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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 87
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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86.

Sollte die Freilassung dieser beiden Gefährten ohne jede Folge für uns bleiben? Wie kam es, daß man sie gerade herausließ, die zu gleicher Strafe wie wir verurteilt waren, der eine zu zwanzig, der andere zu fünfzehn Jahren, auf uns und so viele andere fiel kein Strahl der Gnade?

Gegen die Nichtbefreiten hegte man also feindseligere Vorurteile? Oder sollte man wohl geneigt sein, uns alle zu begnadigen, aber in kürzen Zwischenräumen und jedesmal zwei? vielleicht jeden Monat? vielleicht alle zwei oder drei Monate?

So bildeten wir uns für einige Zeit unsere Vermutungen. Aber mehr als drei Monate vergingen, und keine Freilassung fand weiter statt. Gegen Ende 1827 meinten wir, der Dezember könnte als die Zeit der Begnadigung für jedes Jahr bestimmt sein. Aber der Dezember verlief, ohne daß etwas geschah.

Wir schoben unsere Erwartung bis in den Sommer 1828 hinaus, wo für mich sieben und ein halbes Jahr von meiner Strafe vorüber waren, die nach der Äußerung des Kaisers den fünfzehn Jahren gleich gelten sollten, wofern man die Strafe von der Verhaftung an rechnete. Falls man aber die Zeit des Prozesses (und diese Vermutung war die wahrscheinlichere) nicht mit einrechnen wollte, sondern vielmehr von dem Tage der Veröffentlichung der Strafe an zählen, so wären die sieben und ein halb Jahre erst mit 1829 abgelaufen.

Alle diese mutmaßlichen Termine verstrichen, ohne daß der Strahl der Gnade für uns erglänzte. Inzwischen hatte mein armer Maroncelli, noch bevor Solera und Fortini entlassen wurden, eine Geschwulst am linken Knie bekommen. Anfangs waren die Schmerzen gelinde und zwangen ihn nur zu hinken. Dann schleppte er nur mit Mühe die Kette fort und konnte nur selten den Spaziergang genießen. An einem Morgen im Herbste hatte er Lust mit mir hinauszugehen, um etwas frische Luft zu schöpfen: es lag schon Schnee; und in einem unglücklichen Augenblicke, wo ich ihn nicht hielt, glitt er aus und fiel hin. Die Erschütterung hatte unmittelbar zur Folge, daß der Schmerz am Knie heftiger wurde. Wir trugen ihn auf sein Bett; er hatte nicht mehr so viel Kraft sich aufrechtzuerhalten. Als der Arzt ihn untersuchte, verordnete er endlich, daß ihm die Kette abgenommen wurde. Die Geschwulst verschlimmerte sich von Tag zu Tag, sie ward ungeheuer groß, und die Schmerzen nahmen beständig zu. Die Qualen des armen Kranken waren so groß, daß er weder in noch außer dem Bette Ruhe hatte.

So oft er nötig hatte sich zu bewegen, aufzustehen oder sich niederzulegen, mußte ich mit aller möglichen Schonung das kranke Bein nehmen und mit der größten Behutsamkeit in die passende Lage bringen. Manchmal erforderte es ganze Viertelstunden voll Angst und Schmerzen, um die geringste Veränderung aus einer Stellung in die andere zu machen.

Blutegel, Fontanellen, Höllenstein, bald trockne, bald feuchte Umschläge, alles ward von dem Arzte versucht. Nur die Schmerzen wurden durch sie vermehrt, nichts weiter. Wenn die Ätzmittel eingefressen waren, bildete sich die Eiterung. Die Geschwulst war voller Wunden; aber sie nahm nicht ab, niemals verschaffte der Ausfluß aus den Wunden irgendeine Erleichterung.

Maroncelli war tausendmal unglücklicher als ich; und doch, ach, wie litt ich mit ihm! Ihn zu pflegen war mir eine angenehme Last, weil ich für einen ihrer so würdigen Freund sie übernahm. Aber ihn so hinsterben zu sehen, unter so langen furchtbaren Qualen und ihm keine Hilfe bringen zu können! Und vorauszusehen, daß dies Knie nie wieder gesunden konnte! Sehen zu müssen, wie der Kranke selbst den Tod für wahrscheinlicher hielt als die Heilung! ihn beständig wegen seines Mutes und seiner Heiterkeit bewundern zu müssen! ach, dies ängstigte mich auf eine unbeschreibliche Weise!

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