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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 95
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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94.

Pordenone, Conegliano, Ospedaletto, Vicenza, Verona, Mantua waren Stätten so vieler Erinnerungen für mich! Aus dem ersteren Orte war ein wackrer junger Mann gebürtig, der mir befreundet gewesen und in dem unglücklichen russischen Feldzuge umgekommen war: Conegliano war der Ort, wohin Zanze, nach der Aussage der Aufseher in den Bleikammern, gebracht worden war: in Ospedaletto war ein himmlisches, aber unglückliches Wesen verheiratet gewesen, das ich vor langer Zeit verehrt hatte und noch verehrte, aber jetzt lebte es dort nicht mehr. Kurz in all diesen Orten tauchten für mich mehr oder weniger teure Erinnerungen auf; und zu Mantua mehr als in irgendeiner anderen Stadt. Mir kam es vor, als wäre es erst gestern gewesen, daß ich mit Lodovico hier war; was zweimal, 1815 und 1820, geschehen war. – Dieselben Straßen, dieselben Plätze, dieselben Paläste, und dabei so gewaltige Unterschiede in den gesellschaftlichen Verhältnissen! So viele meiner Freunde vom Tode dahingerafft! so viele flüchtig! eine ganze Generation war herangewachsen, die ich als Kinder gesehen hatte! Und nicht in dies oder jenes Haus eilen zu dürfen! mit niemand von diesem oder von jenem sprechen zu dürfen!

Und nun um das Maß des Schmerzes voll zu machen, Mantua war der Ort, wo Maroncelli und ich uns trennen mußten. Beide brachten wir die Nacht in höchster Betrübnis zu. Ich empfand eine Aufregung, wie ein Mensch am Vorabende des Tages, wo er das Todesurteil hören soll.

Am Morgen wusch ich mir das Gesicht und beschaute mich im Spiegel, um zu sehen, ob man auf meinem Gesicht die Spuren der Tränen noch erkennen möchte. Ich nahm, so gut es gehen wollte, eine ruhige und heitere Miene an; richtete ein kurzes Gebet zu Gott empor, in Wahrheit aber geschah dies voll Zerstreutheit, und da ich hörte, wie Maroncelli schon seine Krücken in Bewegung setzte und mit dem Kellner sprach, eilte ich in seine Arme. Alle beide erschienen wir voll Mut bei dieser Trennung; wir sprachen mit etwas bewegter, aber fester Stimme. Der Gendarmerieoffizier, der ihn an die Grenze der Romagna bringen soll, ist eingetroffen; es ist Zeit aufzubrechen; wir wissen kaum, was wir uns sagen sollen; eine Umarmung, ein Kuß, noch eine Umarmung. – Er stieg in den Wagen und verschwand; ich blieb wie vernichtet stehen!

Ich ging auf mein Zimmer zurück, warf mich auf die Knie und betete für den armen Verstümmelten, der von seinem Freunde getrennt war, und brach in Tränen und Schluchzen aus.

Viele treffliche Menschen habe ich kennen gelernt, aber keinen, der im Umgange liebevoller als Maroncelli gewesen, keinen, der so wohlerzogen, jede Rücksicht des Anstandes zu nehmen wußte, keinen, der von heftigen Übereilungen sich so fern hielt, der beharrlicher an der Überzeugung festgehalten, daß die Tugend in beständiger Übung der Nachsicht, in edler Gesinnung und gesundem Denken besteht. Ach, mein Gefährte in so langen Jahren des Schmerzes, Gott segne dich, wo du auch weilst, und gebe dir Freunde, die mir an Liebe gleichkommen und an Güte mich übertreffen!

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