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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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40.

Dies alles nahm ich geduldig hin, damit man mich nicht einen Frömmler oder einen intoleranten Menschen schelten könne, und weil ich die Hoffnung nicht aufgab, dies Fieber von Liebestorheiten werde vorübergehen und dann eine Periode ernsten Nachdenkens eintreten. Indes hielt ich doch mit meiner Mißbilligung über sein unehrerbietiges Betragen gegen Frauen, über seine lästerliche Art, die Liebe zu behandeln, nicht zurück, und bemitleidete die Unglücklichen, die, wie er mir gesagt, seine Opfer geworden.

Er tat so, als glaube er wenig an die Aufrichtigkeit meiner Mißbilligung, und wiederholte: »Wie sehr Sie auch gegen die Unsittlichkeit schimpfen, so bin ich dessen gewiß, daß Sie sich mit meinen Erzählungen die Zeit angenehm vertreiben: – alle Menschen lieben, wie ich, das Vergnügen, aber nicht alle besitzen die Freimütigkeit, unverhüllt davon zu sprechen: so viel will ich Ihnen erzählen, daß Sie ganz entzückt werden sollen und in Ihrem Gewissen sich verpflichtet fühlen werden, mir Beifall zu geben!«

Von Woche aber zu Woche fuhr er mit diesen Schändlichkeiten fort und ich (da ich in jedem neuen Briefe beständig einen anderen Gegenstand zu finden hoffte, und weil ich mich von der Neugierde verlocken ließ) las alles, so daß mein Gemüt zwar nicht verführt, aber doch verwirrt und von edlen und heiligen Gedanken abgezogen ward. Der Verkehr mit herabgekommenen Menschen läßt uns selbst tiefer sinken, wofern man nicht eine weit stärkere Tugend als die gewöhnliche, eine weit stärkere als die meinige, besitzt.

Siehst du, das ist die Strafe, sagte ich zu mir, für deine Anmaßung! Siehst du, das kommt dabei heraus, wenn man den Missionar spielen will, ohne die heilige Gesinnung für einen solchen Beruf zu besitzen!

Eines Tages entschloß ich mich, folgende Worte an ihn zu schreiben: »Bisher habe ich mir alle Mühe gegeben, Sie auf andere Gegenstände hinzulenken, und Sie schicken mir stets Geschichten zu lesen, die, wie ich Ihnen aufrichtig sagte, mir nur Mißfallen erregen. Wenn es Ihnen angenehm ist, daß wir uns von würdigeren Gegenständen unterhalten, so lassen Sie uns den Briefwechsel fortsetzen, wo nicht, so wollen wir uns die Hand schütteln und ein jeder bleibe für sich.

Zwei Tage blieb ich ohne Antwort und war anfangs ganz froh darüber. – O gesegnete Einsamkeit! rief ich aus, wieviel weniger bist du bitter, als eine Unterhaltung, die uns nicht zusagt und uns entwürdigt! Anstatt mich mit dem Lesen schamloser Dinge zu quälen, statt mich vergeblich abzumühen, ihnen den Ausdruck von Gesinnung entgegenzustellen, welche der Menschheit zur Ehre gereichen, will ich mich wiederum mit Gott, mit meinen teuren Erinnerungen an meine Familie und an meine wahren Freunde unterhalten. Wieder will ich fleißiger in der Bibel lesen, meine Gedanken auf dem Tische niederschreiben, wobei ich das Innere meines Herzens erforsche und mich bestrebe, es zu bessern, schmecken will ich wieder die Süßigkeiten meiner unschuldigen Schwermut, die heiteren, aber unedlen Gebilden der Phantasie tausendmal vorzuziehen sind.

So oft Tremerello in mein Gefängnis trat, sagte er: »Ich habe noch keine Antwort.«

»Es ist gut,« versetzte ich.

Den dritten Tag sagte er mir: »Herr N. N. ist etwas leidend.«

»Was fehlt ihm?«

»Er sagt es nicht, aber er liegt immer auf dem Bette, ißt und trinkt nicht und ist übler Laune.«

Bei dem Gedanken, daß er litte und niemand hätte, der ihn tröstete, ward ich gerührt.

Meinen Lippen oder vielmehr meinem Herzen entflohen die Worte: »Zwei Zeilen will ich ihm schreiben.«

»Heute abend werde ich sie besorgen,« entgegnete Tremerello und entfernte sich.

Da ich mich an den Tisch setzte, war ich einigermaßen in Verlegenheit. – Tue ich recht daran, den Briefwechsel wieder aufzunehmen? Segnete ich nicht noch eben die Einsamkeit wie einen Schatz, den ich wieder gewonnen? Wie groß ist doch meine Unbeständigkeit! – Aber dieser Unglückliche ißt und trinkt nicht; ganz gewiß ist er krank. Ist das der rechte Augenblick, ihn zu verlassen? Mein letztes Schreiben war hart: es wird dazu beigetragen haben, ihn betrübt zu stimmen. Trotz der Verschiedenheit unserer Ansichten würde er vielleicht unsere Freundschaft niemals aufgehoben haben. Mein Billett wird ihm viel schroffer vorgekommen sein, als es in Wirklichkeit war; er wird es als einen unabänderlichen, verächtlichen Abschied aufgefaßt haben.

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