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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 79
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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78.

Gern hätte ich gesehen, daß der Kaplan (mit dem ich in der Zeit meiner ersten Krankheit so zufrieden gewesen war) uns zum Beichtiger gegeben worden wäre, und daß er uns von Zeit zu Zeit besucht hätte, auch ohne daß wir gerade schwer erkrankt waren. Statt ihm dies Geschäft zu übertragen, bestimmte der Statthalter einstweilen einen Augustiner, Pater Battista mit Namen, dazu, bis von Wien die Bestätigung desselben ober die Ernennung eines anderen käme.

Ich besorgte, wir möchten bei dem Wechsel verlieren; aber ich irrte mich darin. Pater Battista war ein Engel an Menschenliebe; sein Benehmen war das eines wohlerzogenen, sogar fein gebildeten Mannes; mit tief eingehendem Verständnis wußte er über die Pflichten des Menschen zu sprechen.

Wir baten ihn, uns recht oft zu besuchen. Er kam jeden Monat einmal, dann häufiger, so oft er konnte. Manchmal brachte er uns, mit des Statthalters Erlaubnis, ein Buch mit und bemerkte im Namen seines Abtes dabei, daß die ganze Bibliothek des Klosters zu unserer Verfügung stände. Dieser Umstand wäre für uns von großem Vorteile gewesen, wenn er nur länger gedauert hätte. Immerhin erfreuten wir uns desselben einige Monate.

Nach der Beichte blieb er noch lange bei uns, um sich mit uns zu unterhalten, und in allen seinen Gesprächen gab sich eine gerade, würdevolle, die Größe und Heiligkeit des Menschen liebende Seele kund. Wir hatten das Glück, ungefähr ein Jahr lang seine Belehrung und seine Freundschaft zu genießen, die sich stets gleich blieb. Niemals kam eine Silbe über seine Lippen, die in uns den Verdacht erregt hätte, daß er nicht seinem Amte, sondern der Politik diente. Niemals zeigte er den geringsten Mangel an zarter Rücksicht in irgendeiner Beziehung.

Aufrichtig gesagt, anfangs hegte ich Mißtrauen gegen ihn; ich befürchtete, sehen zu müssen, wie er seinen klugen Verstand zu unziemlichen Ausforschungen anwenden würde. Bei einem Staatsgefangenen ist ein derartiges Mißtrauen leider zu natürlich; aber ach, wie tröstend ist es, wenn dasselbe sich nichtig erweist, wenn man in dem Dolmetscher Gottes keinen anderen Eifer entdeckt als den für die Sache Gottes und der Menschheit!

Er hatte eine ihm ganz eigentümliche und äußerst wirksame Art, Trost zu spenden. Ich klagte mich zum Beispiel wegen meiner Zornausbrüche über die Härte unserer Gefängnisordnung an. Er moralisierte dann über die Tugend heiterer Duldsamkeit und Versöhnlichkeit; darauf ging er weiter und schilderte mit der lebhaftesten Anschaulichkeit die Elendigkeit anderer Lagen des Lebens, die von der meinigen verschieden waren. Er hatte lange in der Stadt und auf dem Lande gelebt, Hohe und Niedrige kennen gelernt und viel über die menschlichen Ungerechtigkeiten nachgedacht; er verstand es trefflich, die Leidenschaften und Gewohnheiten der verschiedenen Klassen der Gesellschaft zu schildern, überall zeigte er mir Starke und Schwache, Unterdrücker und Unterdrückte; überall die Notwendigkeit, entweder unsere Mitmenschen zu hassen oder sie aus edelmütiger Nachsicht und aus Mitleid zu lieben. Die Fälle, die er mir erzählte, um mir die Allgemeinheit des Unglücks und die guten Wirkungen, die daraus hervorgehen können, in Erinnerung zu bringen, hatten nichts Besonderes; sie waren vielmehr ganz gewöhnliche, aber mit wenigen, so passenden, so überzeugenden Worten trug er sie vor, daß ich die Richtigkeit der daraus zu ziehenden Folgerungen lebhaft empfinden mußte.

Ach ja! so oft ich diese liebevollen Vorwürfe, diese edlen Ratschläge angehört hatte, erglühte ich von Liebe zur Tugend, niemand verabscheute ich mehr, für den geringsten meiner Mitmenschen hätte ich mein Leben hingegeben, ich dankte Gott, daß er mich hatte Mensch werden lassen.

Ach, unglücklich derjenige, welcher die erhabene Wohltat der Beichte nicht kennt! unglücklich der, welcher, um nicht für einen gewöhnlichen Menschen zu gelten, sich für verpflichtet hält, mit Spott auf sie herabzublicken! Es ist nicht wahr, daß es unnütz sei, es sich noch erst sagen zu lassen, da ein jeder schon von selbst weiß, daß er gut sein soll; daß eignes Nachdenken und passende Lektüre allein ausreichen; nein! das lebendige Wort eines Menschen übt eine Gewalt aus, welche weder das Lesen von Büchern noch eignes Nachdenken jemals in sich enthalten! Die Seele wird stärker dadurch erschüttert, die Eindrücke, welche auf sie ausgeübt werden, gehen tiefer. Im Bruder, der zu uns spricht, ist eine Fülle von Leben und von rechtzeitiger Einwirkung, die man in Büchern und in seinen eignen Gedanken oft vergebens suchen würde.

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