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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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55.

Endlich traf der Kommissar aus Deutschland ein und meldete uns persönlich, daß wir in zwei Tagen abreisen würden.

»Ich habe,« fügte er hinzu, »das Vergnügen, Ihnen eine tröstliche Mitteilung machen zu können. Während meiner Rückfahrt vom Spielberg sah ich zu Wien Seine Majestät den Kaiser, derselbe sagte mir, er wolle die Tage der Strafzeit der Herren nicht zu vierundzwanzig, sondern nur zu zwölf Stunden gelten lassen. Mit diesem Ausdruck wollte er andeuten, daß die Strafe nur auf die Hälfte bemessen sei.«

Diese Verkürzung wurde uns zwar nachher niemals amtlich mitgeteilt, aber es lag keine Wahrscheinlichkeit vor, daß der Kommissar uns etwas vorlöge, um so mehr, da er uns diese Mitteilung nicht insgeheim, sondern mit Wissen der Kommission machte.

Gleichwohl konnte ich mich darüber nicht freuen; denn meinem Geiste waren sieben und ein halbes Jahr in Ketten nicht viel weniger schrecklich als fünfzehn Jahre. Es schien mir unmöglich, daß ich so lange leben könnte.

Mit meiner Gesundheit stand es wieder sehr schlecht. Ich fühlte heftige Schmerzen in der Brust, dazu hustete ich, so daß ich fürchtete meine Lunge sei krank. Speise nahm ich nur wenig zu mir, und dies wenige verdaute ich nicht.

Unsere Abreise geschah in der Nacht vom 25. zum 26. März. Man erlaubte uns, den Doktor Cesare Armari, unseren Freund, zum Abschiede zu umarmen. Ein Polizeidiener legte uns an die rechte Hand und den linken Fuß eine quer über den Körper laufende Kette, damit uns zu entfliehen unmöglich wäre. Wir stiegen in die Gondel, und unsere Bewachung ruderte nach Fusina.

Hier standen zwei Fuhrwerke für uns bereit. Rezia und Canova stiegen in das eine, Maroncelli und ich in das andere. In dem einen befand sich der Kommissar neben den zwei Gefangenen, in dem anderen ein Unterkommissar neben den beiden anderen. Sechs oder sieben Polizeidiener mit Flinten und Säbeln machten die übrige Begleitung aus, sie fanden teils im Wagen selber, teils auf dem Kutschersitze Platz. Wenn das Unglück jemand dazu zwingt, sein Vaterland zu verlassen, so ist dies immer schmerzlich; es aber in Ketten zu verlassen, in ein rauhes Klima fortgeführt zu werden, dazu bestimmt zu sein, jahrelang unter Schergen zu verschmachten, das ist etwas so Gräßliches, daß es für eine Schilderung dessen keine Worte gibt!

Je weiter wir uns von Venedig nach den Alpen zu entfernten, um so teurer ward mir von Stunde zu Stunde unser Volk, schon wegen der vielfachen Beweise von Teilnahme, die wir überall bei denen fanden, die uns begegneten. In jeder Stadt, in jedem Dorfe, bei jedem vereinzelt liegenden Hause erwartete man uns, weil die Nachricht von unserer Verurteilung schon seit Wochen bekannt geworden war. In einigen Orten hatten die Kommissare und die Wachen Mühe, die Menge, welche uns umringte, zu zerstreuen. Es war staunenswert, welche wohlwollende Gesinnung man in Rücksicht auf uns an den Tag legte.

Zu Udine begegnete uns eine rührende Überraschung. Als wir im Wirtshause angelangt waren, ließ der Kommissar das Hoftor schließen und die Volksmenge zurücktreiben. Er wies uns ein Zimmer an und gab den Kellnern Befehl, uns zu essen zu bringen und die notwendigen Bedürfnisse für unsere Nachtruhe herbeizuschaffen. Da einen Augenblick später sahen wir drei Menschen mit Matratzen auf den Schultern hereintreten. Wie groß ist unser Erstaunen, als wir bemerken, daß nur einer von ihnen zum Dienstpersonale im Gasthofe gehört, und daß die anderen zwei Bekannte von uns sind! Wir stellten uns, als hätten wir ihnen die Matratzen hinlegen, und drückten ihnen verstohlen die Hand. Nur mit Mühe konnten sie und wir die Tränen zurückhalten. Ach, welche Qual war es, daß wir sie nicht, einander umarmend, vergießen durften.

Die Kommissare merkten nichts von diesem rührenden Auftritte, aber mir kam es so vor, als wenn einer von den Polizeisoldaten das Geheimnis erriet, in dem Augenblicke, wo der gute Dario mir die Hand drückte. Dieser Soldat war ein Venezianer. Er sah mir und Dario ins Gesicht und wurde blaß, er schien zu schwanken, ob er die Stimme erheben sollte, aber er schwieg und richtete die Augen anderswohin, als ob er nichts bemerkte. Wenn er auch nicht erriet, daß dies Freunde von uns waren, so dachte er doch wenigstens, daß es mit uns bekannte Kellner wären.

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