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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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65.

In den ersten Tagen war angeordnet, jeder von uns sollte zweimal in der Woche eine Stunde spazierengehen dürfen. In der Folge erlaubte man uns diese Erholung einen Tag um den anderen und später jeden Tag mit Ausnahme der Festtage.

Jeder von uns ward von den anderen abgesondert spazierengeführt, begleitet von zwei Soldaten mit dem Gewehr auf der Schulter. Da meine Zelle am Ende des Ganges gelegen war, so mußte ich, jedesmal wenn ich herauskam, an den Kerkern meiner italienischen Mitgefangenen vorüber: nur Maroncelli war der einzige, der noch drunten schmachtete.

»Angenehmen Spaziergang!« flüsterten mir alle durch das Loch in ihren Türen zu; aber stillzustehen, um einen von ihnen zu begrüßen, war mir nicht erlaubt.

Zuerst stieg man eine Treppe hinunter, dann ging es über einen weiten Hofraum, von da gelangte man auf einen nach Süden gelegenen Wall, von wo man die Stadt Brünn und ein beträchtliches Stück von der Umgegend sehen konnte.

Auf dem eben genannten Hofe waren stets viele von den gemeinen Sträflingen, welche an die Arbeit gingen oder von derselben kamen, oder die miteinander im Gespräche eilig vorübergingen. Unter diesen befanden sich auch Räuber aus Italien, die mich mit großer Achtung grüßten und untereinander redeten: »Er ist kein Straßenräuber wie wir, und doch sitzt er in strenger Haft.«

In der Tat hatten jene mehr Freiheit als ich.

Ich vernahm diese und noch andere Bemerkungen von ihnen und erwiderte ihren Gruß mit Herzlichkeit. Einmal äußerte einer von ihnen zu mir: »Ihr Gruß, mein Herr, tut mir wohl. Sie sehen vielleicht in meinem Gesicht etwas, das keine Verruchtheit verrät. Eine unglückliche Leidenschaft riß mich fort, ein Verbrechen zu begehen; aber ein Bösewicht, mein Herr, nein, das bin ich nicht!«

Dabei stürzten ihm die Tränen aus den Augen. Ich reichte ihm die Hand, er aber durfte sie mir nicht drücken. Nicht aus übelwollen, sondern wegen der ihnen vorgeschriebenen Befehle riefen ihn meine Wachen zurück. Sie durften niemand, wer es auch sein mochte, sich mir nähern lassen. Richteten jene Sträflinge wohl einmal ein paar Worte an mich, so taten sie so, als wenn sie unter sich sprächen; merkten meine beiden Soldaten aber, daß es mir galt, so befahlen sie ihnen zu schweigen.

Über diesen Hof gingen außerdem Leute der verschiedensten Art, die nicht zur Festung gehörten, die den Oberinspektor oder den Kaplan, den Sergeanten oder einen der Korporale besuchen wollten. »Das ist einer von den Italienern! Sieh, einer von den Italienern!« sagten sie dann halblaut. Sie blieben stehen, um mich zu betrachten, öfters hörte ich sie auch auf deutsch sagen, indem sie meinten, ich verstände sie nicht: »Der arme Herr wird nicht alt werden; der Tod steht ihm schon im Gesicht geschrieben.«

In der Tat, obwohl sich meine Gesundheit im Anfang etwas gebessert hatte, siechte ich doch infolge der kärglichen Nahrung hin, und häufig hatte ich neue Fieberanfälle. Mühsam schleppte ich meine Kette bis zu dem Platze des Spazierganges, dort warf ich mich in das Gras und blieb hier gewöhnlich solange liegen, bis meine Stunde um war.

Die Wachen standen oder saßen neben mir, und wir schwatzten miteinander. Einer von den Soldaten, mit Namen Kral, war ein Böhme, obwohl aus einer bäurischen und armen Familie, hatte er doch ein gewisses Maß von Erziehung erhalten, und sich, sogut er konnte, weitergebildet, indem er mit gesundem Urteil über die Dinge der Welt reflektierte und alle Bücher las, die ihm in die Hände kamen. Er kannte Klopstock, Wieland, Goethe, Schiller und viele andere treffliche deutsche Schriftsteller, wußte unzählige Stellen auswendig und sagte sie mit Verständnis und mit Gefühl her. Die andere Wache war ein Pole mit Namen Kubitzky, er war unwissend, aber höflich und gutmütig. Ihre Gesellschaft war mir sehr angenehm.

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