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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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62.

Inzwischen wurden die Sträflingskleider für uns gemacht. Nach fünf Tagen brachte man mir meinen Anzug. Er bestand in einem Paar Hosen von grobem Tuche, auf der rechten Seite von grauer Farbe, auf der linken kapuzinerbraun; ferner aus Weste und Jacke von denselben Farben, nur waren diese bei der letzteren umgekehrt verteilt, das heißt das Braune rechts, das Graue auf die linke Seite. Die Strümpfe waren aus grober Wolle, das Hemd von Sackleinwand voller stachliger Hecheln – im wahren Sinne des Wortes ein härenes Gewand; als Halstuch gab es einen Lappen von Leinwand derselben Art wie die des Hemdes. Die Schuhe waren von ungefärbtem Leder und zum Zuschnüren, die Kopfbedeckung war weiß.

Diese Uniform ward durch die Eisen an den Füßen vervollständigt; diese bestanden in einer Kette, welche von einem Beine zum anderen ging, die Enden derselben wurden durch Nägel aneinandergehalten, die man auf dem Ambos festnietete. Der Schmied, der dies Geschäft an mir vornahm, sagte in der Meinung, ich verstände kein Deutsch, zu einer der Wachen: »So krank wie der ist, da hätte man mir den Spaß auch ersparen sollen: nicht zwei Monate vergehen, so wird der Todesengel kommen und ihn befreien.«

»Möchte es sein!« sagte ich zu ihm, indem ich ihm auf die Schulter klopfte.

Der arme Mann fuhr ganz erschrocken auf und war voll Verlegenheit; dann setzte er hinzu: »Ich hoffe, daß ich kein Prophet sein werde, und wünsche, daß Sie von einem ganz anderen Engel befreit werden möchten.«

»Glaubt Ihr nicht vielmehr,« gab ich zur Antwort, »daß auch der Todesengel willkommen wäre, ehe man ein solches Leben führt?«

Er nickte bejahend mit dem Kopfe und ging, mich bedauernd, hinweg.

Wahrhaftig, gern hätte ich zu leben aufgehört, aber zu einem Selbstmorde fühlte ich keine Versuchung. Die Schwäche meiner Lungen, hoffte ich, würde schon so weit gediehen sein, daß es rasch mit mir zu Ende ginge. Gott aber hatte es anders beschlossen. Die Anstrengung der Reise hatte mich sehr angegriffen: die Ruhe brachte mir einige Erholung.

Wenige Augenblicke, nachdem der Schmied von mir fortgegangen, vernahm ich aus dem Erdgeschosse her die Schläge des Hammers auf dem Ambos. Schiller war noch in meiner Zelle.

»Hört Ihr die Schläge?« sagte ich zu ihm. »Sicher legen sie jetzt dem armen Maroncelli die Eisen an.«

Während ich dies sagte, fühlte ich mein Herz so zusammengeschnürt, daß ich wankte und hingefallen wäre, wenn der gute Alte mich nicht gestützt hätte. Länger als eine halbe Stunde blieb ich in einem Zustande, der einer Ohnmacht glich, obwohl es eine solche nicht war. Ich konnte nicht sprechen, meine Pulse schlugen kaum, kalter Schweiß brach über meinen ganzen Körper aus, und dessenungeachtet verstand ich jedes Wort Schillers und hatte die lebhafteste Erinnerung an die Vergangenheit und das vollste Bewußtsein der Gegenwart.

Der Befehl des Oberinspektors und die Achtsamkeit der Wachen hatten bis jetzt alle benachbarten Gefängnisse in Stillschweigen erhalten. Drei- oder viermal hatte ich ein italienisches Lied anstimmen hören, aber die Rufe der Schildwachen hatten es sogleich unterdrückt. Von diesen standen mehrere auf dem Walle vor unseren Fenstern, eine auf dem Gange selbst; letztere ging beständig auf und ab, horchte an den Türen, sah durch die Schieblöcher, um jedes Geräusch zu verhindern.

Eines Tages gegen Abend (jedesmal, wenn ich daran denke, erregt es mir dasselbe Herzklopfen wie damals) traf es sich durch einen glücklichen Zufall, daß die Wachen weniger aufpaßten, da hörte ich, wie mit etwas gedämpfter, aber klarer Stimme in dem anstoßenden Gefängnisse ein Liedchen angestimmt und fortgesungen wurde.

Ach, welche Freude, welche Rührung erfaßte mich!

Ich sprang von meinem Strohsacke auf, spannte das Ohr an, und als das Singen aufhörte, brachen mir unaufhaltsam die Tränen hervor.

»Wer bist du, Unglücklicher?« rief ich; »wer bist du? Sage mir deinen Namen. Ich bin Silvio Pellico.«

»Ach, Silvio!« schrie der Nachbar, »ich kenne dich nicht von Ansehen, aber seit lange schon liebe ich dich. Tritt ans Fenster und laß uns trotz der Schergen miteinander sprechen.«

Ich klammerte mich ans Fenster, er nannte mir seinen Namen, und wir wechselten einige zärtliche Worte.

Er war Graf Antonio Oroboni, aus Fratta bei Rovigo gebürtig, ein junger Mann von neunundzwanzig Jahren.

Ach, bald wurden wir von drohenden Rufen der Wachen unterbrochen! Die eine auf dem Korridor stieß mit dem Flintenkolben zuerst gegen Orobonis Tür, dann gegen meine. Wir wollten und konnten nicht gehorchen; allein, nun wurden die wilden Flüche derselben derart, daß wir aufhörten, nachdem wir uns vorgenommen, wieder anzufangen, sobald die Wachen abgelöst sein würden.

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