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Meine letzten Weidmannsfreuden

Anton von Perfall: Meine letzten Weidmannsfreuden - Kapitel 10
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authorAnton Freiherr Perfall
titleMeine letzten Weidmannsfreuden
publisherGrethlein und Co. G. m. b. H.
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Winterstubengeschichten

»Winterstuben«, das sind die einsamen Blockhütten, aus rohen Stämmen gefügt, mit gewöhnlich einem Gelaß für Feuer und Lagerstätte, wenn nicht noch ein kleines Gelaß als Jägerstübchen sich anschließt.

In der Mitte ein rechteckiger, rohsteinerner Herd für offenes Feuer, davor eine ringslaufende Holzbank, der entlang die sogenannte »Bongrat«, die Heulagerstätte für die Arbeiter, sich Zieht. An der Holzwand Mehlsackeln aufgehängt mit dem geringen Eßgerät: Löffeln und Scharren zum Schmalz herausfassen, einige eiserne Pfannen und geblümte Kaffeetassen, unter der Bank die Holzkofferln mit dem Feiertagsgewand und den sonstigen geringen Habseligkeiten, und die Einrichtung ist fertig.

Das ist die Heimat des Holzknechtes Winter und Sommer, nur die Sonn- und Feiertage bringen ihn herunter ins Land. Kein Wunder, daß daraus sich ein ganz seltsames Völkl entwickelt, weltfremd und wortkarg, hart und rauh und doch gutherzig wie alle Menschen, die der Natur näher und mit ihr auf intimerem Fuß stehen.

Vielen falschen, noch mehr oberflächlichen Urteilen ausgesetzt, schwankt er im Bilde alpiner Gegenwart zwischen dem grobklotzigen Arbeitsmenschen, dem pfiffigen Tiroler, stets zu Streichen, Rankeln und Raufen bereiten Kraftmenschen, dem steifwürdigen Schweizer, der weltverachtend seine Pfeife schmaucht und sich über Gott und Welt die seltsamsten Gedanken macht, dem geheimen Wilderer und Pascher, der schon allerhand auf dem Kerbholz hat.

An all dem ist am Ende etwas daran, das ganze Bild aber doch verschoben und verzeichnet, einzelne Vorkommnisse als Charaktereigenschaften genommen, durchaus Typisches aus Natur und Milieu Herausgewachsenes einfach nicht erkannt.

Seit 40 Jahren unter dem Volk lebend, nicht als zufälliger Fremdling, sondern bodenständig, auf meinen Weidgängen oft wochenlang mit ihnen lebend, aus einer Pfanne essend, auf einer Streu schlafend, Leid und Freud mit ihnen teilend, den guten Kleber vom Schlechten, den erfahrenen Scheider vom Unerfahrenen, den Meisterfahrer vom Gesellen ebensogut unterscheidend wie das windige Bürschel mit der kühn gestellten Hahnenfeder, das der Zufall auf kurze Zeit auf den Arbeitsplatz preßt, von dem ernst zu nehmenden Knecht, drängt es mich, dem originellen Gesellen noch ein paar Worte zu widmen, ehe mich der Winter in den Knochen aus den altgewohnten Stuben treibt.

Da ist eine für viele auf gut Glück herausgerissen, die »Dürrnbachstube«. Sie zittert seit einem Jahrhundert unter dem Donner des Dürrnbachs, den seine Bewohner längst nicht mehr hören und fühlen, ja, im Gegenteil, wenn der Hochsommer recht trocken ist, dann vermissen sie ihn und behaupten, unruhige Träume gehabt zu haben in dem schwülen Schweigen.

Es war zu Anfang meiner Berg-, Wald-, Jagd- und Naturpraxis, Ende der siebziger Jahre. Der Peter Voiteiner herrschte damals darin als Holzmeister, ein Pustertaler vom reinsten Wasser, wortkarg, fromm und eigensinnig wie Buchenprügelholz. »Wol, wol, kunnt sei', leider God«, das waren seine ständigen unbestimmten Redensarten, über die er nicht leicht hinausging.

Für seine Leute den Forstbehörden gegenüber immer hilfsbereit und doch stets auf seinen Vorteil bedacht, aus dem Akkord, den er für den Hieb abgeschlossen, alle erdenklichen Finessen herauskonstruierend, dem gewiegtesten Geschäftsmann zum Vorbild und doch so harmlos derb vor dem Forstmeister sich hinter seine nationale Verbohrtheit verschanzend, daß dieser nur immer dieselbe Entgegnung fand: »Bist halt a Tiroler, Voiteiner,« im übrigen ohne ihn nicht arbeiten konnte.

Der Stamm seiner Leute, es waren deren nicht mehr als sechs, blieb immer derselbe, da rüttelte er nicht daran. Die Bergler waren viel besser zu haben als seine Landsleute. Der Kilian, der Voglbeerer, der Recheis, erprobte Musterleut', die nächsten, der Lacherfranz und der kleine Birnhammer, konnten wohl oder übel auch mittun, wenn sie auch a bißl von der leichten Seiten waren.

Die Böcke sprangen aufs Blatt oder sollten wenigstens springen. Eine Hunds-, Sau- und Bruthitze, so um den neunten August.

Ich hatte in meinem Eifer ganz die schwere Dämmerung übersehen, die über den Buchenwald ihre Schatten warf wie ein riesiger streichender Vogel.

Ich wollte es nicht glauben, daß nichts springen wollte, war mir doch selber ganz kupplerisch zumute, wenn das lockende »Piuh« von meinen Lippen drang. Darüber übersah ich die schwarzen Wolken. Ein Donnerschlag, der den ganzen Berg wanken machte, weckte mich erst, und mit ihm stieß der Sturm in die Wipfel, während Blitz auf Blitz den Wald erhellte, und mitten aus dem Tumult scholl der Axthieb. Es lag etwas Beruhigendes in dem gleichmäßigen Rhythmus.

Ich trat auf den Dürrnbachschlag. Eben senkte sich ein dichtbelaubter Wipfel, und der Fall dröhnte mit dem Donner um die Wette, eine Sintflut stürzte herab, der Dürrnbach donnerte und wälzte brüllend seine Wogen über die Steinblöcke.

Fetzt war es aber Zeit, unten durchzukommen. Der Voiteiner trennte sich immer schwer von seiner Buche; ich eilte an ihm vorbei der Stube zu, von deren Schindeldach das Wasser herabschoß.

»Habt ihr's denn gar so eilig?« Dabei lief ihm das Wasser zum Hals heraus, wie er so dahinschritt, die Axt auf der Schulter.

Der Knecht war etwas schneller, man drängte sich unter der Türe, über die das Wasser weit hinausschoß.

»Aber schön is,« meinte der Kilian, die Pechhand nachdenklich im roten Prophetenbart, die blauen Augen in den dampfenden Wald hinausgerichtet, der jeden Augenblick im Feuer stand. »Da siechst no' den Herrgott!«

»I siech nix,« meinte der kleine Birnhammer skeptisch, was ihn nicht verhinderte, bei dem Blitzschlag, der seinen Worten folgte, ein Kreuz zu schlagen.

»Da hab' i amal was derlebt,« begann der Riesentoni, bedächtig seine Pfeife von neuem stopfend. »Da vergang dir 's Gespött. Hat all's seine Sach'n, und spott'n laßt er si' net, unser Herrgott.«

»Was war das nacher?« meinte der Vogelbeerer, das Hütl noch schiefer rückend, völligen Unglauben in dem leichtfertigen Gesicht.

»No, so a gar G'scheit'r, Lenz hat er g'heiß'n, auf der Platt'nstub'n war's, vor meine Fuß' hat's 'hn hing'schlag'n, daß gar nach Schwefel g'stunken hat, – – – – kloane schwarze Löcheln in der Fotz'n, die ganze Zung' war kohlschwarz. So kunnt's dir a amal geh'n, Vogelbeerer.«

Die Hütte stand jetzt im blauen Licht, und es war, als ob der Dürrnbach sein mächtiges Brüllen darüber herstürzte.

Alles schwieg, sogar die Pfeifen gingen aus.

Gleich darauf zog der purpurne Abend in den Wald. Es roch köstlich nach Harz und bitterem Buchenlaub, aus tausend Lungen atmete der Wald.

Das Feuer prasselte unter Kaffee und Brennsuppe. Der Vogelbeerer probierte meinen Blatter aus. Er spielte nicht zum ersten Wale darauf und wußte die feinsten Nuancen. »Die Weiberleut' san so viel betrog'n,« meinte er, »und ein alter Bock, der kennt si' aus, grad abweisend mußt werd'n, das halt er net lang aus.« Dabei gab er einen Ton, so jammervoll ersterbend in Liebesweh, wie ich ihn nimmer zusammengebracht.

»Die Flitsch'n, die schlecht'n,« brummte Voiteiner, der Riese, mürrisch in seinen Bart; schlimme Erfahrung sprach daraus.

Die Sommernacht war eingefallen, am Himmel zuckten verlorene Gedanken, in den Büschen zogen Glühwürmer ihre Kreise, und schwerer Dunst stieg auf.

Man kroch ins Heu, der Holzhackerschlaf löste rasch die Glieder.

Die »schwarze Tenne« liegt zu tiefst im Bergwald, der seit fünfzig Fahren langsam Stück für Stück herabsteigt in die Sägmühle des Tales, um als gesuchte Bretterware hinaus zu wandern ins Land.

Wald, nichts als Wald, Wipfel an Wipfel, längst überständiges Holz, mit langen grauen Bärten an den narbigen Stämmen. Dazwischen massiges Geröll und Geschiebe, vom Gebirge herabgekommen, zwischen Steinen geklemmt im sausenden Absturz, und immer tiefer fraß sich die Axt, die Waldmacht mußte weichen, die »schwarze Tenne« verdient bald ihren Namen nicht mehr.

Die »schwarze Tenne« hat ein richtiges Jägerstübl, in dem der Jagdgehilfe von Schliersee haust, der hier die Respektsperson ist. Von der herzoglichen Krone auf seinem verschmitzten Hut geht die Kraft aus.

Er heißt der »Herr Jagdgehilf«, und der ehrwürdigste Graubart zieht vor ihm ehrerbietig sein Käpperl, wenn er ihn auch vielleicht einmal als Hauptwilddieb gekannt, eine Karriere, die nichts Ungewöhnliches auf sich hat.

Die Jagd ist hier neutral, bodenecht; man ist in ihren Begriffen aufgewachsen. Sie gilt als das vornehmste Herrenrecht, mehr noch als Grund und Boden, und was da auch alles an Gegnerschaft einzog unter dem Volk, das war doch alles nur Haß und Neid und schwer unterdrückte Leidenschaft.

Die Wilderei war begreiflich und verzeihbar; sie war etwas ganz anderes als Diebstahl und Betrug, aber Unrechtes war sie doch, so viel auch in diesem Kreise Liedeln klangen zu ihrem Ruhm, und im ganzen hielt man es doch mit dem Herrn »Jäger«.

Eine Festzeit gab es jährlich in der »schwarzen Tenne«, das war die Hirschbrunst, so vom ersten bis fünfzehnten Oktober, wenn der »Kavalier« kam mit dem Jäger.

Da kam so etwas vom Glanz der Welt in die Stube, wenn es sich auch oft nur um ein paar Flaschen mit roten und gelben Köpfen handelte, um ein weißes Geschirr und ein Hirschhornbesteck oder gar um eine neue Büchs, die wie ein Wundertier blitzblank am Nagel hing.

Es ist halt einmal der Kavalier ein anderer Mensch und eine andere Welt, ein Baron oder Graf, eine Exzellenz, wenn's net gleich eine Hoheit ist.

Bringt der Betreffende nur etwas Verständnis für die Leute mit sich, kommt er ihnen gar in ihrer Sprache entgegen, so entwickelt sich rasch so eine Art ehrfürchtiger Freundschaft, die durch ein gutes Zigarrerl, dann ein Maul voll besunderen Schnaps noch bedeutend erhöht werden kann, dann aber ist auch die eifrigste Fährtensuche und Aushorchen und abends einen guten Bericht heimbringen das heißeste Bestreben.

Ich hatte viele Jahre das Glück, die hohe Zeit zu genießen, und den Zigaringer, den Bonholzer und den starken Hans rechne ich Zu meinen besten Freunden.

Der schwarze Kiellechner war mein Gehilfe, ein gefürchteter Gehilfe, der der immer mehr überhandnehmenden Wilderei an der Grenze ein leider blutiges Ende bereitete.

Er genoß unbedingten Respekt, wenn man auch, wie er mir selbst gesagt, seine Hand nicht gern berührte. Wenn wir von der Abendbirsch nach Hause kamen, begannen am Herdfeuer die Berichte, die Schlachtenpläne, die ewig sich wiederholenden berühmten Geschichten vom alten Sollacher, dem Specl vom verstorbenen König, der auf einer Treibjagd einen kapitalen Gamsbock, der sich mit der Kruke unlöslich in einer Latsche verfangen, lebendig zu Tal gebracht, wobei der starke Hans immer nur skeptisch die Achsel aufzog.

Der lauteste aber war der Bonholzer, der nie begreifen wollte, daß in so an Revier a Jaga sein' Herrn net glei' 's erstemal zum Schuß bringa kann. Ein Hieb, der natürlich dem Kiellechner galt, der kein Wort darüber verlor, sondern nur stoisch seine Pfeife qualmte.

Erst ganz am Schluß, als ich mich in die Stube begeben wollte, meinte der Kiellechner plötzlich: »Wissen's, Herr Baron, morg'n geh'ns mit 'n Bonholzer.« Dabei traf aber ein Blick aus den schwarzen Augen den Holzknecht, der nichts Gutes verriet.

»Und mir juckt der Buckl scho',« meinte der starte Hans und rieb sich die breite Schulter.

Ich aber ging allein mit meinem Kiellechner und schoß einen guten Zehner, den der Bonholzer mir am Abend vorher verhört hatte, und der starke Hans trug ihn von der Bleick den steilen Hang herunter zur »schwarzen Tenne«.

Heute ist die Schlagfläche nach Töringscher Theorie schon mehr herangerückt, mit dem stillen Waldzauber geht's jetzt zu Ende, schon bleiben die roten und blauen Schwämme aus, die so märchenhaft durch das Dunkel leuchteten, die Erdmännchen fliehen, die die alten Baumstrunke festlich beleuchten bei Nacht, und die Hirsche suchen sich andere, ruhigere Brunftplätze.

Da gibt es nur noch eines, was standhält gegen den Ansturm der neuen Zeit: das richtige Gebirg, der unverrückbare Fels, an dem sich alle Projektler und Störenfriede ihre Dickschädel wundrennen.

Ich kenne so eine Stube, die mitten darin liegt in dem Reich. Sie selbst ist alt und morsch, nur das graue Gestein hält sie zusammen, das sie fest umklammert.

Längst wäre sie vergessen und verschollen, wenn der Bleickgraben nicht wäre, nach dem sie sich benennt, das beste Gamsrevier weit und breit.

Da ist für den Jäger gut nächtigen, wenn er sich zu bescheiden weiß. Allerdings ein kleiner, ebenso rasch glühender als erkaltender eiserner Sparherd ist der einzige Komfort darin.

Für seine Lagerstatt muß er selber sorgen, dagegen ist er mit einem Schritt vor die Türe mitten im Revier, und kann von da schon alles beobachten.

So um Mitte November herum suche ich hier die Bartgams auf, mit meinem alten Jakl, seit vielen Jahren. Da ist die Stube gewöhnlich eingeschneit, hübsch warm auswattiert ringsum, und an den Felsen in der Runde hängen die blitzenden Eiszapfen wie kostbares Geschmeide. Der Hitzteufel von Ofen wird eingeschürt, und wenn es purpurn glüht und die Fünkchen aufblitzen auf dem rauhen Eisen, der Tee brodelt und die Pfeife qualmt, so ist es urheimlich da, und oft ist mir's, als müßt ich all die armen Gamsböck in der Schneenacht draußen einladen hereinzukommen und sich den Pelz zu wärmen, einen Generaleid würde ich schwören, ihnen nichts zu tun.

Kommt dann so um 9 Uhr der Mond herauf und säubert den Himmel, dann ist die Pracht eine überirdische, und man möchte ins Knie sinken in stummer Andacht.

Alles flammt und gleißt, Millionen Fünkchen huschen über den Schnee, und in die Sterne hinauf ragt das starre, mächtige Gefels im ewigen Schweigen; wie wächst da das pochende Leben in einem, doch die Krone von dem allen, der geheimnisvolle Gott, der sich selbst bestaunen will.

Den andern Morgen alles blitzblank wie ein Kommunionskind, ein frisches Lüfterl weht, und Kraft in allen Gliedern, Kraft zum Schreien.

Mit dem Perspektiv sehe ich jede Fährte in dem wildzerklüfteten Graben, und wenn die Sonne hinter der Schneid' hervorblinzelt und die beschneiten Tannen erglühen macht, entdeckte ich schon das erste Gamsscharl hoch oben, dem Jägerkamm zu, kohlschwarz sich abhebend von der blendenden Weiße.

»Also, Jakl, wie packen wir's an?« Die große Frage.

»Was weiß ma – halt a Triffauf, an Stern halt muß ma hab'n, nacher geht's leicht,« und ähnliche weise Sprüche, zu denen sich die Unentschlossenheit rettet.

Im Anfang aber war die Tat! – Es zuckt auf in jeder Muskel, und die Lust in der Stube ist übermäßig, jeden Entschluß lösend.

Der Aufstieg ist nicht leicht, gerade daß man sich zwischen den mächtigen grauen Blöcken noch aufwärts hinaufzwängt, bis am Bauch im Schnee.

So in der Mitte des Bleickgrabens, da, wo der mächtige Schnitt mitten in dem Latschenfeld am weitesten klafft und ringsum grellgelbe Wände eine förmliche Rotunde bilden, bot sich prächtiger Ansitz mitten im warmen Sonnenschein.

Ringsum zogen sich die Fährten durch den Kessel. In der wohligen Sonnenwärme begann Jakl von der Winterstube unten zu erzählen, die wie ein Kristallpalast heraufschimmerte in ihrem Eiszapfenschmuck.

»All's mögliche hat's scho' deriebt. Oaner is drinn g'storb'n, und andre drinn g'bor'n word'n. Der erst' war a Jaga, 's war no' vor mein'r Zeit, grad bis vor d' Hütt'n hat er si' no' g'schleppt mit oaner Kug'l zwisch'n d' Ripp'n, die ihm a Wilderer auffig'schoss'n. Drei Tag darnach erst hat man 'hn g'fund'n. Der andre – na das hab' i, selb'r derlebt –, Schnee is g'leg'n wia heut', spür' i a Fährt'n mitt'n im Holz, die sich da auffa ziagt. Muaß hübsch was trag'n hab'n, denk' i mir, weil's gar a so eindruckt hat. Geh' nach, komm' auf d' Stub'n, hör' scho' was von weit'm wia a Hund, der knurrt. Bist halt vorsichti' nacher, geh' langsam auffa, mach' d' Tür auf, liegt a Weibsbild auf 'm Heu und jamm'rt und jamm'rt. ›Wo kommst denn nacher du her?‹ – ›Aus 'n Tirolerisch'n, verganga hab' i mi halt, – zum Doktor nach Schliers – – hilf mir grad – i stirb.‹ – Schaug ma 's näh'r an und kenn' mi' scho' aus, ihr' Zeit hat 's halt versamt. No denk' i, a schöne G'schicht'! A Bauernsohn bin i ja, zwei Küah hab'n ma g'habt z' Egern drüb'n, na da siecht ma allerhand als Kind scho' – no, daß i's gleich sag' – i hab' tan, was i kenna hab', und im hui war der Bua da.«

Das Blut schoß mir gegen das Herz! Ich erwartete zu Haus ein freudiges Ereignis, und wenn auch der Doktor mir versicherte, ich kann ruhig auf ein paar Tage fort, – es war doch ein sträflicher Leichtsinn.

»Hör auf, Jakl, ich – ich – wir gehen, Jakl, ich muß zu Mittag zu Hause sein.« –

»Geh'n? Wär' no' schön'r,« meinte der Jakl. »Da schaun's nauf!« Sein Blick war starr nach oben gerichtet. »A Prüg'lbock, gleich kemma tuat er, i wett'.«

Ich sah wirklich einen kohlschwarzen Kerl durch den Schnee stapfen, und zwar in der Richtung nach uns.

Der Zwiespalt begann: bittere Vorwürfe, blinde Leidenschaft. »In einer Stunde vielleicht – und unterdes – –«

»No, mein Gott, unterdes is er da,« meinte der Jakl, dem ich schon am Abend vorher mein Herz ausgeschüttet.

Zu allem Überfluß sprang noch eine Kitzgeiß, von rückwärts kommend, über uns in den Graben. Starr blickte sie auf den Bock, ich sah ihre Flanken zittern. Das Kitz aber stieß sie ärgerlich in die Seite. Was kümmert dich denn der grobe Patron. Ich hörte noch die Erwiderung der Geiß – und wenn ich voriges Jahr so gedacht, wärst du nicht da.

Unwillkürlich mußte ich lachen; dann begann schon die wilde Jagd, aufwärts, abwärts, das Kleine ratlos hin und her. Der Bock war verschwunden, aber jeden Augenblick konnte er wiederkommen – – Ich lag im Anschlag und vergaß weiß Gott auf Weib und Kind.

Und da sauste er schon hervor, hinter der Geiß her. Jakl schrie ihn an. Wie gebannt blieb er stehen. Eine Sekunde darauf lag er im Graben, den Schnee mit seinem heißen Schweiß färbend.

Erst diese seltsame wilde Lust, die alle Stimmen übertönt, dann der große Kater.

Jakl konnte den Bock nicht schnell genug in den Rucksack packen, dann hastig durch den Schnee nach abwärts gepflügt, vorbei an der Hütte, und der Jakl rasch seine sieben Zwetschgen zusammengepackt, um mir dann mit prallvollem Rucksack nachzueilen.

Das Gewissen biß, ich ahnte alles erdenkliche Entsetzliche. Der Fall pustete mühsam unter seiner Last.

Endlich zu Hause. Ich mußte den Fall vorausschicken; ich wagte es nicht, zuerst einzutreten. Nach einer Minute war er schon da, mit einer wahren Leichenbittermiene. »A Madl!« meldete er ganz traurig, die Unterlippe hängen lassend.

Ich stürmte die Stiege hinauf. Die alte Tini richtete mit ihrem Pst! Pst! nichts aus. Jakl folgte mit seinem Rucksack auf dem Fuß – ich eilte an das Bett meiner Frau. In dem weißen Linnen auf ihrer Brust rührte sich was, ein nacktes Köpfchen – – »Verzeih'! Vergib! Das ist der Jagdteufel!«

Doch sie sah gar nicht auf mich, nur auf die Türe, die ich offengelassen. Der Jakl stand unter ihr mit dem Gamsbock und drehte sich um: »A sechsjähriger, gnä' Frau, i gratulier'.«

Wir lachten und weinten beide.

Das war meine lustigste Winterstubengeschichte!

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