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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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50.

Am 11. Januar (1822) gegen neun Uhr morgens benutzte Tremerello eine Gelegenheit, zu mir hereinzukommen und sagte mir mit bewegter Stimme: »Wissen Sie, daß auf der Insel San Michele di Murano, ganz in der Nähe von Venedig, ein Gefängnis ist, in dem wenigstens hundert Karbonari sich befinden?«

»Ich habe das schon ein paarmal von Euch gehört. Aber ... was wollt Ihr damit sagen? ... So sprecht doch! sind etwa Verurteilte dort?«

»Allerdings.«

»Wer denn?«

»Ich weiß nicht.«

»Sollte da mein armer Maroncelli drunter sein?«

»Ach, mein Herr! ich weiß nicht, ich weiß ganz und gar nicht, wer da sein mag.«

Darauf blickte er mich traurig und voll Mitleid an und entfernte sich.

Bald danach erscheint der Kerkermeister in Begleitung der Secondini und mit einem Manne, den ich bisher noch nicht gesehen. Der Kerkermeister schien verlegen. Der Fremde ergriff das Wort: »Mein Herr, die Kommission hat Befehl erteilt, daß Sie mit mir gehen.«

»Ich bin bereit, Ihnen zu folgen,« entgegnete ich; »und wer sind Sie denn?«

»Ich bin der Aufseher über die Gefängnisse von San Michele, wohin Sie gebracht werden sollen.«

Der Kerkermeister von den Bleidächern übergab dem anderen mein Geld, das er in den Händen hatte. Auf meine Bitte erhielt ich die Erlaubnis, den Secondini ein Geschenk machen zu dürfen. Darauf brachte ich meine Sachen in Ordnung, nahm die Bibel unter den Arm und ging. Während ich diese endlosen Treppen hinabstieg, drückte mir Tremerello verstohlen die Hand; er schien mir sagen zu wollen: Unglücklicher, du bist verloren!

Wir traten zu einer Tür hinaus, die nach der Lagune führte; dort stand eine Gondel mit zwei Secondini des neuen Kerkermeisters bereit.

Ich stieg in die Gondel, die Brust von den verschiedensten Empfindungen bewegt: – ein gewisses Bedauern, die Bleidächer verlassen zu müssen, wo ich viel gelitten, wo ich aber doch manchen und mancher mich liebgewonnen hatte – die Freude, nach so langer Einsperrung mich in der freien Luft zu befinden, den Himmel und die Stadt und die Wasser, ohne jene unseligen Vierecke der Gitter, zu sehen, die Erinnerung an die fröhliche Gondel, die mich in viel glücklicherer Zeit über dieselbe Lagune getragen, an die Gondeln des Comersees und des Lago Maggiore, an die Barken des Po, an die auf der Rhone und Saone! ... Ach, die lachenden Jahre, auf immer sind sie dahin! Und wer auf der Welt war so glücklich gewesen als ich?

Geboren von den liebevollsten Eltern, in jener Lage aufgewachsen, die nicht Armut ist und die dir, weil sie zwischen Arm und Reich in der Mitte gelegen ist, die rechte Kenntnis beider Zustände leichter macht – eine Lage, welche ich, das Gemüt des Menschen zu bilden, für am geeignetsten halte – so war ich nach einer Kindheit, die mir unter der milden Fürsorge meiner Eltern still und heiter verflossen, nach Lyon zu einem alten Onkel von mütterlicher Seite gekommen, zu einem Manne, der sehr reich, aber ebensosehr seines Reichtums würdig war, und hier hatte alles, was ein der Anmut und Liebe bedürfendes Herz entzücken kann, die erste Glut meiner Jugendjahre ergötzt: von dort nach Italien zurückgekehrt, hatte ich im Hause meiner Eltern zu Mailand meine Studien fortgesetzt, der Gesellschaft und meinen Büchern mich gewidmet und hatte nur treffliche Freunde und schmeichelhaften Beifall gefunden. Monti und Foscolo, obwohl damals miteinander in Streit, hatten mir in gleicher Weise ihr Wohlwollen geschenkt. Lebhafter fühlte ich mich zu dem letzteren hingezogen, und der sonst so heftige Mann, der durch sein schroffes Wesen so viele von sich abstieß, war gegen mich die Zärtlichkeit und Herzlichkeit selbst gewesen, und ich verehrte ihn auf das innigste. Die übrigen Literaten von Ruf liebten mich ebenfalls, sowie ich sie wieder liebte. Nie traf mich ein Angriff des Neides oder der Mißgunst, oder wenn es geschah, so ging dies wenigstens nur von so verrufenen Leuten aus, die mir nicht schaden konnten. Beim Sturze des Königreichs Italien hatte mein Vater mit den übrigen Mitgliedern unserer Familie seinen Wohnort wieder nach Turin verlegt, nur ich hatte es aufgeschoben, mich mit so geliebten Personen wieder zu vereinigen, und war schließlich in Mailand geblieben, wo so viel Glück mich umgab, daß ich mich nicht entschließen konnte, es zu verlassen.

Neben anderen sehr trefflichen Freunden in Mailand nahmen besonders drei die erste Stelle in meinem Herzen ein: D. Pietro Borsieri, Monsignore Lodovico di Breme und Graf Luigi Porro Lambertenghi. Zu diesen kam später der Graf Federigo Confalonieri hinzu. Ich ward Erzieher bei Porros beiden Knaben und ward ihnen ein zweiter Vater, ihrem Vater ein Bruder. Dies Haus war nicht allein der Sammelplatz alles dessen, was die Stadt an höher Gebildeten besaß, sondern auch einer Menge angesehener Fremder. Dort lernte ich Madame Staël, Schlegel, Davis, Byron, Hobbhouse, Brougham und viele andere berühmte Männer aus verschiedenen Teilen Europas kennen. Ach, wie viele Annehmlichkeiten, welche Anregung, uns selbst zu veredeln, bietet der Verkehr mit verdienstvollen Männern! Ja, ich war glücklich! Nicht mit einem Fürsten hätte ich mein Los vertauscht! – Aus einem so heitren Geschicke nun in die Hände von Schergen zu fallen, von Gefängnis in Gefängnis zu wandern, und zuletzt erdrosselt zu werden oder in den Banden umzukommen!

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