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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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60.

Am Abend kam der Oberinspektor, von Schiller, einem anderen Korporal und zwei Soldaten begleitet, um eine Durchsuchung zu halten.

Für jeden Tag waren drei solcher Visitationen vorgeschrieben: am Morgen, abends und um Mitternacht. Sie durchsuchten jeden Winkel des Kerkers, jeden geringfügigen Gegenstand in demselben; dann gingen die Untergebenen hinaus, und der Inspektor (der morgens und abends niemals fehlte) blieb zurück, um einige Worte mit mir zu wechseln.

Als ich das erstemal diesen Trupp eintreten sah, kam mir ein sonderbarer Gedanke ein. Noch unbekannt mit diesen lästigen Vorschriften und im Fieber phantasierend, bildete ich mir ein, sie kämen auf mich los, um mich umzubringen, ich griff nach der langen Kette, die neben mir lag, um damit dem ersten, der mir nahekommen würde, den Kopf zu zerschmettern.

»Was machen Sie da?« rief der Oberinspektor. »Wir kommen nicht, um Ihnen ein Leid anzutun. Dieser Besuch geschieht der Vorschrift gemäß durch alle Gefängnisse zu dem Zwecke, um uns zu versichern, daß alles darin regelrecht zugehe.«

Ich schwankte noch; aber da ich Schillern nähertreten und mir freundlich die Hand hinreichen sah, da flößte mir sein väterlicher Anblick Vertrauen ein: ich ließ die Kette los und ergriff mit meinen beiden Händen die seinige.

»O, wie er heiß ist!« sagte er zu dem Inspektor. »Man könnte ihm wenigstens einen Strohsack geben!«

Diese Worte sprach er mit einem Ausdrucke so wahrer, so besorgter Herzlichkeit, daß sie mich rührten.

Der Oberinspektor fühlte meinen Puls, bedauerte mich: es war ein Mann von menschenfreundlichem Wesen, aber er wagte nicht, eine willkürliche Anordnung zu treffen.

»Hier gilt die ganze Strenge des Gesetzes auch für mich,« sagte er. »Wenn ich nicht jede Vorschrift buchstäblich erfülle, riskiere ich, meines Amtes enthoben zu werden.«

Schiller verzog die Lippen, und ich hätte wetten mögen, daß er bei sich dachte: Wäre ich Oberinspektor, soweit würde ich meine Besorgnis auch nicht treiben; eine Willkür, die so durch die Notwendigkeit gerechtfertigt wird und der Monarchie so wenig gefährlich ist, brauchte man auch nicht als ein so großes Vergehen anzusehen.

Als ich wieder allein war, wurde mein Herz, in dem seit lange schon kein tiefes religiöses Gefühl sich geregt hatte, weich, und ich betete. In diesem Gebet flehte ich den Segen Gottes auf Schillers Haupt herab und fügte hinzu: – o Gott, laß mich doch an anderen irgendeine gute Eigenschaft erkennen, die sie meinem Herzen wert macht; alle Qualen des Kerkers nehme ich hin, aber ach, laß mich lieben, ach, mache mich von der Qual frei, meinen Nächsten zu hassen!

Um Mitternacht hörte ich im Gange zahlreiche Schritte. Die Schlüssel rasseln und die Tür öffnet sich. Es ist der Korporal mit zwei Wachen, um die Visitation vorzunehmen.

»Wo ist mein alter Schiller?« sagte ich mit sehnsüchtigem Verlangen. Er war auf dem Gange geblieben.

»Hier bin ich, hier bin ich!« antwortete er.

Dann trat er an meine Pritsche, fühlte wieder meinen Puls, beugte sich besorgt über mich, um mir ins Gesicht zu sehen wie ein Vater am Krankenlager seines Sohnes.

»Jetzt fällt mir ein, daß morgen Donnerstag ist!« murmelte er vor sich hin; »erst Donnerstag!«

»Was wollt Ihr damit sagen?«

»Daß der Arzt gewöhnlich nur Montags, Mittwochs und Freitags früh kommt, und daß er morgen eben nicht kommen wird.«

»Macht Euch deswegen keine Sorge.«

»Was? Ich soll mir keine Sorge darum machen, soll mir keine Sorge machen! In der ganzen Stadt spricht man von nichts anderem als von der Ankunft der Herren: der Arzt muß dies notwendig erfahren haben. Was zum Teufel kann er sich nicht ausnahmsweise die Mühe machen, einmal öfter zu kommen?«

»Wer weiß, ob er nicht morgen kommt, wenn es auch Donnerstag ist?«

Der Alte sagte nichts weiter, sondern drückte mir mit so ungestümer Gewalt die Hand, als wollte er sie mir zerquetschen. Obwohl er mir wehe tat, freute es mich doch. Es war eine Freude, wie sie ein Verliebter empfindet, wenn seine Schöne ihm beim Tanze auf die Füße tritt: vor Schmerz möchte er laut aufschreien, aber statt dessen lächelt er und fühlt sich glücklich.

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