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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 98
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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97.

Am Morgen des 10. September umarmte ich meinen trefflichen Kommissar und reiste weiter. Zwar waren wir nur seit einem Monate miteinander bekannt, und doch schätzte ich ihn wie einen vieljährigen Freund. Seinem für alles Gute und Schöne empfänglichen Gemüte war Spioniererei und Arglist fremd; nicht etwa weil es ihm an Fähigkeit dazu fehlte, sondern weil er jene edelmütige Einfachheit, welche geraden Menschen innewohnt, liebte.

Während der Reise flüsterte mir jemand an einem Orte, wo wir rasteten, heimlich zu: »Nehmen Sie sich vor diesem Schutzengel in acht; wäre er nicht einer von den Schwarzen, so hätte man Ihnen denselben nicht zur Aufsicht gegeben.«

»Und doch täuschen Sie sich,« erwiderte ich; »ich habe die festeste Überzeugung, daß Sie sich täuschen.«

»Die Schlauesten,« entgegnete jener, »sind die, welche am einfältigsten erscheinen.«

»Wäre dies der Fall, so dürfte man an keines Menschen Tugend mehr glauben.«

»Es gibt gewisse Stellungen in der Gesellschaft, wofür man, was das Benehmen anlangt, die trefflichste Erziehung haben kann, aber niemals Tugend! keine Tugend! keine Tugend!«

Ich konnte ihm nur antworten: »Übertreibung, mein Herr! Übertreibung!«

»Meine Behauptung beruht auf guten Erfahrungen,« dabei blieb er.

Wir wurden unterbrochen. Mir aber fiel Leibnizens Mahnung ein: »Hüte dich vor den Schlußmachern.«

Leider verfährt die Mehrzahl der Menschen in ihren Urteilen nach jener falschen und unerbittlichen Logik: Ich folge der Fahne A., welche nach meiner Überzeugung die der Gerechtigkeit ist; jener andere folgt der Fahne B., von der ich weiß, daß sie die der Ungerechtigkeit ist; folglich ist er ein schlechter Kerl.

Ach nein, ihr wütende Logiker! Welcher Fahne ihr auch angehört, urteilt nicht so unmenschlich! Bedenkt, daß wenn man von irgendeinem ungünstigen Gesichtspunkte ausgeht – und wo gibt es eine Gesellschaft oder ein Inividuum, das dergleichen nicht darböte? – und mit unerbittlicher Strenge von Schluß zu Schluß fortschreitet, es einem jeden leicht wird, zu folgendem Resultate zu gelangen: »Außer uns vieren verdienen alle Menschen lebendig verbrannt zu werden.« Und wenn diese Sonderung noch schärfer durchgeführt wird, dann wird jeder vors den vieren sagen: »Alle Menschen verdienen lebendig verbrannt zu werden, allein ich nicht.«

Diese ganz gewöhnliche harte Denkart ist ganz und gar unphilosophisch. Ein Mißtrauen, das seine Grenzen hat, kann klug sein: ein übertriebenes Mißtrauen niemals.

Nach jener Andeutung, die ich über diesen Schutzengel erhalten hatte, nahm ich mir fest vor, ihn mehr als früher zu beobachten, und mit jedem Tage überzeugte ich mich von seiner arglosen und edlen Gesinnung mehr.

Wenn einmal eine gesellschaftliche Ordnung eingerichtet ist, sie mag mehr oder weniger trefflich sein, so können alle Ämter in dieser Gemeinschaft, die nach dem allgemeinen Urteil nicht als ehrlos angesehen werden, alle Ämter, welche auf eine edle Weise für das allgemeine Beste mitzuwirken versprechen, und wo die Mehrzahl des Volkes das, was sie versprechen, anerkennt – da können alle Ämter, von denen nur ein abgeschmackter Mensch behaupten würde, daß rechtliche Männer sich mit ihnen nicht befaßt hätten, dennoch von ehrlichen Männern bekleidet werden.

Ich habe von einem Quäker gelesen, der die Soldaten verabscheute. Dieser sah einst, wie ein Soldat in die Themse sprang und einen Unglücklichen vor dem Ertrinken rettete, da sagte er: Ich werde stets ein Quäker bleiben, aber auch die Soldaten sind gute Menschen.

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