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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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48.

Mein einziger Gedanke war, mit christlicher Ergebung und dem schuldigen Mute zu sterben. Wohl trat die Versuchung an mich heran, durch Selbstmord mich der Todesstrafe zu entziehen, allein sie wich wieder von mir. – Welches Verdienst hat man, wenn man sich zu seinem eignen Henker macht, anstatt sich von einem Scharfrichter umbringen zu lassen? Vermag man damit seine Ehre zu retten? Wenn man doch einmal sterben muß, ist es da nicht eine kindische Torheit zu glauben, es sei ehrenvoller, dem Scharfrichter einen Streich zu spielen, als den Tod durch ihn vollziehen zu lassen? – Auch wenn ich kein Christ gewesen wäre, würde mir der Selbstmord bei einigem Nachdenken als ein törichtes Vergnügen, als etwas ganz Unnützes erschienen sein.

Wenn das Ende meines Lebens gekommen ist, sagte ich wiederholt zu mir, ist es nicht ein Glück für mich, daß man mir Zeit läßt, mich zu sammeln und mein Gewissen durch gottgefällige und bußfertige Gedanken, wie sie eines Menschen würdig sind, zu reinigen? Nach dem Urteile der Menge gilt es für die schlimmste der Todesarten auf dem Schafott zu enden; wenn man aber besonnen darüber nachdenkt, ist dann diese Art zu sterben nicht besser als so viele andere, welche durch Krankheiten eintreten, in Verbindung mit großer Schwachheit des Geistes, die uns nicht mehr gestattet, die Seele von niedrigen Gedanken wieder emporzuheben?

Die Richtigkeit dieser Erwägung durchdrang meinen Geist so mächtig, daß die Angst vor dem Tode und vor jener Art des Todes gänzlich von mir wich. Ich dachte viel über die Sakramente nach, welche mich zu dem feierlichen Schritte stärken sollten, und es schien mir, als ob ich fähig wäre, sie mit einer so großen Fassung zu empfangen, um ihre Wirkung zu spüren. Die geistige Hoheit, die ich zu besitzen meinte, die friedliche Stimmung, die verzeihende Liebe gegen die, welche mich haßten, das freudige Gefühl, mein Leben nach dem Willen Gottes zum Opfer geben zu können – würde ich sie wohl bewahrt haben, wenn man mich zur Hinrichtung geführt hätte? Ach, daß der Mensch so voller Widersprüche ist, und daß er gerade dann, wenn er sich am gefaßtesten und heiligsten wähnt, in einem Nu in Schwachheit und Schuld verfallen kann! Ob ich damals würdig gestorben wäre, weiß Gott allein. So sicher fühle ich mich doch nicht, es fest behaupten zu können.

Da mein Tod mutmaßlich so nahe bevorstand, so verweilte meine Phantasie dergestalt bei dieser Vorstellung, daß ich nicht bloß an die Möglichkeit sterben zu müssen dachte, sondern auch ein untrügliches Vorgefühl schien mir darauf hinzudeuten. Keine Hoffnung, diesem Geschick zu entgehen, drang mehr in mein Herz, und bei jedem Geräusch von Fußtritten oder von Schlüsseln, so oft sich die Tür öffnete, sagte ich mir: Mut! vielleicht kommen sie, um mich zum Anhören des Urteilsspruchs abzuholen. Wir wollen ihn mit würdevoller Ruhe anhören und den Herrn preisen.

Ich überlegte, was ich zum letztenmal an meine Familie, namentlich an meinen Vater, an die Mutter, an jeden der Brüder, an jede der Schwestern schreiben sollte; und indem ich bei mir erwog, mit welchen Ausdrücken ich so tiefe und so heilige Empfindungen meiner Liebe ihnen zu erkennen geben sollte, ergriff mich eine innige und sanfte Rührung, ich weinte, und diese Tränen schwächten meinen ergebenen Willen nicht ab.

Es hätte wunderbar zugehen müssen, wenn die Schlaflosigkeit jetzt nicht wiederkehrte! Aber wie war sie von der früheren verschieden! Ich vernahm keine Seufzer, kein Gelächter im Zimmer; ich phantasierte nicht von Gespenstern oder von versteckten Menschen. Die Nacht war mir köstlicher als der Tag, weil ich mich dann mehr in das Gebet vertiefte. Gegen vier Uhr legte ich mich gewöhnlich zu Bette und schlief etwa zwei Stunden recht sanft. Nachdem ich aufgewacht, blieb ich noch lange liegen, um auszuruhen. Gegen elf Uhr stand ich alsdann auf.

Einmal hatte ich mich in der Nacht früher als gewöhnlich niedergelegt und hatte kaum eine Viertelstunde geschlafen, da erwachte ich und sah einen ungemein hellen Schein mir gegenüber an der Wand. Schon fürchtete ich wieder in meinen früheren Irrsinn zurückgefallen zu sein; aber das, was ich sah, war keine Täuschung. Das Licht fiel durch das Fensterchen nach Westen herein, unter dem mein Bett stand.

Ich springe auf, ergreife den Tisch, setze ihn aufs Bett, stelle einen Stuhl darauf, steige hinauf – und sehe eins der schönsten und schrecklichsten Schauspiele, das ich mir denken konnte, eine Feuersbrunst.

Es war ein furchtbarer Brand, in der Entfernung eines Büchsenschusses von unseren Kerkern. Er kam in dem Gebäude aus, wo die öffentlichen Backöfen sind, und verzehrte dasselbe.

Die Nacht war pechschwarz, um so greller stachen diese furchtbaren Flammen- und Rauchsäulen, welche der rasende Wind hin und her jagte, von der Finsternis ab. Nach allen Seiten hin flogen Funken, es war, als ob sie vom Himmel regneten. Die Glut des Feuers ward von der benachbarten Lagune zurückgestrahlt. Eine große Anzahl von Gondeln fuhr hin und her. Ich stellte mir die Angst und die Gefahr derer vor, welche in dem brennenden Hause und in dessen Nachbarschaft wohnten, und schenkte ihnen alles Mitleid. In der Ferne vernahm ich Stimmen von Männern und Weibern, die einander riefen: Tognina! Momolo! Beppo! Zanze! – Auch der Name Zanze tönte in mein Ohr! Es gibt deren zu Tausenden in Venedig; und doch fürchtete ich, es könnte die eine sein, deren Andenken mir so lieb war! Sollte diese Unglückliche wirklich dort sein? und vielleicht von Flammen umringt? Ach könnte ich mich aufmachen und sie befreien!

Mit klopfendem Herzen, voll Schauder und von Bewunderung erfüllt, stand ich bis zur Morgenröte an dem Fenster; dann stieg ich hinunter, zum Tode betrübt, indem ich mir den Schaden weit größer vorstellte, als er in Wirklichkeit war. Tremerello erzählte mir, es seien nur die Öfen und die anstoßenden Magazine abgebrannt, dazu eine große Menge von Säcken mit Mehl.

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