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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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45.

Ein solcher Zustand war eine wahre Krankheit; ich weiß nicht, ob ich sagen darf, eine Art von Somnambulismus. Es war ohne Zweifel die Folge einer großen Abspannung, welche durch angestrengtes Denken und allzu langes Wachen herbeigeführt war.

Es ging noch weiter. Die Nächte wurden für mich fortan schlaflos, und meist fieberte ich. Vergebens hörte ich auf, abends Kaffee zu trinken; die Schlaflosigkeit blieb dieselbe.

Mir kam es vor, als ob zwei Menschen in mir steckten, einer, der immer nur Briefe schreiben, und ein anderer, der immer etwas anderes tun wollte. Wohlan, sagte ich, schließen wir einen Vergleich, schreibe doch Briefe, aber schreibe sie deutsch; so werde ich diese Sprache erlernen.

Von da ab schrieb ich alles in einem schlechten Deutsch. Auf diese Weise machte ich wenigstens einige Fortschritte in der Kenntnis dieser Sprache.

Des Morgens, nach langem Wachen, verfiel das ermattete Gehirn in eine Art von Schlaf. Dann träumte oder phantasierte ich vielmehr, ich sähe meinen Vater, meine Mutter oder einen anderen meiner teuren Angehörigen über mein Geschick in Verzweiflung geraten. Ich hörte die kläglichsten Seufzer von ihnen, und bald darauf erwachte ich schluchzend und voll Angst.

Bisweilen glaubte ich in diesen ganz kurzen Träumen zu hören, wie meine Mutter die übrigen tröstete, dabei war es mir, als träte sie mit ihnen in mein Gefängnis und richtete die frömmsten Worte über die Pflicht der Ergebung an mich; und wenn ich dann über ihren Mut und den der anderen erfreut war, brach sie plötzlich in Tränen aus und alle weinten. Niemand kann sich vorstellen, welche furchtbaren Qualen meine Seele damals litt.

Um solchem Jammer zu entgehen, versuchte ich es, mich gar nicht mehr ins Bett zu legen. Ich ließ das Licht die ganze Nacht brennen und blieb mit Lesen oder Schreiben am Tische beschäftigt. Aber was geschah? Es kam der Augenblick, wo ich in völlig wachem Zustande las, ohne nur das mindeste zu verstehen, und wo mein Kopf durchaus nicht mehr imstande war, einen Gedanken zu erfassen. Dann schrieb ich etwas ab, dachte dabei aber an ganz andere Dinge als diejenigen, welche ich schrieb, meine Gedanken waren immer nur mit meinem Elende beschäftigt.

Aber wenn ich zu Bette ging, war es weit schlimmer. Keine Stellung im Liegen war mir erträglich: krampfhaft zuckend warf ich mich umher und mußte wieder aufstehen. Oder wenn ich ein wenig schlief, dann waren diese verzweiflungsvollen Träume schlimmer als das Wachen.

Meine Gebete waren trocken, und doch wiederholte ich sie oft; nicht viele Worte machte ich dabei, sondern rief nur Gott an! Gott, der mit den Menschen sich vereinte und der selbst die menschlichen Schmerzen gelitten hat!

In diesen schrecklichen Nächten ward meine Einbildungskraft manchmal so in Aufregung gebracht, daß es mir, obwohl ich ganz wach war, vorkam, als hörte ich bald Seufzer, bald unterdrücktes Lachen in meinem Kerker. In meiner Kindheit hatte ich nie an Hexen und Kobolde geglaubt, und jetzt ward ich durch dies Gelächter und diese Seufzer in Schrecken gesetzt, ohne daß ich mir erklären konnte, wie dies zuging, und fast war ich genötigt anzunehmen, daß unbekannte boshafte Mächte ihren Spott mit mir trieben.

Mehrmals ergriff ich zitternd das Licht und sah nach, ob etwa jemand unter dem Tische säße, der mich neckte. Andere Male wieder stieg der Gedanke in mir auf, daß man mich aus dem ersten Gefängnisse weggeführt und hierher gebracht habe, weil hier eine Falltür oder eine geheime Öffnung in den Wänden wäre, durch welche meine Peiniger alles, was ich tat, erspähen und sich grausam belustigen wollten, indem sie mich erschreckten.

Wenn ich am Tische saß, da war es mir bald, als zöge mich jemand am Rocke, oder es sei meinem Buche, welches zu Boden fiel, ein Stoß gegeben, oder als bliese hinter mir jemand ins Licht, um es auszulöschen. Dann sprang ich auf, sah um mich, ging voll Mißtrauen auf und ab, und fragte mich selbst, ob ich verrückt oder bei Sinnen wäre. Ich wußte nicht mehr, ob etwas von dem, was ich sah oder hörte, Wirklichkeit oder Täuschung war, und rief in meiner Angst aus: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

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