Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Silvio Pellico >

Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
Schließen

Navigation:

59.

Wenn wir in die Lage kommen, von einem Menschen, den wir vorher für schlecht hielten, eine bessere Meinung zu gewinnen, dann achten wir auf sein Gesicht, auf seine Worte und seine Art sich zu benehmen, und bald wird es uns dünken, als entdeckten wir darin deutliche Zeichen seiner Redlichkeit. Beruht diese Entdeckung auf etwas Wirklichem? Ich vermute, es sei bloße Täuschung. Dies selbe Gesicht, dieselbe Stimme, dies selbe Benehmen schienen uns kurz vorher ausdrückliche Zeichen von Schurkerei an sich zu tragen. Hat sich aber unser Urteil über die moralischen Eigenschaften geändert, da ändern sich bald auch die Schlüsse unserer physiognomischen Weisheit. Wie viele Gesichter machen auf uns einen ehrwürdigen Eindruck, weil wir wissen, daß sie braven Männern angehörten, schwerlich aber würden wir glauben können, daß diese selben Gesichter Ehrfurcht einzuflößen vermöchten, wenn sie anderen Sterblichen angehört hätten. Und so umgekehrt. Ich mußte einmal über eine Dame lachen, die eine Büste Catilinas sah und ihn mit Collatinus verwechselte, in dem Gesicht meinte sie den erhabenen Schmerz des Collatinus über den Tod der Lucretia wahrzunehmen. Und doch sind derartige Täuschungen ganz gewöhnlich.

Ich meine nicht, daß es nicht auch Gesichter guter Menschen gäbe, welche den Charakter der Güte sehr deutlich an sich tragen, und wiederum Gesichter von Schurken, die den Stempel der Schurkerei deutlich zeigen; aber ich behaupte doch, daß bei den meisten Physiognomien der Ausdruck zweifelhaft sei.

Kurz, als der alte Schiller meine Gunst schon etwas gewonnen hatte, betrachtete ich ihn aufmerksamer als zuvor, und nun mißfiel er mir nicht mehr. Die Wahrheit zu sagen, auch in seiner Art zu reden traten mitten unter einer gewissen Rauheit Züge eines edlen Charakters hervor.

»Da ich es bis zum Korporal gebracht habe,« erzählte er mir, »so hat man mir das traurige Amt eines Kerkermeisters als Ruheposten verliehen: und Gott ist mein Zeuge, daß es mir oft weit mehr Kummer verursacht, als wenn ich in der Schlacht das Leben wagen müßte!«

Es tat mir leid, daß ich vorher mit solchem Trotz von ihm verlangt hatte, er solle mir zu trinken geben. »Mein lieber Schiller,« sagte ich zu ihm und streichelte dabei seine Hand, »Ihr weist es vergebens von Euch, ich sehe, daß Ihr ein guter Mann seid, und obwohl ich in dies Elend geraten bin, danke ich dem Himmel, daß er Euch mir zum Wächter gegeben hat.«

Er hörte meine Worte an, schüttelte den Kopf, antwortete dann, sich die Stirn reibend, wie ein Mann, der einen unbequemen Gedanken hat: »Nein, ich bin schlecht, mein Herr; man hat mich einen Eid leisten lassen, dem ich nie ungetreu werden will. Es ist meine Pflicht, alle Gefangenen ohne Rücksicht auf ihre Lage zu behandeln, ohne Nachsicht, ohne Gestattung von Mißbräuchen, und vor allen die Staatsgefangenen. Der Kaiser weiß, was er tut; ich muß ihm gehorchen.«

»Ihr seid ein braver Mann, und ich werde das achten, wozu Ihr Euch in Eurem Gewissen für verpflichtet haltet. Wer mit aufrichtigem Gewissen handelt, kann irren, aber er ist rein vor Gott.«

»Armer Herr! haben Sie Geduld, und seien Sie nachsichtig gegen mich. In meinen Pflichten werde ich eisenfest sein, aber das Herz ... das Herz ist voll Kummer, den Unglücklichen nicht helfen zu können. Das ist, was ich Ihnen sagen wollte.«

Beide waren wir gerührt. Er bat, mich ruhig zu verhalten, nicht in Wut zu geraten, wie es die Verurteilten oft tun, und ihn nicht zu zwingen, daß er mich hart behandeln müßte.

Darauf nahm er wieder einen rauhen Ton an, wie um sein Mitleid zum Teil zu verbergen, und sagte: »Jetzt muß ich fortgehen.« Dann kehrte er nochmals um, fragte mich, seit wann ich so erbärmlich hustete und stieß eine grobe Verwünschung gegen den Arzt aus, weil er nicht gleich diesen Abend zu mir käme.

»Sie haben ein Fieber wie ein Pferd,« setzte er hinzu, »ich verstehe mich darauf. Sie brauchten wenigstens einen Strohsack, aber ehe der Arzt ihn nicht verordnet hat, dürfen wir ihn nicht geben.«

Er ging hinaus, verschloß die Tür, und ich streckte mich, vom Fieber geschüttelt und unter heftigen Brustschmerzen auf die harten Bretter aus; aber mein Groll und meine Erbitterung gegen die Menschen hatten nachgelassen, und ich fühlte mich Gott wieder näher.

 << Kapitel 59  Kapitel 61 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.