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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 71
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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70.

Ihm vertraute ich die schreckliche Schwermut an, die ich, von ihm getrennt, durchgemacht hatte; und er sagte mir, daß auch er den Gedanken an einen Selbstmord hätte bekämpfen müssen.

»Benutzen wir«, sagte er, »die kurze Zeit, die uns aufs neue vergönnt ist, um uns gegenseitig durch die Religion zu stärken. Laß uns von Gott sprechen und in uns die Liebe zu ihm wecken; erinnern wir uns, daß er die Gerechtigkeit, die Weisheit, die Güte, die Schönheit, daß er alles das ist, was wir stets als das höchste Gut mit Sehnsucht erstreben. Ich sage es dir bestimmt, daß der Tod von mir nicht fern ist. Ewig werde ich dir dankbar sein, wenn du dazu mitwirkst, mich in diesen letzten Tagen so gottergeben zu machen, wie ich mein ganzes Leben hätte sein sollen.«

Unsere Gespräche drehten sich von jetzt an um keinen anderen Gegenstand als um die christliche Philosophie und um Vergleiche zwischen ihr und der Kläglichkeit des Sensualismus. Beide waren wir innig erfreut, so große Übereinstimmung zwischen dem Christentum und der Vernunft zu entdecken; wenn wir die verschiedenen evangelischen Glaubensbekenntnisse gegenüberstellten, sahen wir beide, daß allein das katholische dasjenige ist, welches vor der Kritik wahrhaft standhalten kann, und daß die Lehre des katholischen Glaubensbekenntnisses auf den reinsten Glaubenssätzen und der reinsten Moral und nicht auf elenden, ausschweifenden Erzeugnissen menschlicher Unwissenheit beruhe.

»Und wenn wir«, sagte Oroboni, »durch ein kaum zu hoffendes günstiges Geschick in die Gesellschaft zurückkehrten, würden wir so schwachmütig sein, das Evangelium nicht offen zu bekennen? in Verlegenheit zu geraten, wenn jemand sich einbildete, die Gefangenschaft habe unsere Seelen gedemütigt, und wir seien aus geistiger Schwachheit im Glauben fester geworden?«

»Teurer Oroboni,« erwiderte ich, »deine Frage enthält mir deine Antwort, und die meine lautet ebenso. Die Spitze aller Gemeinheit ist es, sich zum Sklaven des Urteils anderer zu machen, wenn man die Überzeugung hat, daß es falsch sei. Ich glaube nicht, daß wir, du oder ich, diese Gemeinheit je haben werden.«

Bei diesen Herzensergüssen lud ich eine Schuld auf mich. Ich hatte es Giuliano zugeschworen, niemals jemandem seinen wahren Namen zu nennen, noch ihm anzuvertrauen, welche Beziehungen zwischen uns stattgefunden hätten. Ich erzählte Oroboni alles und fügte hinzu: »In der Welt würde nichts davon je über meine Lippen kommen, aber wir sind hier im Grabe, und falls du auch herauskämst, so weiß ich, daß ich mich auf dich verlassen kann.«

Die edle Seele schwieg dazu.

»Warum antwortest du mir nicht?« fragte ich ihn.

Endlich fing er an, mich wegen der Verletzung des Geheimnisses ernstlich zu tadeln. Sein Vorwurf war gerecht. Keine Freundschaft, sie sei so innig, wie sie wolle, sie sei noch so sehr durch Tugend befestigt, darf uns zu solcher Verletzung berechtigen.

Aber da ich diese Schuld einmal auf mich geladen, so leitete Oroboni etwas Gutes daraus für mich ab. Er hatte Giuliano gekannt und wußte einige ehrenvolle Züge aus seinem Leben. Er erzählte sie mir und sagte dabei: »Dieser Mann hat so oft als Christ gehandelt, daß er seine Wut gegen das Christentum nicht bis zum Grabe ausdehnen kann. Hoffen wir, hoffen wir dies! Und du, Silvio, bemühe dich, die Ausbrüche seiner üblen Laune ihm von Herzen zu verzeihen, und bete für ihn!«

Seine Worte waren mir heilig.

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