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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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4.

Standhaft verharrte ich später bei diesem Entschlusse, aber daß ich ihn ernstlich erwog und ihn gewissermaßen für mich ergriff, dazu machte ich in jener ersten Nacht meiner Gefangenschaft den Anfang. Gegen Morgen hatte ich die Fassung wiedergewonnen; ich war darüber erstaunt. Ich dachte wieder an meine Eltern und die anderen Geliebten, ohne mehr an ihrer Seelenstärke zu zweifeln; die Erinnerung an ihre treffliche Gesinnung, die ich bei anderen Fällen an ihnen kennen gelernt, gewährte mir Trost.

Warum vorher diese furchtbare Aufregung in mir, da ich mit die ihrige vorstellte, und jetzt dies große Zutrauen zu der Hoheit ihres Mutes? War diese glückliche Veränderung ein Wunder? war sie eine natürliche Wirkung meines wiedererwachten Glaubens an Gott? – Was macht es aus, ob man die greifbaren erhabenen Wohltaten der Religion Wunder nennt oder nicht?

Um Mitternacht waren zwei Secondini (so heißen die Gefängniswärter, welche unter dem Kerkermeister stehen) in meine Zelle gekommen, um bei mir zu visitieren, und hatten mich in einer höchst üblen Laune gefunden. Gegen Morgen kamen sie wieder, sie fanden mich heiter und zu gemütlichem Scherze aufgelegt.

»Heute nacht, mein Herr,« sagte Tirola, »hatten Sie einen Blick wie ein Basilisk; jetzt sind Sie ganz anders, ich freue mich darüber: ein Beweis, daß Sie – entschuldigen Sie den Ausdruck – kein Spitzbube sind; denn die Spitzbuben (ich kenne das aus langer Erfahrung, und meine Beobachtungen haben einigen Wert) sind den zweiten Tag ihrer Haft erboster als den ersten. Nehmen Sie eine Prise?«

»Ich schnupfe zwar nicht, doch will ich Eure Artigkeit nicht zurückweisen. Was Eure Beobachtungen anlangt, so nehmt es nicht übel, wenn sie mir doch nicht so weise vorkommen als Ihr glaubt. Wenn ich heute früh nicht mehr so grimmig aussehe, so wäre es ja wohl möglich, daß die Veränderung ein Zeichen von törichter Gefühllosigkeit wäre, von leichtsinniger Neigung, mich zu täuschen und meine Freilassung mir nahe bevorstehend zu denken?«

»Ich würde darüber im Zweifel sein, wenn Sie, mein Herr, aus anderen Gründen im Gefängnisse wären; aber wegen dieser politischen Dinge darf man heutzutage nicht so leicht glauben, daß die so auf zwei Beinen abgemacht sind. Und Sie sind auch nicht so dumm, sich dies einzubilden. Nehmen Sie's nicht übel, Sie verstehen mich. Wollen Sie noch ein Prischen?«

»Her damit. Aber wie kann man so vergnügt aussehen, wenn man, wie Ihr, beständig unter Elenden lebt?«

»Sie werden meinen, das geschehe aus Gleichgültigkeit gegen die Leiden anderer: woher es eigentlich kommt, weiß ich wahrhaftig selber nicht so genau; aber ich kann Sie versichern, oft genug wird mir's ganz wehe ums Herz, wenn ich andere weinen sehe. Manchmal stelle ich mich bloß vergnügt, damit die armen Gefangenen doch auch fröhlich sind.«

»Da fällt mir etwas ein, mein Bester, woran ich bisher noch nicht gedacht habe: man kann das Amt eines Gefangenwärters versehen und dabei doch ein guter Kerl sein.«

»Das Geschäft tut dazu nichts, mein Herr, über das Gewölbe, das Sie da sehen, und über den Hof weg, liegt ein anderer Hof und andere Gefängnisse, alle für Weiber bestimmt. Es sind ... man kann es nicht anders sagen ... Weiber von schlechtem Lebenswandel, aber es gibt welche darunter, die, was das Herz anlangt, Engel sind. Und wenn Sie Aufseher wären ... «

»Ich?« (ich platzte vor Lachen heraus).

Tirola ward durch mein Gelächter außer Fassung gebracht und fuhr mit seiner Rede nicht fort. Wahrscheinlich meinte er, wäre ich Aufseher gewesen, würde ich dem schwerlich entgangen sein, daß ich mich in eine dieser Unglücklichen verliebte.. Er fragte nur noch, was ich zum Frühstück wünschte, entfernte sich dann und brachte mir nach wenigen Minuten den Kaffee.

Ich sah ihm fest ins Gesicht, mit einem boshaften Lächeln, welches sagen wollte: Würdest du wohl an einen anderen Unglücklichen, meinen Freund Piero, ein Billett von mir besorgen? Er dagegen antwortete mir wiederum mit einem Lächeln, das zu bedeuten schien: Nein, mein Herr, und wenn Sie sich an einen meiner Kameraden wenden, der Ihnen ja sagen sollte, so nehmen Sie sich in acht, denn er wird Sie verraten.

Ob wir uns gegenseitig richtig verstanden, dessen bin ich in der Tat nicht ganz sicher; ich weiß nur, daß ich zehnmal nahe daran war, ihn um ein Stückchen Papier und eine Bleifeder zu bitten, und doch wagte ich es nicht, weil ein gewisses Etwas in seinen Augen mir den Bescheid zu geben schien, ich solle niemandem trauen, einem anderen noch weit weniger als ihm.

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