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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 88
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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87.

In diesem bejammernswerten Zustande dichtete er noch, sang, unterhielt sich mit mir; er tat alles, um mich zu täuschen, mir einen Teil seiner Leiden zu verbergen. Seine Verdauung war gestört, ebenso sein Schlaf; in erschreckender Weise magerte er ab, häufig bekam er Ohnmachten; aber jedesmal gewann er nach einigen Augenblicken seine Lebenskraft wieder und sprach mir Mut ein.

Was er in neun langen Monaten auszustehen hatte, läßt sich nicht beschreiben. Endlich gestattete man, daß eine ärztliche Beratung gehalten wurde. Der Oberarzt kam, hieß alles gut, was der Arzt versucht hatte, und verließ uns, ohne seine Meinung über die Krankheit und das, was weiter zu tun wäre, zu äußern.

Einen Augenblick später erschien der Unterinspektor und sagte zu Maroncelli: »Der Oberarzt hat nicht gewagt, sich in Ihrer Gegenwart auszusprechen, er besorgte, Sie würden nicht die Kraft haben, die Ankündigung einer harten Notwendigkeit zu ertragen. Ich habe ihn versichert, daß es Ihnen an Mut nicht fehlt.«

»Ich hoffe,« erwiderte Maroncelli, »Beweise genug davon gegeben zu haben, dadurch, daß ich ohne Klagen diese Qualen ertrug. Wird man mir etwa vorschlagen ...?«

»Ja, mein Herr, die Amputation. Der Oberarzt nimmt nur deswegen Anstand, dazu zu raten, weil er Ihren Körper in diesem erschöpften Zustande gesehen. Fühlen Sie bei so großer Schwäche sich dennoch fähig, die Amputation auszuhalten? Wollen Sie sich der Gefahr aussetzen? ...«

»Zu sterben? Müßte ich nicht auch so in kurzem sterben, wenn dem Übel kein Ziel gesetzt wird?«

»Wir werden also von allem sogleich nach Wien einen Bericht abgehen lassen, und sobald die Erlaubnis zur Amputation eingetroffen sein wird ...«

»Wie? dazu bedarf es also einer Erlaubnis?«

»Jawohl, mein Herr.«

Nach acht Tagen traf die erwartete Genehmigung endlich ein.

Der Kranke ward in ein größeres Zimmer gebracht; er verlangte, daß ich ihm folgen sollte.

»Ich könnte,« sagte er, »während der Operation den Geist aufgeben, und da würde ich mich doch wenigstens in den Armen meines Freundes befinden.«

Meine Begleitung ward ihm zugestanden.

Der Abt Wrba, unser Beichtiger (der Nachfolger von Paulowitsch) gab dem Unglücklichen die Sakramente. Nachdem dieser religiöse Akt vollzogen worden, erwarteten wir die Chirurgen, aber sie kamen nicht. Maroncelli stimmte unterdessen noch einen frommen Gesang an.

Endlich erschienen die Ärzte. Es waren ihrer zwei: der eine der gewöhnliche Wundarzt des Hauses, das heißt unser Barbier, der bei etwa vorkommenden Operationen das Recht hatte, sie mit eigner Hand vorzunehmen, und diese Ehre keinem anderen abtreten wollte; der andere war ein junger Chirurg, Zögling der Wiener Schule, der schon im Rufe großer Geschicklichkeit stand. Diesen hatte der Statthalter geschickt, um der Operation beizuwohnen und sie zu leiten; gern hätte er sie selber vorgenommen, aber er mußte sich damit begnügen, auf die Ausführung achtzuhaben.

Der Kranke ward auf den Rand des Bettes gesetzt, die Füße herabhängend: ich hielt ihn zwischen meinen Armen, über dem Knie, wo das Fleisch am Schenkel wieder gesund war, ward eine Binde angelegt, um den Kreisschnitt zu bezeichnen, den das Messer ausführen sollte. Der alte Wundarzt schnitt ringsherum einen Finger tief; dann zog er die aufgeschnittene Haut herauf, fuhr dann fort die entblößten Muskeln zu durchschneiden. Das Blut floß in Strömen aus den Adern, aber schnell wurden diese mit einem Seidenfaden unterbunden. Zuletzt durchsägte man den Knochen.

Nicht einen Schmerzensschrei gab Maroncelli von sich. Als er sah, wie sie das abgeschnittene Bein forttrugen, blickte er demselben voll Mitleid nach, wandte sich dann an den Wundarzt und sagte: »Sie haben mich von einem Feinde befreit, ohne daß ich in der Lage wäre, sie dafür zu belohnen.«

Auf dem Fenster stand eine Rose in einem Glase.

»Sei so gut und bringe mir diese Rose,« sagte er zu mir.

Ich brachte sie ihm. Er bot sie dem alten Wundarzt mit den Worten an: »Ich habe nichts anderes, was ich Ihnen zum Beweise meiner Dankbarkeit überreichen könnte.«

Dieser nahm die Rose unter Tränen an.

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