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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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61.

Am Donnerstagmorgen – die Nacht war furchtbar gewesen, ich fühlte mich äußerst schwach, meine Glieder waren von den Brettern wie zerschlagen – geriet ich tüchtig in Schweiß. Es kam die Visitation. Der Oberinspektor war nicht dabei: da ihm die frühe Stunde nicht paßte, kam er etwas später.

»Ihr seht,« sagte ich zu Schiller, »wie ich von Schweiß triefe; aber schon fröstelt's mir auf dem Leibe, es wäre gut, wenn ich schnell das Hemd wechseln könnte.«

»Das geht nicht!« schrie er mit grober Stimme.

Mit den Augen aber und mit der Hand gab er mir ein Zeichen. Nachdem der Korporal und die Wachen sich entfernt hatten, gab er mir nochmals einen Wink in dem Augenblicke, wo er die Tür schloß. Bald darauf erschien er wieder und brachte mir eins von seinen Hemden, das zweimal so lang war als ich.

»Für Sie,« sagte er, »ist es etwas zu lang, allein ich habe jetzt keine anderen da.«

»Danke Euch, mein Freund, aber da ich einen Koffer voll Wäsche nach dem Spielberg mitgebracht habe, hoffe ich, daß man mir den Gebrauch meiner eignen Hemden nicht verwehren wird: Habt die Gefälligkeit und geht zu dem Oberinspektor, um Euch eins davon auszubitten.«

»Das ist nicht erlaubt, mein Herr, Ihnen ein Stück Ihrer eignen Wäsche zu lassen. Jeden Sonnabend werden Sie ein Hemd des Hauses, wie es die übrigen Gefangenen haben, erhalten.«

»Trefflicher Alter,« versetzte ich, »Ihr seht, in welchem Zustande ich bin; wahrscheinlich werde ich hier lebend nicht wieder herauskommen: ich werde Euch niemals irgendwie erkenntlich sein können.«

»Schämen Sie sich, Herr!« rief er. »Schämen Sie sich! Von Erkenntlichkeit zu jemandem zu reden, der keine Gefälligkeit leisten kann! der kaum einem Kranken verstohlen ein Hemd leihen kann, daß er seinen schweißtriefenden Körper trockne!«

Und als er mir sein langes Hemd etwas derb übergezogen hatte, ging er brummend ab und verschloß die Tür mit einem Geräusch, als wenn er sehr zornig wäre.

Etwa zwei Stunden später brachte er mir ein Stück schwarzes Brot.

»Das ist die Portion für zwei Tage,« sagte er.

Dann fing er an, brummend auf und ab zu gehen.

»Was habt Ihr?« fragte ich. »Seid Ihr auf mich böse? Ich habe ja das Hemd angenommen, das Ihr mir freundlich angeboten habt.«

»Ich hin nur auf den Arzt wütend, der doch hätte daran denken sollen, heute herzukommen, wenn auch Donnerstag ist!«

»Geduld!« sagte ich.

Ich redete von Geduld, und doch war ich nicht imstande, auf der Pritsche zu liegen, da ich nicht einmal ein Kopfkissen hatte: alle Knochen taten mir weh.

Um elf Uhr brachte mir ein Sträfling in Begleitung Schillers das Mittagessen. Dasselbe bestand in zwei eisernen Schüsselchen, von denen die eine eine greuliche Suppe enthielt, die andere Gemüse mit einer so stark gesalzenen Brühe, daß allein schon der Geruch davon Ekel erregte. Ich versuchte einen Löffel Suppe hinunterzuschlucken: aber es war mir nicht möglich.

Schiller gab mir wiederholt den Rat: »Fassen Sie sich ein Herz; sehen Sie zu, daß Sie sich an diese Speisen gewöhnen, sonst wird es Ihnen so gehen, wie es den anderen ergangen ist, daß Sie nichts weiter als ein wenig Brot verzehren und dann an Entkräftung sterben.«

Am Freitagmorgen kam endlich Doktor Bayer. Er fand mich im Fieber, verordnete mir einen Strohsack und bestand darauf, daß ich aus diesem unterirdischen Gefängnisse ins obere Geschoß gebracht würde. Dies ging aber nicht an, weil kein Raum war. Aber nachdem man dem Grafen Mitrowsky, dem in Brünn residierenden Gouverneur der beiden Provinzen Mähren und Schlesien, darüber Bericht erstattet hatte, gab dieser Anweisung, daß bei der Heftigkeit meiner Krankheit der Antrag des Arztes auszuführen sei.

In das Zimmer, in das sie mich brachten, drang doch ein wenig Licht; und wenn ich mich an die Gitterstäbe des schmalen Fensterchens anklammerte, sah ich das drunten liegende Tal, einen Teil der Stadt Brünn, eine Vorstadt mit vielen Gärtchen, den Kirchhof, den kleinen See bei der Kartause und die bewaldeten Hügel, die uns von den berühmten Feldern von Austerlitz trennten.

Dieser Anblick entzückte mich. Ach, wie sehr hätte ich mich gefreut, hätte ich ihn mit Maroncelli teilen dürfen!

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