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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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8.

In meinem Mißgeschick, sagte ich, bin ich insofern wenigstens vom Glück begünstigt, daß sie mir ein Gefängnis im Erdgeschoß gegeben haben, nach diesem Hofe hinaus, wo auf vier Schritte dies teure Kind sich mir nähert, mit dem ich mich nach der Weise der Stummen so nett unterhalte! Bewundernswerter Scharfsinn der Menschen! Wie viele Dinge reden wir miteinander durch unzählige Ausdrücke unserer Blicke und Mienen! Welche Anmut legt es in seine Bewegungen, wenn ich ihm freundlich zulächle! wie verbessert es sie, wenn es sieht, daß sie mir nicht gefallen!

Wie gut versteht es, daß ich ihm gut bin, wenn es einen seiner Gefährten liebkost oder beschenkt! Kein Mensch kann sich eine Vorstellung davon machen, und doch bin ich imstande, während ich am Fenster stehe, für dies arme Geschöpfchen eine Art von Erzieher zu sein. Dadurch, daß wir die wechselseitige Übung der Zeichen fortsetzen, werden wir die Mitteilung unserer Gedanken vervollkommnen. Je mehr es merken wird, daß es bei mir unterrichtet und gebessert wird, desto größer wird seine Anhänglichkeit an mich werden. Ich werde für ihn der Genius der Vernunft und Güte sein; es wird lernen, mir seine Schmerzen, seine Freuden, seine Wünsche anzuvertrauen: ich, es zu trösten, es zu veredeln, es ganz in seinem Verhalten zu leiten. Während mein Los von Monat zu Monat unentschieden bleibt, wer weiß, ob man mich hier nicht alt werden läßt? Wer weiß, ob dies Kind nicht unter meinen Augen aufwächst und zu irgendeinem Dienste in diesem Hause verwendet wird? Bei einem solchen Verstande, wie es ihn zeigt, wer weiß, was aus ihm noch werden kann? Ach leider! Höchstens ein brauchbarer Secondino oder etwas Ähnliches! Und werde ich gleichwohl nicht ein gutes Werk getan haben, wenn ich dazu beitrug, das Verlangen ehrlichen Leuten und sich selber zu gefallen, in ihm erweckt, liebreiche Gefühle ihm zur Gewohnheit gemacht zu haben?

Ein derartiges Selbstgespräch war ganz natürlich. Für Kinder hatte ich stets eine große Vorliebe, und das Amt eines Erziehers dünkte mich ein sehr edles. Ein ähnliches Amt versah ich seit einigen Jahren bei Giacomo und Giulio Porro, zweien hoffnungsvollen Jünglingen, die ich wie meine Söhne liebte und beständig wie solche lieben werde! Gott weiß es, wie oft ich im Gefängnisse an sie dachte! wie sehr es mich betrübte, ihre Erziehung nicht vollenden zu können! wie heiß ich den Wunsch hegte, sie möchten einen neuen Lehrer finden, der in der Liebe zu ihnen mir gleich wäre! Manchmal rief ich mir zu: Welch eine grobe Parodie ist dies! Für Giacomo und Giulio, Kinder, welche Natur und Glück mit den herrlichsten Gaben ausgestattet haben, die sie zu verleihen vermögen, bekomme ich hier zum Schüler eine arme Waise, taub und stumm, zerlumpt, ein Kind von Räubern! ... das allerhöchstens ein Aufseher werden wird, was man sonst mit einem weniger gewählten Ausdrucke einen Schergen nennen würde.

Diese Betrachtungen machten mich irre und mutlos. Kaum aber vernahm ich das Gekreische meines Taubstummen, so geriet mein Blut in freudige Aufregung, wie bei einem Vater, der die Stimme seines Sohnes hört. Dies Gekreisch und sein Anblick zerstreuten in mir alle Gedanken in bezug auf seine Niedrigkeit. – Welche Schuld fällt auf ihn, wenn er zerlumpt und verwahrlost ist, und von Räubern herstammt? Eine menschliche Seele, im Alter der Unschuld, verdient jederzeit Achtung. So sprach ich, jeden Tag betrachtete ich ihn mit mehr Liebe, mir kam es vor, als nähme er an Verstand zu, und ich bestärkte mich in dem süßen Vorsatze, mich seiner Veredlung zu widmen; und indem meine Phantasie sich alle möglichen Fälle vorstellte, gedachte ich, eines Tages vielleicht aus dem Kerker herausgelassen zu werden, dies Kind, wenn ich die Mittel dazu hätte, in eine Erziehungsanstalt für Taubstumme zu tun und ihm so den Weg zu einem besseren Lose, als das Geschäft eines Schergen ist, zu bahnen.

Während ich mich auf so köstliche Weise mit seinem Wohle beschäftigte, erschienen eines Tages zwei Secondini, um mich abzuholen.

»Sie sollen Ihre Zelle wechseln, mein Herr.«

»Was meinen Sie damit?«

»Man hat uns befohlen, Sie auf ein anderes Zimmer zu bringen.«

»Weswegen?«

»Ein anderer wichtiger Vogel ist eingefangen worden, und da dies das beste Zimmer ist ... Sie verstehen wohl ...«

»Verstehe: es ist der erste Ruheort für die Neuangekommenen.«

So führten sie mich nach der entgegengesetzten Seite des Hofes, aber ach, ich kam nicht wieder in das Erdgeschoß, sondern in eine Zelle, von wo die Unterhaltung mit dem Taubstummen nicht mehr möglich war. Als ich über den Hof schritt, sah ich den mir liebgewordenen Knaben auf der Erde sitzen, er war bestürzt und traurig: er begriff, daß er mich verlieren sollte. Einen Moment später sprang er auf und lief mir entgegen; die Aufseher wollten ihn wegjagen, ich aber nahm ihn auf den Arm, und so schmutzig er war, ich herzte und küßte ihn, zuletzt riß ich mich von ihm los – darf ich es sagen? – die Augen von Tränen erfüllt.

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