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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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46.

Einmal war ich kurz vor Tagesanbruch zu Bette gegangen und meinte mit der größten Bestimmtheit zu wissen, daß ich beim Schlafengehen mein Taschentuch unter das Kopfkissen gelegt hatte. Nach einem kurzen Schlummer erwachte ich, wie gewöhnlich, und mir war es, als ob man mich erwürgen wollte. Ich fühle, daß mein Hals fest zugeschnürt ist! Sonderbar! Das Taschentuch war darum gewickelt und mit mehreren Knoten festgebunden. Ich hätte darauf schwören können, diese Knoten nicht gemacht, mein Taschentuch nicht angerührt zu haben, seit ich es unter das Kopfkissen gelegt. Es mußte dies im Traume oder im Fieberwahne von mir vorgenommen sein, ohne daß ich irgendeine Erinnerung davon behalten; aber das konnte ich nicht glauben, und von da an fürchtete ich jede Nacht erwürgt zu werden.

Ich begreife, wie lächerlich solche Einbildungen anderen sein mögen; mir aber, der ich sie erfuhr, bekamen sie so schlecht, daß ich noch jetzt mit Schauder daran denke.

Jeden Morgen verschwanden sie, und solange das Tageslicht währte, fühlte ich meinen Geist so gegen diese Schrecken gestärkt, daß es mir unmöglich schien, von ihnen je wieder zu leiden zu haben. Aber sobald die Sonne sich neigte, fingen die Fieberschauer wieder an, und jede Nacht brachte mir die furchtbaren Qualen der verflossenen wieder.

Je größer meine Schwäche während der Dunkelheit war, um so mehr Anstrengungen machte ich am Tage, um in den Gesprächen mit meinen Gefährten, mit den beiden Knaben in dem Palaste des Patriarchen und mit den Gefängniswärtern heiter zu erscheinen. Keiner, der mich so scherzen hörte, hätte sich von der traurigen Schwäche, an der ich litt, eine Vorstellung machen können. Durch diese Anstrengungen hoffte ich wieder Kräfte zu gewinnen, und sie nützten mir zu gar nichts. Diese nächtlichen Erscheinungen, die ich bei Tage Albernheiten nannte, wurden jeden Abend schreckliche Wirklichkeit für mich.

Hätte ich den Mut gehabt, so würde ich die Kommission gebeten haben, mir eine andere Zelle anzuweisen, aber ich konnte mich nicht dazu entschließen, weil ich ausgelacht zu werden fürchtete. Da alle Überlegungen, alle Vorsätze, jede Beschäftigung, alle Gebete nutzlos waren, so bemeisterte sich meiner der schreckliche Gedanke, gänzlich und auf immer von Gott verlassen zu sein.

Alle jene boshaften Sophismen gegen die Vorsehung, die mir bei gesundem Zustande meiner Vernunft vor wenigen Wochen so töricht erschienen, schwirrten mir jetzt auf eine abscheuliche Weise durch den Kopf und schienen mir beachtenswert. Gegen diese Versuchung kämpfte ich mehrere Tage lang an, dann gab ich mich ihr hin.

Die Trefflichkeit der Religion ward mir unverständlich; ich führte Reden, wie ich sie von eifrigen Gottesleugnern gehört hatte, und wie sie mir jüngst Giuliano geschrieben: – die Religion taugt zu nichts weiter als die Geisteskräfte zu schwächen. – Ich war so anmaßend zu glauben, wenn ich Gott entsagte, würde mein Geist sich wieder kräftigen. Eine wahnwitzige Voraussetzung! Ich leugnete Gott und konnte die unsichtbaren bösen Geister nicht leugnen, die mich zu umgeben und an meinen Schmerzen sich zu werden schienen.

Wie soll ich diese Qual beschreiben? Genügt es zu sagen, daß sie eine Krankheit war? oder war sie zugleich eine göttliche Züchtigung, um meinen Stolz niederzubeugen und mich erkennen zu lehren, daß ich ohne eine besondere Erleuchtung ebenso ungläubig wie Giuliano und noch weit unsinniger als er werden konnte?

Wie dem auch sein mag, Gott erlöste mich von diesem Übel, da ich es am wenigsten erwartete.

Eines Morgens, nachdem ich den Kaffee getrunken, stellte sich heftiges Erbrechen und Kolik ein. Ich glaubte, man habe mich vergiftet. Nach der Erschöpfung durch das Erbrechen war ich völlig in Schweiß geraten und blieb im Bette liegen. Gegen Mittag schlief ich ein und genoß einen ruhigen Schlaf bis zum Abend.

Ich erwachte, voll Staunen über eine so lange Ruhe, und da ich nicht mehr müde zu sein glaubte, stand ich auf. – Als ich aufgestanden, sagte ich zu mir, jetzt werde ich gegen die gewohnten Schreckbilder stärker sein.

Aber diese erschienen nicht. Ich jubelte, im Drange meiner Dankbarkeit kehrte mir das Bewußtsein von Gott wieder, ich kniete nieder, ihm zu danken und ihn um Verzeihung zu bitten, daß ich ihn mehrere Tage verleugnet hatte. Dieser freudige Erguß erschöpfte meine Kräfte, ich blieb einige Zeit auf den Knien liegen, wobei ich mich auf den Stuhl stützte, ward wieder vom Schlaf ergriffen und schlief in dieser Stellung wirklich ein.

Hieraus erwachte ich, nicht weiß ich, ob nach einer oder nach mehreren Stunden, hatte kaum Zeit, mich angekleidet aufs Bett zu werfen, und schlief wieder bis zum Aufgang der Sonne. Noch den ganzen Tag war ich schlafsüchtig, den Abend legte ich mich zeitig nieder und schlief die ganze Nacht. Welche Krisis war mit mir vorgegangen? Ich weiß es nicht, aber ich war geheilt.

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