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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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58.

Das war das Schmerzlichste von allem: – nachdem man schon so vielen geliebten Gegenständen Lebewohl gesagt hat, und wenn man nun nur noch einen Freund besitzt, der unser Unglück teilt, ach ja, dann ist es das Schmerzlichste, auch von ihm getrennt zu werden! Maroncelli sah, als er mich verlassen mußte, wie krank ich war, und bedauerte in mir einen Menschen, den er wahrscheinlich nie wiedersehen würde: und ich betrauerte in ihm eine von Gesundheit strahlende Blume, die vielleicht für immer aus dem belebenden Lichte der Sonne gewaltsam fortgerissen wurde. Und diese Blume, ach, wie welkte sie in der Tat hin! Wohl erblickte sie eines Tages das Licht wieder: aber, ach, in welchem Zustande war sie da!

Da ich mich in dieser schaurigen Höhle allein befand, die eisernen Riegel sich hinter mir schließen hörte, und im Zwielicht, welches durch ein hohes Fensterchen hereinfiel, die nackte mir zum Bett bestimmte Bank und eine furchtbare Kette an der Wand erblickte, setzte ich mich schaudernd auf dies Lager nieder, ergriff die Kette und maß ihre Länge, denn ich dachte, daß sie für mich bestimmt wäre.

Nach einer halben Stunde hörte ich die Schlüssel klirren; die Tür öffnet sich: der Kerkermeister bringt mir einen Krug Wasser.

»Dies ist zum Trinken,« sagte er mit mürrischem Tone; »morgen werde ich das Brot bringen.«

»Danke, guter Mann!«

»Ich bin kein guter Mann,« versetzte er.

»Um so schlimmer für Euch,« sagte ich aufgebracht. »Und diese Kette,« fügte ich hinzu, »ist sie vielleicht für mich?«

»Ja, Herr, wenn Sie sich nicht ruhig verhalten, wenn Sie toben, wenn Sie Ungebührliches reden. Aber wenn Sie vernünftig sind, werden wir Ihnen nur eine Kette an die Füße legen. Der Schmied macht sie eben erst zurecht.«

Dabei ging er langsam auf und nieder, das häßliche Bund großer Schlüssel hin und her schwenkend; mit wütendem Blicke betrachtete ich inzwischen seine riesige, magere, gealterte Gestalt; und trotz der nicht gemeinen Züge seines Gesichts schien mir alles an ihm den gehässigsten Ausdruck einer brutalen Härte zu tragen!

Ach, wie ungerecht sind die Menschen, wenn sie nach dem Scheine und nach ihren hochmütigen Vorurteilen richten! Der Mann, von dem ich meinte, daß er die Schlüssel lustig schüttelte, um mich seine traurige Amtsgewalt fühlen zu lassen, derselbe Mann, von dem ich meinte, er sei infolge einer langgewöhnten harten Ausübung derselben unverschämt geworden, hegte in seinem Innern Empfindungen des Mitleids und sprach mit diesem mürrischen Tone sicherlich nur deshalb, um diese Stimmung zu verbergen. Er mochte sie nicht sehen lassen wollen, um nicht schwach zu erscheinen und vielleicht darum, weil er fürchtete, ich wäre dessen nicht würdig; zur selben Zeit hätte er aber auch wohl gewünscht, sie mir zu offenbaren, weil er annahm, daß ich weniger ruchlos als unglücklich sei.

Da mir seine Gegenwart und mehr noch seine herrische Miene lästig zu werden anfing, hielt ich es für angemessen, ihn zu demütigen und sagte in befehlendem Tone, wie zu einem Diener: »Gebt mir zu trinken.«

Er sah mich an und schien mir anzudeuten: Anmaßender! Hier muß man sich das Befehlen abgewöhnen. Aber er sagte nichts, bückte seine lange Gestalt, nahm den Krug von der Erde und reichte ihn mir hin. Als ich nach demselben griff, bemerkte ich, daß er zitterte, und da ich das Zittern seinem Alter zuschrieb, milderte ein Gemisch von Mitleid und Ehrfurcht meinen Groll.

»Wie alt seid Ihr?« fragte ich mit freundlichem Tone.

»Vierundsiebzig Jahre, mein Herr; ich habe schon viel Unglück, eignes und fremdes, erlebt.«

Diese Hindeutung auf das eigne und fremde Unglück war wiederum von einem Zittern begleitet, ich sah es in dem Moment, wo er mir den Krug wieder abnahm; ich schwankte, ob dasselbe bloß die Folge des Alters oder nicht vielmehr das Zeichen einer edlen Verlegenheit sei. Meine Ungewißheit hierüber verscheuchte den Haß aus meinem Herzen, den sein Anblick in mir hervorgerufen hatte.

»Wie heißt Ihr?« fragte ich weiter.

»Mein Herr, das Schicksal hat sich mit mir einen Scherz gemacht und mir den Namen eines großen Mannes gegeben. Ich heiße Schiller.«

Darauf erzählte er mir mit wenigen Worten, aus welchem Lande er her sei, aus was für einem Stande er herstamme, welche Kriege er erlebt und welche Wunden er davongetragen habe.

Er war ein Schweizer und stammte von Bauersleuten ab: unter dem General Laudon, in den Zeiten Maria Theresias und Josephs des Zweiten, hatte er gegen die Türken gedient, ferner in allen Kriegen Österreichs gegen Frankreich, bis zum Sturze Napoleons.

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