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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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57.

Am zehnten April langten wir an dem Orte unserer Bestimmung an.

Brünn ist die Hauptstadt von Mähren, und hier hat der Statthalter der beiden Provinzen Mähren und Schlesien seinen Sitz. Es ist in einem lachenden Tale gelegen und hat das Aussehen einer gewissen Wohlhabenheit. Damals blühten dort viele Tuchfabriken, die aber später herabkamen; die Bevölkerung zählte ungefähr dreißigtausend Seelen.

Nahe bei seinen Mauern, nach Westen zu, erhebt sich ein Berg, und auf diesem sitzt der verhängnisvolle Fels Spielberg, ehemals die Burg der Fürsten von Mähren, heute das härteste Zuchthaus der österreichischen Monarchie. Es war früher eine äußerst feste Zitadelle, aber die Franzosen beschossen dieselbe und nahmen sie in den Zeiten der berühmten Schlacht von Austerlitz ein (das Dorf Austerlitz liegt in geringer Entfernung). Später ward sie nicht wieder aufgebaut, um als Festung dienen zu können, nur einen Teil der zerstörten Ringmauer stellte man wieder her. Gegen dreihundert Verurteilte, größtenteils Räuber und Mörder, sind dort eingesperrt, einige in schwerer, andere in sehr schwerer Gefängnishaft.

Der Ausdruck »schwere Haft« hat zu bedeuten, daß man zur Arbeit verpflichtet ist, eine Kette an den Füßen tragen, auf bloßen Brettern schlafen und die ärmlichste Kost essen muß, die sich nur denken läßt. Die zu »sehr schwerer Haft« Verurteilten sind noch furchtbarer gefesselt, mit einem eisernen Gurt um die Hüften, die Kette ist in der Mauer befestigt, so daß man kaum bis an die Pritsche gelangen kann, welche als Bett dient: die Kost ist dieselbe, obschon das Gesetz Wasser und Brot vorschreibt.

Wir Staatsgefangenen waren zu schwerem Kerker verurteilt.

Als wir den Abhang dieses Berges hinaufstiegen, wandten wir die Augen noch einmal rückwärts, um der Welt Lebewohl zu sagen, denn wir glaubten nicht, daß der Abgrund, der uns lebendig verschlang, sich je wieder für uns öffnen werde. Ich war äußerlich ruhig, im Innern aber grollte ich. Vergebens suchte ich bei der Philosophie Zuflucht, um Ruhe und Fassung zu gewinnen; die Philosophie aber hatte keine ausreichenden Gründe für mich.

Da ich schon mit geschwächter Gesundheit von Venedig abgereist war, so hatte mich die Reise außerordentlich angegriffen. Der Kopf und der ganze Körper schmerzten mir: Fieberhitze durchglühte mich. Das körperliche Leiden trug dazu bei, meinen Zorn rege zu erhalten.

Wir wurden dem Oberaufseher des Spielbergs übergeben, und dieser schrieb unsere Namen in das Verzeichnis der Gefangenen, mitten unter die Namen der Räuber. Voll Rührung umarmte uns der kaiserliche Kommissar zum Abschiede: Meine Herren, sagte er, vor allem empfehle ich ihnen Folgsamkeit; die geringste Verletzung der Disziplin kann von dem Herrn Oberaufseher mit harten Strafen belegt werden.

Nachdem die Übergabe stattgefunden hatte, wurden Maroncelli und ich in einen unterirdischen Gang geführt, wo sich zwei finstere Zimmer, die nicht zusammenstießen, für uns öffneten. Jeder von uns ward in seine Höhle eingeschlossen.

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