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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 76
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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75.

Man brachte mir ein Blatt Papier und ein Schreibzeug, um an meine Eltern zu schreiben.

Da jedoch die Erlaubnis eigentlich einem Todkranken gegeben war, der die Absicht hatte, an seine Familie ein letztes Lebewohl zu richten, so fürchtete ich, daß mein Brief, wenn sein Inhalt anders lautete, nicht befördert werden möchte. Deshalb beschränkte ich mich darauf, Eltern, Brüder und Schwestern mit der innigsten Zärtlichkeit zu bitten, sich in mein Schicksal zu ergeben, indem ich zugleich ihnen beteuerte, daß ich mich selbst darein ergeben hätte.

Dieser Brief ward gleichwohl abgeschickt, wie ich nachher erfuhr, als ich nach so vielen Jahren das Vaterhaus wiedersah. Er war der einzige, den meine teuren Angehörigen in der langen Zeit meiner Gefangenschaft von mir erhalten konnten. Ich bekam von ihnen nie einen: diejenigen, welche sie mir schrieben, wurden stets in Wien zurückgehalten. Auch meinen Leidensgefährten war jede Verbindung mit ihren Familien abgeschnitten.

Unzähligemal baten wir um die Gnade, daß man uns wenigstens Papier und Schreibzeug zum Studieren bewillige und uns unser Geld zum Ankauf von Büchern zu verwenden gestatte. Unsere Bitten fanden nie Gehör.

Der Statthalter erlaubte jedoch noch ferner, daß wir unsere Bücher lesen durften.

Auch erhielten wir durch gütige Bewilligung von seiner Seite etwas bessere Kost; aber ach, das dauerte nicht lange! Er hatte erlaubt, daß wir, anstatt unsere Lebensmittel aus der Küche des Gefängniskochs zu erhalten, aus der des Oberinspektors beköstigt würden. Ein etwas höherer Betrag war zu diesem Zwecke von ihm angewiesen worden. Die Genehmigung dieser Anordnungen blieb aus; aber solange diese Vergünstigung dauerte, gewährte mir dieselbe doch große Erquickung. Auch Maroncelli kam wieder etwas zu Kräften. Für den armen Oroboni war es zu spät!

Letzterer hatte zuerst den Advokaten Solera, später den Priester Don Fortini zu Gefährten erhalten.

Als man uns paarweise in allen Gefängnissen zusammengebracht hatte, ward uns das Verbot, an den Fenstern zu sprechen, erneuert, und die Drohung hinzugefügt, wer dagegen handle, der sollte wieder in die Einsamkeit zurückversetzt werden. Wir übertraten – die Wahrheit zu gestehen – dies Verbot manches Mal, um uns zu begrüßen, aber lange Gespräche fanden nicht mehr statt.

Maroncellis Gemütsart stimmte mit der meinigen völlig überein. Der Mut des einen richtete den anderen auf. Wenn einer von uns von Traurigkeit oder Unmut wegen der Härte unserer Lage erfaßt ward, heiterte der andere ihn mit irgendeinem Scherze oder mit passenden Vernunftgründen wieder auf. Ein sanftes Lächeln milderte fast immer unsere Leiden.

Solange wir Bücher hatten, auch wenn sie schon so oft von uns gelesen waren, daß wir sie auswendig wußten, waren sie eine angenehme Nahrung für den Geist, weil sie zu immer neuen Untersuchungen, Vergleichen, Urteilen, Berichtigungen usw. Gelegenheit gaben. Wir lasen oder überlegten einen großen Teil des Tages für uns im stillen und verwandten auf die Unterhaltung die Zeit nach dem Mittagessen, die Zeit des Spazierganges und den ganzen Abend.

Maroncelli hatte in seiner unterirdischen Zelle viele Verse von großer Schönheit gedichtet. Er trug sie mir vor und verfaßte neue. Ebendasselbe geschah von mir. Und unser Gedächtnis übte sich darin, dies alles zu behalten. Bewunderungswürdig war die Fähigkeit, die wir uns aneigneten, lange Gedichte im Gedächtnis abzufassen, daran zu feilen und immer wieder daran zu bessern und sie zu dem möglichst höchsten Grad von Vollkommenheit zu bringen, wie wir ihn erreicht haben würden, wenn wir sie niederschrieben. Maroncelli dichtete auf diese Weise nach und nach einige Tausend elegischer und lyrischer Verse und behielt sie alle im Kopfe. Ich verfaßte mein Trauerspiel »Leoniero von Dertona« und einige andere Sachen.

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