – Hat sich was! Wart' nur noch vier Wochen, bis die alte Gretin kommt und die Zens und die Wab'n, und der z'widere Vent, der Schweizer, und die bösen Buben in der Samstagnacht –

Da ist mir der alte ehrwürdige Almwald doch lieber, der uns dann aufnimmt, mit seinen bemoosten Stämmen, seinen blitzenden Sturzbächen und klobigen Steinblöcken, die hier von der Höhe träumen, denen sie einst angehört, wenn auch manche trügerische Stelle kommt, in der den Bergschuh die schwarze Brühe umfaßt, ehrlicher geht's doch hier zu! Dann, wenn er sich plötzlich öffnet, der Spitzingsee, noch im tiefen Schatten ruhend, und an seinem Ufer die alte treue Wurzhütte, dicht an den Boden geschmiegt in der köstlichen Architektonik des Waldes, zwei riesige Tannen davor, wie Wache stehende Grenadiere, – das ist ein Anblick von unzerstörbarem Reiz. Alles erreicht mit so geringen Mitteln, ein Hohn auf allen Bombast und Lärm moderner Kunst.

Da kam uns schon über den Steg das schwarzgezöpfte Reserl entgegen, die Nichte der Wurzerin, ein Prachtkerl, mit seinen Kirschenaugen. »Darf ma gratulier'n?«

»Dreh' dich um, Jakl.«

Er tat es nur zögernd, mit einem warnenden Blick auf mich. »Aber die Federn! Na, solchene hab' i mei Lebtag no nit g'sehn. Herrschaft, die tauget'n auf mein grün's Hütl, wiss'n S', Herr Baron, das Ihna no alleweil so guat g'fall'n hat. – Aber so was is ja net für uns'r eins, werd'n scho an Platz wiss'n dafür, gel?« Sie lächelte schlau mich an.

»'s Frühstück richt' her, mach di durch,« eiferte Jakl, ganz ärgerlich.

»O du Grobian du – der Herr Baron versteht mi scho – gel?«

Und wäre der Haken einen Meter lang gewesen, ich hätte nicht anders gekonnt. »Na, so rupf dir halt einen Haken heraus, Reserl.«

Der Jakl zog nur schmunzelnd seine Uhr. »Grad a Stund, Herr Baron,« sagte er lakonisch.

Der Haken steckt noch auf Reserls Hut, nur daß sie jetzt eine behäbige Bäuerin ist, der ich ihn mein Lebtag nicht mehr schenken würde.

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