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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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72.

Eines Abends hatten wir sehr nachsichtige Wachen, deswegen gaben Oroboni und ich uns nicht die Mühe, die Stimme zu dämpfen. Maroncelli in seinem unterirdischen Gefängnisse hatte sich an das Fenster angeklammert, so hörte er uns und unterschied meine Stimme. Er konnte sich nicht bezähmen und begrüßte uns mit Gesang. Er fragte, wie ich mich befände, und drückte mir mit den rührendsten Worten sein Bedauern aus, daß er unsere Vereinigung noch immer nicht habe erlangen können. Um dieselbe Vergünstigung hatte auch ich nachgesucht, aber weder der Oberinspektor des Spielbergs noch der Gouverneur zu Brünn hatten die Vollmacht, sie uns zu bewilligen. Unser beiderseitiger Wunsch war dem Kaiser vorgetragen, aber bis dahin war noch keine Antwort eingetroffen.

Nach jener Zeit, wo wir uns singend in den Kellerräumen begrüßt hatten, hatte ich in den oberen Stockwerken einigemal seine Liedchen gehört, aber ohne daß ich die Worte verstand, und dann währten sie kaum einige Augenblicke, weil man ihn nicht fortfahren ließ.

Jetzt erhob er seine Stimme weit lauter und ward nicht sogleich unterbrochen; so verstand ich alles. Es fehlen mir die Ausdrücke, um die Rührung, die ich empfand, zu schildern.

Ich antwortete ihm, und wir setzten das Gespräch ungefähr eine Viertelstunde fort. Endlich wurden die Wachen auf dem Walle abgelöst, und die neuen waren nicht so nachsichtig. Wohl unternahmen wir's, unseren Gesang fortzusetzen, aber nun ließen sich wütende Rufe hören, um uns zur Ruhe zu weisen, und es blieb nichts übrig, als Folge zu leisten.

Ich stellte mir Maroncelli vor, wie er seit lange in jenem Kerker lag, der weit schlimmer als der meinige war; die Traurigkeit, die ihn dort oft niederdrücken mußte, trat vor meine Seele, und der Schaden, den seine Gesundheit dadurch erleiden mußte; eine furchtbare Angst quälte mich.

Endlich konnte ich weinen, aber die Tränen brachten mir keine Erleichterung. Heftiger Kopfschmerz mit starkem Fieber erfaßte mich. Ich konnte mich nicht mehr auf den Füßen halten und warf mich auf den Strohsack. Die Fieberschauer nahmen zu; meine Brust war schmerzhaft beklemmt. Diese Nacht, glaubte ich, sterben zu sollen.

Am folgenden Tage hatte das Fieber nachgelassen, meine Brust war erleichtert; aber in meinem Gehirn fühlte ich eine brennende Hitze, kaum konnte ich den Kopf bewegen, ohne daß die heftigsten Schmerzen denselben durchzuckten.

Ich teilte Oroboni meinen Zustand mit. Auch er fühlte sich schlechter als sonst.

»Ach, mein Freund,« sagte er, »nicht fern ist der Tag, wo einer von uns beiden nicht mehr an das Fenster kommen wird. Jedesmal, wo wir uns begrüßen, kann das letztemal sein. Halten wir uns also jeder bereit, entweder zu sterben oder den Freund zu überleben.«

Seine Stimme war weich, ich konnte ihm nicht antworten. Einen Augenblick verharrten wir im Schweigen, dann fuhr er fort: »Wie glücklich bist du, daß du Deutsch verstehst! Du wirst wenigstens beichten können! Ich habe um einen Priester gebeten, der Italienisch verstände, aber man sagte mir, es gäbe hier keinen. Aber Gott sieht mein Verlangen, und seitdem ich in Venedig gebeichtet, scheint mir in Wahrheit nichts das Gewissen zu beschweren.«

»Ich dagegen habe«, versetzte ich, »in Venedig mit Wut im Herzen gebeichtet, und tat weit schlimmer daran, als wenn ich die Sakramente abgelehnt hätte. Aber wenn man jetzt einen Priester zu mir kommen läßt, so versichere ich dich, aufrichtigen Herzens werde ich beichten und allen verzeihen.«

»Gott möge dich segnen!« rief er; »einen starken Trost gewährst du mir. Wir wollen, ja, unser Möglichstes wollen wir tun, um in der ewigen Glückseligkeit vereint zu sein, wie wir es in diesen Tagen irdischen Elends gewesen sind!«

Den folgenden Tag erwartete ich ihn vergeblich am Fenster. Von Schiller erfuhr ich, daß er schwer erkrankt wäre.

Nach acht bis zehn Tagen befand er sich besser und kam wieder ans Fenster, um mich zu begrüßen. Ich litt schwer, hielt mich aber aufrecht. Mehrere Monate vergingen, für ihn wie für mich, wo wir uns abwechselnd besser oder schlechter befanden.

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