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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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3.

Die erste Nacht in einem Gefängnisse aus dem Schlafe aufzuwachen ist etwas Furchtbares! – Ist es möglich (sagte ich, indem ich mich erinnerte, wo ich mich befände), ist's möglich! Ich hier? Ist dies wirklich nicht bloß ein Traum? Gestern also verhafteten sie mich? Gestern stellten sie das lange Verhör mit mir an, das man morgen und, wer weiß, wie lange noch, fortsetzen wird? Gestern abend vor dem Einschlafen weinte ich so heftig, da ich an meine Eltern dachte.

Die Ruhe, die vollkommne Stille, der kurze Schlaf, der meine geistigen Kräfte gestärkt hatte, schienen die Gewalt des Schmerzes in mir hundertfach gesteigert zu haben. Während hier jegliche Zerstreuung für die Gedanken fehlte, stellte sich der Kummer meiner teuren Angehörigen und vor allem die Betrübnis meines Vaters und meiner Mutter, wenn sie meine Verhaftung erfahren würden, in meiner Phantasie mit einer fast unglaublichen Heftigkeit dar.

In diesem Augenblicke, sagte ich, liegen sie noch ruhig im Schlafe oder wachen vielleicht, voll Liebe meiner gedenkend, ohne die geringste Ahnung davon, an welchem Orte ich mich befinde! Wie glücklich wären sie, wenn Gott sie aus der Welt hinwegnähme, ehe noch die Nachricht von meinem Mißgeschicke nach Turin gelangte! Wer wird ihnen Kraft geben, diesen schweren Schlag auszuhalten?

Eine innre Stimme schien mir zu antworten: Er, den alle Bekümmerten anflehen, lieben und in sich selbst empfinden! Er, der einer Mutter die Kraft gab, ihrem Sohne nach Golgatha zu folgen und unter seinem Kreuze zu stehen! Der Freund der Elenden, der Freund aller Sterblichen!

Dies war der erste Augenblick, wo die Religion in meinem Herzen triumphierte; der kindlichen Liebe verdanke ich diese Wohltat.

In der früheren Zeit hatte ich, ohne der Religion abgeneigt zu sein, mich nur wenig oder gar nicht nach ihr gerichtet. Die gewöhnlichen Einwände, mit denen man sie zu bestreiten pflegt, schienen mir zwar kein großes Gewicht zu haben, dennoch aber schwächten tausend sophistische Zweifel meinen Glauben. Schon seit lange betrafen diese Zweifel nicht mehr die Existenz Gottes; ich wiederholte mir, wenn es einen Gott gibt, dann muß eine notwendige Konsequenz seiner Gerechtigkeit sein, daß es für den Menschen, der in einer so ungerechten Welt gelitten hat, ein künftiges Leben gibt: daher ist es völlig gerechtfertigt, den Gütern dieses zweiten Lebens nachzutrachten; daher ein Kultus der Liebe gegen Gott und den Nächsten, ein beständiges Streben durch edle Aufopferung sich Verdienste zu erwerben. Schon seit lange hielt ich mir dies alles wiederholt vor und fügte hinzu: Was anderes ist das Christentum, als dies beständige Streben edler zu werden? – Da das Wesen des Christentums sich stets so rein, so philosophisch, so unangreifbar erwiesen, so wunderte ich mich, daß doch eine Zeit gekommen sei, in der die Philosophie mit dem Anspruch auftreten durfte: Von jetzt ab will ich an ihre Stelle treten! – Und in welcher Weiße willst du an ihre Stelle treten? Indem du das Laster lehrst? Gewiß nicht. Indem du die Tugend lehrst? Freilich, aber diese wird Liebe zu Gott und dem Nächsten sein; gerade dasselbe wird sie sein, was das Christentum lehrt.

Ungeachtet dessen, daß ich seit mehreren Jahren so dachte, unterließ ich es doch zu schließen: sei also konsequent! sei ein Christ! Nimm kein Ärgernis mehr an den Mißbräuchen! werde nicht böse über irgendeinen schwierigen Punkt in dem Dogma der Kirche, da ja der wichtigste und der klarste Punkt dieser ist: liebe Gott und den Nächsten.

Im Gefängnis entschied ich mich endlich, einen solchen Schluß zu ziehen, und ich zog ihn. Doch schwankte ich etwas bei dem Gedanken, wenn mancher erführe, ich sei frömmer als früher, so möchte er sich für berechtigt halten, mich für einen Heuchler oder für gedemütigt durch das Mißgeschick anzusehen. Aber in dem Bewußtsein, weder heuchlerisch noch gedemütigt zu sein, kam ich zu dem freudigen Vorsatze, mich um jeden möglichen unverdienten Tadel nicht im geringsten zu kümmern, und nahm mir fest vor, von jetzt an ein Christ zu sein und mich offen dafür zu erklären.

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