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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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53.

Um neun Uhr vormittags wurden Maroncelli und ich in eine Gondel gebracht und zur Stadt gefahren. Wir landeten in der Nähe des Dogenpalastes und stiegen in die Gefängnisse hinauf. Man brachte uns in das Zimmer, wo vor wenigen Tagen Herr Caporali gewesen; wohin man diesen verlegt hatte, weiß ich nicht. Neun oder zehn Gendarmen saßen zu unserer Bewachung da, wir gingen auf und ab, in Erwartung des Augenblicks, wo man uns auf den Platz geleiten würde. Es währte lange. Erst gegen Mittag erschien der Untersuchungsrichter, um uns anzukündigen, daß wir mitgehen sollten. Der Arzt trat auf uns zu und reichte uns ein Gläschen Pfefferminzwasser, um es vorher zu trinken; wir nahmen es an, und bedankten uns nicht sowohl für das Getränk als für das tiefe Mitleid, welches der gute Alte uns bezeigte. Doktor Dosmo war sein Name. Darauf trat der Gendarmeriehauptmann vor und legte uns die Handschellen an. Wir folgten ihm sodann, von den übrigen Schergen begleitet.

Während wir die herrliche Riesentreppe hinabstiegen, dachten wir an den Dogen Marino Falieri, der hier enthauptet worden, dann traten wir in das große Portal, welches von dem Hofe des Palastes auf die Piazetta führt, von dort wandten wir uns links der Lagune zu. Mitten auf der Piazetta war das Schafott, welches wir besteigen mußten. Von der Riesentreppe bis zu dem Gerüste standen zwei Reihen deutscher Soldaten, zwischen diesen schritten wir mitten hindurch.

Nachdem wir hinaufgestiegen, blickten wir um uns und sahen, welcher Schrecken auf dieser zahllosen Menschenmenge lag. In einiger Entfernung waren andere Abteilungen von Bewaffneten aufgestellt. Man sagte uns, auf allen Seiten ständen Kanonen mit brennenden Lunten.

Und dies war dieselbe Piazetta, wo im September 1820, einen Monat vor meiner Verhaftung, mir ein Bettler zugerufen hatte: »Dies ist ein Unglücksort!«

Ich erinnerte mich dieses Bettlers und dachte bei mir: Wer weiß, ob nicht auch er unter diesen Tausenden von Zuschauern sich befindet, und vielleicht erkennt er mich wieder?

Der deutsche Hauptmann rief uns zu, wir sollten uns gegen den Palast kehren und nach oben schauen. Wir gehorchten und sahen auf der Galerie eine Gerichtsperson mit einem Papier in der Hand: es war das Erkenntnis. Mit erhobener Stimme ward dasselbe vorgelesen.

Ein tiefes Stillschweigen herrschte bis zu dem Ausdrucke, zum Tode verurteilt. Da erhob sich ein allgemeines Gemurmel des Mitleids. Neues Schweigen folgte, um das übrige lesen zu hören. Bei dem Ausdrucke: zu schwerem Kerker verurteilt, Maroncelli zu zwanzig, Pellico zu fünfzehn Jahren, erhob sich ein neues Gemurmel.

Der Hauptmann gab uns ein Zeichen herabzusteigen. Wieder blickten wir um uns und stiegen dann hinab. Wieder schritten wir durch den Hof, stiegen die große Treppe hinauf, kehrten in das Zimmer zurück, aus dem man uns abgeholt hatte; man nahm uns die Handschellen ab und brachte uns dann nach San Michele zurück.

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