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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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49.

Noch war meine Phantasie von dem Anblicke dieses Brandes lebhaft ergriffen, als ein paar Nächte später – ich war noch nicht zu Bette gegangen, sondern saß, ganz von Frost erstarrt, am Tische und war mit Schreiben beschäftigt – sich plötzlich ganz in der Nähe Stimmen vernehmen ließen; es waren die des Kerkermeisters, seiner Frau, ihrer Söhne und die der Secondini: »Feuer! Feuer! Heilige Jungfrau! Wir sind verloren!«

In einem Nu wich der Frost von mir: ganz von Schweiß bedeckt, sprang ich auf, blickte um mich, ob schon Flammen zu sehen wären. Aber ich bemerkte nichts. Das Feuer war übrigens im Palaste selbst, in einigen von den Gerichtszimmern, dicht neben den Gefängnissen.

Einer von den Aufsehern schrie: »Aber, Herr Vorsteher, wenn das Feuer um sich greift, was soll aus den Herren in ihren Käfigen werden?«

Der Kerkermeister antwortete: »Ich selber möchte sie auch nicht braten lassen, aber ohne Erlaubnis der Kommission darf ich die Gefängnisse doch nicht öffnen. Also flugs, sage ich, laufe geschwind und hole die Erlaubnis.«

»Ich renne auf der Stelle, Herr, aber die Antwort wird eben nicht mehr zur rechten Zeit da sein, verstehen Sie.«

Und wo war jetzt die heroische Fassung, die ich so sicher zu besitzen wähnte, wenn ich an den Tod dachte? Warum versetzte mich die Vorstellung, lebendig zu verbrennen, in Fieberschauer? Als ob sich die Kehle zuschnüren zu lassen ein größeres Vergnügen wäre, als zu verbrennen! Daran dachte ich und schämte mich meiner Angst; schon wollte ich den Kerkermeister rufen, daß er mir um Gottes willen öffne, aber ich hielt mich zurück. Nichtsdestoweniger hatte ich Angst.

Da siehst du, sagte ich, wie groß dein Mut sein wird, wenn du, dem Feuer entronnen, zum Tode geführt wirst. Bezähmen wirst du dich, anderen deine Feigheit zu verbergen, aber zittern wirst du. Aber – zeigt man nicht auch Mut, wenn man sich so benimmt, als ob man kein Zittern spürte, während man es doch fühlt? Ist es nicht Seelenstärke, wenn man sich Gewalt antut, gern das hinzugeben, was man doch nur wider Willen fortgibt? Ist es kein Gehorsam, wenn man mit Widerstreben gehorcht?

Die Verwirrung im Hause des Kerkermeisters war so groß, daß man das beständige Zunehmen der Gefahr daraus abnehmen konnte. Und der Aufseher, welcher fortgerannt war, um die Erlaubnis zu holen, daß man uns aus unseren Löchern herauslassen könnte, kam nicht wieder! Endlich glaubte ich seine Stimme zu hören. Ich horchte, aber konnte seine Worte nicht unterscheiden. Ich warte; ich hoffe; vergebens! kein Mensch kommt! Ist es möglich, daß man es nicht gestattet habe, uns vor dem Feuer an einen anderen Ort in Sicherheit zu bringen? Und wenn uns kein Weg zur Rettung mehr bliebe? Wenn der Kerkermeister und seine Familie bloß sich selbst zu retten gesucht, und niemand mehr an die armen Eingefangenen dächte?

Bei alledem, fügte ich hinzu, dies ist keine Philosophie, das ist keine Religion! Würde ich nicht besser daran tun, mich auf den Augenblick vorzubereiten, wo die Flammen in mein Gemach eindringen, um mich zu verzehren?

Inzwischen ließ der Lärm nach. Allmählich hörte ich gar nichts mehr. Ist dies ein Anzeichen, daß der Brand aufgehört hat? Oder sind alle, die es noch konnten, geflohen, und es bleiben nur diejenigen zurück, welche man als Opfer einem so grausamen Tode preisgegeben hat? Die fortdauernde Stille beruhigte mich: ich erkannte daraus, daß das Feuer gelöscht sein mußte.

Ich ging zu Bette und machte mir wegen der ausgestandenen Angst, weil sie ein Zeichen meiner Feigheit gewesen, Vorwürfe; und jetzt, wo die Gefahr zu verbrennen vorüber war, tat es mir leid, nicht lieber verbrannt zu sein, als daß ich in wenigen Tagen durch Menschenhand umkommen sollte.

Am folgenden Morgen erfuhr ich durch Tremerello, welche Bewandtnis es mit dem Feuer gehabt, und lachte über seine Furcht, die er nach seinem Geständnis empfunden hatte; gerade als ob meine eigne nicht ebenso groß und noch größer wie die seine gewesen wäre.

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